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Full text of "Das Glas im Altertume"

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HIERSEMANNS HANDBÜCHER BAND III 



DAS GLAS 

IM ALTERTUME 







VON ANTON KISA 



LEIPZIG, KARL W. HIERSEMANN 



HIERSEMANNS HANDBÜCHER 



BAND III 



HIERSEMANNS HANDBÜCHER 



BAND III 



ANTON KISA 
DAS GLAS IM ALTERTUME 

UNTER MITWIRKUNG VON 
ERNST BASSERMANN-JORDAN 



MIT EINEM BEITRAG ÜBER FUNDE ANTIKER GLÄSER 
:: IN SKANDINAVIEN VON OSKAR ALMGREN :: 

ILLUSTRIERT DURCH 19 TAFELN 

6 IN FARBENDRUCK, 6 IN AUTOTYPIE, 7 FORMENTAFELN 

UND 395 ABBILDUNGEN IM TEXTE 



IN 3 TEILEN 




LEIPZIG 

VERLAG VON KARL W. HIERSEMANN 

1908 



HIERSEMANNS HANDBÜCHER - BAND 



Das Glas im Altertume 



von ANTON KISA 



ERSTER TEIL 



MIT 1 FARBENDRUCKTAFEL 
UND 153 ABBILDUNGEN IM TEXTE 






LEIPZIG 
VERLAG VON KARL W. HIERSEMANN 

1908 



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Vorwort. 



Nach mehreren vorbereitenden Arbeiten, wie die Katalogi- 
sierung der bedeutendsten Privatsammlung' antiker Gläser Deutsch- 
lands, jener der Frau Maria vom Rath in Köln und die Einzel- 
publikationen über die rheinische Glasindustrie, die Funde der 
Luxemburger »Straße in Köln, die sogenannten Vasa diatreta, die 
rätselhaften Murrinen, die Schlangengläser und die Erfindung des 
Glasblasens übergebe ich hiermit diese zusammenfassende Dar- 
stellung der antiken Glasindustrie der Öffentlichkeit. 

Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Studien. Als ich vor nun- 
mehr achtzehn Jahren mit der Ordnung und Inventarisierung der 
römischen Lokalaltertümer des Museums Wallraf-Richartz in Köln 
betraut wurde, fühlte ich mich als alter Kunstgewerbler vor allem für 
die Glasarbeiten interessiert, die aus den Kölnischen Nekropolen 
in so unvergleichlicher Fülle und Schönheit ans Tageslicht treten. 
Durch eine systematische Ausgrabungstätigkeit und durch glück- 
liche Ankäufe gelang es, in wenigen Jahren die bisher ziemlich 
stiefmütterlich behandelte Abteilung ungewöhnlich zu bereichern 
und insbesondere die Gläsersammlung zur größten und erlesensten 
der Rheinlande, wenn nicht zur hervorragendsten diesseits der 
Alpen überhaupt auszugestalten. Bei der Katalogisierung drängte 
sich mir die Erkenntnis auf, daß die wissenschaftliche Forschung 
auf diesem Gebiete mit der Ausgrabungstätigkeit nicht gleichen 
Schritt gehalten habe. Freilich besitzen wir eine Anzahl vor- 
trefflicher Bearbeitungen des umfangreichen Stoffes; in erster 
Linie ist die Marquardts zu nennen, welche in bezug auf die 
Verwertung der antiken Schriftquellen mustergültig ist, dann die 
prächtige Publikation Froehners, die in ihrem geschichtlichen 



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VI 



Teile ebenso gediegen, wie formvollendet ist. in technischen 
Fragen sich jedoch manche Blößen gibt. Beide Werke leiden, 
wie alle anderen Darstellungen daran, daß in ihnen einerseits 
die Anfänge der Glasmacherei in der ägyptischen Heimat, 
andererseits deren Fortentwickelung zur Fabrikation in den West- 
provinzen noch nicht die gebührende Würdigung finden konnten. 
Inzwischen haben namentlich die Funde von Flinders Petrie über 
jene neues Licht verbreitet und die rührige Lokalforschung in 
Rheinland, Belgien und Frankreich gezeigt, daß sich die gallischen 
Hütten vom IL Jahrhundert ab zu gleichwertigen Wettbewerbern 
der alexandrinischen aufgeschwungen hatten. 

So hat sich das Gesamtbild der antiken Glasmacherei ver- 
schoben. Meine Darstellung- sucht diesem Umstände Rechnung 
zu tragen und vor allem die seit der Erfindung des Glasblasens 
begründete Vorherrschaft des farblos-durchsichtigen Glases mit 
allen Folgen festzustellen. Von den früheren Bearbeitern, welche 
zumeist vom antiquarischen Standpunkte ausgingen, unterscheide 
ich mich auch dadurch, daß ich die Glasmacherei der Antike als 
einen Teil der allgemeinen Geschichte der Kunst bezw. des 
Kunstgewerbes betrachte und deslmlb lieber auf eine Schilderung 
der künstlerischen und technischen Errungenschaften, als auf 
epigraphische Beutezüge ausgehe. Stempel und Inschriften, die 
Sammler und Deuter in I lulle und Fülle gefunden haben, werden 
nur soweit berücksichtigt, als es das Streben nach möglichster 
Vollständigkeit in der Aufzählung aller Merkmale wünschenswert 
erscheinen ließ. 

Bei meinen Studien, namentlich auch bei meinen Reisen, 
habe ich manche freundliche Anregung und liebenswürdige 
Unterstützung - durch Museumsvorstände, Privatsammler und Fach- 
genossen erfahren. Ich fühle mich ihnen dafür zu herzlichem 
Danke verpflichtet; insbesondere meinem leider allzufrühe von 
uns geschiedenen Freunde Professor Alois Riegl in Wien, der 
bis kurz vor seinem Tode an den Fortschritten meiner Arbeit 
lebhaften Anteil nahm, den Herren Dr. Bassermann-Jordan in 
München, Regierungsrat Folnesics in Wien, Direktor Maßner 



VII 

in Breslau, Prof. Wiedemann in Bonn und Prof. Freiherrn 
von Bissing' in München. Wenn meine Darstellung des Anteiles 
Ägyptens an der Fntwickelung unseres Kunstgebietes gegen 
frühere den Anspruch auf möglichste Vollständigkeit und Korrekt- 
heit erheben darf, so ist dies zum großen Teile der selbstlosen 
und mühereichen Mitwirkung der beiden letztgenannten Gelehrten 
zuzuschreiben; sie hatten sogar die Güte die Korrekturen 
des ägyptischen Abschnittes zu lesen. Bei der Bearbeitung 
der nordischen Funde ging - mir Herr Konservator Dr. Oskar 
Almgren vom »Staatsmuseum in Christiania durch dankens- 
werte Hinweise auf die lokale Literatur an die Hand und über- 
nahm es, jene in einem besonderen Kapitel des Werkes 
zusammenzustellen. Wie den genannten Forschern fühle ich 
mich auch dem Verleger, Herrn Karl W. Hiersein ann 
gegenüber verpflichtet, welcher meinen Vorschlägen bezüglich 
der Ausstattung* mit vollem Verständnisse und großer Opfer- 
willigkeit entgegenkam. Die Tafeln und Textbilder wurden, 
soweit sie nicht photographische Aufnahmen wiedergeben oder 
anderen Werken entnommen sind, nach meinen Aquarellen und 
Zeichnungen hergestellt. 

Godesberg-, im Dezember 1906. 



Anton Kisa. 



Maffia 



Vorwort des Verlegers. 



Mit dem vorliegenden Werke veröffentlicht der unter- 
zeichnete Verlag- die Lebensarbeit des Museumsdirektors a. T)., 
Herrn Dr. Anton Kisa. Der hochverdiente Gelehrte, der in 
Fachkreisen mit Recht als hervorragender Spezialist, ja geradezu 
als Autorität für antikes Glas galt, hat dem Thema lange Jahre 
seiner Tätigkeit gewidmet, aus der ihn im vorigen Herbste der 
Tod hinwegnahm, als er eben die letzte Hand anlegen und das 
Schlußkapitel beenden wollte. Der weitaus größte Teil des 
Werkes war bereits gedruckt, als die Katastrophe eintrat, die 
Schlußbogen bis auf Abschnitt XII bereits abgesetzt und von 
ihm korrigiert. 

Herr Dr. Ernst Basser mann- Jordan in München, durch 
verwandte Arbeiten und Interessen mit dem Verstorbenen seit 
langem verbunden, hat sich in liebenswürdigster Weise bereit 
gefunden, die Erledigung der letzten Revisionsbogen, die Durch- 
sicht, Zusammenstellung und Ergänzung des hinterlassenen Manu- 
skriptes zum letzten Abschnitt XII „Stempel und Inschriften auf 
antiken Gläsern" zu übernehmen. Außerdem hat der genannte 
Gelehrte, dem ich auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten 
Dank ausspreche, sich der mühsamen und zeitraubenden Aus- 
arbeitung des Registers unterzogen. So ist es, wenn auch mit 
einiger Verzögerung, dank der freundlichen und wertvollen Hilfe 
Dr. Bassermann -Jordans doch möglich geworden, das Lebens- 
werk Kisas, das auf lange Zeit hinaus als die wichtigste und 
umfassendste Veröffentlichung' über dieses Gebiet wird gelten 
müssen, in abgeschlossener Form herauszugeben. 



Leipzig, i. Mai 1908. 



Karl W. Hiersemann. 



! 



Inhaltsübersicht. 






Vorwort. 

I. TEIL. Seite 

Abschnitt I. Die Herstellung des Glases . 3 — 30 

Abschnitt IL Die (Ilasarbeit in Ägypten und 

im alten Oriente 33 — 106 

Ägypten 33—89 

Phönizien 90 — 96 

Syrien und Judäa ' 96 — 100 

Mesopotamien 10 1 — 105 

Indien 105 — 106 

Abschnitt HL Der antike Glasschmuck und 

seine Verbreitung. Das Email 109 — 160 

Abschnitt IV. Die Verpflanzung der Industrie 
nach Griechenland, Rom u n d 

den Provinzen 163 — 255 

Griechenland 163 — 186 

Oberitalien 187 

Etrurien 187 

Urabrien, Latium, Picenum, Cam- 

panien 188 

Apulien; Sizilien, Sardinien . 189 

Spanien 189 — 190 

Gallien 190 — 204 

Britannien 205 — 210 

Skandinavien 210 — 211 

Dänemark 211 — 212 

Schweden 212 

Norwegen 213 

Germanien 213 — 255 

Abschnitt V. Farbiges und farbloses Glas. 

Die Erfindung der Glaspfeife 259 — 307 



X 



II. TEIL. 

Abschnitt VI. Die Verwendung des Glases in 

der Antike und die gebräuch- 
lichsten Gläserformen 

Altersbestimmungen .... 

Abschnitt VII. Die Fadengläser 

Die Alabastra und verwandte 

Arbeiten 

Die Petinet- und Filigrangläser . 

Die Fadenauflage 

Die Schlangenfadengläser 

Die Barbotine auf Glas 

Die Nuppengläser 

Abschnitt VIII. Vasa Murrina und Vasa Diatreta 

Die Mosaikgläser 

Die Überfanggläser 

Das Opus interrasile in Glas 
Gravierte und geschliffene Gläser 

III. TEIL. 

Abschnitt IX. Die geformten Gläser . 

Die Reliefgläser von Sidon und 

Verwandtes 

Campanische Reliefgläser 
Die gallischen Zirkusbecher . 
Gefäße in Naturformen 

Abschnitt X. Bemalte und vergoldete Glaset 

Die Goldgläser 

Rheinische Goldemailgläser . 

Gläserne Meßkelche 

Spätere Goldgläser .... 

Abschnitt XL Die Funde antiker Gläser in 
Skandinavien 

Abschnitt XII. Stempel und Inschriften auf 
antiken Gläsern 

Regriste r 



Seite 

311—397 
376—397 

401 — 497 

401 — 419 

419 — 424 

425 — 444 
444 — 472 
472 — 479 
479—497 
501 — 692 
-01—569 
569—591 
591 — 630 
63 1 — 692 

605 — 804 

6 95 — 722 
722 — 725 
726 — 750 
751 — 804 

807 — 900 
834—867 

867 — 888 
SSS— 894 
895— 8 99 

903 — 920 

923 ff- 
969 



Verzeichnis der Tafeln. 

In Farbendruck. 

Seite 

Tafel I. Altägyptisches Buntglas und Verwandtes. 

(Bonn, Slg. Wiedemann) 65 

Tafel II. Biüsamarien. (Köln, Slg. vom Rath) .... 405 

Tafel III. Fadenbandgläser. Aus dem Schatze von Castel 

Trosino. (Rom, Thermen-Museum) . . .421 

Tafel IV. Fadengläser. (Köln, Slgg. Nießen, vom Rath 

und Mus. Wallraf-Richartz) 437 

Tafel V u. VI. Schlangenfadengläser. Aus Kölner Grab- 
funden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 453 u. 469 

In Schwarzdruck. 

Tafel VII. Die Portlandvase. (London, Britisches Museum) 565 
Tafel VIII u. IX. Amphora in Uberfangtechnik. Aus 

Pompeji. (Neapel, Museum) 581 

Tafel X. Kopfglas. (Köln, Slg. Nießen) 613 

Rifel XL Oenochoe' mit Vogelfedermuster. Aus Haus- 
weiler. (Bonn, Provinzialmuseum). . . . 645 
Tafel XII. Rüsselbecher. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) . 661 
Formentafeln A bis G Teil III am Schluß. 



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Verzeichnis der Textbilder. 

Seite 

i. Grabrelief von Beni Hasan 3 

2. Vase Tutmosis' III. (London, Britisches Museum) 5 

3. Vase Tutmosis' III. (München, Antiquarium) 7 

4. Baisamarium. Ägyptisch, um 1500 v. Chr 9 

5. Amphoriske. Ägyptisch, um 1500 v. Chr 11 

6. Becher der Prinzessin Nsichonsu, 18. Dynastie 13 

7. Baisamarium in Säulenform. (Brüssel, Musee du Cinquantenaire) . . . . 15 

8. Vase Tutmosis' IV. Aus Theben 17 

9. Kännchen aus dem Grabe Amenophis' II. in Theben 19 

10. Fisch, Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 21 

1 r. Amphoriske. Ägyptisch. (München, Frhr. v. Bissing) 23 

12. Ägyptische Balsamarien in Verpackung 25 

13. Gefäßformen 27 

14. Grabstein des M. Valerius Celerinus aus Astigis. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 29 

15. Tragegestell für Lagonen. (Neapel, Museum) 35 

16. Schmelzofen nach Agricola 37 

17/18. Syrische Balsamarien 39,41 

19. Groteske Maske. Alexandrinisch 42 

20. Maskenperle. Alexandrinisch 43 

21. Maskenperlen. Ägyptisch 45 

22. Becher des Königs Sargon. (London, Britisches Museum) 47 

23. Glasbügel von etruskischen Fibeln. (München, Antiquarium) 49 

24. Schmuckpcrlen. Vorrömisch 51 

25. Schmuckperl cn. Römische Kaiserzeit 53 

26. Brustschmuck von Dahschür. (Kairo, Museum) 56 

27. Brustschmuck der A'hhötcp. (Kairo, Museum) 57 

28. Armband der A'hhotep. (Kairo, Museum) 59 

2 9/3°- Gallische Emailiibeln 61, 63 

31. Große Glaskugel. (München, Frhr. v. Bissing) 64 

32. Aggry-Perle 65 

33. Schema des sogen. Gralsbechers. (Genua, Domschatz) 67 

34. Schema des Bechers Theodelindes. (Monza, Domschatz) 68 

35. Becher der frühen Kaiserzeit 69 

36. Gläser der frühen Kaiserzeit 71 

37. Kännchen, türkisblau, mit weißen Fäden. (Breslau, Museum) 73 



XIV 

Seite 

38 39. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus rhcin. Gräbern 75)77 

40. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus Köln 79 

41.42. Gerippte Schalen. I. Jahrh 8 r , 83 

43. Gerippte Schale, goldbraun. Köln. II. Jahrh 85 

44. Kugelbecher, künstlich irisiert. (Köln, vom Rath) 87 

45. Gepreßte Schale. (Köln, ehem. Sammig. Disch) S9 

46. Muschelkanne. III. Jahrh. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 91 

47. Kegelkanne. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 93 

4S. Traubenkanne. III. Jahrh. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 95 

49. Lagona mit Schlangenfäden. Köln 97 

50. Murra aus Sackrau 99 

51. Römisches Plattengrab. Rheinisch. J. Jahrh 101 

52. Schälchen aus Krystallglas. Ägyptisch. (München, Antiquarium) . . . 103 

53. Baisamarium aus Krystallglas. Ägyptisch. (Paris, Louvre) ..... 105 

54. Aschenurnen aus Glas. Rheinisch 109 

55. Aschunurnen. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 111 

56. Ölfläschchen. (Köln, ehem. Sammig. Merkens) 113 

57. Stamnium und Faßkannen. Köln, II. Jahrh 115 

58. Faßkanne. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 1 r6 

59. Faßbecher, (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 117 

60. Kannen und Delphinfläschchen. (Köln, vom Rath) 119 

61. Delphinfläschchen. (Köln, Nießen) 121 

62. Delphinfläschchen. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 123 

63163a. Badefläschchen mit Bronzeverschluß und Henkel. (Köln, Nießen) .125,126 

64. Prismatische Kannen aus Alexandrien 127 

65/66. Merkurflaschen. (Köln, vom Rath und Nießen) 129, 131 

67. Amphoriske aus farblosem Glase. (Neapel, Museum) 133 

68. Kugelfläschchen und Balsamarien. (Köln, vom Rath) 135 

69. Askos aus Glas. (Neapel, Museum) r 37 

70. Becher mit durchbrochenem Ringkragen. (Ronen, Museum) 139 

71. Gefäß in Form eines Korbes. (Köln, Nießen) 141 

72. Trinkgefäfi mit Widderkopf. Terrakotta. Attisch 143 

73. Tonlampen. (Mannheim, Antiquarium) 145 

74. Becher aus Glas in Form eines Nachens. (Mailand, Mus. Poldi-Pezzoli) . 147 

75. Handspiegel. (Regensburg, Antiquarium) 149 

76. Glocke und Trichter aus Glas. Rom und Neapel 150 

77. Gruppe von Glasgefäßen. Rom und Neapel 151 

78/79. Zierflaschen mit Muschelbesatz. (Köln, vom Rath und Trier, Museum) 153; 1 5 5 

So. Taubenkanne. (Köln, Museuni) 157 

81. Baisamarium mit Korbmuster. Ägyptisch 159 

82. Lekythos mit sog. Farnkrautmuster. Ägyptisch 165 

83. Fläschchen mit bunter Äderung. (Neapel, Museum) . [67 

84/85. Fläschchen mit farbigen Streifen. (Breslau, Museum und New-York, 

Metrop. Museum 169. 171 

86. Fläschchen mit bunter Äderung. (New-York, Metrop. Mus.) 173 



87. 
88. 

S<). 

9°; 
92. 

93- 

94- 
95- 
96. 

97- 
98. 
99- 

[OO. 

101 . 

[02. 
[O3. 

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[05. 
[06. 
[07. 
108. 
109. 



XV 

Seite 

Fläschchen mit Korbmuster. (Neapel, Museum) 175 

Schale mit farbigen Reticcllastreifen. (Florenz, Mus. archeol) . . . . 177 

Fläschchen mit Spiralfaden, (Breslau, Museum) 170 

91. Gläser mit Spiralfadenschmuck . . . 181, 1S3 

Gläser mit Fadenschmuck. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 185 

Kanne mit Spiralrippung. (Köln, vom Rath) 187 

. . . . iSo 
.... 19' 

193 

195 

197 



Becher mit gerippten Fäden. (Xamur, Museum) 

Gläser mit Spiralfäden. (Köln, vom Rath) 

Gläser mit Netz- und Zickzackfäden. (Köln, vom Rath) 

Gläser mit Fadenverzicrung. (Köln, vom Rath) 

Netzbecher. (Köln, Museum) 

Kännchen mit Xetzverzicrung. (Trier, Museum) .199 

Gläser mit Fadenverzicrung .201 

Sog. Hornbecher. (Deidesheim, Basscrmnnn-Jordan) 203 

Fränkische Becher. (Köln, Nießen) 205 

Trinkhorn. (Köln, vom Rath) 207 

Trinkhorn aus Castel Trosino. (Rom, Museo Civico) 209 

Farfümtläschchcn in Gestalt eines Schweinchens. (Köln, Museum) . . . 211 

Gläser mit Zickzackfäden. (Köln, ehem. Slg. Merkens) . . . . . . 213 

Napf mit Zickzackfäden. (Breslau, Museum) 215 

Xapf mit Buckeln und Zickzackfaden. (Köln, Xießen) 217 

Becher mit Netzwerk. Venezianisch. 18. Jahrh. (Paris, Basilewsky) . 219 

Tonbecher mit Schuppen. (Köln, Museum) 221 

Becher aus terra sigillata. Aus Arberg 223 

Becher mit aufgesetzter farbiger Weinranke. (Paris, Louvre) . . . . 225 

( »enochoe mit farbigem Fadenschmuck. (Brüssel, Musee du Cinquant.) . 227 
115. Gläser mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, vom Rath) . . . .229,231 

Jlelmglas mit Fadenverzierung. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) .... 233 

Trulla mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) . . 235 

Oenochoe mit farbigen Schlangenfäden. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) . 237 

Carchesium, smaragdgrün, mit Fadenverzierung. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 239 

Kanne mit Rosettenschmuck. (Köln, Museum) 24 1 



Stamnium mit Schlangenfäden. (Köln, Museum) . 
Flasche mit Schlangenfäden. (Köln, Museum) 
Stengelbecher mit Schlangenfäden. (Köln, Xießen) . 
Napf mit Schlangenfäden. (Köln, Xießen) ..... 
llelmglas mit Schlangenfäden. (Köln, ehem. Slg. Disch) 
Pilgerflasche mit Schlangenfäden. (Köln, Xießen) 
Becher mit Schlangenfäden. (Bonn, Museum) 

129. Gläser mit Schlangenfäden 

Kanne mit Schlangenfäden. (Boulogne, Museum) 

Flasche mit Barbotineschmuck. (Köln, Museum) . 

Becher mit Fadeninschrift. (Rouen, Museum) . 

Bruchstück eines Bechers mit Fadeninschrift. (Köln, Museum. 

Boden eines Goldglases mit Fadeninschrift. (London, Britisches Museum 



243 
245 
247 
249 
250 

253 
255 
9, 261 
263 
265 
267 
268 
269 



XVI 



Seite 

Gallischer Trinkbecher mit Barbotine. (Köln, Museum) 271 

Jagdbecher mit Barbotine. (Köln, Museum.) 273 

Besatzstücke 275 

Amphoriske mit Lotusknospen. (Köln, Museum) 277 

Becher mit Netzwerk und Lotusknospen 279 

Becher mit Netzwerk und Rosetten. (Bonn, Museum) 281 

Becher mit Herzauflagen. (Rouen, Museum) 283 

Becher mit dreieckigen Auflagen. (Rom, Kircherianum) 285 

Becher mit langgezogenen Tränen. (Rouen, Museum) 287 

Nuppengläser. (Köln, vom Rath) 289 

Polypenbecher. (Köln, vom Rath) 291 

Flasche mit Fadenverzierung. (Köln, vom Rath) 293 

Kugelflasche mit farbigen Nuppcn. (Köln, Nießen) 295 

Becher mit farbigen Xuppen und Zickzackband. (Köln, Museum) . . . 297 

Cantharus mit farbigen Xuppen. (Köln, Museum) 299 

Rüsselbecher. Fränkisch. (Wiesbaden, Museum) 301 

Rüsselbecher. Fränkisch. (Köln, Museum) 303 

Kugelbecher mit Stacheln. (Köln, Museum) 305 

Gruppe von Gläsern 307 

Becher mit farbigen Xuppen. (Deidesheim, Bassermann-Jordan) . . . 313 

Cantharus mit Tränen. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 315 

158. Hcnkelformen 317, 319, 32 1 

160. Gruppe von Gläsern 3 2 3i 3 2 5 

Becher aus d. Silberschatze v. Bosco Reale. Alexandrien. (Paris, Louvre) 327 

Gläser mit Fadenverzierung. (Köln, vom Rath) 329 

Napf mit Doppelrand. (Köln, Nießen) 332 

Becher mit acht Henkeln. (Breslau, Museum) 333 

Cantharus mit Kettennetz. — Cantharus mit Kettenhenkeln. — Napf mit 

Fadenverzierung am Rande. (Rom, Vatikan und Neapel, Museum) . 335 

Becher mit Wellenfaden. (Köln, Museum) 337 

168. Gruppe von Gläsern. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 339, 341 

Satyrmaske in Glasmosaik. (Rom, ehem. SJg. Sarti, jetztMünchen, Antiquarium) 344 

Silenmaske in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetztMünchen, Antiquarium) 345 

Tigerkopf in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetztMünchen, Antiquarium) 347 

Mosaikeinlage. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, Antiquarium) . . 349 

Rosette in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, Antiquarium) 351 
Streifenmuster in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, Slg. 

Arndt) 353 

Ornamentfüllung in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 356 

Randornament in Glasmosaik. (Rom, ehem. Slg. Sarti, jetzt München, 

Antiquarium) 357 

Bildchen in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 359 

Randeinfassung in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 362 

Rosettenfüllung in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 363 

Randornament in Glasmosaik. (München, Antiquarium) 365 



XVII 

Seile 

1 8 1 . Blumenmuster in Glasmosaik. (Wien, ( )sterr. .Museum) 368 

182. Blumenmuster in Glasmosaik. (Wien, ( )sterr. Museum) 369 

183. Ornament in Glasmosaik. (Wien, ( )sterr. Museum) 371 

184. Schachbrettmuster in Glasmosaik. (Wien, Österr. Museum) 374 

185. Augenmuster. (Wien, Österr. Museum) 375 

186. Onyx-Cameo mit der Vergötterung des Augustus. (Wien, Ilofmuseum) . 377 

187. Sardonyx-Cameo mit Germanicus vor Tiberius und Livia. (Paris, National- 

bibliothek) 379 

188. Reliefs der Portlandvase. (London, Britisches Museum) 381 

189. Attys vom Boden der Portlandvase. (London, Britisches Museum) . . . 383 

190. Sog. Auldjo-Vase. (Neapel, Museum) 3S6 

191. Trulla mit Uberfangdekor. Aus Pompeji. (Neapel, Museum) .... 387 
l(]2Jig2a.. Flasche mit bacchischer Szene in Überfangtechnik. (Florenz, Mus. archeol) 390 

193. Apollo u. Musen. Relief in Überfangtechnik. Angebl. v. Theater des Scaurus 393 

194. Lampe mit Harpokrates 395 

195. Bruchstück eines Reliefs in Überfang. (München, Frhr. v. Bissing) . . 402 

196. Bruchstück einer Vase mit Uberfangdekor. (Bonn, Akad. Museum) . . 403 

197. Schale von Sackrau. (Breslau, Museum) 405 

198. Medusa in Überfangtechnik. (Köln, Xießen) 408 

199. Relief in Überfangtechnik. (London, Kensington-Museum) ..... 409 

200. Ägyptische Amphora. (London, Kensington-Museum) 411 

201. Oenochoe mit Vogelfedernmuster. Aus Hausweiler. (Bonn, Museum) . 413 

202. Baisamarium in Säulenform. Ägyptisch. (London, Kensington-Museum) 415 
203/203a. Vas murrinum. (New- York, Metropolitan-Museum) 418,419 

204. Schale aus Mosaikglas. (London, Kensington-Museum) 421 

205. Mosaikschale aus Trier. (Trier, Museum) 423 

206. Muschelkanne. (Köln, Mus. Wallraf-Richartz) 425 

207. Fadeninschrift auf einem Fondo d'oro. (Rom, ehem. Slg. Sarti) . . . 427 
208/208 a. Cantharus in Silberfassung. "(Petersburg, Eremitage) ..... 431 

209. Becher in Silberfassung. Aus Varpelev. (Kopenhagen, Museum) . . . 433 

210. Becher in Silberfassung. (Rouen, Museum) 435 

21 r. Murrinenschale. (Köln, Nießen) 437 

212. Murrinenschale. (Hamburg, Kunstgewerbe-Museum) 439 

213. Murrinenschale. Aus Hellange. (Luxemburg, Museum) 441 

214/215. Murrincnschalen. (Trier, Museum) 444, 445 

216. Mosaikschale. (Köln, vom Rath) 447 

217/218. Fadenbandgläser. (Köln, Museum u. ehem. Slg. Merkens) . . .450,451 

219. Gerippte Schale. (Köln, Museum) 453 

220. Netzbecher aus Köln. (Berlin, Museum) 455 

221. Netzbecher aus Köln. (München, Antiquarium) 457 

222. Netzbecher von Ilohensülzen. (Bonn, Museum) 461 

223. Netzbecher aus Daruvar. (Wien, Hofmuscum) . . .465 

224. Netzbecher. (Mailand, Marchese Trivulzio 469 

225. Netzbecher, ehem. in Straßburg 473 

226/227. Situla. (Venedig, San Marco) . .477,481 



XVIII 

Seite 

228. Geschliffener Becher. (Mailand, Cagnola) 4S5 

229/229 a. Geschliffener Becher aus Szezsard. (Ofen-Pest, Nationalmuseum) 488,489 

230. Netzglas. (Ofen-Pest, Nationalmuseum) 491 

231. Bruchstück eines geschliffenen Krystallbechers. (Wien, Ilofmuseum) . . 493 

232. Scherbe eines geschliffenen Glases. (Wien, Oesterr. Museum) .... 495 

233. Lykurgosbccher. (London, Lionel Rothschild) . 497 

234. Gläser mit gravierten Reifen. (Köln, vom Rath) 503 

235. Stamnium mit Liniengravierung. (Köln, Nießen) 507 

236. Kugelllasche mit geschliffenem Netzmuster. (London, Kensington-Museum) 511 

237. Cantharus mit Liniengravierung. (Köln, Nießen) 515 

23S. Teller mit geschliffenem Rosettenmuster. Köln 519 

239. Gläser mit Hohlschliff und Gravierung. (Köln, vom Rath) 523 

240. Teller mit Fassettenschliff. (Köln, Museum) 527 

241. Kugelllasche mit Fassettenschliff. (Köln, Museum) 531 

242. Becher mit eingeschliffener Inschrift u. Ornamentik. Aus Krain . . . 535 

243. Becher aus geschliffenem Krystallglase. (Trier, Museum) 539 

244. Schematische Ansicht von Puteoli. Schliff einer Kugelflasche aus Odemira 543 

245. Stamnium mit bacchischer Szene in Hohlschliff. Aus Hohensülzen. (Bonn, 

Museum) 547 

246. Becher mit Szene aus dem Lynkeus-Mythus in Hohlschliff. (Köln, Museum) 551 

247. Lynkeusbecher. (Köln, Museum) 555 

248. Becher mit Venus u. Amor an der Weinschenke. Graviert. (Bonn, Museum) 559 

249. Becher mit Anioren in leichtem Hohlschliff. (Köln, Museum) .... 563 

250. Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. Hohlschliff. (Trier, Museum) 566 

251. Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. Gravierung. Aus Pisa . . . 567 

252. Becher mit Amoren und Ranken in Gravierung. (Bonn, Museum) . . 571 

253. Kugelnasche mit Amor auf der Löwenjagd. Hohlschliff. (Köln, Museum) 575 

254. Schale mit Medusa u. Kassetten in Hohlschliff. (New- York, Metropolit. -Museum) 579 

255. Besatzstück mit Medusa in I Iohlschliff. (Trier, Museum) 5^! 

256. Probe von Liniengravierung auf einem Becher aus Köln. (Bonn, Museum) 585 
257/257 a. Becher m. Gravierung: Gladiatoreni. Kampfgeg. wilde Tiere. (Trier, Mus.) 589 

258. Becher mit Reigentanz in Hohlschliff. (Köln, vom Rath) ...... 593 

259. Becher mit Auferweckung des Lazarus in I Iohlschliff. (Köln, vom Rath) 597 
260/260 a. Siegesbecher aus Sidon. (New- York, Metropol. -Museum) .... 602 

261. Etruskischer Bronzespiegcl mit Gravierung 607 

262. Schale mit Neptun. Aus Köln. (Berlin, Museum) ........ 611 

263. Teller mit Hirschjagd in Gravierung. (Köln, vom Rath) 615 

264. Teller mit Abrahams Opfer in Gravierung. (Trier, Museum) . . . . 619 

265. Teller mit Susanna und den beiden Alten in Gravierung. (Köln, vom Rath) 623 
266/268. Fläschchen, geformt. (New- York, Metropolit. -Museum) . . 628, 629, 633 

269. Kännchen, geformt. (Breslau, Museum) 637 

270. Kännchen, geformt. (Salzburg, Museum) 642 

271. Becher mit Gottheiten, geformt. (Petersburg, Eremitage) 643 

272. Geformte Gläser. (Neapel, Museum) 647 

2 73/' 2 73 a - Amphoriske des Ennion. (Xew-York, Metropolitan-Museum) . .652,653 



662 
668 



2 74- Amphoriske des Ennion aus Panticapäum. (Petersburg, Eremitage 

275/275 a u. b. Becher des Ennion. Vom Agro Adriese 

276/276 a u. b. Becher des Ennion. Vom Agro Adriese 

277. Becher, geformt 

278. Eimer, geformt 

2 79/' 2 79 a - Zirkusbecher mit Darstellung eines Wagenrennens. Aus Couven. 

(Namur, Museum) 682 

280. Zirkusbecher mit Darstellung eines Wagenrennens. Aus Colchester 

281. Zirkusbecher mit Gladiatorenkämpfen. Aus Mondragone. (New-York, 

Metropolitan-Museum) 

282. ZirkusbechermitDarstellungeinesWagenrennens. AusSchönecken. (Trier, Mus.) 

283. Bruchstück eines Zirkusbechers mit Gladiatorenkämpfen, ('frier, Museum) 

284. Gruppe von Zirkusbechern mit Gladiatorenkämpfen 

285. Becher mit Sinnspruch und Rankenfries 

286. Becher in Form eines Satyrkopfes. Terrakotta, griechisch 

287. Baisamarium in Form eines Frauenkopfes. Terrakotta, süditalisch. (Rom, 

ehem. Slg. Sarti) 

288. Pilgerfläschchen aus Syrien. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 

289. Büste eines Imperators. Lapislazuliglas. (Köln, Nießen) 

290. Fläschchen mit Masken. (Wiesbaden, Museum) 

291. Fläschchen in Gestalt einer Medusa 

292. Fläschchen in Gestalt einer Doppel-Medusa. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 

293. Fläschchen mit Medusa. (Köln, vom Rath) 

294. Fläschchen mit Medusa. (Köln, ehem. Slg. Merkens) , 

295. Fläschchen mit Doppel-Medusa. (Köln, Museum) 

296. Fläschchen mit Doppelkopf. (\ew-York, Metropolitan-Museum) .... 

297. Kanne in Form eines männlichen Kopfes. (Köln, Nießen) 

298. Kanne in Form eines Frauenkopfes. (New-York, Metropolit-Museum) 

299. Flasche in Form eines Januskopfes. (Köln, Museum) 

300. Kanne in Form eines karikierten Negerkopfes. (Köln, vom Rath) . 

301. Becher in Form eines Negerkopfes. (New-York, Metropolit. -Museum) . 

302. Fläschchen in Form eines karikierten Frauenkopfes. (Köln, vom Rath) 

303. Flasche in Form eines karikierten weiblichen Negerkopfes. (Köln, Museum) 

304. Flasche in Form eines karikierten Kopfes. (Köln, Nietien) 

305. Kännchen in Form eines karikierten Kopfes. (Köln, Nießen) .... 

306. Hasche mit Gesichtszügen. Modern. (Speyer, Museum) 

307. Flasche in Gestalt eines sitzenden Affen mit der Syrinx. (Köln, Museum) 

308. Parfümflasche in Gestalt eines Vogels. (Köln, vom Rath) 

309. Traubenkanne. (Brüssel, Mustie du Cinquantenaire) 

310. Traubenkanne. (Köln, Museum) 

311. Traubenflasche. (Köln, vom Rath) 

312. Traubenkanne. (Köln, Museum) 

313. Muschelkanne. (Köln, Nießen) ■ 

3 14/3 14a. Becher mit Konchylien. (Trier, Museum) 776, 

315. Becher mit Konchylien. (Vatikan) 



XIX 

Seit.. 

657 
2, 663 
669 
673 
677 

683 
6S7 

697 
699 

Ol 

703 
07 

10 



35 

37 
39 
43 
745 
47 
49 
5i 
53 
56 
57 
59 
61 

63 
65 
67 
69 
7i 
73 
77 
81 



XX 

Seite 

316. Becher mit Konchylien. (Köln, Museum) 7^3 

317. Gläser mit Falten und Eindrücken. (Köln, Xießen) 7S5 

318. Faltengläser. (Köln, vom Rath.) 787 

319. Kürbisllasche mit Zackenfuß. (München, Zettler) . 7^9 

320. Gläser mit Rippen, Eindrücken und Falten 79 ' 

321. Gläser mit Falten und Kanneluren. (Neapel, Museum) 793 

322. Kännchen mit Spiralfaden u. Kanne mit Kürbisrippen. (Wiesbaden, Mus.) 795 

323. Strigilierter Becher. (Köln, Museum) 799 

3241324a. Frontinuskanne. (Deidesheim, Basscrmann-Jordan) 802, 803 

325. Kanne mit Schrägrippung. (Köln, Nießen) 809 

326. Kanne mit Rippenansätzen. (Köln, Museum) 811 

327. Kürbiskanne aus dem Spessart. XVI. Jahrh. . . 813 

328. Gebuckelte Kanne. (Köln, Nießen) 815 

329. Becher mit Buckelung. (Köln, Museum) 817 

330. Becher geformt. (Paris, Sambon) 819 

33 I /33 Ia - Becher mit Emblemen, geformt. (Paris, Sambon) 822,823 

332. Kanne, geformt. (Paris, Sambon) 825 

333. Fränkische Schale mit Monogramm Christi 827 

334. Saugheber aus rheinischen Gräbern 829 

335/335 a u. b. Scyphus aus Blei. Mit Glaseinsätzen 831, 832, 833 

336. Bruchstücke eines Goldglases mit Plan einer Stadt. (Bonn, Museum) . . 835 

337. Tongefäß von Charinos. (Berlin, Antiquarium) 837 

335. Flasche aus Syrien, mit Satyrszene. (Paris, Louvre) 839 

3 39/339 a. Becher mit Pigmäenkampf, bemalt. Aus Nimes 840, 841 

340. Becher aus Khamissa, bemalt. Aufrollung 843 

341. Zwei Rosetten von Glasdeckeln. Aus Algier 844 

342. Deckel mit Amor. (Paris, Bamberg) S45 

343. Fläschchen, mit Fischen und Skorpion bemalt 847 

344. Scherbe eines Bechers mit Jagdszene. (Köln, Museum) 848 

345. Flasche, rotes Glas mit aufgemalter Quadriga. (Bonn, Museum) . . . 849 

34Ö/34Öa. Fläschchen mit Rennpferden. (Bonn) 851 

347/347 a. Becher mit Tierkampf, gemalt. (Kopenhagen, Museum) . . .852,853 
348/348 a. Becher mit Tierkampf, gemalt. (Kopenhagen, Museum) .... 856, 857 

349. Becher mit Tieren, gemalt. (Kopenhagen, Museum) 859 

350. Becher mit drei Vögeln und der Inschrift DVBP. (Kopenhagen, Museum) 860 

351. Becher mit Tieren (Kopenhagen, Museum) 861 

352/353. Becher mit Gladiatoren. (Kopenhagen, Museum) 863, 865 

354. Goldglas mit Brustbild der Stadtgöttin Alexandria. (Wien, Graf) . . . 866 

355. Goldglas mit Brustbild, gemalt. (London, Britisches Museum) . . . . 867 

356. Goldglas mit Achilles u. den Töchtern des Lykomedes. (Pesaro, Mus. Olivieri) 869 

357. Goldglas mit Darstellung eines Schiffsbaumeisters. (Vatikan) . . . . 871 

358. Goldglas mit Abbildung einer römischen Weinschenke. (Vatikan) . . . 872 

359. Goldglas mit Viergespann. (Paris, Privatbesitz) 873 

360. Goldglas mit Faustkämpfern 875 

361. Goldglas mit Darstellung des siebenarmigen Leuchters in Emailmalerei . S77 



XXI 

Suite 

362. Goldglas mit jüdischen Kultusgeräten in Emailmalerei. (Vatikan) . . . 879 

363. Goldglas mit Darstellung des Wunders des Sonnenzeigers 881 

364. Goldglas mit Adam und Eva. (Rom, ehem. Slg. Sarti) 882 

365. Goldglas mit Adam und Eva. (London, Britisches Museum) 883 

366. Goldglas mit zwei d. Magier von d. Anbetung des Kindes. (Großenhain, Zschille) 885 

367. Goldglas mit Auferweckung des Lazarus 887 

368. Goldglas mit einer Taube. (Köln, ehem. Slg. Merkens) 889 

369. Schale von St. Ursula. (London, Britisches Museum) 891 

370. Schale von St. Severin. (London, Britisches Museum) S93 

371. Becher mit Schlangenfaden. (Kopenhagen, Museum) 895 

372. Brandgrab mit Totenbeigaben vom Grabfelde d. Luxemburger Straße in Köln 897 

373. Fränkisches Grab aus (^ermaTitf) >Tl kt-^^^^^^ ' .^r~ .'^^vh . . . 899 

374. Schale, Mosaikglas. Aus Fünen 903 

375. Becher, unten mit Vertikalrippen. Aus Vestergötland 904 

376. Becher mit Fassettenschliff. Aus Varpclev 904 

377. Becher mit Fassettenschliff. Aus Sojvide 905 

378. Becher mit eingeschliffenen Ovalen. Aus Vallstenarum 906 

379. Becher mit eingeschliffenen Ovalen. Aus Bremsnes 907 

380. Becher mit griech. Inschrift. Aus Vorning 907 

381. Bruchstücke eines Glasgefäßes in der Technik d. Barberini-Vase. Aus Solberg 908 

382. Becher mit Schlangenfadenverzierung. Aus Nordrup ....... 908 

383. Trinkhorn mit Schlangenfadenverzierung. Aus Österhvarf 909 

384. Becher mit Netz- und Fadenauflage. Aus Öland 910 

3S5. Schale mit Nuppen Verzierung. Aus Ilaugstad 911 

386. Hornbecher. Aus Norwegen 912 

387. Rüsselbecher. Aus Vendel 913 

388. Becher mit Fadenauf lagen. Aus Alands 914 

389. Becher ohne Fuß. Aus Bjärs . 9 1 5 

390. Vase aus gelbbraunem Glase. Aus Gotland 915 

391. Trichterförmiger Becher. Aus Björkö 916 

392. Zylindrischer Becher. Aus Björkö 917 

393. Becher mit Vertikalrippen und Fadenverzierung. Aus Björkö . . . . 918 

394. Traubenbecher. Aus Björkö 919 

395- Kugelbecher mit rotem Rand. Aus Björkö 920 



q»5i 



Die Herstellung des Glases, 



Kisa, 1 las Glas im Altertume. 




Abb. i. Grabrclief von Beni Hasan. (o 34 



Die Herstellung des Glases. 

Glas ist ein Schmelzprodukt, eine bei hoher Temperatur 
dünnflüssige, beim Erkalten allmählig aus dem zähflüssigen in 
den starren Zustand übergehende Masse, deren Hauptbestandteil, 
die Kieselerde, aus möglichst reinem Flußsande gewonnen wird. 
Um diese im Feuer schmelzbar zu machen, müssen sog. Fluß- 
mittel zugesetzt werden, Alkalien, welche zugleich durch ihre 
verschiedenen Eigenschaften die Sorten des Glases bestimmen. 
Im Altertum e benützte man dazu teils vegetabilische Alkalien, 
wie Pflanzenasche, namentlich die vom Farnkraut und der 
Buche, die noch heute neben der Eichenasche bei der Her- 
stellung gewöhnlicher Weinflaschen verwendet wird, teils ein 
von dem alteren Plinius, unserer Hauptquelle für antike Tech- 
niken, als Nitrum bezeichnetes Produkt. 1 ) Darunter ist ein 
mineralisches Alkali, natürliche Soda oder Pottasche zu ver- 



') Plinius, historia naturalis II, 36, 66. Gaius Plinius Secundus Maior, 
geboren 23 vor Chr. zu Como, verunglückt beim Ausbruche des Vesuvs 79 nach Chr. 
in Pompeii. Er Schrieb eine Historia naturalis in 37 Büchern, das wichtigste Do- 
kument für antike Natur- und Kunstgeschichte und Kenntnis der Kunsttechnik, sehr 
vielseitig, aber nicht frei von Irrtümern und Flüchtigkeiten. Gerspach nennt ihn 
darum in seiner Vcrrerie antique, Paris 1885, S. 10: „Un litterateur traitant sans 
aucune preparation des sujets scientitiques' 1 , und Cuvier stimmt ihm darin bei. Über 
das Glas handelt er besonders im 36. Kapitel seines II. Buches, doch finden sich 
auch in anderen zahlreiche Notizen darüber zerstreut. 






stehen, 1 ) die namentlich in Thrakien, Makedonien und Ägypten 
gewonnen, in Naukratis und Memphis, zwei Hauptorten der ägyp- 
tischen Glasindustrie neben Alexandrien und früher Theben, fabriks- 
mäßig hergestellt wurde.") Der fein zermahlene und zerstoßene 
Kiessand wurde im Verhältnisse von 9 zu 3 mit dem Flußmittel 
vermischt und in irdenen Gefäßen in den Ofen zum Schmelzen 
gestellt.") Vor der Erfindung des Schmelzofens schmolz man 
diese Mischung" in Erdgruben, doch erhielt sich diese primitive 
Art neben der vorgeschrittenen namentlich im Oriente bis in 
das Mittelalter hinein. Dabei darf man sich freilich nicht mehr 
auf die Szenen in dem Grabe von Beni 1 lasan in Ägypten 
aus der 4. Dynastie berufen, wo ein sehr primitiver Ofen ab- 
gebildet ist, weil in ihnen, wie in folgendem ausgeführt werden 
wird, gar nicht Glasarbeit, wie man früher annahm, dargestellt ist. 
Die mit Soda gemischte Schmelze ergab im ersten Brande die 
Fritte, griechisch Mulu'iig genannt, die mit eisernen Löffeln aus- 
geschöpft und in flachen Pfannen einer erneuten stärkeren Glut 
ausgesetzt wurde. Iiiezu gebrauchte man in Ägypten mit Vor- 
liebe die Wurzeln und .Stiele der Papyrusstaude, doch zog man 
nach Plutarch vielfach das Holz der Tamariske vor, die in Syrien 
und am Nil die Größe einer Eiche erreicht. Mit I lilfe dieser 
stärkeren Feuerung" kam die Masse bald in Fluß, wurde tüchtig 
aufgerührt und verwandelte sich in das Hammonitrum, eine 
fettige, schwärzliche Masse, die weiter gekocht wurde, verschie- 
dene Zusätze erhielt und sich nach dem Abschöpfen des Schaumes 
in reines Glas verwandelte. Ein Zusatz von Schwefel machte 
nach Plinius die Masse hart wie Stein. Doch auch andere Zu- 
sätze kannte man. Gewöhnlich ist das antike Glas nach seinen 
Hauptbestandteilen Kieselsäure, Kalk und Natron mit einem 
modernen Ausdrucke als Natronglas zu bezeichnen, sehr häufig" 



x ) Nicht wie Frochner „Vcrrerie antique, Collcction Charvel", Paris 1879, S. 10, 
nach Ilg in Lobmeyrs Glasindustrie, Stuttgart 1874, meint, Salpeter. Künstlichen 
Salpeter vermochten die Alten noch nicht darzustellen. Vgl. Beckmann, Beiträge zur 
Geschichte der Erfindungen V, S. 511 ff. und C. Friedrich in seiner Rezension von 
Froehners Werk, Bonner Jahrbuch 74, S. 164 f. 

-) Plinius 31, 311. 

3 ) Vitruv VII, 11. Froehner nimmt dabei an, dass Plinius seine Proportion 
3 : 1 nach dem Duodezsystem berechne. 



5 



ist es aber aus Kieselsäure, Kalk und Kali zusammengesetzt, 
in unserem .Sinne also Kaliglas, wie es in der modernen 
Industrie vorherrscht. Häufig" sind der antiken Mischung" auf 
natürlichem Wege, durch Verunreinigung" des Sandes, Blei 
und Eisen beigefügt, welchen in erster Linie die starke Ver- 
witterung der Gläser, besonders wenn sie in sandigem Boden 
steckten, und der Ansatz einer Oxydschicht, der von Sammlern 
oft übertrieben bewerteten Iris, zuzuschreiben ist. Doch setzte 
man Bleioxyde oft absichtlich zu, um das Glas 
rein und durchsichtig zu machen. Es eignete 
sich in diesem Zustande, obwohl es an Härte 
verlor, besonders zum Schneiden und Schleifen 
und entwickelte großen Glanz und Leuchtkraft. 
Kalk verschaffte man sich, indem man den 
lapis Alabandicus, den schwärzlich-purpurnen 
Marmor von Alabanda in Karien, pulverte. 1 ) 
Auch Kieselsteine wurden fein gemahlen, be- 
sonders Quarzkiesel, und ergaben an Stelle des 
unreinen Flußsandes farbloses, durchsichtiges 
Glas. Die Nachricht des Plinius, daß man in 
Indien sogar Bergkrystall zu diesem Zwecke 
verwendete, ist mitürlich unrichtig; wahrschein- 
lich ist unter dem „Kry stalle" gleichfalls Quarz 
zu verstehen. Derselbe Autor nennt unter den 
Zusätzen auch den Magneteisenstein, der nach 
Lenz leicht mit der Glasmasse zusammen- 
schmilzt und sie, in geringer Menge beigemischt, 
dunkelschwarz färbt. Außer verschiedenen Metalloxyden, die 
zur Färbung des Glases benützt wurden, verwendete man fossilen 
Sand, Schnecken- und Muschelschalen, die aus kohlensaurer 
Kalkerde bestehen und gleichfalls die Farbe und den Glanz des 
Glases bestimmen. Plinius und Theophrast nennen auch aus- 
drücklich den Zusatz von Kupfer. Nach Lenz gibt Kupferoxydul 
dem Glase eine prachtvolle kirschrote Farbe, besonders wenn 
es dünnwandig geblasen wird.") 




Abb. 2. 
Vase Tutmosis' III. 
Britisches Museum. 



3<r 



1 ) Nach Lenz, Mineralogie der Griechen und Römer, ist dieser „Schwarze, aber 
mehr zum Purpur neigende Stein" ein Rauchtopas. — Plinius 36, 62. 
-) Plinius 36, 193. Theophrast lapid. 49. 






6 

Leider besitzen wir keine Nachrichten und Abbildungen 
aus griechischer oder römischer Zeit, die den Schmelzprozeß 
näher veranschaulichen würden. Nur in dem erhaltenen Frag- 
mente eines griechischen Dichters aus Hadrians Zeit, des Meso- 
medes, wird ein Arbeiter geschildert, welcher einen Glasblock 
zerschlägt und die Stücke in den Schmelzofen wirft, als gälte 
es Blei zu schmelzen. 1 ) 

Über die Art, wie die Alten ihre Gläser nach der Formung 
abkühlten, haben wir keine Nachrichten. Die häufigen Funde 
verbogener und schlecht geformter Gläser beweisen, daß man 
die Gefäße oft zu früh, ehe sie gehörig erhärtet waren, aus dem 
Ofen herausholte und zum Erkalten oder zu weiterer Bearbeitung 
auf den Marmor brachte. Solche Fehler rühren nur in seltenen 
Fällen von dem Leichenbrande her, wie Deville 2 ) meint, denn 
man findet sie ebenso häufig in Sarkophagen neben unver- 
brannten Leichen. 

Die Schmelzung des Rohmateriales vollzieht sich in den 
modernen Glasöfen mit ihrem gewaltigen Hitzegrade sehr rasch 
und gründlich; es geht aus ihnen als eine homogene, flüssige 
Masse hervor, die, so wie sie ist, sofort verarbeitet werden kann. 
Das Altertum ^lber mußte sich noch mit einem recht einfachen 
Ofen und primitiver Feuerung begnügen, welche den Schmelz- 
prozeß sehr verlangsamte und allerlei Zufällen aussetzte. Die 
erste Nachricht über die Einrichtung des antiken Glasofens 
stammt aus dem frühen Mittelalter; wir finden sie in dem Buche 
des Heraclius „Von den Farben und Künsten der Römer ". :! ) 
Er schildert den Glasofen seiner Zeit, da diese ;iber in der 
Glasindustrie ausschließlich von antiken Überlieferungen zehrte, 
wie auch noch das XII. Jahrhundert, wird seine Beschreibung 
schwerlich wesentliche Neuerungen enthalten. Aus einem Worte 
des Plinius, den „continuis fornacibus" kann man schließen, daß die 



') Mesomedes, ind. Anthologia graeca XVI 323. Frochncr a. a. O. S. 24 f. 

'-') Achille Deville, histoire de l'art de la verrerie dans l'antiquite. Rouen 1875. 

3 ) Heraclius, Von den Farben und Künsten der Römer. Herausgeg. von A. 
Hg in Eitelbergers Quellenschriften zur Kunstgeschichte und Kunsttechnik Bd. IV. 
Unter diesem Titel sind die Aufzeichnungen von drei verschiedenen römischen Schrift- 
stellern des X. bis XII. jahrh. zusammengefasst. 



Römer einen Ofen mit mehreren Abteilungen benützten, wie es 
der des J leraclius und auch jener ist, den Theophilus beschreibt. 1 ) 
Der Ofen des 1 leraclius ist aus Backsteinen gebaut, rund ge- 
wölbt und in drei Abteilungen getrennt, welche verschieden stark 
erhitzt werden konnten. 

„Das Glas wird", so erzählt Ileraclius, „mit leichtem und 
dürrem Holze gebrannt, mit einem Zusätze von Kupfer und 
Nitrum (Salpeter) in Ofen wie Erz geschmolzen und in Massen 
geformt. Aus den Massen wird 
es dann wieder in den Werk- 
stätten gegossen, eines durch Bla- 
sen geformt, ein anderes mit dem 
Dreheisen gedrechselt, ein drittes 
wie .Silber ziseliert. Auf das beste 
dient weißes Glas, welches dem 
Krystalle am nächsten kommt, wo- 
durch es auch Gold und Silber als 
Trinkgerät verdrängt hat. Ehe- 
mals wurde Glas in Italien, Gallien 
und Spanien gemacht. Man mahlte 
den weichsten weißen Sand mit 
Stößel und Mühlen, dann kamen 
drei Teile Nitrum dazu und nach 
dem Schmelzen wurde das ganze 
in den Ofen übertragen. Diese 
Masse hieß Admovitrius und lie- 
ferte nach abermaligem Brennen 
eines weißes Glas. Zu der Gattung 
des Glases wird iiuch der Obsidian gerechnet; dieser ist zuweilen 
grün, zuweilen schwarz, oft auch bei größerer Körperlmftigkeit 
durchsichtig, und als Spiegel an der Wand zeigt er Schatten 
anstatt Bilder." 

Diese Nachrichten stammen zum Teile wörtlich aus Plinius. 
Man kann schon daraus schließen, daß römische Tradition für 
Heraclius auch in anderen Punkten maßgebend sein wird. Admo- 




Abb. 3. Vase Tutmosis' III. 
München, Antiquarium. !'• 



cy 



! ) Plinius 31, 193. — Theophilus, Diversarum artium schedula. Herausgeg, 
A. von Ilg in Eitelbergers Quellenschriften Bd. II, S. 99 ff. 



8 

vitrius will Ilg als Harzglas erklären, indem er oJk/ikc und nitrum 
vereinigt. Es ist aber offenbar nichts als das korrumpierte Ham- 
monitrum des Plinius. 

Von der Glasbereitung - erzählt Heraclius III, 7 weiter: „Glas 
wird aus Asche gemacht, nämlich aus jener des Farnkrautes 
und von Faina (Fagina, Buche), zwei Teile von Farnkraut und 
ein Teil von Faina. Dann baue einen Ofen, bei welchem du 
die Steine mit Ton verkittest. Das Fundament mache a /._, Ellen- 
bogen lang, ebenso hoch und ganz flach; die innere Vertiefung 
des Bodens lasse frei, weil dort das Feuer anzubringen ist. Ober- 
halb des Fundamentes mache drei Zellen, welche man Archae 
nennt; in ihnen sollen Fensteröffnungen sein. Die mittlere Archa 
mache groß, mit zwei Fenstern, auf jeder Seite eines. In diese 
Archa stellt man innen vor die Mündung zwei wolgebrannte 
Töpfe, Mortariola (Mörser), und darin schmilzt man die Asche 
und den Sand; zu beiden Seiten mache noch je eine Arche, die 
zur Rechten kleiner als die zur Einken. In der linken wird das 
Glas Tag und Nacht geschmolzen, bis es wie Leim flüssig ist. 
Dann schöpfe es mit eisernen Löffeln aus den Mörsern und 
koche es, bis es ganz weiß ist. Willst du aber rotes Glas, so 
gebrauche nicht völlig gebrannte Asche in folgender Weise: 
Nimm Kupferfeile und brenne sie zu Pulver, tue sie in den 
Mörser und es entsteht das rote Glas, das wir Galienum nennen." 
Hierauf folgen andere Rezepte zur Herstellung farbigen Glases. 
Dann sagt er weiter über das Blasen: „Nimm eine eiserne Röhre 
von beliebiger Länge, die am Ende ein kleines innen hohles Holz 
mit einem ganz winzigen Loche hat. Nimm ein Stückchen Teig 
aus dem Mörser, sprudele es in den J landen herum und bilde was 
dir gefällt auf dem Eisenmarmor, der neben dem Ofenmundloche 
steht. Du machst nämlich dort eine Schutzwand und stellst da- 
hinter den eisernen Tisch, welcher Marmor heißt. Ist das Gefäß 
fertig, so stelle es in die linke Arche, wo es langsam auskühlt." 

Ilg bemerkt dazu ganz richtig, 1 ) daß bei den Rohmaterialien 
die Hauptsache, nämlich der Kiessand vergessen ist. Gräser, 
Binsen enthalten infolge ihrer Bodennahrung zwar etwas Kiesel- 
erde, aber in so geringen Mengen, daß sie kaum zur Glasur 



l ) Heraclius S. 134 f. 



9 



von Tonwaren, viel weniger zur Herstellung - von Glas hinreichen 
würden. Farnkraut soll am Page der Enthauptung" Johannis 
geholt werden. Diese Stelle beruht nach Grimm l ) auf altheid- 
nischem, im Volksmunde fortlebendem Aberglauben und beweist, 
daß sie nordischen Ursprunges und später eing-efügt ist. Die 
Asche der Buche wird auch später bei Theophilus erwähnt 
und noch heute zur Glasbereitung benutzt. 

Die durch den Schmelzprozeß gewonnene reine Glasmasse 
wurde in verschiedener Weise verarbeitet. Man ließ sie etwas 
erkalten und zäher werden und formte aus dieser bildsamen 
Paste mit freier Hand Gefäße und 
Geräte um einen Tonkern, welchen 
man später entfernte. Oder man 
preßte sie auf Platten und in Jlohl- 
formen zu Reliefs, Schmucksachen, 
Amuletten und Zierwerk mancherlei 
Art. Man goß sie in Formen, tropfte 
sie auf eine Platte auf oder gab ihr 
durch Blasen mittels der Pfeife die 
Form von Kugeln und kugeligen 
Gefäßen. Die Pfeife (Virga) war ein 
eisernes Rohr von etwa einem Meter 
Länge und einem Zentimeter innerem 
Durchmesser, an dessen einem Ende 
sich eine knopfartige Verdickung 
oder eine trompetenförmige Öffnung, 
an dessen anderem ein hölzernes Mundstück befand. Um einfache 
Gefäße zu bilden, tauchte der Arbeiter jene Öffnung in die 
flüssige Glasmasse, holte sich so den nötigen Teil heraus und 
blies dann durch das Mundstück hinein, wobei sich die an- 
haftende Glasmasse zu einer runden Blase ausdehnte, wie die 
Seifenblase am Strohhalme des spielenden Knaben. Durch Hin- 
und llerschwenken, durch Walzen auf einer eisernen oder 
steinernen Platte, durch Anhalten eines bestimmt profilierten 
Stabes, durch Einblasen in eine Negativform gab er dem Gefäße 
die gewünschte Gestalt. Sollte es eine Flasche werden, so hielt 




Abb. 4. Baisamarium. 
Ägyptisch, iS. Dyn. (um 1500 

vor Chr ) 10 -4 O , "^ o 



•3 , 40j 



J ) Grimm, Deutsche Mythologie S. 1160 f. 






er nach Erzielung einer kugeligen oder eirunden Blase inne, 
ließ die inzwischen zäher gewordene Masse an der Pfeife senk- 
recht herabhängen, so daß sie sich röhrenförmig in die Länge 
zog und bildete damit den Hals. Diesen schnitt er glatt von der 
Pfeife ab, wie es jetzt noch in Italien bei den gewöhnlichen 
Flaschen geschieht, oder er legte den Rand platt oder wulstartig 
um, indem er ihn entweder auf eine Platte aufdrückte oder mit 
der Zange umkrempelte, und setzte die noch heiße Masse auf 
einen flachen Untersatz aus Eisen oder Stein (der mit Rücksicht 
auf das Material, aus- dem er offenbar ursprünglich regelmäßig 
geformt war, der „Marmor" heißt), wodurch sie eine Standfläche 
bekam. Diese konnte mit gewissen Werkzeugen kegelförmig 
oder konkav eingestochen oder durch Auflage einer runden Platte 
verstärkt werden, wenn man nicht einen besonders geformten 
Fuß ansetzte. Die so gebildeten Gefäße wurden in die dritte 
Abteilung des Ofens gestellt, um dort in mäßiger Hitze langsam 
zu erhärten und dann, sei es im erkalteten Zustande, sei es nach 
erneuter Erhitzung und leichter Erweichung verschiedenen Ver- 
zierungsweisen unterworfen zu werden. Der für das Glas kenn- 
zeichnende allmähliche Übergang aus dem flüssigen in den festen 
Zustand, sowie die große Härte, welche es in diesem besitzt, 
gestatten eine Mannigfaltigkeit der technischen Behandlung, wie 
sie keinem anderen Stoffe eigen ist, so daß das Glas schon 
Plinius als das bildsamste aller Materialien der Kunst erschien. 
Der Ofen des Theophilus, 1 ) eines Mönches, der mit 
seinem eigentlichen Namen wahrscheinlich Rotger hieß und 
zu Ende des XL und Anfang des XII. Jahrh. im Benediktiner- 
kloster Helmershausen an der Diemel (ehemals im Paderbornschen, 
jetzt in Niederhessen) tätig war, läßt bereits zwei Teile als Feuer- 
herd und Calcinierofen erkennen. Er hat acht Offnungen für 
die Töpfe, zwei Feuerlöcher und ringsum eine Schutzmauer mit 
Offnungen zum Einschieben der Gefäße. Es ist der Werkofen 
mit zwei Herden und kugeligem Dachgewölbe. Daneben hat er 
einen Kühlofen. Im ersten Herde geht das Kochen, im zweiten 
das Reinigen und Schmelzen, im dritten das Kühlen vor sich. 
Dieser Ofen ist besser als der des Heraclius und war, wie wir 



x ) Vgl. Seite 7. 



[ [ 



sehen werden, der Antike gleichfalls nicht unbekannt. Im ersten 
Kapitel des zweiten Buches schildert Theophilus die Einrichtung- 
seines Ofens und die Glasbereitung folgendermaßen: 

„Nimm trockenes Buchenholz, verbrenne es und sieh, daß 
kein Steinchen und Erde darin bleibt. Den Ofen errichte dann 
aus Steinen und Erde 15 Euß lang- und 10 Euß breit. Zuerst 
lege den Grund auf jeder Langseite einen Euß dick, mache in 
der Mitte einen festen und ebenen 1 lerd aus Stein und Ton und 
teile ihn in drei gleiche Teile, so daß zwei Teile für sich und 
der dritte wieder für sich durch eine Ouer- 
mauer geschieden sind. Dann mache an 
jeder Breitseite eine Öffnung, durch welche 
man 1 lolz und Eeuer hineinbringen kann, 
und indem du die Mauer ringsum 4 Euß 
hoch erbaust, mache abermals einen festen 
und gänzlich ebenen Herd und lasse die 
Quermauer ein wenig emporragen. Dann 
mache in dem größeren Räume auf der 
einen Langseite vier Öffnungen und vier 
in dem anderen in der Mitte des Herdes, 
wohin die Gefäße kommen; ferner zwei 
Öffnungen in der Mitte, durch welche die 
Elamme aufsteigen kann. 1 ) Baue ringsum 
eine Mauer, mache zwei viereckige Fenster, 
eine Hand lang und breit, je eines auf 
jeder Seite gegen die Offnungen hin. Durch 
diese werden die Gefäße hineingeschoben und herausgenommen. 
Mache auch in dem kleineren Räume eine Öffnung- in der Mitte 
des Herdes, nahe an der mittleren Mauer, sowie ein Fenster 
eine Hand hoch an der. äußeren .Stirnmauer, durch welche man 
hineinsetzen und fortnehmen kann, was zur Arbeit gehört. Hast 
du dieses so angeordnet, so gib dem inneren Räume durch die 
Außenmauer die Gestalt eines gewölbten Ofens, innen ein wenig- 
höher als 1 / Fuß, so daß du oben den Herd ganz eben und im 
Umfange mit einem Rande von drei Finger Höhe machen kannst. 
Dieser Ofen heißt Werkofen." 




Abb. 5. Amphoriskc. 
Ägyptisch, 18. Dynastie. /*» 4',4o3 



') Vgl. die Beschreibung der Glasofen von Wilderspool S. 20 IT. 



12 



Im folgenden Kapitel wird die Anlage des Kühlofens ge- 
schildert: „Mache auch einen anderen Ofen, 10 Fuß lang, 8 breit, 
4 hoch, liier mache an der Vorderseite eine Öffnung, damit 
] Iolz und Feuer hineingegeben werden kann, und an einer Seite 
ein Fenster i Fuß hoch, zum Einstellen und Herausheben des 
Nötigen, inwendig aber einen festen und ebenen Herd." 

Das dritte Kapitel beschreibt einen dritten Ofen, den sog. 
Ausbreitofen, 6 Fuß lang, 4 breit, 3 hoch, mit Offnungen, Fen- 
stern und Herd wie beim vorigen. Die hierbei nötigen Werk- 
zeuge sind ein eisernes zwei Fällen langes, einen Daumen dickes 
Rohr, zwei auf einer Seite mit Eisen beschlag-ene Zangen, zwei 
eiserne Löffel sowie andere Geräte aus Holz und Eisen. 

Die Glasbereitung geht bei Theophilus (II cap. IV) folgender- 
maßen vor sich: „Mache ein leichtes Feuer von beiden Seiten 
des größeren Ofens mit trockenem Buchenholze. Dann nimm 
zwei Dritteile der anfangs erwähnten Asche und ein Dritteil 
feinen Flußsandes ohne Steinchen und Erde. Nachdem dies 
lang und tüchtig gemischt ist, bringe es in einem eisernen Löffel 
in die kleinere Abteilung des oberen Herdes und laß es dort einen 
Tag und eine Nacht warm werden, indem du es schüttelst, damit 
es nicht flüssig werde." (II cap. V) „Nimm Töpfe aus weißem 
Ton, oben breit, unten enge, mit nach innen gebogenem Rand 
und stelle sie in die Offnungen des glühenden Ofens, die dazu 
bestimmt sind. Dann schöpfe mit dem Löffel die gekochte san- 
dige Asche am Abende hinein und feuere die ganze Nacht, damit 
das aus dem Sande und der Asche flüssig hervorgegangene Glas 
gänzlich geschmolzen werde." Die folgenden Kapitel beziehen 
sich wie bei Heraclius auf die Herstellung farbigen Glases und 
die weitere Bearbeitung. 

Überreste von antiken Glaswerkstätten sind an verschie- 
denen Orten gefunden worden. So in Teil el Amarna in 
Ägypten, in der lybischen Wüste, in Tyrus, in Lyon, in Foret 
de Mervent in der Normandie, bei Niimur, in der I lochmark 
der Eifel bei Cordel, vielleicht auch bei Trier, in der Nähe von 
Worms, an der Nahe, in Köln, in Wilderspool in England u. a. 
Ob die alten Glasöfen, die ehemals westlich vom Feldsberge am 
sog. Glaskopfe in der Nähe der Saalburg aufgedeckt wurden, 
bereits in römischer Zeit betrieben worden sind, ist nicht ganz 



13 



sicher. Für ihren antiken Ursprung spricht, daß man hier neben 
zahlreichen Schlacken auch einige römische Glasscherben ge- 
funden, dagegen die Tatsache, daß Glasfunde auf der Saalburg 
zu den Seltenheiten gehören. Sicher ist es, daß daselbst noch in 
den letzten Jahrhunderten Glas hergestellt wurde, wovon auch das 
nahe Dorf Glashütte seinen Namen hat. Leider wurden die Öfen 
zerstört, ohne daß eine nähere Untersuchung und Aufnahme statt- 
gefunden hätte 1 ). Dieses Schicksal teilen übrigens fast alle an- 
deren genannten Fundstätten römischer Glaswerkstätten. Man 
begnügte sich damit die Anlage oder die Spuren von .Schmelz- 
öfen festzustellen sowie 
die vorhandenen Reste 
von Fritte, Rohmateri- 
alien und Scherben halb- 
vollendeter oder fertiger 
Glas waren zu sammeln, 
die immerhin einen Ein- 
blick in die Art des Be- 
triebes gewähren. Die 
F^unde von der Nahe, jetzt 
im Museum von Wies- 
baden, enthalten .Scher- 
ben gewöhnlicher Ge- 
brauchsgläser des III. und 
IV. Jahrhunderts, darun- 
ter eine Anzahl von klei- 
nen runden Gefäßböden aus farblos-durchsichtigem Glase, deren 
Rand mit kleinen Zacken versehen ist, etwa so wie man sie auch auf 
den Wellenplatten mittelalterlicher Töpfe im Rheinlande antrifft.' 2 ) 
Neben Scherben fertiger Gläser enthält dieser Fund auch Reste 
von mißlungenen, im Feuer zusammengeschmolzenen Fläschchen 
und Stücke grünlicher Fritte. Große Massen von dieser sind in 
der Gereonsstraße in Köln bei Grundarbeiten vor etwa 12 Jahren 
aufgetaucht und von 1 ländlern an mehrere Privatsammler ver- 




Abb. 6. Becher der Prinzessin Nsichonsu. 

Ägyptisch, 18. Dynastie. \o 4 l ,342. 



J ) Jacobi, Das Römcrkastell Saalburg S. 456 f. 

2 ) Flaschen mit gezahnter Fu platte sind nicht häufig. Ihre Gestalt ist auf 
Formentafel B 8r ersichtlich gemacht. Ein vollständig erhaltenes Exemplar befindet 
sich in der Sammlung F. X. Zcttler in München. 



14 



teilt worden. Auch bei dieser Gelegenheit wurde eine planmäßige 
Aufdeckung- durch die Bauunternehmer vereitelt und jede Spur 
des Betriebes zerstört. Sicher ist nur, daß eine Glaswerkstatt, 
die nach den Massen von Fritte, .Scherben von Glashäfen und 
fertigen Gläsern zu urteilen, einen größeren Betrieb darstellte, 
an der Nordmauer der Stadt lag, in der Gegend, in welcher man 
das Amphitheater vermutet. Auf die Glasfabrik in der Hochmark 
hatte zuerst Pfarrer Heydinger aufmerksam gemacht, worauf 1880 
das Provinzialmuseum von Trier an der bezeichneten Stelle Aus- 
grabungen vornahm. Dabei fand man zahlreiche Glashäfen, derbe 
Tongefäße, welche ganz verschlackt waren, Reste von grünlichem 
Fensterglas und von Schmelzproben, dann lilarotes, mit Mangan 
und kupferrotes, mit Kupferoxydul gefärbtes Glas, viele Reste 
gewöhnlicher grünlicher Gefäße mit Spiralfäden; ein Glas mit aus- 
gezwickten Xuppen, das Bruchstück eines dicken Gefäßes aus 
Eisenglas mit roter und gelber Färbung, das Bruchstück eines 
Finsatzornamentes aus blauer opaker Paste mit einer Blumen- 
ranke in Relief, die Scherbe einer hell -blaugrünen Schale mit 
breiten Rippen, die aus blaugrünen und weißen Spiralfäden auf- 
gelegt sind; ferner Stangen aus grünem und rotem Glase, Glas- 
tropfen und noch allerlei andere Gefäßscherben, darunter mehr- 
farbige. Das Relief und die gerippte Schale gehören wohl noch 
dem I. Jahrhundert an, das meiste übrige dem dritten, was auf 
eine sehr lange Tätigkeit der Fabrik schließen läßt. Die Funde 
werden im Provinzialmuseum verwahrt. Die genannten Stangen 
stellen fertige Glasmasse dar, welche weiter verarbeitet werden 
konnte, indem man sie durch Erhitzung von neuem flüssig machte 
und sie zum Austropfen benutzte, wodurch Perlen und Spiel- 
steine, Besatzstücke mit aufgeprägtem Muster oder glatte Nuppen 
hergestellt, auch dünnere Fäden zur Verzierung von Gefäßen und 
Perlen ausgezogen werden konnte. Man brachte auch Glaspasten, 
zumeist farbige, in .Stangenform, die sich zur Versendung in 
größere Entfernungen eignete und stellte aus ihnen geblasene 
und gegossene Gefäße her. In Stücke gebrochen waren sie 
das Material für Mosaiken, pulverisiert das für Emails. Freilich 
gab man in der Mosaikkunst wie noch heute den in flache 
rundliche oder viereckige Scheiben gepreßten Pasten den Vor- 
zug, aus welchen Stücke beliebiger Form und Größe gebro- 



chen werden konnten. Manche der kurzen Glasstäbe, die man 
nicht selten in Gräbern findet, zumeist aus ordinärem grünlich 
durchsichtigem Glase, manchmal schraubenförmig - gedreht, an 
einem Ende leicht zugespitzt, am andern abgeplattet oder mit 
einem Ringe versehen, dienten als Salbenreiber, zur I lerrichtung 
von Schminke, Zahnpulver und dgl. Die mit einem kleinem 
Ringe schließenden können zum Umrühren und Mischen von Ge- 
tränken benutzt worden 1 ) sein. (Formentafel G 
408, 409). Angeblich trugen auch römische 
Beamte als Amtsabzeichen kurze Stäbe aus 
gedrehtem, mit einem Knopfe abgeschlossenen 
Krystallg-lase ; vielleicht haben sich in Gräbern 
auch Stücke von solchen erhalten. Ein Jahr 
nach dem P>scheinen der Heydingerschen Notiz 
wurden dem Trierer Museum gegen hundert 
feine Millefiorischerben angeboten, die in der 
Glaswerkstatt der } lochmark zum Vorscheine 
gekommen sein sollten. Damit wäre der Be- 
weis erbracht gewesen, daß diese kostbare 
Sorte von Gläsern auch am Rhein hergestellt 
worden sei. Der Kauf wurde unter Vorbehalt 
abgeschlossen, und nachträglich erwies sich die 
Angabe des Händlers als eine Täuschung. Der 
größere Teil der Scherben stammte aus einer 
Kölner Privatsammlung und war in Rom er- 
worben worden. Die authentischen Funde aber 
reichten hin, den Glasbetrieb römischer Zeit in 
einer Gegend festzustellen, in der noch heute, 
an der Saar und in Schnappsbach Glas erzeugt 
wird. 2 ) 

Ergiebiger waren die Nachgrabungen, die Flinders Petrie 
in Teil el Amarna in Ägypten nach alten Glas- und Glasurwerk- 
stätten angestellt hatte. 13 ) Hier war durch Amenophis IV. um 14CO 
vor Chr., nachdem dieser seine bisherige Hauptstadt Theben ver- 
lassen, eine neue prächtige Residenz erbaut und mit allem Luxus 




Abb. 7. Baisamarium 

in Säulenform. / 2 
Brüssel, Musee du Cin- 
quantenaire. 



42,402. 



l ) Vgl. S. 14. 

-) Bonner Jahrbuch Bd. 69, S. 27. 

3 ) Flinders Petrie, Teil el Amarna, London 1894, S. 25 f. 



i6 



ausgestattet worden. Der Schmuck leuchtend emaillierter Fliesen, 
der die Palastbauten auszeichnet, wurde an Ort und Stelle in Fabri- 
ken hergestellt, deren Überreste im Verein mit den anschließen- 
den Glaswerkstätten zeigen, zu welch reicher Entwickelung die 
Glasmacherei und farbige Tonglasur bereits zur Zeit der 18. Dy- 
nastie, zu Beginn des neuen Reiches gediehen war. Namentlich 
für die erstere war diese Periode besonders ergiebig. Man 
fand hier drei bis vier Glasfabriken und zwei große Glasurwerke, 
deren Werkstätten zwar auch hier fast ganz verschwunden sind, 
die aber soviel halbfertige und Scherben von vollendeten Ar- 
beiten, sowie Reste von Werkzeugen zurückgelassen haben, daß 
man deutlich alle hier geübten Techniken erkennen kann. Außer- 
dem enthalten die Abfallgruben des Palastes solche Mengen von 
zerschlagenen, aber fertig gemachten Gläsern, daß sieh danach 
£ille Einzelheiten der Arbeit feststellen lassen. 

Die bei dieser Gelegenheit gefundenen Glaswaren sind aber 
durchaus nicht die ältesten des Pharaonenlandes. Schon in den 
Gräbern der 12. Dynastie (3050 — 2840 vor Chr.) sind sie nicht 
selten. Ihre Analyse durch Dr. Russell ergab als Bestandteile 
Kieselerde, Kalk, Alkali, Kohle und Kupferkarbonate, von letz- 
teren 3°/ in hellem Blaugrün (Türkisblau) und 20°/o m reichem 
Purpurblau (Azurblau). Die grüne Färbung ist durch Eisen 
hervorgerufen, welches in dem zur Glasbereitung" verwendeten 
Sande fast immer vorhanden ist und die daraus gewonnene 
Kieselerde blaugrün färbt. Daher haben die ordinären Gläser 
Ägyptens und die der Antike überhaupt einen stärkeren oder 
schwächeren Stich ins Blaugrüne oder Grünliche. Um feineres 
Glas herzustellen, mußte man sich bemühen die Mischung 
von Eisen zu befreien. 1 leutzutage verwendet man als PLntfär- 
bungsmittel Manganoxyde, das Altertum dagegen konnte hierbei 
nur empirisch vorgehen. Wie ihm die Entfärbung- gelang, war 
bisher unbekannt, man vermutete nur, daß man, um reines Glas zu 
erzeugen, den Flußsand durch Quarzsteine ersetzte, die man zu 
Pulver zerrieb. Diese Vermutung- wurde durch Petries Funde be- 
stätigt. Von einer Entfärbung im strengen Sinne des Wortes kann 
man eigentlich nicht sprechen, richtiger von einem Ersatz des 
eisenhaltigen Sandes durch ein reineres Rohmaterial. Der ge- 
nannte Forscher zog aus den Trümmern einer Glaswerkstatt in Teil 



i7 



el Amarna das Bruchstück einer Pfanne hervor, die augenscheinlich 
im Schmelzofen geborsten war, ehe sich die in ihr befindliche 
Mischung vollkommen aufgelöst und vereinigt hatte. Die Mischung 
enthielt durch die ganze Masse verteilte Flocken von Kieselerde, 
kleine Teilchen von zerstoßenen Quarzkieseln, wie sie massenhaft 
in der Wüste gefunden werden, wohin sie der Nil aus den süd- 
lichen Felsenbergen anschwemmt. Die halbfertige Fritte hatte 
eine violette Farbe, ein Zeichen, daß sie eisenfrei war. Die Kohlen- 
säure im Kalke und das Alkali waren bereits frei geworden und 
hatten jene wie einen schwammigen Teig aufgetrieben. Wenn 
die Kieselsäure länger der Glut ausgesetzt 
blieb, verschwand sie allmählig und es bil- 
deten sich mehr oder weniger flüssige Silikate. 
Bei starkem Hitzegrade wurden diese zu einer 
teigartigen Masse, welche leicht feinere Fär- 
bung annahm. Man ließ sie erstarren und 
formte aus ihr Blöcke, die aufs neue unter 
Zusatz färbender Mineralien im Feuer ge- 
schmolzen und geglüht wurden, bis sich nach 
einiger Zeit durch einen bestimmten Hitze- 
grad die gewünschte Färbung einstellte und 
ein weicher, krystallinischer, poröser und 
brüchiger Kuchen entstand. Kieselsteine von Abb. 8. Vase Tutmosis IV. 
weißem Quarz wurden auch in die Öfen als Aus Theben. 1° 

Unterlage der Pfannen gelegt, denn man 

fand zahlreiche von solchen, an deren einer Seite Fritte festsaß. 
Sie dienten auch als Unterlage der zu glasierenden Gegen- 
stände und sind deshalb teilweise mit heruntergeflossener grüner 
Glasur bedeckt. Offenbar hatten sie sowohl den Zweck im 
Schmelzofen eine reine Unterlage herzustellen, als auch den, 
nachdem sie durch die wiederholte Erhitzung mürbe geworden 
waren, umso leichter zermahlen und der Fritte beigemischt zu 
werden. 

Die Pfannen für die Fritte hatten ungefähr io engl. Zoll 
Durchmesser und 3 Zoll Tiefe. Außer ihnen fand man in den 
Abfällen der Schmelzöfen zahlreiche Bruchstücke zylindrischer 
Tonkrüge von etwa 7 Zoll Durchmesser und 5 Zoll Höhe. Sie 
waren mit der Mündung nach unten in den Ofen gestellt, um 




4-3 



K i sa , ])as Glas 



Altertume. 



i8 

die flachen Pfannen und Glastiegel über dem Feuer zu stützen. 
Blaugrüne, weiße, schwarze und andersfarbige Glasur war an 
ihnen herabgeflossen und bildet vom Boden bis zur Mündung 
an ihnen Streifen. 1 ) 

Von Schmelzöfen für Glasmalerei ist in Teil el Amarna kein 
Beispiel vorhanden. Ein Ofen, welcher in der Nähe einer Glasur- 
fabrik gefunden wurde, diente zum Brennen von Kohlen, die in 
ihm noch massenhaft vorhanden waren, während Scherben von 
Glas oder Ton fehlten. Er bildet ein unregelmäßiges Viereck 
von 43X57 engl. Zoll, dessen Dach zerstört war.' 2 ) In der nörd- 
lichen Wand befand sich eine Öffnung von 29X15 Zoll, durch 
welche der Luftzug eingelassen wurde, in der südlichen eine 
solche von 16X13 Zoll zum Abzüge der Gase. Es ist möglich, 
daß die Glas- und Glasuröfen ähnlich angelegt waren, oder daß 
man einen Ofen zu verschiedenen Zwecken benutzte. 

Der Herstellungsprozeß des Glases ließ sich genau verfolgen. 
Die Tiegel, in welchen die Rohmaterialien geschmolzen wurden, 
waren tiefer als die flachen Frittenpfannen oder -Becken. Ihre 
zapfenartige Form wird durch die Umrisse der zahlreich auf- 
gefundenen Glasschmelze kenntlich, welche noch die Spuren der 
rauhen Innenseite des Tiegels und selbst kleine Splitter von 
diesem zeigen, während die obere Fläche glatt geschmolzen ist. 3 ) 
Oft ist der obere Teil aber schaumig und wertlos, was durch die 
während des Schmelzens entweichende Kohlensäure verursacht 
ist. Das beweist, daß das Material in diesen Gefäßen selbst zu- 
sammengeschmolzen wurde; wäre die Glasmasse in anderen 
Tiegeln geschmolzen und in jene zu abermaliger Schmelze ein- 
gefüllt worden, so hätte sie ganz klar werden müssen. Die Art, 
wie die Glasmasse aus dem Schmelztiegel herausgelöst wurde, 
zeigt zugleich, daß sie bis zum Erkalten darin stehen blieb, so daß 
allmählich der Schaum in die Höhe stieg und der Bodensatz 
sich senkte, etwa in der Art, wie es jetzt bei der Herstellung 
optischer Gläser geschieht. Würde die Glasmasse in flüssigem 
Zustande ausgegossen worden sein, so hätte man keine solchen 



») Pctrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 62. 
2 ) ,, „ T. XLII. 



<) 



T. XIII 40. 



19 



festgeformten Zapfen gefunden, sondern eine Menge formlosen 
Hartglases (cast), das bisher ganz fehlt. Es ist daher sicher, daß 
man die Glasmasse nach dem Schmelzen in den Tiegeln stehen 
ließ, bis der Ofen erkaltet war, dann die festgewordenen Blöcke 
aus den Tiegeln herauslöste, wobei diese gewöhnlich zertrümmert 
worden sein mögen, die unbrauchbaren Teile der Masse, wie 
Schaum und Bodensatz abschnitt und so klare Brocken guten 
Glases zu weiterer Bearbeitung erzielte. Während der Schmelze 
nahm man mit einer Pinzette Proben aus den Tiegeln, um die 
Beschaffenheit und Farbe zu untersuchen. Viele solcher Proben, 
die an einem Ende den Eindruck eines ab- 
gerundeten Stäbchens zeigen, sind gleichfalls 
hier gefunden worden. *) 

Nachdem man so Brocken reinen Glases 
gewonnen hatte, wurden diese zerkleinert und 
abermals durch Hitze erweicht. In diesem 
Zustande legte man sie auf eine glatte Platte 
und walzte sie in diagonaler Richtung aus. 
Diese Art des Walzens von Eck zu Eck ver- 
hindert, daß die Masse ungleichmäßig dick 
wird, was leicht vorkommt, wenn man einen 
Teig im rechten Winkel ausrollt. Ein so 
behandelter Teig ist nämlich geneigt, wie 
gehämmerte Eisenstäbe in der Mitte hohl zu 
werden, da die Ränder stärker angespannt A ^b. 9. Aus dem Grabe 
werden als das übrige und infolgedessen der Amenophis' IL in Theben. 
Länge nach zu platzen. Wenn man aber mit 

einem diagonal gelegten Stabe immer nur kurze Strecken rollt, 
hält die Masse zusammen und splittert nicht. Man kann so auch 
einen kräftigeren Druck ausüben und selbst kühler und darum 
zäher gewordenes Glas bearbeiten, ohne Gefahr zu laufen, daß 
der Streifen ungleichmäßig werde. Die Anzeichen des diagonalen 
Rollens sind an einzelnen Stücken deutlich erkennbar. -2 ) 

Die durch diagonales Rollen hergestellten Platten wurden 
zu Stäben ausgezogen, noch weiter verflacht und so lineare 




p4& 



x ) Petrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 41, 42. 
2 ) Petrie, a. a. O. Abbildung T. XIII 43. 



20 

Streifen oder dünne Glasbänder hergestellt, die poliert und 
zu Einlagen benützt wurden. Auch zu Röhren wurden sie ver- 
arbeitet; auf welche Weise, ist nicht ganz sichergestellt, w£ihr- 
scheinlich dadurch, daß man Stäbe so lange rollte, bis sie durch 
Zentrifugalkraft hohl wurden. Solche Röhren wurden mitunter 
zur Herstellung von Glasperlen benützt, indem man sie in kleine 
zylindrische Stücke schnitt. Durch Biegung wurde diese Sorte 
von Röhren nicht bearbeitet. Die weitere Verwendung des so 
gewonnenen Materials wird in dem folgenden Abschnitte ge- 
schildert werden. 

Deutliche Reste von Glaswerkstätten aus der römischen 
Kaiserzeit sind durch die Ausgrabungen von Wilderspool bei 
Warrington, unweit des Merseyflusses, also auf dem entgegen- 
gesetzten Punkte der antiken Welt, durch die Nachgrabungen 
von Thomas May in den Jahren 1899 bis 1900 zu Tage ge- 
fördert worden. 1 ) Wilderspool war in römischer Zeit kein 
Legionslager, sondern eine civitas, eine befestigte Stadt, der Sitz 
einer auf verschiedenen Gebieten des Handels und Gewerbes tä- 
tigen Bevölkerung. Deutlich ist in dem Orte eine von Nord nach 
Süd führende Hauptstraße zu erkennen, von welcher nach Westen 
zwei Seitenwege mit den Resten von Straßenpflaster abzweigen. 
Am nördlichen Teile der Straße fand man in der Tiefe von zw r ei 
engl. Fuß drei Plattformen, die nur wenige Schritte voneinander 
getrennt, parallel mit deren Richtung lagen. Jede enthielt zwei 
gleichartige Schmelzöfen.-) Zu unterst bestanden die Plattformen 
aus einer Schichte von zermahlenem Kies, darauf kam eine Lage 
von Ziegelsteinen und schließlich eine solche von Lehm, so hoch, 
daß sie drei Seiten der von ihr eingeschlossenen Öfen um 3 bis 
4 Zoll überragte und um sie einen Ring von etwa 1 Fuß Breite 
bildete. Eine gleich starke Lage von Ton trennte die beiden 
nebeneinander liegenden Öfen. In den Öfen der ersten Platt- 
form befand sich in der Mitte eine ovale Grube, zu welcher von 
einer Seite eine fächerförmig erweiterte Heiz- oder Stochöffnung 



x j Thomas May, excavations on the side of the Romano-british civitas at 
Wilderspool, ycars 1899 — 1900. A papcr read before the historic society of Lan- 
cashire and Cheshire, 1 5 th Nov. 1900. Liverpool 1901. 

2 ) ibd. T. IX 1—3. T. III 3. 



21 

führte, welche die Umfassungsmauer durchdrang und außen auf 
der Plattform in einer sorgfältig gemauerten kreisrunden Feuer- 
stelle schloß. Bei dem einen Ofen war an der entgegengesetzten 
Seite in einer wagerechten Richtung eine kanalartige Ausfluß- 
Öffnung angebracht, bei dem anderen ging diese rechtwinkelig zu 
der Heizvorrichtung von einer Seitenwand aus. 1 ) Die beiden 
Feuerstellen der Nachbaröfen waren nicht ganz gleich in der 
Anlage. Die des einen Ofens bestand aus gebranntem Ton, der 
mit 2 1 eingestempelten Kreisen von je 2 1 / 2 Zoll Durchmesser 
verziert war, die des anderen war sorgfältig mit Steinplatten 




Abb. 10. Fisch, Glasmosaik. Alexandrinisch. Wien, Österr. Museum. p C -3 / 

und einem großen Ziegelstein von 15X11 Zoll Umfang und 
2 1 / 2 Zoll Dicke bedeckt, der in der Glut geborsten war. Offenbar 
dienten die beiden Feuerstellen zur Erzeugung verschiedener 
Hitzegrade. Der eine Schmelzofen hatte den (j rundriß eines 
gewöhnlichen Backofens. Nach der Dicke und der roten Farbe 
der darin befindlichen Lehmmasse und der Menge von Trüm- 
mern mit Kalkbewurf, die den Boden bedeckte, war er ursprüng- 
lich überwölbt. Der andere Ofen scheint dazu bestimmt gewesen 
zu sein einen Kessel oder Schmelztiegel zu erhitzen. Schräg unter 
dem Fußboden der ihm vorgekigerten Feuerstelle ging ein 
röhrenförmiger Kanal von 6 — 7 Zoll Durchmesser hindurch, der 
zugleich die ganze Plattform wie ein ^tninchenbau umgab. Er 
begann an der nordöstlichen Ecke an einer zweiten, kleineren 



x ) ibd. T. XI 2, 



22 



Feuerstelle aus gebranntem Lehm und endigte an der entgegen- 
gesetzten südwestlichen Ecke in zwei Ausgängen in einer Ent- 
fernung von über 32 Euß. Dieser Kanal war noch offen und 
der ganzen Ausdehnung nach von Ruß geschwärzt. In der Nähe 
der Heizöffnung des zweiten Schmelzofens verbreiterte er sich 
in eine Kammer von einem Quadratfuß Umfang, die mit dem 
Bruchstücke einer großen, fest in Lehm eingebetteten Amphora 
gewölbeartig bedeckt war. 

Die beiden Schmelzöfen der zweiten Plattform waren von 
denen der ersten in der Anlage und wohl auch in der Bestimmung 
verschieden. Der eine war flacher als die früheren und fast 
viereckig; vor seiner Öffnung war eine Sandsteinplatte von 7 Zoll 
Höhe angebracht; der andere hatte eine langgestreckte ovale 
Grundform, die offenbar nicht, zur Aufnahme eines runden Kessels 
oder Schmelztiegels bestimmt war. Eine Menge roten Form- 
lehms, mit welchem das Innere beider gefüllt war, Bruchstücke 
von verglastem Eon, die mit dem Boden verschmolzen waren, 
ein Ring von weichem Lehm am oberen Rande, von welchem 
der Kalkbewurf des Inneren abgebröckelt war, lassen darauf 
schließen, daß auch sie überwölbt waren. In dem zweiten Ofen 
stellten Zwischenböden unter der Feuerstelle drei Abteilungen 
her. Der untere dieser Böden war mit einer 2 Zoll dicken Lage 
von Sand und Kies bedeckt, der obere mit einer 2*/ 2 Zoll starken 
Schichte von Kohlen. Gegen die Mitte der zweiten Abteilung 
zu gingen zwei Öffnungen nach der darüber gelegenen Feuer- 
stelle, eine dritte führte seitwärts ins Freie; durch alle drei 
konnte dem Feuer durch einen Blasebalg verstärkte Luft zu- 
geführt werden. Die Zwischenböden waren angebracht, um ver- 
schiedene Hitzegrade zu erzielen und dabei an Heizmaterial zu 
sparen, nicht etwa um einen schadhilft gewordenen durch den 
anderen zu ersetzen, denn alle befanden sich in gutem Zustande. 
Das Stochloch war überwölbt und erweiterte sich nach außen. 
Davor stand ein gut gebauter Herd aus gebranntem Eon, beinahe 
halbkreisförmig, 2 Fuß 4 Zoll im Durchmesser. Um ihn war in 
gleicher Höhe eine Lage feinen weißen Sandes aufgeschichtet, 
wie man ihn in den benachbarten Feldern reichlich antrifft 
und in früheren Jahren in Warrington zur Glasbereitung ver- 
wendete. 



23 



Von ovaler Grundform waren auch die beiden Öfen der 
dritten Plattform. Je eine halbkreisförmige Feuerstelle aus ge- 
branntem Ton lag" symmetrisch vor ihren beiden Öffnungen und 
war gleichfalls mit eingepreßten ringartigen Rosetten verziert. 

Auf der zweiten Plattform und in unmittelbarer Nähe der 
dritten fanden sich unter anderem folgende Gegenstände: Ein 
silberner Konsulardenar des Augustus. Eine Bronzemünze Traians. 
Die Scherbe eines Sigillatabechers zylindrischer Form mit senk- 
rechter Wandung, darauf eine Relieffigur der Minerva. Eine 
Scherbe von opakschwarzem, dem 
Obsidian ähnlichem Glase von kon- 
vexer Form, wohl von einer Flasche. 
Eine Glasperle von sphäroidischer 
Gestalt, 1 1 / 2 Zoll Durchmesser, 4 1 /., Zoll 
Umfang, mit Bohrloch, der grün- 
lich durchscheinende Grund mit drei 
Reifen geschmückt, von welchen der 
mittlere aus einem lichtblauen und 
weißen Faden zusammengedreht ist, 
während die beiden anderen opak- 
weiß sind. Zwei streifenförmige Stücke 
von opakweißem Glasschmelz. Ein 
formloser Klumpen Kupfer, 1 1 I„ Unzen 
schwer. Zwei ungefähr viereckige 
Stücke von Blei. Ein Klumpen Kalk, 
etwa ein Pfund schwer, unmittelbar 
über einem Schmelzofen festklebend. 
Alle drei genannten Materialien, 

welche an derselben Stelle zum Vorscheine kamen, an welcher 
der weiße Sand aufgehäuft war, dienen zur Glasbereitung. 

In dem geschwärzten Boden an der Südseite der ersten 
Plattform fand man, nur wenige Fuß entfernt, ziihlreiche römische 
Überreste, besonders Scherben von Gläsern, darunter eine drei- 
eckige Scherbe von grünlich durchsichtigem Glase, in einer 
Form geblasen, mit dem Inschriftreste AL in Relief, der als 
VALE zu ergänzen ist. Das Wort bildete die Überschrift der 
Reliefdarstellung eines Wagenrennens und stand, nach gewissen 
Spuren zu schließen, zu Häupten der Gestalt eines der drei im 




Abb. Il - Amphoriske. Ägyptisch. 
Sammlung von Bissing, München. 



i'ü,403 






^k-'m 



H 



Wettspiele unterlegenen Wagenlenker. *) Ferner ein Stück einer 
gedrehten .Stange aus farblos durchsichtigem Krystallglase von 
etwa zwei Zoll Länge, das May für den Überrest eines Stabes 
von ungefähr einem Fuß Länge und einem runden Abschluß- 
knopfe hält, wie ihn römische Beamte ;ds Abzeichen ihrer 
Würde trugen. Leider ging das Stück verloren, dafür fand 
man ciber nachträglich ein ähnliches in der Nähe, das im 
Museum von Warrington verwahrt wird.' 2 ) Drei Glasbrocken 
regelloser Form von drei verschiedenen Sorten: Gewöhnliches 
grünlich-durchsichtiges, opak-weißes und reines durchsichtig-farb- 
loses sogenanntes Krystallglas, jeder etwa eine Unze schwer. 
Zwei Brocken gewöhnlichen grünlich- durchsichtigen Glases, 
aus der Schmelzmasse herausgebrochen. Eine kleine flach- 
runde Glasperle, dunkelgrün -opak 3 / g Zoll Durchmesser, V 4 Zoll 
hoch. Eine dreieckige Scherbe olivgrünen, trüben Glases von 
der Bauchung eines Gefäßes. Eine Scherbe von hellgrün 
durchsichtigem Glase vom Rande einer Schale. Verschiedene 
Scherben von Seiten- und Fußteilen viereckiger und runder 
Gefäße aus bläulich-grünem durchsichtigem Glase, wahrschein- 
lich von Aschenurnen. Ein kleines Stück opak -blauer Glas- 
oder Emailpaste. Zahlreiche Streifen und Stücke von Bleiplatten, 
sowie ein Bleigewicht mit der eingekratzten Zahl XIIII. Klumpen 
von Tuffsteinen aus der Hauptfundstätte, dem Brohltale in der 
Eifel. Eine Bronzemünze Traians. Ein Klumpen von Fritte aus 
weißlich opaker Masse, die mit viel Lehm verbunden war und 
wahrscheinlich den Bodensatz eines zerbrochenen Schmelztiegels 
bildete. Das Blei war als Zusatz zur Glasmasse, zur Herstellung 
des feinen Krystallglases bestimmt, welches in der Regel durch 
Gravierung und .Schliff verziert wurde. Zahlreiche Bruchstücke 
beweisen, daß diese Techniken auch hier gepflegt wurden. .Sie 
stammen von Bechern, Flaschen und anderen Gefäßen mit senk- 
rechten zylindrischen Wandungen und sind häufig mit ovalen 
] lohlschliffen, bei einem Stücke mit tief eingeschnittenem Rauten- 

*) Über die Becher mit Wagenrennen und Zirkusszenen s. Abschnitt IX „Ge- 
formte Gläser". Sie sind ferner ausführlich behandelt von Schuermans, Verres ä courses 
de chars (de Couvin) Namur 1893; von Roach Smith, Illustrations of roman London 
S. 122; ders. Collect, antiq. II 16; ders. Catalogue of the museum of London anti- 
quities S. 48. A. Hartshorne, Old English glasses S. 11 u. a. 

2 ) Vgl. die Bemerkung über die in Römergräbern gefundenen Glasstäbe Seite 15. 



-^ 



muster fassettiert; von den Rauten ist nur eine poliert, wäh- 
rend die anderen rauh stehen geblieben sind. Das Gefäß hatte 
vielleicht während der Bearbeitung- einen Sprung bekommen 
und wurde als mißraten zum Abfalle geworfen; das spricht 
wiederum dafür, daß die Bearbeitung- sich unmittelbar an die 
Schmelz Werkstätten anschloß. 

Die .Stellung der Herde innerhalb des Umkreises der Platt- 
formen und die Anlag-e eines besonderen unter- 
irdischen Kanales für Erhitzungszwecke unter der 
zweiten Plattform 
machen es unmög- 
lich, etwa an die 
Zentralg-rube eines 
kanalisierten Hypo- 
caustums zu denken. 
Wenn man die Men- 
gen feinen weißen 
Sandes berücksich- 
tigt, die noch jetzt 
auf der zweiten 
Plattform aufge- 
häuft waren und 
in Erwägung zieht, 
daß auch aus Werk- 
stätten an der Nord- 
seite des befestigten 

Umkreises der civitas große Mengen von Glasscherben hervor- 
gegangen sind, während Topfscherben ganz fehlen, muß man zu 
der Überzeugung gelangen, daß sämtliche Öfen zur Glasbereitung 
gedient haben. Auch früher, bereits 1869 und 1870 waren in 
benachbarten Sandgruben zahlreiche römische Glasscherben zum 
Vorscheine gekommen, außer ihnen auch das Bruchstück eines 
Schmelztiegels aus bräunlichem feuerfestem Ton, das im Inneren 
Ablagerungen von azurblauem und gelbem Glasflusse zeigte. 

Die Funde von Wilderspool sind um so bedeutsamer, als 
sie die einzigen verhältnismäßig gut erhaltenen Überreste antiker 
Glas-Schmelzöfen darstellen, die man überall anderswo aus Un- 
kenntnis oder Unachtsamkeit zerstört hat. Sie geben von einem 





Abb. 12. Ägyptische Balsamarien in Verpackung. p 87^ 



26 



ansehnlichen und vielseitigen Betriebe Zeugnis, der sowohl or- 
dinäre grünliche Gebrauchsware, wie feines Krystallglas , farb- 
loses und farbiges umfaßte, die Dekoration mit farbigen Auflagen, 
wie Gravierung und Schliff pflegte, außer Gefäßen auch Schmuck- 
perlen herstellte. Mit der Beschreibung des Heraclius sind die 
Schmelzöfen allerdings nicht in allen Punkten in Übereinstim- 
mung zu bringen, namentlich ist die Dreiteilung fällen gelassen 
und durch eine Trennung in mehrere selbständig tätige Öfen 
ersetzt, deren Hitzegrad beliebig eingerichtet werden konnte. 
Aber je nach der Art und dem Umfange des Betriebes werden 
provinzielle Unterschiede in dem weiten Bereiche der antiken 
Welt ebenso stattgefunden haben, wie im Laufe der Zeit allmäh- 
liche Veränderungen und Verbesserungen. Die Trennung der 
Öfen erinnert deutlich an die oben zitierte Beschreibung des 
Theophilus, der einen Werkofen, einen Kühlofen und einen Aus- 
breitofen unterscheidet. Die Wölbung finden wir auch hier, der 
kreisförmige Grundriß ist durch den ovalen, in einem Falle durch 
den rechteckigen ersetzt, den wir auch in Teil el Amarna ange- 
troffen haben. Wie dort wurde die Schmelzung der Rohmate- 
rialien in zwei Stadien vorgenommen. Zuerst wurden diese in 
Schmelztiegeln gemischt und auf den kleineren Feuerstellen in 
Fluß gebracht; dann ließ man die Masse erkalten, entfernte den 
Schaum und den Bodensatz, zerbröckelte das Übrige und schmolz 
es in den Öfen von neuem. Einzelne von diesen mögen zur 
Herstellung bestimmter Glassorten verwendet worden sein, so 
jener der ersten Plattform, bei welchem man zahlreiche Stücke 
von Blei fand, zur Herstellung von Krystallglas, andere zur Er- 
zeugung farbiger Gläser und zur Verzierung farbloser mit far- 
bigen Nuppen und Fäden. Aber weder der Ofen der zweiten 
Plattform mit flacher viereckiger Basis, noch jener mit der lang- 
gestreckt ov^üen scheinen zur Aufnahme von Schmelztiegeln 
bestimmt gewesen zu sein, sondern zu der von halb vollendeten 
Waren, die hier einem bestimmten Hitzegrade ausgesetzt wurden, 
um weiter bearbeitet zu werden. Die Steinplatte vor dem ersten 
Ofen diente gleichfalls zu weiterer Bearbeitung, zum Rollen ge- 
blasener Gefäße, zum Plätten und Ausziehen, zum Auftropfen, 
Pressen, sowie zur vollkommenen Abkühlung fertiger Erzeug- 
nisse. Der große Kanal, der die Plattformen durchzog, hielt das 



ganze System in einer gleichmäßigen Temperatur, welche in den 
einzelnen Öfen nach Redarf gesteigert wurde. Eine gleichmäßige 
Temperatur war aber besonders für die weitere dekorative Be- 
handlung der bereits in den Grundformen fertig gestellten 
Gegenstände von großem Vorteile. Zur Regulierung diente 
auch der dreiteilige Ofen, in dessen Fächern die Gläser ver- 
schiedenen Hitzegraden ausgesetzt waren und allmählich er- 
kalten konnten, indem man sie aus den wärmeren Abteilungen 
mit einer hölzernen Schaufel in eine kühlere und schließlich 
auf die äußere Plattform in freie Luft, bez. in die Wohnungs- 
temperatur übertrug. Wir müssen ja wohl annehmen, daß dit- 
drei Plattformen mit den Schmelzöfen sich innerhalb eines Ge- 
bäudes, vielleicht eines Fachwerkbaues befanden, von dem sich 
keine Spuren mehr erhalten haben. Frst dann gewinnt der 
unterirdische Ileizungskanal seine richtige Bedeutung. 

Die Funde beweisen, daß man in Wilderspool auch (ilas- 
perlen herstellte, obwohl dieser bei den Barbaren des Nordens 
ebenso wie bei den Negern der Ost- und Westküsten Afrikas 
geschätzte .Schmuck in überwiegenden Massen aus der großen 
Weltindustriestadt Alexandrien eing-eführt wurde. Mögen auch 
sehr viele der in gallisch -rheinischen und britannischen Glas- 
werkstätten gefundenen Perlen von solchem Import her- 
rühren, so gibt es doch für eine Nachahmung dieser fremden 
Muster Beweisstücke genug. Dazu gehören die aufgefundenen 
farbigen Pasten, die man gleichfalls aus Alexandrien, aber auch 
aus Italien, Belgica und anderen gallischen Betrieben bezog. Aus 
ihnen wurden die farbigen Glasperlen selbst hergestellt oder die 
Fäden gezogen, mit welchen man farblose Perlen schmückte. 
Diiß man auch Filigranglas herstellte, scheint jene Perle zu er- 
geben, die mit einem blau-weißen zusammengedrehten Reif um- 
wickelt ist. Neben Gravierung und Schliff verstand man sich 
auch auf das Blasen in Hohlformen, wie das Bruchstück eines 
Bechers mit dem Relief eines Wagenrennens ergibt. Das würde 
Schuermans' Vermutung aufs neue bestätigen, daß diese Sorte 
von Gläsern außer dem nördlichen Gallien in Britannien selbst 
eine Heimat gefunden habe. 

Im allgemeinen hat der Glasofen bis auf die neuere Zeit 
keine erheblichen Wandlungen durchgemacht. Die älteste Ab- 



*g 



bildung eines sol- 
chen in Agricolas 
Buche: „De re me- 
tallica" aus dem 
XVI. Jahrh. stimmt 
noch mit der Be- 
schreibung" des He- 
raclius überein 1 ). Sie 
zeigt einen Aufbau 
in Form eines ei- 
runden Bienenkor- 
bes, welcher in drei 
Stockwerke geteilt 
ist, wie ein gewöhn- 
licher Ziegelofen. 
Die oberste Kam- 
mer, 6 Fuß lang, 
4 breit und 2 hoch, 
hat an einer Seite 
eine Öffnung, durch 
welche das gepul- 
verte Rohmaterkd, 
Kieselerde und Al- 
kali, in Tiegeln 
einem Feuer aus 
trockenem Holze 
ausgesetzt wurde, 
um zu schmelzen 
und sich in Klumpen 
unreiner Masse zu 
verwandeln. Nach- 
dem diese erkaltet 
waren, wurden sie 
zerbrochen, die un- 
brauchbaren Stücke 




MMLCELERINVS 



CIVIS-AGRIPPINE 
VETEMEGXGPF 
VIVOS-FECITSIBI 
ETMAROAEPRO 

CVIAE'VXOKI 



*>f %£i4y 



Abb. 14. Grabstein des M. Valerius Celerinus aus Astigis in 

Spanien, Bürgers von Köln, Veteranen der X. Legion und 

seiner Gattin Marcia Procula. Köln, Mus.^Wallraf-Richartz. 

p ^,2 37^24 



1 ) Agricola, de re 
ofens ist Seite 37 dieses 



metallica lib. IX. p. 337 — 339. Die Abbildung seines Glas- 
Werkes wiedergegeben. 



,■ ■ ■;::• W ^W-; 



30 

entfernt und die übrigen in Pfannen aus feuerfestem Ton in der 
zweiten Abteilung des Ofens, dem sogen. Sitze, abermals zum 
Schmelzen gebracht. Dieser war mit der oberen durch eine vier- 
eckige Öffnung im Zwischenboden verbunden, während eine an- 
dere, runde Öffnung von ihm nach abwärts führte und die Hitze, 
freilich bereits in vermindertem Grade, nach der untersten Ab- 
teilung leitete, in welcher halb- oder ganz vollendete Glasgefäße 
aufgestellt wurden, teils um sie während der Arbeit neu anzu- 
wärmen, teils um sie abzukühlen. 

Die moderne Glasindustrie verfügt seit der Erfindung der 
Siemensschen Gasfeuerung über einen außerordentlich hohen 
Hitzegrad und über gewaltige technische Hilfemittel aller Art. 
In einfacheren Betrieben verwendet man aber immer noch den 
sogen. Krippenschmelzofen, der den älteren verwandt ist. Es 
ist ein viereckiger Aufbau aus Ziegeln, durch dessen Vorder- 
seite zylindrische Röhren von verschiedener Länge eingeführt 
sind, die aus feuerfestem Ton bestehen, 9—10 engl. Zoll Durch- 
messer bei einer Wandungsdicke von 2 Zoll haben und schräge 
liegen, damit man leichter durch sie hineinsehen und hineinlangen 
kann. Das Feuer wird durch eine kleine Öffnung im Boden ein- 
geführt und spielt von allen Seiten um die Schmelztiegel, die im 
Inneren der Krippe aufgestellt sind. Der Luftzug wird dadurch 
erzielt, daß man von der oberen Spitze der Krippe einen Kanal 
zur Feuerstelle führt. 



II. 



Die Glasarbeit in Ägypten und im alten 

Oriente. 



<rü-r^W&%$ 



Die Glasarbeit in Ägypten und im alten Oriente. 



Ägypten. 



Der Hauptbestandteil des Glases, der Kiessand, kommt nur 
an wenigen Orten in entsprechender Reinheit vor. Ehe man 
das Verfahren g-efunden hatte, die störenden Beimengungen zu 
entfernen, bez. den Kiessand durch den eisenfreien Ouarzkiesel 
zu ersetzen, war die Glasm acherei naturgemäß an diese wenigen 
Orte und deren nähere Umgebung' gebunden. In erster Linie 
waren es die Ufer des Nil und die des Belus in Phönizien. Den 
Alten galt das seefahrende Handelsvolk an der syrischen Küste 
als Erfinder des Glases. Phönizische Schiffer, so heißt es bei 
Plinius, wollten sich am Meeresufer eine Mahlzeit bereiten. Da 
sie keine Steine fanden um den Kochkessel daraufzusetzen, 
nahmen sie Stücke .Sodas von der Schiffsladung" und machten 
sich daraus einen Jlerd zurecht. In der Glut des llolzfeuers 
habe sich die Soda mit dem darunter liegenden .Sande vermischt 
und so wäre zufällig zum ersten Male Glas entstanden. Dies ist 
aber technisch unmöglich, weil das g-ewöhnliche Herdfeuer zum 
Schmelzen von Sand und .Soda nicht ausreicht; hierzu ist eine 
I litze von iooo — 1200 Zentigraden nötig". Auch daß am Meeres- 
ufer Steine gefehlt haben sollen, klingt sehr unglaubwürdig. 
Trotzdem haben einige Forscher, namentlich Eroehner 1 ), von 
der Anekdote etwas für die Phönizier zu retten versucht, indem 
sie diesen zuerst die Anwendung eines mineralischen Alkalis an 
Stelle des früher ausschließlich üblichen vegetabilischen, die des 
Salpeters als Flußmittel, zuschrieben. Die Völker, welche das 



*) Froehner, a. a. O. S. 3. 
Kisa, Das Glas im Altertume. 






34 

Glas vor den Phöniziern kannten, hatten als Flußmittel nur die 
PotUische, ein vegetabilisches, durch Verbrennung von Pflanzen- 
asche gewonnenes Alkali verwendet. Dergleichen glaubten sie 
nämlich als historischen Kern der Sage herausschälen zu können. 
Zugleich war damit ausgesprochen, daß den Phöniziern durch 
dieses mineralische Alkali die Herstellung eines farblos-durchsich- 
tigen Glases anstatt des bisherigen unreinen gelungen sei, eines 
Glases, wie es sich zur Behandlung mit der Pfeife, als geblasenes 
Glas eigne. Diese Ansicht ist aber vom Standpunkte des Tech- 
nikers aus unhaltbar. Wenn die Phönizier auch tatsächlich zuerst 
Soda als Flußmittel benutzt hätten, so würde darin doch kein 
technischer Fortschritt liegen, weil es ganz gleichgültig" ist, ob 
Pottasche (Kali) oder Salpeter (Natrium, Soda) zum Schmelzen 
verwendet wird. Man kann auf beide Art gleich gutes durch- 
sichtiges, farbloses Glas herstellen. Die Reinheit hängt nicht 
sowohl vom Flußmittel als von der zur Schmelze verwendeten 
Kieselerde ab. Damit fällt auch Froehners Annahme, daß den 
Phöniziern die Erfindung des farblos-durchsichtigen Glases zuzu- 
schreiben sei. 1 ) 

Die ältesten Spuren des Glases führen uns unzweifelhaft 
in das Pharaonenland. Sie reichen hier bis in das IV. Jahr- 
tausend vor Chr. zurück, wenn iiuch damals die Beiirbeitung mit 
der Pfeife, das Blasen des Glases, noch nicht bekannt war, wie 
man bisher nach den der 12. Dynastie angehörigen Darstellungen 
von Beni Hasan angenommen hat. Diese zeigen Szenen aus dem 
Leben eines Beamten des Pharao Usertesen I. und kommen 
g - anz gleich oder ähnlich auch in anderen Gräbern des mittleren 
und neuen Reiches sehr häufig vor.') (Abb. 1.) Unmöglich ist es sie 
auf das Glasblasen zu deuten, da man aus dieser Zeit noch keine 
geblasenen Gläser gefunden hat. F. F. Griffith hat vielmehr nach- 



*) Diese wird besonders von Carl Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 bei 
Besprechung des Froehnerschen Werkes scharf bekämpft. 

2 ) Fig. 1 nach Maspero, archeologie egyptienne S. 247. Perrot und Chipiez, 
histoire de l'art dans l'antiquite I 829, III 933, deutsche Ausgabe S. 763. Lepsius, 
Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien II 13. Wilkinson, manners and customs II 2, 
140. Brugsch, Wörterbuch VII 1187. Steindorff, das Kunstgewerbe der alten Aegypter 
S. 10 Gerspach, verrerie antique S. 9. — Vgl. auch v. Bissing, recueil des travaux 28, 
S. 20. 



35 



g-ewiesen, daß das bemalte Relief von Beni Hasan, das sich an 
der nördlichen Seite der Westmauer des Grabes II befindet, wie 
gewöhnlich mit Darstellungen des Metallwägens verbunden sei 
und zu einer größeren Folge von Szenen gehöre, welche die 
verschiedenen Stadien der Metallbearbeitung schildern. 1 ) Es 
zeigt das Ausblasen des .Schmelzofens um darin Metall zu er- 
hitzen. Die beiden Männer blasen zu diesem Zwecke die Flammen 
mit sehr dünnen und langen Röhren primitiver Art an, die aus 
Metall geformt und an der 
Spitze, um diese vor dem 
Feuer zu schützen, mit 
einer birnförmigen i Kille 
feuerfestenTones umgeben 
sind. Die helle grünlich- 
graue Farbe des Tones 
sowie der Wände des 
Schmelzofens hat manches 
dazu beigetragen, daß man 
die I lulle für eine Glasblase 
ansah. Gleiche Szenen wie- 
derholen sich in den Gräbern der 18. Dynastie (ca. 1600 bis 
1368), wie z. B. in dem des Rechmara in Theben, doch 
sind hier die Blasen nicht grünlich sondern g'elb, was noch 
deutlicher auf Metall hinweist. Andere ähnliche Darstellung*en 
sieht man in Gräbern des alten Reiches auf der Hoch- 
ebene von Sakkarah, welche der vierten, vielleicht der dritten 
Dynastie angehören, 2 ) Bei dem Vergleiche der älteren Dar- 
stellungen mit solchen aus späterer Zeit findet man bereits große 
Fortschritte in der Technik, die in Beni Hasan genau dieselbe 
ist, wie man sie noch heute bei den kleinen Metallarbeitern In- 
diens beobachten kann. Anstatt allein ihre Lungen anzustrengen, 
haben die späteren Arbeiter bereits Blasebälge eingerichtet, die 
mit dem Fuße betrieben werden, so daß ein starker Zug durch 




Abb. 15. Tragegestell für Lagonen. 
Museum von Neapel. 



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&<i,3Z4 



l ) L. Griffith, archeological survey of Egypt. Beni Hasan, part. IV. Die 
früher für Glasbläserei gehaltene Szene ist in Farbendruck auf T. XX wiedergegeben 
und im Texte S. 6 f. beschrieben. 

-) Sauzay, les merveilles de la verrerie S. 5. Lepsius, Denkmäler II 13, 49. 
P>rugsch, die ägypt. Gräberwelt S. 24. 



36 

ein daneben befestigtes Rohr in das Feuer geleitet wird. Die 
bloße Pfeife wird allerdings noch benutzt, jedoch nur für kleinere 
und feinere Arbeiten. In der 26. saitischen Dynastie (666 — 525) 
wurden die alten Darstellungen in den Gräbern kopiert, darunter 
auch mehrmals die von Beni Hasan und andere Szenen von 
Metallbearbeitung;. Dagegen fehlen solche von Glasbläserei auch 
in dieser Periode noch ganz. Offenbar war das geblasene Glas 
selbst im VI. Jahrh. vor Chr. noch unbekannt. 

Zum ersten Male tritt uns eine glasartige Substanz in der 
Ausstattung eines hölzernen Kästchens im Ashmolean-Museum zu 
Oxford entgegen, das aus der Sammlung Amelineau stammt 
und der 1. Dynastie angehört. Es enthält Einlagen aus grün- 
blauer Fayence und eine schwarze Glasperle; vielleicht ist 
auch die grünblaue Masse besser als Glaspaste zu bezeichnen. 
Auf dasselbe ehrwürdige Alter darf ein Fayenceplättchen in 
demselben Museum zurückblicken, in welches eine schwarze, fast 
undurchsichtige Glaseinlage in Gestalt einer 8 eingelassen ist. 
Dann kommen vereinzelt Gkisperlen schon im alten und mitt- 
leren Reiche vor; eine grünliche, ungefärbte Perle von runder, 
nur an den Durchbohrungsstellen abgeplatteter Form trägt den 
Namen Amenophis' I. 1 ) 

Die Glasfunde, welche bis in die 11. Dynastie (3050 bis 
2840), bis zur Erhebung Thebens, der „Gottesstadt", zur Resi- 
denz und früher hinaufreichen, zeigen uns eine undurchsichtige 
Masse von lebhafter, oft glänzender Farbe, die in teigartig" 
weichem Zustande mit freier bland zu Gefäßen, Perlen, Amu- 
letten, künstlichen Edelsteinen mit Reliefschmuck oder glatter 
Fläche, zu Ringen, Halsketten, Anhängern, Zierbändern, Gehängen 
in Form von tierischen und menschlichen Figmren sowie ver- 
schiedenen Gegenständen, zu Einlagen und Auflagen in Form 
von Hieroglyphen und Ornamenten u. a. verwendet wurde. In 
dieser ersten und ältesten Periode der Glasindustrie diente da- 
durch Schmelzprozeß gewonnene Pasta durchweg zur Nachbil- 
dung farbiger Edelsteine und emaillierter Tonwaren. Die che- 
mische Analyse zeigt, daß sie ungefähr dieselbe Zusammensetzung- 



l ) Ich verdanke diese Angaben brieflichen Mitteilungen des Herrn Professors 
Freiherrn von nissing in München. 



37 



wie das Glas von heute hatte, aber außer Kieselerde, Kalk, Alkali, 
Soda verhältnismäßig" große Mengen fremder BesUmdteile, wie 
Kupfer, Eisen, Manganoxyde enthielt, von welchen man sie nicht 
zu befreien vermochte. Die schönen dunkelblauen Fläschchen 
enthalten noch Brogniart, Kieselsäure, Kalk, Alkali, Kupfer u. a. 
Die an sich aus der ersten Schmelze in bläulichgrüner Farbe hervor- 
gegangene Masse wurde in der 
zweiten Schmelze durch Bei- 
mengung von Metalloxyden noch 
stärker und tiefer gefärbt: Durch 
Kupfer und Kobalt blau, durch 
ersteres je nach dem Hitzegrade 
mehr oder weniger leuchtend 
grün, durch Mangan violett und 
braun, durch Eisen gelb, durch 
Blei oder Zinn opak-weiß. Eine 
.Sorte von leuchtendem Purpurrot 
enthält 3O°/ Kupfer (Bronze) und 
bedeckt sich unter dem Einfluße 
von Feuchtigkeit oft mit Grün- 
span. Natürlich war die Chemie 
der alten Ägypter rein empirisch 
und intuitiv, auf bloßen Werk- 
statt-Überlieferungen und prak- 
tischen Erfahrungen beruhend. 
Die Arbeiter fanden die zur 
Färbung nötigen .Stoffe in der 
Nähe der Ofen oder bezogen sie 

durch den I landel aus anderen Werkstätten. Sie benutzten die 
Metalloxyde in dem Zustande, in welchem sie sich ihnen boten, 
mit allen fremden Beimengungen, ohne die Gewißheit zu haben, 
die gewollte Farbe auch wirklich zu erzielen, ohne dafür bürgen 
zu können, ein bestimmtes Muster zu erreichen. So sind manche 
der schönen Farbenzusammenstellungen nur dem Zufalle zu 
verdanken und kein zweites Mal mit Absicht wieder erreicht 
worden. 

Die reichen Funde von opak -farbigen Gläsern in ägyp- 
tischen Gräbern des neuen Reiches haben endgültig mit der 




Abb. 16. Schmelzofen nach Agricola. 



p ^ 



38 

Fabel aufgeräumt, daß das alte in Ägypten vorhandene Glas 
phönizischen oder cyprischen Ursprunges ist. Der großen ägyp- 
tischen Ausbeute steht in den Lokalfunden dieser beiden Länder 
ein verhältnismäßig so geringes Quantum entgegen, daß man un- 
bedingt das Verhältnis umkehren, ägyptische Einfuhr in Phönizien, 
Cypern und den anderen Gebieten des Orientes annehmen muß. 
Namentlich die Ausgrabungen von Theben haben bewiesen, daß 
seit dem Ende des IL Jahrtausends vor Chr. und schon vorher der 
Gebrauch und die Herstellung farbiger Gläser in Ägypten ganz 
allgemein war. 1 ) In Kurned Murrai und in Schech Abd el 
Kurna kamen nicht nur zahlreiche Perlen, Amulette für Tote, 
kleine .Säulchen, Herzen, mystische Augen, Nilpferdchen, Enten 
aus blauer, roter und mehrfarbiger Glaspaste, sondern auch Ge- 
fäße zum Vorschein, die man früher für phönizisch hielt, solange 
man unter dem Banne jener Anekdote stand, welche den Phöni- 
ziern die Erfindung des Glases zuschreibt. Ein Amulett aus 
blauem Glase im Britischen Museum, bezeichnet mit dem Namen 
Antefs IV., versetzt man in die Zeit von etwa 2420 bis 2380 
(13. Dynastie). 2 ) Sonst wird es seit der 18. Dynastie (um 1500 
vor Chr.), in der Blütezeit Thebens, Sitte, Glasgefäße mit dem 
Namen des regierenden Königs zu versehen. Gläser mit dem 
Namen von Königen der 18. und 19. Dynastie fand man in Theben 
und in den Ruinen des Ilathortempels auf der Halbinsel Sinai. Der 
Name einer Schwester Tutmosis' III., der Prinzessin Hatschepsut 
(Ilatasu) steht auf einer Perle von schwarzgrünem, dem Obsidian 
ähnlichen Glase im Britischen Museum, ebenso auf einer türkis- 
blauen Kugelperle bei Professor Wiedemann in Bonn. Von beiden 
wird noch einmal die Rede sein. Die I Iieroglyphenschrift dieser 
Bezeichnungen begann zuerst Mißtrauen gegen den angeblich 
phönizischen Ursprung der Glaswaren zu erregen. Die Blütezeit 
Thebens (1600 bis etwa 900 vor Chr.) ist gleichzeitig die erste 
Blütezeit der Glasindustrie, d.h. die der opak-farbigen Paste. 
Den Namen Tutmes oder Tutmosis III. (um 1500) trägt ein 
Kännchen aus hellblauem opakem Glase im Britischen Museum, 
das am Halse mit einem eierstabartigen Muster in braungelb, 



1 ) Maspero a. a. O. S. 248 f. 

2 ) Fowler, on the process of decay in glass in Archaeologia 46 (t88o) S. 65 f. 



39 



am Bauche mit vier aufsteigenden gleichfalls braungelben Rispen 
geschmückt ist, dessen Zweige mit kleinen Knötchen endigen. 
Dazwischen befinden sich, von gelben Bändern und weißen 
Punktreihen umschlossen, braune Hieroglyphen, die den Namen 
des Königs bezeichnen. Der einfach gebogene, aus einem dicken 

Rundfaden hergestellte Henkel ist hell- 
blau und mit weißen, dunkelblauen und 
gelben Streifen gemustert, der Rand und 
Fuß des Gefäßes von gelben Fäden 





Abb. 17. Syrische Balsamarien. p ^8 ( 



3 29 42$ 



umgeben (Abb. 2). 1 ) Die Vase ahmt offenbar in Form und 
Verzierung ein glasiertes Tongefäß nach, und die Dicke der 
Wandung, die Stärke der Mündungsplatte fördern diesen Ein- 
druck. Die Rispen sind gewissen in sumpfigen Gegenden, 
auch am Nil häufigen Pflanzenformen getreu nachgebildet. 
In ihrer primitiv steifen Form unterscheiden sie sich sehr von 
den schwungvollen Linien des sogenannten Farnkrautmusters, 
das noch in derselben Periode auftaucht und bis in die 
Kaiserzeit hinein in der ägyptischen Glasindustrie eine hervor- 
ragende Rolle spielt. Am schönsten wurde es in der frühen 
Kaiserzeit ausgebildet, in der Glanzepoche Alexandriens, und 
selbst von der gallisch-rheinischen Glasmacherei, ja noch von der 



') Nach schriftlichen Mitteilungen, welche ich Herrn Prof. v. Bissing verdanke. 



40 

fränkischen, auf Gefäßen und Schmuckperlen nachgeahmt. Den 
Namen Farnkrautmuster trägt es übrigens ebenso zu Unrecht, 
wie wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Barte einer zum Schreiben 
zugestutzten Kielfeder den des Federmusters. Das Farnkraut 
ist in der Flora Ägyptens kaum vertreten. In Wirklichkeit ist 
das Motiv dem Gefieder der Phönixpalme und dem Blatte der 
Papyrusstaude entlehnt. 1 ) Das Kännchen Tutmosis' III. gilt für 
das älteste erhaltene Glasgefäß Ägyptens. Nicht viel jünger sind 
einige teils wohlerhaltene, teils glücklich aus .Scherben wieder 
zusammengesetzte Gläser und viele Brvichstücke von solchen, 
welche Daressy in den Gräbern des Maherpra und Amenophis' IL, 
des Nachfolgers Tutmosis' III., in Theben entdeckt hat. 

Viel zierlicher und leichter in Form und Verzierung als dieses 
ist das Kugelfläschchen mit sogenannten Farnkrautmuster (Fig. 4), 
das in die Zeit derselben Dynastie gehört. Es ist 8 cm hoch, 
von leuchtender türkisblauer Grundfarbe, vollkommen fleckenlos 
wie ein Edelstein und gleichfalls mit gelb gemustert. Den Rand 
umgibt ein gelber Fadenring. Die kleinen, aus einem etwas 
stärkeren Faden zusammengerollten, dicht an den kurzen Hals 
gedrückten Ösen finden sich in dieser Form bei Ol- und 
Parfümfläschchen bis tief in die Kaiserzeit hinein. In der Ptole- 
mäerzeit und später erhalten sie unter den Händen griechisch 
geschulter Arbeiter manchmal die Gestalt kleiner Delphine und 
werden danach auch dann benannt, wenn der Faden in seinen 
zufälligen Bildungen nichts mehr von der Gestalt eines Delphines 
verrät. Durch die kleinen Löcher wurden Bronzeringe gezogen 
und das Fläschchen mittels dieser und einem Kettchen an den 
Gürtel gehängt. Solche Gehänge haben sich an einfachen Bade- 
fläschchen aus bläulich grünem Glase noch häufig in Gräbern 
der Kaiserzeit erhalten. In der Keramik traten an die Stelle 
der kleinen Ösen oft Figürchen hockender, an einen Hals in 
Form eines Lotuskapitells angelehnter Affen (vgl. Abb. 13, No. 9). 
Ein anderes beliebtes Muster zeigt eine Amphoriske von nicht 



*) Die Vase Tutmosis' III ist auch bei Fowler a. a. O. und bei Deville, hist. 
de la verrerie T. IV I abgebildet. Über die Funde Daressys vgl. Fouilles de la vallee 
des rois I. Tombes de Maherpra et d' Amenophis II T. 7. Auch Maspero, guide of 
Cairo Museum. Englische Ausgabe mit Register S. 444. 



4i 



g-anz regelmäßiger spitzbauchiger Gestalt (Abb. 5), von tiefoliv- 
grüner Grundfarbe, etwas durchscheinend, an der dicksten Stelle 
mit einem mehrfachen Zickzackbande in gelb und blau umgeben, 
das von gelben Reifen und Wellenlinien eingefaßt ist. Die ähn- 
lich wie bei dem vori- 
gen Stücke geformten 
Ösenhenkel sind licht- 
grün, der Faden und 
die Mündung türkis- 
blau. Die in einen 
Knopf oder eine Spitze 
endigende Gestalt war 
neben der kugeligen 
oder ovalen, sowie der 
mit einer kleinen run- 
den Fußplatte versehe- 
nen, bei den kleinen 
zierlichen Alabastren 
bis in die Zeit der 
Claudier hinein beliebt. 
Aus dieser Periode 
stammen die Gläser 
der Sammlung M. vom 
Rath in Köln (Taf. II). 
Von besonderem 
Interesse sind die 
Becher, welche der 
Prinzessin Nsichonsu 
(aus der 21. Dynastie, 
za. 1 100 bis 1000 vor 
Chr.) in ihr Grab zu 
Deir-el-Bahari beige- 
geben waren. Sieben 

von ihnen sind aus ziemlich dickwandiger, etwa 5 mm starker, 
hellgrüner, gelber oder blauer Glaspaste, vier aus schwarzer, 
mit weißen, unregelmäßigen, größeren und kleineren Flecken, 
einer mit vielfarbigem Farnkrautmuster, das in senkrechten 
Linien in dichter Reihung das Gefäß umgibt und an den 




Abb. 18. Syrische Balsamarien. 
Sammlung M. vom Rath, Köln. 



p <? g^af^as 



42 



Rändern von farbigen Fäden abgeschlossen ist (Fig. 6). Die 
Form der Becher ist uns sehr vertraut. Diese einfachen zylindri- 
schen Gefäße finden sich in allen Perioden der Antike, in 
Pompeji ebenso wie in gallischen, rheinischen und nordischen 
Gräbern aus der Kaiserzeit. Sie waren damals ebenso modern 
wie heute. Unser anspruchloses Wasserglas kann sich einer 
Ahnenreihe rühmen, wie sie kaum ein anderes Stück des Haus- 
rates in gleich stattlicher Länge aufzuweisen hat. 

Aus den Gräbern von Gurob, die noch der i S.Dynastie angehö- 
ren, stammen zwei schöne mehrfarbige Gläser 
des Musee du Cinquantenaire in Brüssel. Das 
eine ist ein schlauchförmiges Fläschchen mit 
kurzem, breitem Halse und dickem Randwulst, 
an der Spitze abgebrochen, verziert mit mehr- 
farbigen, mit den Spitzen nach oben g-ekehrten 
Wellenbändern. 1 ) Das andere, gleichfalls ein 
Fläschchen, ist gut erhalten, hat genau die 
Form einer Säule mit Palmenkapitell, wie 
manche der in Gräbern gefundenen gläsernen 
Amulette, und ist gleichfalls mit mehrfarbigen 
Wellenbändern verziert, welche jedoch im 
oberen Teile des Gefäßes zum Zickzack wer- 
den (Abb. /). Unterhalb des Kapitells zieht 
sich ein vierfacher Faden herum, der wie alle 
anderen bisher beobachteten Verzierungen 
vollkommen flach ist und nirgends plastisch hervorragt. Das 
ist dadurch erzielt, daß man den aufgelegten Faden nicht nur 
durch Rollen auf dem Marmor in die noch weiche Gefäß- 
in asse eindrückte, sondern das fertige Gefäß nach dem Frkalten 
auch noch sorgfältig' abschliff. Die Säulenform verdient be- 
sondere Aufmerksamkeit, weil sie den Ursprung einer weit- 
verbreiteten Klasse antiker Gläser enthüllt, nämlich der in 
Gräbern häufigen Fläschchen für Öle und Parfüme von schlank 
zylindrischer Gestalt. Das Kapitell verschwand im Laufe der 
Zeit und wurde durch eine trichterförmig* erweiterte Mündung 




Abb 



19. Groteske 
Maske. 
Alexandrinisch. 



1 ) Jean Capart, guide descr. des antiqu. egypt. des musees roy. du Cinquan- 
tenaire ä Bruxelles 1905. S. 92 f. Abb. S. 96, Fig. 19a. 



43 



ersetzt, in deren äußerem Umrisse noch die ursprüngliche Form 
des Pflanzenkapitells deutlich nachklingt. Auch die Fußplatte 
erfuhr mannigfache Umbildungen. 1 ) 

Aus einem Grabe der 18. Dynastie stammt auch ein anderes 
Fläschchen, das den mehrfarbigen Zickzackschmuck in reicher 
Ausbildung" zeigt und zugleich das bisher beobachtete Formen- 
material um den so häufigen Typus des Kugelfläschchens mit 
runder, auf einem dünnen geschweiften Fuße angesetzter Stand- 
platte bereichert (Abb. 8). Das Grab, welches die Überreste des 
Pharao Tutmosis IV. (um 1400 vor Chr.) umschloß, wurde vom 
I Ioward Carter und Percy F. Newberry ver- 
öffentlicht. ") Das Fläschchen, 9 cm hoch und 
6 cm im größten Durchmesser, trägt auf 
kugeligem Bauche einen kurzen Hals mit 
dickem Randwulst und ist von hell türkis- 
blauer Grundfarbe. Das Zickzack zeigt einen 
Wechsel von lichtblauen, gelben, violetten, 
weißen und schwarzen Streifen. Auch am 
1 Ialse wird ein unregelmäßiges Zickzack von 
g'elb, weiß und schwarz sichtbar. Die Profile 
sind an diesem Stücke etwas schwerfällig', 
leichter und gefälliger waren die Randprofile 
einiger Becher geformt, von welchen sich 

Bruchstücke in demselben Grabe erhalten haben. Sie hatten ent- 
weder zylindrische, nach oben etwas geschweifte, oder kugelig-e 
Gestalt. Die Mündungen sind teils schräg-e, teils flach gerandet 
und einfach, aber scharf gekantet, ähnlich wie Tonbecher aus 
augusteischer und flavischer Epoche am Rhein. :! ) 

Seit den Zeiten der großen thebanischen Dynastien waren die 
Glas- und die Glasurwerkstätten in voller Tätig-keit. Kleine Hügel 
von Abfällen, Überreste von Glaswerkstätten bezeichnen noch 
beim Ramesseum in Theben, in Fl-Kab, auf dem Teil von Asch- 




Abb. 20. Maskenperle. 
Alexandrinisch. \p 



<*3 



1 ) Vgl. die Abbildungen gallischer Parfumtiäsclichen in meinem Kataloge der 
Sammlung M. vom Rath in Köln 1899. T. V, 47, 49, 51, 53. Das Brüsseler 
Fläschchen ist abgebildet bei Capart a. a. O. S. 96, Fig. 19b. 

'-') Howard Carter & Percy E. Newberry, tomb of Thoutmosis IV. Wcstminster 
1904 T. XXVII 1. 

3 ) Abbildungen in dem vorgenannten Werke. 



44 

munem die Stellen, an welchen einst .Schmelzöfen standen. Selbst 
in der lybischen Wüste stieß man bei Natronsümpfen auf die 
Reste uralter Glaswerkstätten. 1 ) Antike Schriftsteller berichten 
von allerlei Gefäßen, Schmucksachen und anderem Zierrat aus 
Glas. So sah Ilerodot an den heiligen Krokodilen große bunte 
Kugeln aus Glas. Aber auch architektonische und plastische Werke 
sollen aus den Glaswerkstätten hervorgegangen sein. Der 
Kommentar zu Pomponius Mela sagt den Ägyptern nach, daß 
sie große Statuen aus schwarzem Glase zu gießen verstünden. Nach 
Plinius befand sich im Tempel des Ammon eine 1 3 x / 2 Fuß (9 Ellen) 
hohe Statue des Serapis und ein aus vier Stücken zusammen- 
gesetzter Obelisk in Gesamthöhe von 40 Ellen, beide aus Snm- 
ragd. 2 ) Die Gelehrten schwanken, ob sie das Material dieser 
Arbeiten gleich dem der angeblichen Smaragdsäule im Tempel 
des Melkart zu Tyrus für Glas oder im Hinblicke auf eine ägyp- 
tische Statue in der Villa Albani in Rom, ein Sitzbild aus „Plasma 
di Smeraldo," prime d'emeraude, also doch für Smaragd, den 
lauchgrünen Praser halten sollen. 8 ). Die ungewöhnliche Größe, 
besonders des Obelisken, macht aber die Anwendung dieses kost- 
baren Materials unwahrscheinlich. Aus Theophrast hat sich bei 
Plinius auch die Nachricht erhalten, daß aus Babylon ein 4 Ellen 
hoher Obelisk von Smaragd als Geschenk nach Ägypten gekommen 
sein soll. Bisher hat man in Ägypten solche Arbeiten weder in 
Glas noch in Smaragd wirklich gefunden. Bei den geringen tech- 
nischen Kenntnissen der antiken Schriftsteller sind namentlich die 
Berichte aus dem Wunderlande am Nil mit großer Vorsicht auf- 
zunehmen. Wenn sie sich über das Material täuschten, kann 
dies um so weniger auffallen, als es noch heute im Zeitalter 
der Naturwissenschaften derlei strittige Fälle gibt. So war man 
z. B. bis vor kurzem nicht darüber im klaren, ob die bereits 
erwähnte Collierperle der Prinzessin Ilatschepsut (Hatasu) aus 
Glas oder Obsidian bestehe; dem Äußeren nach sind diese Mate- 
rialien durchaus gleichartig. Seltsamerweise hat man die Ent- 
scheidung zwar hervorragenden Kennern wie Augustus Franks 



1 ) Vgl. Ilg in Lobmeyrs Glasindustrie S. 7. 

2 ) Plinius 39, 74, 75. Er hat seine Nachricht von Theophrast. 

3 ) Wilkinson a.a. O. — Visconti, la villa Albani S. 147 No. 1037. Froehncr a.a.O. 



45 





und Makelyne anheimgestellt, die zu keinem Ergebnis gelangten, 
aber die sehr naheliegende chemische Untersuchung erst zum 
Schluße vorgenommen. Diese ergab nach Wilkinson das spe- 
zifische Gewicht von Kronglas, also Glas. 1 ) Dieses Ergebnis 
braucht nicht zu überraschen, da schon damals die Herstellung 
schwarzen Glases keine Schwierigkeiten bot. Es hat unsere 
Kenntnis der alten ägyptischen Glasmacherei wenig gefördert, 
daß man sich anfangs zu ängstlich bemühte, durch philologische 
Untersuchungen die Nachrichten der alten Autoren aufzuklären 
und sich erst spät dazu entschloß die Eunde selbst sprechen zu lassen. 
Die Erage nach dem Mate- 
rial der Riesenstatuen und 
der Riesenobelisken scheint 
gleichfalls durch Funde ge- 
löst zu sein. Die später zu 
erwähnenden Überreste von 
Palastbauten enthalten so 
viele Arbeiten in glasiertem 
Ton, daß wir diese Technik 

auch für die von Plinius genannten Werke in Anspruch nehmen 
können. 

Ein langwieriger Streit entspann sich über die Nachrichten 
von gläsernen Särgen der Ägypter, Athioper und anderer Völker 
des Ostens, llerodot und Diodor erzählen, daß die Ägypter 
von altersher ihre Toten in Särgen von dickem opakem Glase 
zu bestatten pflegten. Das wäre an sich nicht gerade undenkbar, 
wir haben aber auch dafür kein Beispiel. Doch könnte, ähnlich 
wie bei den mit glasierten Tonornamenten ausgelegten Säulen, 
der Schmuck die Veranlassung gegeben haben, mit ihm das 
Material des geschmückten Gegenstandes selbst zu bezeichnen. 
Vielleicht hatten die griechischen Schriftsteller jene Mumien- 
särge aus Alabaster und Holz im Sinne, die vollständig - mit 
Einlagen aus farbigem Glase inkrustiert waren. Sie konnten 
dann mit demselben Rechte von gläsernen Särgen sprechen, 
mit welchem wir heute manchmal von Emailbildern, Email- 
schmuck, von Reliquienschreinen und anderen Kostbarkeiten aus 



Abb. 21. Maskenperlen. Ägyptisch. f> 



?4 



Wilkinson a. a. O. I 53, III 90. Vgl. auch C. Friedrichs a. a. O. 



4 6 

Email sprechen, wobei wir über der Dekoration den Grund aus 
Gold, Kupfer und dergl. ignorieren. Ein derartiger nach alt- 
ägyptischer Sitte mit farbigen Glaspasten reich ausgelegter 
Sarkophag mag jener gewesen sein, in welchem nach Stra- 
bos Mitteilung S^deucus Eubiosactes den Leichnam Alexanders 
des Großen beisetzte. Augustus ließ sich diesen Sarg bei der 
Unterwerfung Ägyptens zeigen. 

(jrößere Schwierigkeiten bereitet die Erklärung der Nach- 
richt Herodots III., 24 über die Behandlung der Leichen bei 
den Athiopern, den Nachbarn der Ägypter. „Nach der Mu- 
mifizierung", schreibt der griechische Historiker, „bedeckt man 
den Körper mit einer Lage Gips, auf welchen die Ma!er ihre 
Farben auftragen, indem sie die Züge des Toten möglichst treu 
wiedergeben. Dann schließt man das ganze in einen Trog aus 
ausgehöhltem Glase. Dieses Glas ist leicht zu bearbeiten und 
wird in großen Mengen aus dem Boden gewonnen." Offenbar 
meint er hier wieder andere Särge als die früher genannten aus 
opakem und schwarzem Glase. Die Kommentatoren erklären 
den Stoff zur Füllung als „sei gemme", Salzstein, der in Äthio- 
pien häufig gefunden wird. Dagegen berichtet Diodor von Si- 
zilien, ein Zeitgenosse des Caesar und Augustus, ausdrücklich, 
daß die Äthioper den Leichnam mit geschmolzenem Gkse um- 
gaben und dann in einen durchsichtigen .Sarg" legten. Damit 
der Leichnam nicht durch das heiße Glas versengt werde, umgab 
man ihn nach Ktesias von Knidos (416 — 398 vor Chr.), einem 
griechischen Arzte am 1 Iofe des Perserkönigs in Susa, mit einer 
Schichte von Gold, bei minder Reichen von Silber, bei Armen 
von Töpferton und dann erst mit Glas. Bisher ist noch kein 
solcher Sarg aufgefunden worden. Die Nachricht von dem ge- 
schmolzenem Glase verträgt sich freilich nicht mit Salz oder 
einem anderen fossilen Stoffe. Herodot und Ktesias sagen aber 
ausdrücklich, daß das Material aus einem Steinbruche geholt 
wurde. Froehner 1 ) will dies damit erklären, daß er in dem 
Steinbruche die jenseits der Katarakte gelegenen Sanigruben 
sieht, aus welchen man den zur Glasbereitung nötigen Sand 
holte, und tritt so dafür ein, daß der Stoff zur Umbettung der 



*) Froehner a. a. O. S. 9 f. 



47 






Leichen wirklich Glas war. Wie soll man iiber schon zu Ilero- 
dots Zeiten durchsichtig -farbloses Glas in solchen Mengen her- 
gestellt haben? Schon dieser Anachronismus schließt die Erklä- 
rung Froehners aus. Da sich die Angaben der alten Schrift- 
steller widersprechen, ist eine Lösung des Rätsels schwer mög- 
lich. Wahrscheinlich bleibt aber, daß es eine gallert- oder leim- 
artige Flüssigkeit war, 
die man zur Konservie- 
rung der Leichen ver- 
wendete. An Marienglas 
ist kaum zu denken, ob- 
wohl dieses im Feuer 
leicht schmilzt und des- 
halb zum Umgießen 
hättte benützt werden 
können. 

.So verwirrend wie 
die Berichte der Alten 
über die Glasarbeiten 
der Pharaonenzeit, so 
klar sind die Ergeb- 
nisse, welche die neueren 
Funde und ihre tech- 
nisch sorgfältige Prüfung 
lieferten. Vor allem kom- 
men hier die Gläser- 
funde Daressys in The- 
ben in Betracht, welche 
nach unserem jetzigen 
Stande der Kenntnis zu 

den ältesten sicher datierten Gläsern nicht nur Ägyptens, 
sondern zu den ältesten Gläsern überhaupt gehören. In den 
Gräbern des Maherpra und denen des Amenophis IL wurden 
außer einigen vollkommen erhaltenen Glaskännchen gegen 
3000 Scherben farbiger Gläser mit den prächtigsten Fadenverzie- 
rungen, auch mit buntfarbigen Rosetten und anderen Mustern 
gefunden, welche im Vereine mit den Funden von Teil el Amarna 
beweisen, daß schon um 1400 vor Chr. die Industrie in 




Abb. 22. 



Becher des Königs Sargon. 
P 



Britisches Museum. o /O^ , <■! 2 



6 3i 



48 



hoher Blüte stand und namentlich die Herstellung leuchtender 
Farben in zahlreichen Varianten, sowie die Verzierung mit Wellen- 
und Zickzacklinien vollkommen ausgebildet war. Die Muster 
erscheinen ungemein reich, weil die einzelnen Fäden in vielen 
Reihen dicht zusammengepreßt sind. Die Unregelmäßigkeit der 
Linienführung wirkt nicht nur durchaus nicht störend, sondern 
erhöht vielmehr den Eindruck künstlerischer Freiheit. Darunter 
befindet sich ein unverziertes Kännchen aus blauer Paste, 14 cm 
hoch, kugelbauchig, mit langem Röhrenhalse und dünnem ge- 
schlängelten Henkel (Abb. 9) von sehr graziöser Form. Der 
Hals ist aus einem besonderen Stücke angefügt. Das Gefäß 
enthielt ein Parfüm, das zwar jetzt bis auf einen braunen Satz 
entwichen ist, sich aber immer noch durch seinen Wohkgeruch 
bemerkbar macht. Dieser ist nämlich teilweise in den Leinen- 
stopfen übergegangen, welcher die Mündung verschließt und 
mit gelben und roten Bändern umwickelt ist, die von einem 
rosenfarbigen Band umschnürt werden. 1 ) Ein anderes Fläsch- 
chen, leicht spitzbauchig, gleichfalls aus blauer Paste, die aber 
gegen das Licht grünlich durchscheint, ist am Halse mit vier 
Reihen von Zickzack in bunten Farben geschmückt (Kat. No. 
24059). Die zum Teil sehr ansehnlichen, mehr als die Hälfte 
von kugelbauchigen oder schlanken Fläschchen und Kännchen 
umfassenden Bruchstücke bieten mit ihren leuchtenden L"arben 
und reichen Mustern einen prächtigen Anblick (Kat. No. 24753 
bis 24843, Abb. T. XLII1) Eines zeigt auf dunkelblauem Grunde 
ein dichtes Wellenmuster und den Vornamen Amenophis IL Ein 
anderes ist melonenartig gegliedert, war ursprünglich etwa 20 cm 
hoch, 14 cm im Durchmesser breit und mit zwei blauen Henkeln 
versehen. Die bkiue Grundpaste ist in zehn senkrechten Riefen 
von gelben Längslinien durchzogen und jeder Abteil mit kleinen 
weißen Rosetten, rotem und grünem Sternmuster verziert, wo- 
bei zwischen den beiden oberen ein gelbes gleichschenkeliges 
Kreuz angebracht ist. F.s ist nachträglich gelungen, gerade 
dieses durch seinen eigenartigen .Schmuck ausgezeichnete Gefäß 
aus zahllosen Bruchstücken wieder zusammenzusetzen. Der Vor- 
name des Amenophis IL kehrt auf dem Reste einer anderen 



*) Vgl. Daressy a. a. O. No. 24057. 



49 

Vase wieder. Eine besonders schone cantharusähnliche Vasen- 
form mit Stengelfuß und breitem Halse ist in einem sehr ansehn- 
lichen Bruchstücke von lasurblauer Grundfarbe mit bunten Wellen- 
gehängen erhalten. Aus unzähligen kleinen Scherben hat man 
auch eine opakweiße Vase wieder zusammengebracht, deren Ver- 
zierung gleichfalls von der gewöhnlichen abweicht. .Sie besteht 
aus regellosen Wellenziigen in blau und braun, die den Körper 
bedecken, während der Hals von einem ganz dichten Zickzack 
in goldbraun und hellblau umgeben ist. Die Vase ist mit zwei 
Namensschildern Amenophis' IT. bezeichnet. Zu den vollständigen 




Abb. 23. Glasbügel von etruskischen Fibeln. 
München, Antiquarium. P 



Gefäßen und .Scherben von solchen kommt noch eine große 
Zahl von .Schmuckgegenständen und Bruchstücken von Arm- 
ringen aus dunkel- und hellblauer Paste, welche die in vor- 
römischer Zeit übliche Form gläserner Armbänder zeigen, außen 
gerundet, innen flach sind. Die Verzierung besteht außer farbigen 
Wellen-, Zickzack- und 1 lorizontalfäden in kleinen rautenförmigen 
Besatzstücken mit farbigen Rändern, welche so in die Masse 
eingedrückt sind, daß sie leicht hervorragen (Kat. No. 24834 
bis 24CS42). 

Auch in der Sammlung von Professor Freiherr v. Bissing 
in München befinden sich Glasfunde von 'Hieben aus der Zeit 
Amenophis' II. Einige fallen durch ihre Dünnwandigkeit und 
regelmäßige Gestalt auf, so daß man sie fast für geblasen 
halten könnte, wenn nicht die Innenseite deutliche Spuren des 
Tonkernes aufwiese. Interessant sind auch die opakweißen, voll- 
kommen milchfarbigen und glänzend polierten Stücke, eines mit 
türkisblauem Bandmuster, ein anderes mit braunen und dunkel- 
blauen Flecken. Aus der 18. Dynastie, aber von einem anderen 
späteren Funde, rührt das Bruchstück einer türkisblauen Glasvase 

Kisa, Das Glas im Altertunie. a 



50 



her, das mit schwungvollen und feinen Wellenranken in weiß und 
g"elb verziert ist; die Ranken sind nur am unteren Teile flach 
eingewalzt und liegen oben am Rande stark plastisch auf. Der- 
selben Sammlung gehört eine zierliche Amphoriske an, die 
nach der wohl verläßlichen Angabe des Händlers gleichfalls aus 
einem Grabe von Theben stammt und der 18. Dynastie an- 
gehört (Abb. 1 1). Ihre Form ist sehr graziös aus freier Hand 
gebildet. Am Ansätze des breiten Halses befinden sich zwei 
kleine Querhenkel, unten ein kurzer Stengelfuß mit Rundplatte. 
Der dunkel azurblaue Grund ist durchscheinend und matt- 
glänzend. Den Rand umgibt ein blau-weißer Spiralfaden, den 
I Lals ein dreifaches langgezogenes Zickzack in weiß, orangegelb 
und türkisblau, den Bauch ein gleiches, ciber vielliniges Ornament 
in denselben Farben. Die Henkel sind wie der Grund azur- 
blau. Bis auf eine kleine Lücke in der unteren Bauchung ist 
das Gefäß vollkommen erhalten. 

Nach Griffith sind alle Gläser des V. und IV. Jahrhundert 
vor Chr., die in Italien und Griechenland aufgetaucht sind, ebenso 
wie die Gläser der 18. und 19. Dynastie in Ägypten (1600 — 1220 
vor Chr.) über einen Kern geformt. Tatsächlich reicht aber die 
Modellierung aus freier Hand bis zur Kaiserzeit, bis zur Fr- 
findung der Glaspfeife, welche den neuen Stil des Glases be- 
gründete. Die langhalsigen Flaschen zeigen in ihrem Inneren 
noch die Spuren der rauhen aschigen Oberfläche der Form. Da 
das Glas opak war — vollkommen undurchsichtig sind von Natur 
aus allerdings nur gewisse rote Pasten, während alle übrigen 
bei genauer Prüfung leicht durchscheinend sind und ursprüng- 
lich, bei völlig glatter, unverwitterter Oberfläche, noch mehr Licht 
durchließen — war das Aussehen des Inneren unwesentlich, denn 
man wurde seiner nur gewahr, wenn das Gefäß zerbrochen war. 
Anders war es allerdings bei offenen Gefäßen, Bechern, Schalen 
u. dgl., deren Inneres sorgfältig geglättet, manchmal mit dem Rade 
übergangen werden mußte, bis auch die innere Fläche glatt und 
glänzend war. Da das Äußere einer so durchgreifenden Be- 
arbeitung" nicht bedurfte, erscheint es schon beim ersten Blicke 
weniger gTänzend und weicher als das Innere. 

Die in der Blütezeit der ersten Periode der Glasindustrie, jener 
der farbigen Paste, geübten Techniken schildert Flinders Petrie in 



5i 

seinem Berichte über die Ausgrabungen in Teil el Amarna sehr 
eingehend und mit völliger Sachkenntnis. 1 ) Die gewöhnliche Art 
Perlen zu erzeugen war, daß man einen dünn ausgezogenen 




( -2, 3 ' « 2. t 



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Abb. 24. Schmuckperlen. Vorrümisch. 

Glasfaden um einen Draht wickelte. Solche Drähte mit den 
noch daran haftenden Perlen wurden mehrfach gefunden. Mit 
Draht ist aber nicht unbedingt gezogener gemeint, da solcher 
noch nicht einmal den Römern bekannt gewesen sein dürfte. 

') F. Petrie a. a. O. Die Perlen sind T. XIII 59 — 61 abgebildet. 



4* 



52 

Das Stück Draht, das im Museum von Neapel als römisch gilt, 
ist noch nicht mit Sicherheit auf sein Alter bestimmt. Bronze- 
draht aus der 18. Dynastie aber zeigt unter der Lupe deutlich 
Spuren der Bearbeitung" mit dem 1 lammer. Viele Perlen waren 
unfertig" und glichen mehr Spiralen, weil das Ende des Fadens 
beim Zusammendrehen mit dem Körper der Perle nicht fest 
vereinigt worden war. Solche Korkzieherformen waren nicht 
selten. 1 ) Flache Perlen erzielte man einfach durch Zusammen- 
pressen der g-ewickelten , die man dann durchschnitt. 2 ) Die 
Perlen zum Anhängen, bis i 1 /., Zoll lang", zeigen in der hellen 
Struktur der Masse deutlich die Fadenspiralen, aus welchen sie 
entstanden sind. Jede Perle dieser Epoche hat den kennzeich- 
nenden Ausg-ang- in eine läng-ere oder kürzere Spitze, die sich 
durch das Abschneiden des Fadens ergab. Dag-egen sind alle 
Perlen der koptischen Epoche durch das Ausziehen einer Glas- 
röhre gebildet, wie aus ihren blasig'en Eäng\sstreifen deutlich 
hervorgeht. Diese Röhre wurde unter einer Schnittvorrichtung" 
hindurchg"erollt und von dieser an einzelnen Stellen eingeknickt, 
an welchen man sie mit der Hand vollends in Stücke brechen 
konnte, um sie dann durch Schliff weiter auszuarbeiten. Beide 
Sorten von Perlen, die gewickelten und die gezogenen, sind so 
verschieden in der Technik, daß man sie deutlich durch bloßen 
Augenschein £iuseinander halten kann. Den ausgezogenen Glas- 
stab bog" man auch zu Ohr- und Fingerringen oder ähnlichem 
Zierrate kreisförmig" zusammen. 

Ganz eigenartig" aber ist die Technik der Gefäße dieser 
ersten Periode. Sie sind weder geblasen, noch geformt, sondern 
mit freier 1 [and modelliert. Ein zylindrischer Metallstab, so dick 
wie die Halsweite der Fkische oder Kanne werden sollte, wurde 
an einem Ende mit einem Kerne aus feinem Formsande ver- 
stärkt, der genau die Gestalt des Hohlraumes des geplanten 
Gefäßes bekam. .Stab und Kern wurden in geschmolzene Glas- 
masse getaucht und so mit dieser überzogen. Dieser Überzug- 
wurde hierauf mit freier Hand bearbeitet, der Fuß in einer bereit- 
stehenden 1 Iohlform ausgepreßt, ebenso wie die gepreßten Füße 



J ) F. Pctrie a. a. O. Die Perlen sind T. XIII 53 ff. abgebildet. 
'-) ibd. T. XIII 57, 60. 



53 

römischer Glasbecher, der Rand der Mündung" nach außen ge- 
bogen und schließlich die Verzierung hergestellt, indem man 



.^.fvA^ 



V>> 2-H 




17 1-5 20 y 



Abb. 25. Schmuckperlen. Römische Kaiserzeit. 



dünne farbige Glasfäden um das Gefäß legte und dieses so lange 
auf dem Marmor rollte, bis die Fäden ganz in die Masse einge- 



54 



drunten waren. Wellenmuster erzielte man, indem man die Fäden 
mit einem kammartig"en Werkzeuge abwechselnd hinauf und hinab- 
zog, entweder jeden Faden einzeln oder, wie es die Zähne des 
Kammes möglich machten, gleichzeitig eine ganze Reihe. In diesem 
Falle wurde ein fast vollkommener Parallelismus erzielt. Der 
spiralförmige Rand der Mündung und des Fußes wurde her- 
gestellt, indem man einen opakweißen mit einem farbigen Faden 
zusammendrehte und beide um das Gefäß schlang. Schließlich 
wurden aus farbigen Rundfäden verschiedener Stärke, manchmal 
aus zwei verschiedenfarbig zusammengedrehten, die Henkel an- 
gefügt. (Der Ausdruck „angelötet", der häufig gebraucht wird, 
ist irreführend, weil er an ein eigenes Lötungsmittel , wie bei 
der Metallarbeit, denken läßt. Glas läßt sich dagegen unver- 
mittelt in heißem und erweichtem Zustande an Glas festfügen). 
Wenn das Gefäß im Faufe der Arbeit zu sehr erkaltete und 
durch Erhärtung an Bildsamkeit verlor, wurde es am Ende des 
Stabes oder mit der Zange wieder der Glut ausgesetzt und so 
stark erwärmt, als nötig war. Nach Vollendung der Arbeit und 
völligem Erstarren lockerte sich der Metallstab von selbst 
in der Masse und konnte leicht herausgezogen werden, worauf 
man den inzwischen bröckelig gewordenen Formsand aus dem 
Inneren herausrieb. 

Unter den größeren fein gemusterten Bruchstücken von 
Glasgefäßen hatten 150 einfache Wellenlinien, 36 doppelten Zick- 
zack, ebensoviele gewundene Bänder, 42 Augenmuster, 2 .Spiral- 
muster, drei unregelmäßige weiße Flecken und drei Eindrücke. 
Alle diese Muster erhielten sich auch in späteren Zeiten und 
gingen in die ptolemäische und römische Glasindustrie über. 
Nach Flinders Petrie sind die späteren Nachbildungen roher und 
zeigen namentlich nicht den Glanz und die Glätte jener frühen 
Arbeiten, die jetzt bestimmt in die Zeit um 1400 — 1350 vor Chr. 
versetzt werden können. Aber dieser Ansicht stehen z;ihlreiche 
andere Beobachtungen gegenüber, nach welchen wir gerade der 
Ptolemäerzeit und jener der ersten Kaiser das größte Raffine- 
ment in der Technik und die feinste und reichste Ausbildung 
der Muster in Formen und Farben zuschreiben müssen. Zu den 
geschilderten Verzierungsarten und Techniken kamen in diesen 
Zeiten zahlreiche andere, die bei der Besprechung der Alabastra 



und der Mosaikgläser näher gekennzeichnet werden sollen, zu den 
altägyptischen auch griechische Motive, welche dem Umrisse der 
Gefäße einen Grad von Zierlichkeit, Eleganz und dabei von 
praktischer Einfachheit verliehen, wie er kaum zu anderer Zeit 
wieder erreicht worden ist. Die alexandrini sehen Werkstätten, 
in welchen sich die Glasmacherei der Ägypter konzentrierte, 
nahmen damals einen außerordentlichen Aufschwung und ver- 
sorgten mit ihren Erzeugnissen nicht nur das Mittelmeerbecken, 
sondern auch die Provinzen im Norden der Alpen. 

Vielleicht bezieht sich die Bemerkung Petries nur auf die 
saitische Periode, in welcher die Industrie gleichfalls eine große 
Ausdehnung hatte. Jedenfalls können es die aus freier Hand 
geformten Gefäße in der Regelmäßigkeit der Rundung und der 
Feinheit der Einzelheiten nicht mit den geblasenen aufnehmen, 
zumal man später auch über eine viel leichter flüssige Glaspaste 
verfügte. Eine Rundung aus freier Hand kann selbst wenn das 
Gefäß nachträglich noch so sorgfältig abgeschliffen wurde, nicht 
so vollkommen regelmäßig sein, wie eine an der Pfeife her- 
gestellte Glasblase, ebenso wie ein frei modelliertes Tongefäß 
nicht den Schwung einer auf der Töpferscheibe gedrehten Vase 
haben kann. Man betrachte daraufhin nur die Glasbecher der 
Prinzessin Nsichonsu (Eig. 5), deren unregelmäßige Formen man 
kaum als das Ergebnis besonders sorgfältiger Arbeit und 
hochentwickelter Technik in Anspruch nehmen wird. Freilich 
geben diese Unregelmäßigkeiten, die man vom technischen Stand- 
punkte aus als Mängel bezeichnen muß, den Gläsern als Kenn- 
zeichen freier Handarbeit einen individuellen Reiz, der ihren 
künstlerischen Wert manchmal anstatt ihn zu beeinträchtigen, 
eher steigert. Auf gewissen Zufälligkeiten und Abweichungen 
von der fabriksmäßigen Gleichartigkeit neuerer Erzeugnisse 
beruht zum großen Teile der Vorzug der antiken Glasindustrie 
vor der modernen. Die Arbeit der freien Hand bringt Einzel- 
werke von individuellem Gepräge hervor, welche oft künstlerisch 
höher stehen als die äußerlich zwar korrekte, £iber schematische 
und unpersönliche Massenarbeit. Aber abgesehen davon muß 
die oft ausgesprochene Ansicht, daß die Alten in der Glas- 
bereitung eine Stufe der Vollendung erreicht haben, die seitdem 
nicht wieder eingetreten sei, daß ihre technischen Methoden den 






56 

unseren in vielen Beziehungen überlegen gewesen seien, zurück- 
gewiesen werden. Diese Überschätzung beruht einerseits auf 
der zu wörtlichen Auslegung enthusiastischer Berichte antiker 
Schriftsteller, welche in ihrer Ahnungslosigkeit einzelne hervor- 
ragende Glasarbeiten ihrer Zeit für Wunderwerke erklärten, weil 
ihnen die Kenntnis technischer Vorgänge abging, andererseits 
auf der Unkenntnis der Fortschritte unserer eigenen Industrie. 




Abb. 26. Brustschmuck von Dahschür. Vorderseite. 
Museum Kairo, Salle des bijoux. -^ \^f^, 



Unsere Glastechnik steht, wie Friedrich bemerkt, ohne Zweifel 
himmelhoch über jener der Antike. 1 ) Die zahllosen Farben- 
nuancen des Krystallglases, die gewaltigen Spiegelgläser von 
6 Meter Umfang im Geviert, die so rein und fleckenlos sind, 
daß man in freie Fuft zu sehen glaubt, unsere optischen Gläser, 
unsere Glasgespinste sind in der antiken Glasmacherei einfach 
undenkbar. Andererseits würde die Nachahmung von Riesen- 
obelisken und Bildsäulen, wenn die Ägypter solche wirklich aus 



J ) C. Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 



57 

Glas hergestellt hätten, unserer Industrie, wie manche gewaltige 
Schaustücke auf unseren Ausstellungen beweisen, keine Schwierig- 
keiten bereiten. 

Aber wenn wir auch die höchste Blüte der ägyptischen 
Glasmacherei in die Ptolemäerzeit verlegen müssen, bleiben doch 
die Arbeiten vom Beginne des neuen Reiches, die der 18. Dy- 
nastie und der nächstfolgenden, Glanzleistungen von hervorra- 




Abb. 27. Brustschmuck der A'hhotep. 
Museum Kairo, Sallc des bijoux. 1« 



(4 (a 



gender Schönheit und ungewöhnlicher technischer Sorgfalt. Unter 
den Gefäßen findet man die zierlichsten Formen: Phiolen, Henkel- 
kannen, breitbauchige Töpfe, Amphoren mit Spitzfuß, kugel- 
bauchig und solche mit runder Fußplatte, Becher in Form von 
Lotusblumen (z. B. im Louvre, einer abgeb. bei Gerspach a. a. O. 
S. 15), Canthari, Büchsen u. v. a. Die Farben sind leuchtend 
und heute noch so frisch wie vor 3000 Jahren, da die opak-far- 
bigen Glaspasten nur wenig unter der Verwitterung gelitten und 
nur selten Iris angesetzt haben. Von der Mannigfaltigkeit und 
Zierlichkeit der Muster und dem Emailglanze der Farben geben 



58 



die Darstellungen der Tafel I einen Begriff, wenn es auch nicht 
möglich ist, die volle Schönheit des Türkisblau, eines glänzenden 
und reichen Grünlichblau, in Aquarell und Farbendruck wieder- 
zugeben. Ich habe in ihnen einige Bruchstücke von Gläsern 
abgebildet, die zum Teile (Nr. 11 — 16, 18) von den Aus- 
grabungen in Teil el Amarna herrühren und von Flinders 
Petrie an Professor Wiedemann in Bonn geschenkt worden 
sind. Die Stücke Nr. i — 10 stammen aus dem Palaste Ameuo- 
phis' III. zu Theben, Nr. 11 — 16 aus dem seines Nachfolgers 
Amenophis IV. Das Stück Nr. 12 ist glasierter Ton und 
hier zum Vergleiche aufgenommen. Es unterscheidet sich 
auf den ersten Blick kaum von den Glasscherben und er- 
klärt so auch seinerseits wie leicht von antiken Schriftstellern 
bei ihren Nachrichten über Ägypten Arbeiten aus glasiertem 
Ton mit solchen aus Glas verwechselt werden konnten, wodurch 
manche Verwirrung angerichtet wurde. Der Ohrring Nr. 17 
stammt gleichfalls aus einem altägyptischen Grabe, doch ist 
dessen Zeitstellung nicht näher bestimmt. Nichts hindert ihn für 
gleichalterig mit den ^lnderen Stücken zu halten, aber er könnte 
ebenso leicht aus einer de'r späteren Dynastien herrühren. Das 
Bruchstück eines Fläschchens Nr. 19 ist mit arabischen Sachen zu- 
sammen gefunden und wohl gleichfalls arabisch. In diesem Falle 
wäre es einer der gar nicht seltenen Belege für die Fortdauer 
antiker Tradition, die ja gerade nach der koptischen Episode mit 
neuer Macht auftrat. Fast alle Stücke sind ziemlich dünnwandig, 
durchschnittlich nur 2 — 3 mm dick, auf der Vorderseite glänzend 
poliert, manchmal, namentlich größere, auch auf der Rückseite, 
die meisten hier jedoch rauh und noch mit Spuren von Form- 
sand und Asche behaftet. Verhältnismäßig die dickste Wandung 
hat das Fläschchen Nr. 19. Die einfachste Art der Zickzackver- 
zierung zeigt Nr. 13, bei welchem das Muster nicht vollständig 
in die Masse eingedrückt ist, sondern in leichtem Relief vor- 
steht, was häufig vorkommt. Wellenbänder sind teils in dünnen 
Fäden, teils in breiteren Streifen gezogen. Auch bei Nr. 1 ist das 
Muster leicht erhaben, gleichzeitig die Wandung mit flachen 
Eindrücken versehen, bei Nr. 7 bildet es leichte Wulste. Einen 
ganz ähnlichen Gefäßrand, dessen Hals aber mit mehrfarbigem 
Zickzack verziert ist, besitzt das Osterreichische Museum in 



59 



Wien. 1 ) Die mehrreihigen Wellen- und Zickzackbänder anderer 
Proben sind dadurch hergestellt, daß man die Fäden parallel 
auf den Gefäßkörper auflegte und dann mit dem Kamme ab- 
wechselnd hinauf und hinabzog. Wenn man nur dieses tat, 
bildeten sich Wellenbogen wie bei den NN. 2, 3, 6, die unten 
in scharfen Spitzen zusammentreffen; zog man sie auch nach 
oben, so entstand ein spitzwinkeliges Zickzack. Besonders schön 
in Formen und Far- 
ben sind die Wellen- 
muster von Nr. 6, 15, 
16 und 18: letztere 
Art ist in der alexan- 
drinischen Industrie 
sehr beliebt gewor- 
den. Bei Nr. 5 ent- 
steht anscheinend ein 
unregelmäßiges onyx- 
artiges Geäder, doch- 
ergibt sich bei der 
Ergänzung auch hier 
ein mehrfarbiges Wel- 
lenband. So sehr die 
Nachbildung einfar- 
biger Edelsteinarten 
auch schon in dieser 
ersten Periode ent- 
wickelt war, so finden 
sich doch keine Be- 
weise dafür, daß sie auch bereits den Onyx und die regellosen Muster 
verschiedener Marmorarten in Glasfluß imitierte. Diese pracht- 
vollen Techniken gehören erst der alexandrinischen Glaskunst an. 
Bei Nr. 8 ist die zusammenlaufende Äderung durch denselben 
Drehprozeß hervorgerufen, der oben bei Herstellung von Perlen 
geschildert worden ist; deutlich ist zu sehen, wie der Faden nach 




Abb. 28. Armband der A'hhotep. 
Museum Kairo, Salle des bijoux. 



o 14-7 



*) Herrn Custos Regierungsrat Folnesics verdanke ich photographische Auf- 
nahmen dieses Stückes, wie anderer antiker Gläser des Oesterr. Museums und des 
k. k. Antikenkabinettes. Die Scherbe wurde zwar in Italien erworben, stammt aber 
sicher aus Ägypten. 



6o 



der Drehung abgeschnitten wurde, so daß sich ein kleines Plan- 
chen bildete. Bei Nr. 4 folgt der Zug - der Fadenwellen den 
senkrechten Rippen, die das Gefäß kürbisartig gliedern. Den 
äußeren Umriß des Ohrringes von leuchtendem, tiefen Kobalt- 
blau begleitet ein aus Schwarz und Weiß zusammengedrehter 
Doppelfaden. 

Unter den Farben fallen bei den Bruchstücken mehrere 
Arten von Blau und Gelb, reines opakes Weiß und solches mit 
einem Stiche ins gelbliche und bläuliche, dann Orange, Braun 
und Schwarz auf. Besonders schön ist ein tiefes warmes Purpur- 
azur-blau und das für Ägypten kennzeichnende Türkisblau von 
wundervollem Glänze und höchster Klarheit. Es bildet den 
Grundton von Nr. 1, 2, 8 und 16 und kommt in einzelnen Streifen 
auch in Nr. 6, 15, 18 und auf der glasierten Tonscherbe vor. 
Grün, Rot und Violett fehlen hier zufällig, sind aber sonst in Teil 
el Amarna häufig vertreten gewesen. 

Aber man verstand zur Zeit der 18. Dynastie nicht nur 
das Glas im weichen Zustande zu bearbeiten, sondern auch im 
erkalteten zu schneiden und zu gravieren. Den an die Bearbeitung 
der härtesten und sprödesten Gesteinsarten gewohnten Ägyptern 
bot auch das Glas dabei keine Schwierigkeiten. Schon der feine 
Schliff der zu Gefäßen modellierten Pasten und der Perlen gibt 
Jenen Unrecht, welche den Ägyptern die Kenntnis des Dreh- 
stuhles absprechen wollen. In Teil el Amarna und an anderen 
Orten fanden sich zahlreiche Stücke mit polierter Ober- 
fläche und eingeschnittenen oder gravierten Verzierungen, so 
mehrere Fingerringe, 1 ) und das Stück einer opak-weißen gläsernen 
Schüssel, die Alabaster oder ähnlichen Stein nachahmte und 
tief eingravierte Verzierungen hatte, die wahrscheinlich für far- 
bige Einlagen bestimmt waren. (Eine derartige Tauschierarbeit 
in Glas, eine der allergrößten Seltenheiten, gleichfalls eine Schale, 
befindet sich unter den alexandrinischen Arbeiten des Museums 
in Neapel.) Flinders Petrie fand ferner zierlich geschnittene Vo- 
luten aus blauem Glase, die wahrscheinlich in gleicher Art zur 
Einlage in Alabaster bestimmt waren, wie sie der Alabasterfries 
von Tiryns mit seinem Schmucke kleiner blauer Glasflüsse zeigt; 



2 ) Abgeb. bei F. Petrie a. a. O. T. XIV, 23, 53. T. XV 133. 



6i 



außerdem zahlreiche aus farbigem Glase geschnittene Hiero- 
glyphen zum Einlegen in die Wände. Die aufgefundenen Farben- 
sorten sind viel zahlreicher, als die oben geschilderten .Scherben 
vermuten lassen. Würde man die vielen Hunderte von Glas- 
stäben, in welchen sie zur Bearbeitung bereitstanden, nach der 




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Abb. 29. Gallische Emailfibeln. l? lS^\ t S"o~J 



Farbe ordnen, könnte man von derselben Farbe doch nur ganz 
wenig gleiche zusammenbringen. Es gibt Purpurrot, opakes 
Violett, Blau, Grün, Gelb in zahlreichen Abschattierungen, opakes- 
Rot, Schwarz und Weiß. Die Abstufungen von Blau und Grün 
sind unendlich. Fast alle Farben sind sowohl durchsichtig wie 
undurchsichtig vertreten. 

Von hervorragender Schönheit sind unter den Arbeiten der 
18. Dynastie und späterer, auch noch der saitischen Perioden, 



02 



die zahlreichen Schmucksachen, wie Armbänder aus Glas, mit 
welchen man auch Statuen an den Handgelenken schmückte, 
Ringsteine, Amulette und Besatzstücke verschiedener Art, welche 
in 1 lohlformen aus farbigen Glaspasten gepreßt und häufig noch 
mit andersfarbigem Glase dekoriert wurden. Mehrere solcher 
1 lohlformen besitzt das Musee du Cinquantenaire in Brüssel. Sie 
rühren neben zwei Bruchstücken von Schmelztiegeln mit ver- 
glaster Paste und anderen Werkzeugen aus den Funden von 
Teil el Amarna her *) und zeigen Zierschilder mit dem Namen des 
Königs und der Königin, Einsatzstücke für Ringe, Augen, Lotus- 
blumen, tanzende und musizierende Bes, Fische, Palmetten, Scara- 
bäen, Ochsenschenkel, das Ilieroglyph des guten Lebens, Früchte, 
Blumen, Formen für runde und längliche Perlen. Amulette 
spielten im Leben der Ägypter eine große Rolle, eine noch 
größere im Totenkultus. Die Stelle des Körpers, an welcher ein 
Amulett getragen werden mußte, war genau bestimmt, auf Mu- 
mien bildeten sie eine wahre magische Ausrüstung.' 2 ) Besonders 
häufig sind unter ihnen kleine Götterfigürchen aus farbigen Pasten, 
manche mehrfarbig, aus verschiedenen Stücken zugeschnitten und 
in einen gemeinschaftlichen Grund eingelegt, auf der Vorderseite 
leicht gerundet, rückwärts flach, wie es die Stücke aus der 
Sammlung Somzee im Brüsseler Museum 8 ), solche im Louvre, 
im Britischen Museum, in der Sammlung von Bissing zu München, 
im Museum zu Kairo und zahlreiche andere zeigen. Außer Götter- 
figuren kommen solche von Tieren, Geräten des täglichen Ge- 
brauches, von Herzen, Augen, kleinen Säulen u. a. vor. Jaspis, 
Lapis Lazuli, Carneol, der schwarze Obsidian, wurden dabei ziem- 
lich geschickt nachgemacht, wenn auch damit durchaus nicht die 
Absicht der Täuschung verbunden war. Aus mehreren Glas- 
stücken verschiedener Farbe ist eine schöne Einlage in Form 
eines Fisches zusammengesetzt, die angeblich aus Teil el Amarna 
stammt, und sich in der Sammlung von Bissing in München 
befindet. Sie ist etwa 10 cm lang und zeigt auf azurblauem 
Grunde einen silbergrauen karpfenartigen Fisch mit rot-schwarzen 
Augen und roten Flossen, die einzelnen Schuppen durch dunkel- 

*) Vgl. Capart a. a. O. S. 26. 

-) Wiedemann im Bonner Jahrbuch 83, S. 215 f. 

3 ) ibd. Abb. Fig. 24. 



63 

braune bogenförmige Einlagen angedeutet. Das Ganze ist von 
vortrefflicher, lebendiger Zeichnung. Vielleicht gehört die Arbeit 
erst in alexandrinische Zeit. Ein ganz ähnlicher Fisch gleicher 
1 lerkunft befindet sich im Österreichischen Museum in Wien. 
(Abb. 10.) Aus farbigen Glaspasten geschnittene Hieroglyphen 
und Zierplättchen wurden in Säulen, Friesstreifen und andere 
Teile von Bauwerken, in Sarkophage, Mumienhüllen, Statuen, 




Abb. 30. Gallische Emailfiibeln. io l^T^.So7 



Möbel usw. eingesetzt, man machte ganze Hieroglyphen-In- 
schriften auf diese Art und rahmte sie in Holz, Stein oder 
Metall ein. Besonders schön ist diese Dekoration an den zwei 
Särgen der Mumie von Xotemit (Net'em — t, um 1100), Mutter des 
Pharao J Irihor-Siamon entwickelt. 1 ) Das Äußere ist vollkommen 
mit dicken Goldplatten belegt, nur die Frisur und einige Einzel- 
heiten sind freig'ekissen, welche ebenso wie die einen großen Raum 
einnehmenden Hieroglyphen-Inschriften und die Ornamente aus 
farbigen leuchtenden Glaseinlagen bestehen. Die Mumien vom 
Fayün waren in Gips oder Stuck eingebettet und dieser Über- 
zug mit figürlichen Szenen und I lieroglyphen aus farbigen Glas- 



*) Maspero a. a. O. S. 24g. 



■ ' '' W?- 



6 4 

einladen geschmückt. Bei einfacheren Mumien beschränke nun 
sieh darauf, diese Ausstattung mit Farben aufzumalen. Die grüßen 
figürlichen Darstellungen waren aus verschiedenfarbigen Gks- 
stücken mosaikartig zusammengesetzt und zugleich mit dem Grab- 
stichel in Relief ausgearbeitet. So hat die Königin Mail die 
nackten Teile, Gesicht, Hände und Füße türkisblau, die Frimr 
dunkelblau, die Fäden im I [aarnetz abwechselnd hellblau und 
gelb, das Kleid zinnoberrot. In der Nähe von Daphne fand nan 
einen Naos aus I lolz und dabei die Reste eines gleichfalls 
hölzernen Sarges, von dessen dunklem Grunde sich die direkt 
in das 1 lolz eingesetzten 1 lieroglyphen ins 
farbigen Gläsern glanzvoll abheben. Das 
Ganze macht einen ungemein reichen und 
prächtigen Eindruck. Besonders beliebt 
waren die farbigen Glaseinlagen in der 
saitischen Periode (721 — 332) x ), ebenso lie 
kleinen Schmuckpasten. Aus der saitischen 
Periode stammen Glaseinlagen der Samm- 
lung von Bissing, von welchen freilich ün 
Teil durch Brand zerstört ist. Die eiten 
sind einfarbig, die anderen zeigen die ein- 
zelnen Körperteile der Figuren in \ :r- 
schiedenen Farben. Am häufigsten sind stehende Figuren \on 
Gottheiten, Sphinxe und Boote, die sog. .Sonnenschiffe. Doch 
reicht die Sitte der Glaseinlagen in I lolz, namentlich in Mumien- 
särge, teilweise bereits bis in die 12. Dynastie hinauf, um unter 
den Ptolemäern, wie der prachtvolle mit Glas inkrustierte Thrra- 
sessel des Museums von Turin zeigt, zugleich mit den andeien 
Glastechniken sich zu höchstem Glänze zu entfalten. 

Außerordentlich in Blüte stand außer der Glasindustrie lie 
Glasur von Tonwaren, eine verwandte, mit beinahe gleichem 
Material arbeitende Technik. Die Hälfte der in unseren Museen 
befindlichen Statuetten von Sklaven für das Jenseits, der sogenannten 
Uschebtis, von Göttern, Königen, Tieren, dann der Scarabäen, Anu- 
lette und Zylinder aus Kalkstein, Lignit, Ton, .Steingut und andeien 
Stoffen sind mit leuchtenden farbigen Glasuren überzogen, die ihien 




Abi). 31. Große Glaskugel. 

Sammlung von Bissing, 
p I4"2L 



1 ) Wiedcmann a. a. O. S. 215 f. 










'J -o 



< 3 5 



c - 

e >-. 

J 5 






65 





oft das Ansehen farbiger Glaspasten verleihen. Man findet Arbei- 
ten von glasiertem Ton schon in den ältesten ägyptischen Bauten. 
Zu den frühesten gehören die Siegelzylinder, kleine, meist sechs- 
seitige Prismen mit Glasur in verschiedenen Farben, die ältesten 
gelblichweiß, an den Seitenflächen mit eingeschnittenen Hiero- 
glyphen verziert, die in Wachssiegel abgedrückt wurden. Von 
derselben Art sind die späteren assyrischen und babylonischen 
Siegelzylinder. Ihnen folgten die Siegelsteine in Form des heili- 
gen Käfers, die Scarabäen, die auf der unteren flachen Seite 
mit 1 lieroglyphen graviert wurden. Außerdem fand der Scara- 
bäus als Amulett und Zierstück zu allen Zeiten un- 
gemein reiche Verwendung. Zur Zeit des Menchera 
(4. Dynastie, um 4200 bis 4000 vor Chr.) waren schon 
beide Arten der Siegelsteine in Gebrauch. Das Mate- 
rial, aus welchem sie bestehen, ist verschiedenartig. 
Der eine Ton ist weiß und sandig, der andere fein, 
lichtgrau, beide durch E^ulverisierung eines Kalk- 
steines gewonnen, der sich in großer Ausdehnung bei 
Quench, Luxor und Assuan findet, dann ein dritter 
rötlich, mit Kreide und Ziegelpulver gemischt. Diese 
Tonarten sind gleichmäßig unter dem unzutreffenden Aggry- Perle. P 
Namen „ägyptisches Porzellan oder Fayence" bekannt. 
Man preßte das angefeuchtete schlammartige Material in llohl- 
formen aus gebranntem Ton, tauchte die geformten Gegenstände 
in noch weichem Zustande in feinen Glasstaub und brachte sie so 
ins Feuer. Beim Schmelzen legte sich die farbige Glasur wie eine 
feine 1 laut über alle Teile. Doch ist diese Technik nur bei kleineren 
Stücken, besonders Schmucksachen, nachweisbar. Bei anderen 
wurde das .Stück vor der Glasur einmal gebrannt, wobei bereits die 
Kieselsäure austrat und einen leichten glasartigen Überzug bildete, 
dann in flüssige Glasur eingetaucht, mit solcher bemalt oder über- 
gössen. Bei Gefäßen ist oft im Inneren der unregelmäßige Über- 
lauf der Glasur zu bemerken. Diese ist sehr verschieden. An den 
ältesten Stücken ist sie fast glanzlos und äußerst dünn, so daß 
sie nur in den Vertiefungen der 1 lieroglyphen und anderen ein- 
geschnittenen Verzierungen, den Gesichtszügen u. dgl. sich ansam- 
melt und dort durch ihren dunklen Glanz malerisch von den matt 
gebliebenen Teilen absticht. In den alten Dynastien überwiegt 

Kisa, Das Glas im Altertume. - 



Abb. 



66 

weitaus die lichtgrüne Glasur, doch wurde die gelbe, brauue, rote, 
blaue, violette keineswegs verschmäht. Von den ersten Jahren des 
mittleren Reiches an (um 3000) herrscht Blau vor und zwar in 
zwei Hauptstufen, einem weichen leuchtenden Lapislazulibhiu und 
dem den Türkis nachahmenden schönen Grünblau. Im Museum 
von Bulak standen drei Nilpferdchen mit jenem wundervollen 
Lapislazuliblau, das man erst nach 2000 Jahren wieder gleich 
prächtig und rein findet und zwar in den Totenfigürchen von 
I)eir-el-Bahari. Das Grün tauchte in der saitischen Epoche wieder 
auf, aber etwas abgeblaßt; es herrschte da im Norden, in Mem- 
phis, Bubastis und Sais vor, ohne jedoch das Blau ganz zu ver- 
drängen. Türkisblau fand mit Beginn des neuen Reiches (um 
1600) am meisten Anklang und behauptete sich von da ab bis 
ans Ende als Hauptfarbe. Die dicke pastenartige Fayenceglasur 
gehört vorwiegend in den Beginn des neuen Reiches. x ) Auch die 
Gläser folgten in den Grundfarben diesen wechselnden Moden. 
Andere Nuancen traten in den ersten vier bis fünf Jahrhunderten 
des neuen Reiches auf, von Arnos 1. bis zu den Ramessiden: 
nur da findet man die Dekorationen in Weiß auf Rot, die Lotus- 
blumen, die gelben, roten und violetten Blümchen und Streif- 
muster auf Dosen.") Die Töpfer iius Amenophis' III. Zeit (18. 
Dynastie) hatten eine besondere Vorliebe für graue und violette 
Farben. Die Herstellung vielfarbiger Glasuren scheint in der- 
selben Periode unter Amenophis IV. ihre höchste Entwich elung er- 
reicht zu haben, wenigstens haben sich die feinsten und elegan- 
testen Stücke gleichfalls wieder in Teil el Amarna gefunden. Gelbe, 
grüne und violette Ringe, weiße und blaue Blümchen, Fische, 
Granaten und Weintrauben bilden die beliebtesten Elemente der 
Verzierung. Hier kam auch ein Tonfigürchen des Hör zum Vor- 
schein, mit blauem Körper und rotem Gesichte, ferner ein Ring, 
auf dessen blauem Kasten der Name des Königs in Violett aus- 
gespart ist. Die kleinsten und feinsten Muster sind mit so sicherer 
Hand aufgesetzt, daß die Farben nicht ineinander laufen, sondern 
scharf abstechen. Ein Pharaonenkopf aus mattem Blau trägt 



1 ) Vgl. v. Bissing, Die altägyptischen Fayencegefäße. Catalogue general du 
Musee du Caire. S. XVI. 

2 ) Maspero a. a. O. S. 252 f. 



67 



einen Kopfputz mit dunkelblauen Streifen. Das Meisterstück 

der ganzen Klasse kleinerer Emailglasuren ist die Mumienhülle 

des ersten Propheten des Amon Ptah im Museum von Bulak 

mit ihrem reichen Schmucke von 1 üeroglyphen und Ornamenten 

in glasierten Tonreliefs, wobei sich die glänzenden Emailfarben 

von dem weißen Grunde fast ebenso prächtig abheben, wie die 

eingelegten Glaspasten des hölzernen Sarges vonDaphne. Gesicht 

und Hände sind türkisblau, 

der Kopfputz gelb mit 

violetten Streifen; violett 

ist auch die I lierogiyphen- 

schrift und der Geier, der 

seine Fittige auf der Brust 

der Mumie entfaltet. Der 

Gesamteindruck ist trotz der 

Lebhaftigkeit der Farben 

harmonisch, die Zeichnung 

der Umrisse von großer 

Schärfe. 

Von der 18. bis zur 
20. Dynastie waren die Fuß- 
becher in Form eines Kegel- 
stutzes besonders in Mode, 
die gewöhnlich wie ein halb- 
entfalteter Lotuskelch deko- 
riert worden sind. Ein schö- 
nes mit dem Namensschilde 
Tutmosis' III. versehenes 

Stück dieser Art ist im Münchener Antiquarium ] ) (Abb. 3). Aber 
während der „Führer" als Material Fayence angibt, erklärt es Pro- 
fessor v. Bissing mit Recht für Glas, ein neuer Beweis für die oft fest- 
gestellte Tatsache, daß Gläser und glasierte Tonarbeiten des alten 
Ägyptens schwierig zu trennen sind. Auch Dr. Riezler und andere 
sachkundige Beurteiler treten für Glas ein, ich selbst schließe mich 

1 ) Vgl. Christ, Führer, No. 630, S. 117; v. Bissing a. a. O. S. XVII. Eine 
ungenaue Abbildung des Münchener Bechers bringt auch Deville T. VIII A. Im 
Texte ist weder angegeben, was diese Abbildung vorstellt, noch wo sich das 
Original befindet. 

5* 




Abb. 



Schema des sog. Gralsbechers. 

Genua. |» ~2.<, <% , C 3 3 1 &ü 



68 



ihnen, nachdem ich frühere Bedenken überwunden habe, nunmehr 
an. München kann sich demnach rühmen, mit dem Britischen 
Museum eines der beiden ältesten sicher datierten Glasgefäße zu 
besitzen. Der Becher Tutmosis' III. hat etwa die Form unserer 
Eierbecher mit leicht geschweifter Wandung und kurzem Fuße 
ist türkisblau glasiert, oben mit einem Doppelgehänge in gelben 
und schwarzen Wellenfäden, unten mit einem gleichartigen, aber 
bloß aus drei weiten Wellenbogen bestehenden Zierrate versehen. 
Dazwischen ist ein schwarzes Rähmchen mit dem Königsnamen 
aufgemalt. Die Ilauptzeit der Kelchbecher verlegt v. Bissing 

freilich erst in die 22. Dynastie und die 
Folge, also ca. 900 — 700 vor Chr. Auch 
Kugelbecher waren damals beliebt, die 
auf kobalt- oder türkisblauem Grunde 
schwarz aufgemalte mystische Augen, 
Lotus, Fische, Palmen u. a. zeigen. Im 
Museum von Kairo befinden sich leuch- 
tend glasierte Tongefäße in Form von 
gehenkelten Kreuzen, Didu - Zeichen, x ) 
runde Bälle, viereckige Büchsen und 
große Ringe von sehr lebhafter und 
reiner Emaillierung. Neben diesen älteren 
Sachen, welche beweisen, daß die Glasurarbeit den Ägyptern 
damals trotz allem geläufiger war als die schwierigere Bearbei- 
tung des Glases 2 ) — Plumpheiten, wie bei der Londoner Vase 
Tutmosis III. und den Bechern der Nsichonsi kommen nicht 
häufig vor — ist ein Prachtstück der Ptolemäerzeit nicht zu über- 
sehen. Es ist ein Gefäß von 21 cm Höhe und 20 Durchmesser, 
von lasurblauer Grundfarbe, Hals und Fuß mit Girlanden und 
Blumen in Relief und lichtgrüner Glasur geschmückt. Die eine 




Abb. 34. Schema des Hechers 
Theodelindes. 
(Cuppa). Monza. 
Y 2- "71 



*) Zahlreiche derartige Amulette sind im Münchener Antiquarium und in der 
Sammlung F. W. v. Bissing. Sie bestehen aus verschiedenen Materialien, aus glän- 
zend glasiertem Ton, Glas, Lapislazuli u. a. und erreichen acht und mehr cm Höhe. 
Sie gleichen einer Säule mit mehrfachen Kämpfergliedern auf einem Lotuskapitell. 
Die Form ist noch unerklärt, da sie in der Architektur nicht vorkommt. Der heilige 
Pfeiler Didu, Ded, als Schriftzeichen = bleiben, dauern, spielt im Osiriskult eine 
große Rolle. 

>2 ) Wiedemann a. a. ( >. 



6 9 



I lälfte dieser in Sakkarah gefundenen Vase ist alt, die andere 
geschickt ergänzt. Eine gleich alte Statuette eines Hundes sowie 
Statuetten von Göttern und Genrefigürchen sind allerdings 
plumper in der Modellierung", aber von leuchtender Pracht in 
den Glasuren, *) 

Weit älter als die Skarabäen, Schmuckstücke, Amulette 
und Gefäße sind einzelne Teile architektonischer Dekora- 
tion aus glasiertem Ton. In Königspalästen haben sich zahl- 
reiche Platten zur Wandbekleidung- erhalten, die teils einfarbig' 
glasiert, teils bemalt, teils durch farbige Reliefs und Einlagen ver- 
ziert sind. Schon 
die Stufenpyra- 
mide von Sakka- 
rah, welche für 
den ältesten pyra- 
midenartig'en Mo- 
numentalbau des 
Wunderlandes gilt 
und einst ein 
Königsgrab ein- 
schloß, erfreute 
sich bis zum An- 
fange des vorigen 
J ahrhunderts eines 
derartigen Schmuckes. 




a 
Abb. 35. 



c b 

Becher der frühen Kaiserzeit. 

Opakfarbiges Glas. 
a Schatz von S. Marco, Venedig, b Genua, Palazzo Hianco. jo ^-j o 
p 270 ,3^1 c Neapel, Museum. 



p ^-7/ 

Eines ihrer Gemächer war zu drei Viert- 
teilen mit rechteckigen grünen Fliesen bekleidet, die außen leicht 
konvex gebogen, auf der Innenseite ganz flach und mit einem 
Zapfloche versehen waren. Die Fliesen standen auf den Schmal- 
seiten auf. Um die rechteckige Türöffnung schlang- sich ein 
Rahmen aus breitgestellten Fliesen gleicher Größe, unter welchen 
farbige, undekorierte mit hellgelblichen abwechselten, die mit 
bunten Hieroglyphen verziert waren. Die Decke hatte ein großes 
Sternenmuster, gelb auf leuchtendem Himmelblau. Die Tür be- 
findet sich jetzt im Berliner Museum. Zweitausend Jahre später ließ 



v ) Maspero, Guide, engl. Ausgabe S. 361, 449. 
2 ) Lcpsius, Denkmäler II T. 2. Maspero a. a. 
üorchardt, Zeitschrift für ägyptische Sprache III 83 f. 



O. S. 2^6., Fig. 230. Vgl. 



7o 



Ramses III. in Teil el Jahudi einen ganzen Tempel mit farbigen 

Tonglasuren ausstatten. Dabei wurde ein eigenartiges System 
beobachtet. Die Platten, welche zumeist ornamentalen Schmuck 
haben, Rosetten, Pflanzenmotive, geometrische Figuren, Voluten, 
Ranken, Spinnengewebe, sind klein zugeschnitten und mosaik- 
artig mit feinem Zement aufgesetzt. Der Grund ist grau oder 
blau, die Blümchen, das Netzwerk u. a. gelblichweiß. Einige sind 
reliefartig gearbeitet, andere ihrerseits mit farbigen Einlagen 
versehen. Der Tempel hatte ein trauriges Schicksal. Zu Be- 
ginn des vorigen Jahrhunderts entdeckt, zog er die Aufmerk- 
samkeit Champollions auf sich, der einige Reliefs mit Darstel- 
lungen von Gefangenen, die gleichfalls zur Bekleidung der Wände 
gedient hatten, für das Louvre erwarb. Der Rest ward durch 
Händler nach allen Himmelsrichtungen zerstreut, doch gelang es 
Mariette einige der wichtigsten Fragmente wieder zu sammeln, 
darunter eines, das den Namen des Erbauers, Ramses III., ent- 
hält, Bordüren von Lotus und Vögeln mit Menschenhänden, 
Köpfe von äthiopischen und asiatischen Sklaven u. a. 1 ) 

Eine Art farbiger Pasten reicht bis in die Zeit der 6. Dynastie 
zurück. In den Gräbern des Nefermat und der Atet in Medüm' 2 ) 
sind die Verzierungen und Figuren in Stein eingeschnitten und 
mit farbigen Pasten ausgelegt, die zumeist glatt abgeschliffen 
sind, mit Ausnahme einiger am Eingange, welche Reliefs zeigen. 
Dieses neue .System war eine Erfindung Nefermats, der be- 
obachtet hatte, daß die Farben der bemalten Skulpturen ab- 
blätterten und durch den Regen verwaschen wurden. Er sagt 
selbst in einer Inschrift, daß er seinen Göttern dieses Werk in 
un verderblicher Farbe gemacht habe. Die Skulptur seines Grabes 
ist vertieft gearbeitet und die Ecken unterschnitten, so daß sich 
die farbigen Füllungen einfügen ließen, welche zur größeren 
Sicherheit auch noch verzapft wurden. Die Einzelheiten an 
Figuren, z. B. die Perrücke und das Gesicht, waren oft von ver- 
schiedener Tiefe, wodurch ebensowohl die Schattenwirkung wie 



J ) Abgeb. bei Maspero, archeol. egypt: Fig. 235. Vgl. K. B. Hofmann, Ueber 
die Schmelzfarben von Teil el Jehüdye in der Zeitschrift für ägypt. Sprache XXIII 62 f. ; 
Lewis, Tell-el-Jahoudeh in Transact. of the Soc. of Bibl. Archaeology VII 177 und 
A. Dedekind, ägyptologische Untersuchungen S. 159 f. mit Abb. 

'-) Fl. Petrie, Medüm S. 24 f. 



7i 



die Festigkeit erhöht wurde. Kleine Einzelheiten verschiedener 
Farbe, wie die Gesichtszüge, das Gefieder eines Vogels u. a. 
wurden dargestellt, indem man die Umrisse in eine Paste ein- 
schnitt und sie mit Stückchen anderer Farben füllte. Oft wurde 
für die unteren Teile eine minderwertige Paste verwendet, und 
diese durch wertvollere gedeckt. Aber so schwierig diese Art 
des farbigen Wandschmuckes war, hatte sie doch unter den Unbil- 
den der Wit- 
terung ebenso 
zu leiden, wie 
die bemalten 
Reliefs. Die 
farbigen Pas- 
ten fielen he- 
raus und wur- 
den zerstört. 
Außerdem hat 
die Wirkung 
des Salzes, das 
in Ägypten 
überall vor- 
kommt, vieles 
von dem was 
blieb in loses 

weines l Ulver Abb. 36. Gläser der frühen Kaiserzeit. Opak-farbig. 

verwandelt.Die |?U7 a Mauernd, Museum Poldi-Pezzoli. b Stuttgart, Museum. \r> -2.^1 
l ntersuchung ^ ' r Neapel, Museum, d Trier, l'rovinzialnmseum. p2.t<ö 
der Pasten 

durch F. C. J. Sporrell ergab, daß sie, das Weiß ausgenommen, 
mit einer Art Mastix oder Gummi gemischt und gekocht sind; in 
anderen Stücken dagegen fand man eine unserer Gelatine ähnliche 
tierische Masse. Diese Einlagen sind also ebensowenig als Email 
oder Glas zu bezeichnen, wie die altägyptischen Schmuckeinlagen. 
Glasurwerkstätten lagen in Teil el Amarna dicht neben 
denen für Glasbereitung. König Amenophis IV., der Erbauer 
des dortigen Palastes, war ein großer Freund beider Industrien. 
Ganze Mauern wurden unter seiner Regierung mit glasierten 
Ziegeln und 1 Iieroglyphen bedeckt, gewaltige Statuen aus gla- 




siertem Ton bewiesen, daß die Technik allen Schwierigkeiten un- 
gewöhnlicher Größenverhältnisse zu trotzen vermochte. Ein voll- 
endetes Beispiel der architektonischen Verwendung der Tonglasur 
gibt ein Saal des Harems von Teil elAmarna. 1 ) Während sich 
in ihm keine Spur steinerner Säulen zeigt, findet man Mengen 
gerippter und glasierter Ziegel, mit welchen man Säulenschäfte 
bekleidet hatte, um sie zu Pflanzenbündeln auszugestalten, wie 
man es ja auch in Stein tat. Bei der Ornamentik wurden Blumen- 
motive, besonders Lotusblüten und Knospen, mit Vorliebe ver- 
wertet. Man setzte sie als Schmuck zwischen die Rippen der 
Kapitelle ein und umschnürte diese am Ansätze des Schaftes 
mit Bändern aus heller, oft vergoldeter Bronze; auch die Längs- 
rippen selbst wurden vergoldet. Flinders Petrie bildet ein 
Lotuskapitell in Farbendruck ab, dessen Blattrippen dicht mit 
kleinen schmelzartigen Einsätzen, abwechselnd in Blau und Gold 
besetzt und mit Goldstreifen eingefaßt sind. Der Grund ist wie 
bei Arbeiten in Grubenschmelz in kleinen runden, drei- und 
viereckigen Feldern ausgestochen und darin Blättchen von blau 
und rot glasiertem Ton eingelassen. Neben der breiten Mittel- 
rippe jedes Blattes sind auch die schmalen Fassungen der kleinen 
Felder vergoldet, so daß das Kapitell den Findruck einer prunk- 
vollen Emailarbeit ungewöhnlicher Größe macht. 2 ) Breite Bänder 
in Blau, Rot und Gold umschnüren es am Ansätze des Schaftes. 
Beim Anblicke eines solchen Stückes erinnert man sich der Be- 
richte antiker Schriftsteller über die „gläsernen" Säulen der 
Ägypter. Man wird wohl nicht irre gehen, wenn man annimmt, 
daß solch« 1 mit leuchtenden, farbenprächtigen Glasuren und Ver- 
goldungen bedeckten Säulen von ihnen für Glas gehalten wurden, 
zumal Glas und Glasur mit denselben Substanzen arbeiten. 
Gerspach meint daß sogar Kenner von heute bei altägyptischen 
Arbeiten in glasiertem Ton oder in Glas die beiden Materialien 
mitunter nicht genau durch bloßen Augenschein unterscheiden 
könnten. 3 ) Um wie viel leichter ist eine Verwechselung bei 
einem antiken Schriftsteller und Reiseberichterstatter denkbar, 



l ) Fl. Petrie, Teil el Amarna. Plan auf T. XXXII. 

-) ibd. T. VI. 

I! ) Man denke an die Münchener Vase Tutmosis' III. 



/ 5 



dem es nicht so sehr auf technisch genaue Beschreibung" als 
auf eine prägnante Wiedergabe des Eindruckes ankam und dem 
technische Kenntnisse abgingen. 

Auch die Wände wurden in Teil el Amarna mit glasierten 
Tonplatten geschmückt. In einer großen Halle an der West- 
seite des Palastes fand man in einer Ausdehnung von über 
200 Fuß grüne Fliesplatten mit Margarethen , Disteln und an- 
deren Pflanzenmotiven. Fußbodenplatten waren mit stilisierten 
Wasserwellen, Fischen und Lotus bemalt und 
damit das Ufer des Nils oder eines Sees nach- 
gebildet; in steinerne Mauern waren glasierte 
Ornamente, Vogelgestalten und Hieroglyphen 
eingelegt. Natürlich benutzte man auch hier 
die Glasur zum Schmucke des Hausrates. Man 
entdeckte Scherben von Schüsseln in phantasti- 
schen Mischformen, halb Fisch, halb gelbe 
Melone oder grüner Flaschenkürbis, wahrschein- 
lich Teile des königlichen Tafelservices, Vasen 
mit ein- und aufgelegten Mustern von Fig-uren 
und Blumen. Unter den Farben war die Ein- 
lage von Dunkelblau in Lichtblau, von 11 ellgrün 
in Violett, von Grasgrün in Dunkelviolett vor- ... 

Abb. 37. kannchen, 

herrschend. Am häufigsten aber befanden sich türkisblau mit weißen 
unter dem glasierten Ton Statuetten und kleine Fäden. Frühe Kaiser- 
Schmuckstücke, /.. B. Fingerringe 1 ), Besatz- zeit. Aus Köln. Breslau, 
stücke, die auf Kleider genäht wurden"), An- 
hänger in Form von Früchten 8 ), Zierschlangen, 
Köpfe von Gottheiten 4 ), Blumen für eingelegte 
Arbeit 5 ) und Hieroglyphen ). Man fand zu allen derartigen 
Stücken die Hohlformen aus gebranntem Ton, welche auf der 
Rückseite den Abdruck der Handfläche oder der Finger zeigten. 
Unter den noch nicht glasierten Exemplaren waren Tonperlen 




Schlesisches Museum f. 
Altertümer und Kunst- 
gewerbe. 



*) Fl. Petrie, Teil el Amarna. T. XVI 161- 

' 2 ) ibd. T. XVI 57, 59, 260, 436. 

3 ) ibd. T. XVI 291 ff. 

*) ibd. T. XVI 322—327. 

6 ) ibd. T. XVI 456—506. 

n ) ibd. T. XVI 241—269. 



-240. 



K7 ^2-fc> 






74 

von solcher Zierlichkeit und Exaktheit der kleinen Muster, daß 
man als Material für die Formen den feinsten weißen Formsand, 
vielleicht zermalenen Quarz annehmen muß. 

Die räumliche Verbindung- von Glas- und Glasurwerken, 
wie sie in Teil el Amarna und auch anderwärts beobachtet ist, 
beruht keineswegs auf einem Zufalle. Beide arbeiteten mit dem- 
selben Rohmaterial und teilweise mit denselben Formen. Sie 
halfen sich gegenseitig - aus, selbst die Öfen dürften manchmal 
beiden Zwecken gedient haben. Gefäße, Schmucksachen, farbige 
Einlagen, wiederholen sich genau in Glas wie in glasiertem Ton, 
die Arbeit in Ton lieferte als die ältere und beweglichere jener 
in Glas die Muster. Die Behandlung mit Glasur mußte den Ge- 
danken nahe legen, diesen Stoff selbständig, ohne Unterlage 
von Ton zu verwerten und so den Anstoß zur Erfindung der 
Glasarbeit geben. Nicht jenem Spiele des Zufalles, das 
sich am Strande des Belus vollzogen haben soll, ist die 
Erfindung des Glases zu danken, sondern Jahrhunderte 
langer Beschäftigung mit der Tonglasur und danach 
mit den zur Erzeugung des Glases nötigen Rohstoffen. 
Daß dies aber zuerst in Ägypten geschah, ergibt sich aus dem 
hohen Alter der dort gefundenen Glasuren und Gläser, welche 
in der Zeit den gleichartigen Erzeugnissen anderer Völker weit 
vorauseilen. 

Die ursprünglichste selbständige Verwendung - des Glases 
war die in Form farbiger Fasten, die zu kleinen Schmuck- 
gegenständen, Einsätzen etc. durch Tropfen, Aufgießen, Fressen 
und Schneiden verarbeitet wurden. Ihr folgte allmählich die 
weitere Ausnutzung" zu Gefäßen und architektonischem Zierrate. 
Seitdem durch die Funde von Glaswerkstätten jeder Zweifel 
daran verschwunden ist, daß die in Gräbern der II. bis zur 
20. Dynastie vorhandenen Gläser im Fände selbst hergestellt 
wurden, ist der Ruhm der phönizischen Glasmacherei ver- 
blaßt. 1 ) Es waren ägyptische Glasgefäße, vor allem Glas- 
perlen und andere kleine Schmucksachen aus farbigen, Edel- 
steinen ähnlichen Pasten, welche von dem betriebsiimen Ilandels- 



J ) Auch in den Gräbern von Kahün, welche der XIII. Dynastie angehören, 
hat Petrie Glas gefunden. Vgl. Petrie, Kahün S. 32. 



75 

volke an den Küsten des Mittelmeeres und tief in das Binnen- 
land hinein verbreitet wurden. Die Bewohner der griechischen 
Inseln, die Kleinasiaten, die Kelten der iberischen Halbinsel 
hielten den Kaufmann, der ihnen die glänzenden, farbenprächtigen 
Gebilde vermittelte, auch für den Urheber dieser Schätze. Aber 
selbst die ihnen bisher zugeschriebenen Verdienste um die Ver- 
breitung der Industrie bedürfen starker Einschränkung. Zwar ist 
es gewiß, daß sie von ihren afrikanischen Pflanzstätten aus 
sowie auf dem Seewege in das Innere des schwarzen Weltteiles 




Abb. 38. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus rheinischen Gräbern. 



vorgedrungen sind und selbst die Neger der Goldküste mit 
ägyptischen Glasperlen versorgt haben, aber im 1 landel mit dem 
Norden Europas liefen ihnen die Griechen bald den Rang ab. 
Der Aufschwung, welchen die Glasindustrie im neuen 
Reiche genommen hatte, hielt auch noch unter den saitischen 
Dynastien an, wenn auch die selbständig schöpferische Tätigkeit 
nachgelassen haben mag. Man versuchte die Herrlichkeit des 
alten Reiches wieder herzustellen und kopierte vielfach die 
Arbeiten früherer Blütezeiten. Auch in der Glasindustrie wurden 
die Gefäße der 18. Dynastie, die Schmucksachen, die eingelegten 
Arbeiten nachgeahmt. Gleichzeitig mit dieser Renaissance der 
altägyptischen Kunst öffnete sich die Küste griechischen An- 
siedlern und griechische Elemente begannen namentlich in die 
Kleinkunst einzudringen. In Naukratis und anderen Küsten- 
städten entstanden Werkstätten, in welchen pjnheimische im 



76 

Vereine mit Griechen arbeiteten und eine für den Export 
berechnete Industrie schufen, welche mehr als bisher auf den 
Geschmack anderer Völker Rücksicht nahm. In demselben 
Maße, in welchem sich die altägyptische Kunst für die Aufnahme 
fremder Formen empfänglicher zeigte, wuchs ihr Geltungsbereich. 
Mit der I Ierrschaft der Ptolemäer wich die frühere Abgeschlossen- 
heit vollends. Während die altägyptische Keramik einem unheil- 
baren Verfall entgegenging, lebten in der Glasindustrie die 
Formen der ersten Blütezeit wieder auf, um mit den I lilfemitteln 
einer g-esteigerten Technik und teilweise in Verbindung mit 
griechischen Formen eine Mannigfaltigkeit und Gediegenheit 
der Produktion zu entwickeln, die noch heute unsere Bewunderung- 
erregt. Theben trat den Vorrang an Alexandrien ab, das sich 
namentlich unter Ptolemäus Philadelphus zur ersten Kunst- und 
Industriestadt des gräzisierten Orients und Griechenlands selbst 
erhob. 1 ) Zwar nahm eine Zeitlang - das gleichfalls gräzisierte 
Sidon an dem Aufschwünge teil, aber es war nicht auf die Dauer 
imstande, den Wettbewerb mit seiner ägyptischen Nebenbuhlerin 
auszuhalten, in Alexandrien wurden die bedeutungsvollen und 
zukunftsreichen Erfindungen gemacht oder doch zuerst in höherem 
Maße ausgenutzt, welche die Glasmacherei völlig umgestalteten, 
einen ganz neuen Stil der Industrie begründeten, ihr ganz neue 
Wirkungskreise eroberten. I Her entstanden oder entfalteten sich 
nicht nur jene glänzenden Techniken, die in Rom als Wunder 
angestaunt wurden und später, nachdem sie im Mittelalter brach 
gelegen, sich auf die Venezianer vererben sollten; es wurden 
auch die in Alexandrien geschaffenen können für die Glasindustrie 
des gesamten Römerreiches von Indien bis mich Britannien maß- 
gebend. Alexandrien wurde in der Kaiserzeit zum Mittelpunkte 
des Luxus, überschwemmte aber neben Arbeiten von feinstem 
Kunstwerte die Provinzen mit seinen Massenartikeln und Ge- 
brauchsgegenständen gewöhnlicher Sorte. Vom fernsten Norden 
bis in die lybische Wüste hinein sind seine Glasperlen, seine 
Parfumfläschchen und Salbentiegel, die blaugrünen Kannen in 
allen Größen zu finden, in welchen Wein, Toilettewässer und 
orientalische Öle versendet wurden. 



i ) Woermann, Geschichte der Kunst I 197. 



// 

Von dem Vorrange, den Alexandriens Glasindustrie in der 
Kaiserzeit einnahm, zeugt die Stelle bei Strabo, die den Sand 
von Alexandrien für besonders zur Glasbereitung geeignet 
erklärt. 1 ) Dieser Vorzug blieb ihm noch lange, nachdem man 
auch bei Cumae und Liternum an der Küste Campaniens feine 
Sandlager entdeckt hatte, und im weiteren Verlaufe bei Taracco 
in Spanien, in Gallien und am Rhein. Auf eine seiner Ansicht 
nach ungehörige Überschätzung der heimischen Glaskunst weisen 
die Worte des Kirchenvaters Clemens von Alexandrien hin: 




Abb. 39. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus rheinischen Gräbern. |p ^ "2. <« - 7 



„Quin etiam curiosa et inanis caelatorum in vitro vana gloria 
ad frangendum artem paratior, quae timere docet simul ac 
bibas, est a bonis nostris institutis exterminanda." ~) Ein Beweis 
für die starke Regsamkeit der Bevölkerung der großen Industrie- 
stadt am Nil liegt in dem Worte Hadrians, daß kein Mensch in 
ihr müßig gehe. 3 ) Mitunter scheint sie sich aber zu sehr auf 
Kosten der anderen Teile des Reiches geltend gemacht zu 



J ) Strabo XVI 758. „Ego vitrariis Alexandriae audivi quamdam terram vitra- 
riam esse in Aegypto, sine qua sumptuosa quaedam et multorum colorum opera 
perfici requisitum.' 1 Namentlich für mehrfarbige Gläser rühmte sich Ägypten des 
besten Materiales. 

2 ) Clemens von Alexandrien, paedagogus lib. II 3. 

*) „Civitas opulenta, dives, in qua nemo vivat otiosus, alii vitrum contlant, 
ab aliis Charta conticitur." Vopiscus, in Saturninum. Die Beschäftigung mit der Glas- 
und Papierindustrie wird besonders hervorgehoben. 



78 

haben, namentlich dürfte die gewaltige Ausdehnung" der Glas- 
industrie Alexandriens für die anderer Provinzen von Nach- 
teil gewesen sein. Vielleicht gab dies Severus Alexander Ver- 
anlassung alexandrinische Gläser mit einem hohen Zolle zu 
belegen, den Aurelian erneuerte und auch auf Papyrus aus- 
dehnte. 1 ) Es ist aber auch möglich, daß mein mit diesen 
Maßregeln, die ein sehr steuerkräftiges Objekt trafen, nur der 
notleidenden Staatskasse aufhelfen wollte. Der erstgenannte 
Kaiser Septimius Severus verwendete den Ertrag der Steuer zur 
Errichtung öffentlicher Bäder. 

Neben Alexandrien blieb noch Theben für die Glasindustrie 
von Bedeutung. Nach Arrian war Diospolis wegen seiner 
Kristallgläser und murrinischen Gefäße berühmt.' 2 ) Auch Sidons 
Tätigkeit wird von Plinius und anderen hervorgehoben, :! ) doch 
konnten sich beide mit ersterem nicht messen. Das Bemühen 
seiner Werkleute, immer neue Muster auf den Markt zu werfen 
und damit jedem Wettbewerbe die Spitze zu bieten, erinnert 
sehr an moderne Verhältnisse. Athenäus berichtet, daß sie aus 
diesem Grunde Umschau in der Keramik gehalten und dabei 
fast alle Formen von Tongefäßen nachgeahmt haben. 4 ) In der 
Tat ist die Gefäßbildnerei in Ton als die älteste und nächst- 
liegende Schöpferin von Formen für die Behandlung anderer 
Stoffe vorbildlich gewesen, wenn auch deren besondere Eigen- 
schaften häufig zu eigenartigen Bearbeitungsweisen und Dekora- 
tionen Veranlassung gaben. Andererseits hat, wie wir sehen 
werden, die Tonbildnerei sich Formen und Verzierungen an- 
geeignet, die sich zuerst bei Metall und Glas entwickelt hatten. 



*) Vopiscus, Aurelian cap. 45. Bei Lamprides heißt es von Alexander Severus : 
„Braccariorum, vitreariorum , argentariorum , auriticum et caeterarum artium vertigal 
pulchcriorum instituit." Das hinderte ihn aber nicht ein großer Freund der Glas- 
macher zu sein. Er trank niemals aus Gold, sondern stets aus Glas, selbst aus ge- 
wöhnlichem, und verlangte nur, daß es rein und glanzvoll sei: „In convivio aurum 
nescit, pocula medioera sed nitida semper habuit." (ibd.) 

'-) Arrian, peripl. mar. Erythr. 4. 

3 ) Plinius 36, 66. 

4 ) „KaTaoy.euaCouai os gl ev AXel;av8peia -rrv uaXov, [xz-y.z,p'j\)'vZ,ov~z; -oXXat; 
xocl jio'./.lXo»; (vulg. TC&XXa/'.i; noXXatj) lozia. 1 .; rcoxepiiov, ~aviö; toC TravTavL-ö'ev y.y.-.y- 
•/.ci[j.i^o[j.svou xepauou Trv losi'av 'j.vjv[j.cvqi' 1 ' Athenaeus XI 7S4. 



79 

Auf der Übertragung der Formensprache eines Stoffgebietes 
auf ein anderes, oder mit anderen Worten, auf der größtmög- 
lichen Entfaltung aller Eigenschaften des Stoffes und auf seiner 
Anpassungsfähigkeit beruht ja zum großen Teile der Fortschritt 
des Kunstgewerbes. Im allgemeinen wird aber der Satz kaum 
Widerspruch erfahren, daß die Tonindustrie den anderen Zweigen 
der Gefäßbildnerei den Grundstock von Formen und Dekorations- 
arten zuführte. Schon das erste Auftreten des Glases als Glasur 




Abb. 40. Kännchen mit Fadenschmuck. Aus Köln. p «4 ^.(.-7 



von Tonwaren kennzeichnet sein Verhältnis der Abhängigkeit 
von der älteren Schwesterkunst. 

Die ältesten Alabastra und Balsamarien in Pharaonen- 
gräbern sind aus Stein und glasiertem Ton hergestellt, die aus 
opakem Glasflusse mit freier Hand modellierten anfangs nichts 
anderes als direkte Nachbildungen jener. Die kleinen schlauch- 
förmigen Fläschchen aus Ton, ganz ähnlich den sog. Tränen- 
fläschchen aus Glas, haben anfangs blaue Glasur. Erst von der 
Mitte der 18. Dynastie, unter dem prunkliebenden Amenophis III. 
tauchen buntfarbige auf, die meisten von diesen gehören dem 
neuen Reiche an. Zu Ende der Periode überwiegt Himmelblau 



8o 

von prachtvoller Leuchtkraft, daneben kommt Graublau, Violett 
und Elfenbeinweiß vor. 1 ) 

Außer den Formen des Lekythos, der Oenochoe, der 
Amphora, den zierlichen Kannen und Fläschchen mit ab- 
gesetztem Halse und nach unten verjüngtem Körper, griffen 
die alexandrinischen Glasmacher gern auf den Prochus zurück, 
der in den Gräbern der 26. Dynastie häufig vorkommt und 
nach den griechischen Inseln herüb ergegangen ist; sie machten 
aus ihm die Kegelflasche mit schlankem Halse, mit oder 
ohne Henkel, mit oder ohne Längsrippen. Der ägyptischen 
Keramik hat die Glasindustrie teils gleichzeitig", teils erst im 
Laufe der archaisierenden Periode unter den saitischen Dy- 
nastien und während des alexandrinischen Eklektizismus einige 
Formen entlehnt, die sich als feststehende Typen im ganzen Be- 
reiche der römisch-griechischen Kultur Geltung verschafft haben. 
Die meisten von ihnen haben in der Keramik farbig"e P^mail- 
glasuren erhalten, welche sie dem Glase ähnlich erscheinen ließen 
und dadurch die Nachbildung in diesem .Stoffe noch mehr anregten. 
Manchmal verändert die Übertragung einer Form aus glasiertem 
Ton in Glas diese dem Aussehen nach kaum merklich. Noch 
heute werden Tonwaren oft mit einer Glasur versehen, deren 
Bestandteile mit denen des Glases, Soda und Sand identisch 
sind und nur einen Zusatz von Zinn oder Blei enthalten. Auf 
Abb. 13, S. 27 habe ich mehrere dieser Formen, die den Tafeln 
bei H. Wallis entnommen sind, in Umrisszeichnungen zusammen- 
gestellt. 2 ) Fig. 2 zeigt die Form der Tonschalen, welche zur 
Zeit der 18. Dynastie (1600 — 1368) gewöhnlich sind. Sie wird 
in Glas bis in die späte Kaiserzeit nachgemacht, in der Regel 
aber der Technik entsprechend mit einem Randwulste versehen: 
der Rand erfährt auch andere Umbildungen, unten wird oft ein 
Fußring beigefügt. Am deutlichsten gibt Formentafel G 423 die 
Form in einem Exemplare des III. Jahrhunderts n. Chr. wieder, 
auch 393, 411. Die Tonschalen der 18. Dynastie sind häufig, 
wie früher schon bemerkt, mit schwarz aufgemalten Fischen 
verziert, die teils paarweise, teils in radiärer oder Kreisstellung" 



J ) Vgl. v. Bissing a. a. O. S. XXIII. 

2 ) Henry Wallis, Kgyptian ceramic art (the Mac Gregor collection). 



8i 

erscheinen. 1 ) Die Umrisse dieser Fische wiederholen sich noch in 
Glasgravierungen des III. Jahrhunderts. Ebenso alt wie die Schale 
Fig. 2 sind die Näpfe Fig\ i und 3, sehr gewöhnliche Formen, 
die glänzend grün oder blau glasiert wurden. Die türkisblauen 
(refäße dieser Art lockten früh zur Nachbildung in ordinärem 
grünblauem Glase, das für die meisten geblasenen Gefäße der 
Kaiserzeit in Ägypten angewendet wurde und wie erwähnt, stark 
eisenhaltig ist. Von Alexandrien aus wurde die ganze alte Welt 
mit Salben- und Öltiegeln überschwemmt, für welche der flache 
ringförmige Rand kennzeichnend ist, dessen Durchmesser oft dem 
des Gefäßes selbst gleichkommt. Diese Typen gehören zu den 
bekanntesten und am 
weitesten verbreiteten 
Erzeugnissen der an- 
tiken Glasmacherei 
und bekunden beinahe 
ebenso wie die belieb- 
ten Schmuckperlen die 
ungeheuere Ausdeh- 
nung des alexandrini- 

schen Absatzgebietes. Im Museum von Kairo steht ein der- 
artiger Napf aus den Funden Flinders Petries vom I lawara-Fried- 
hofe, der dem IV. Jahrhundert vor Chr. angehört. Außer henkel- 
losen kommen auch Tiegel mit zwei Fadenhenkeln oder flach 
gerippten Bandhenkeln vor, die am Rande mit einer Schleife 
ansetzen und nach scharfer Biegung senkrecht bis an den oberen 
Teil der Bauchung reichen (Formentafel C 1 56). Die zur Zeit 
der 18. Dynastie häufige Tonform 3 ist gleichfalls in (das sehr 
beliebt (Formentafel B 85, 91). Ihren Ursprung aus der ägyp- 
tischen Keramik nehmen auch die als Trinkgefäße in der frühen 
und mittleren Kaiserzeit allbekannten Kugelbecher. Die unter 
No. 4 — 6 der Abbildung 3 in Umrissen wiedergegebenen Stücke 
sind gleichfalls in Gräbern der 18. Dynastie gefunden: Xo. 7, 
prächtig lasurblau glasiert, stammt aus der 20. Dynastie (1220 
bis 1080): auch die anderen zeigen lebhafte 1 farbige Glasuren, 
die sie wie Gläser erscheinen lassen. Der steile, senkrechte 




Abb. 41. Gerippte Schale. I. Jahrh. p 



S-|3,73(= 



l ) Henry Wallis, Egyptian ceramic art (the Mac Gregor collection). T. V — VII. 
Kisa, Das Glas im Altertume. 6 



82 



oder leicht nach oben sich erweiternde Rand wird von der Glas- 
industrie der frühen Kaiserzeit übernommen (Formentafel F 356 
bis 362), später durch einen ausgeschweiften oder einen Rand- 
wulst ersetzt. Im allgemeinen macht dieser Typus in Glas die- 
selben Wandlungen durch wie in Ton. 1 ) Selbst das Infundibulum 
hat, wie No. 6 zeigt, bereits seine Vorläufer in der Keramik 
des neuen Reiches. Die Fläschchen mit einer kleinen Ausguß- 
dülle am Bauche sind in der Kaiserzeit weder in Ton noch in 
Glas am Rheine selten; man bediente sich ihrer zum Füllen der 
Öllämpchen, vielleicht auch als Saugflaschen für Kinder. 

Die charakteristischen flachrunden Pilger Haschen, die 
Neujahrsflaschen, mit einem kurzen Halse in Form eines Lotus- 
kapitells, an welches sich zwei hockende Affen anlehnen, waren 
dazu bestimmt, eine große Rolle in der Glasmacherei zu spielen. 
Man schreibt diese zumeist türkisblau glasierten und mit orna- 
mentalen Ringkragen versehenen Gefäße der saitischen Zeit 
zu.' 2 ) Auch ringförmig durchbrochene, sog. Wurstkrüge dieser 
Art kommen vor (Abb. 1 3 No. 8, 9). Getreue Kopien in Glas 
sind bisher allerdings nicht festgestellt, dagegen sind plattbauchige 
Flaschen mit glattem Röhrenhalse oder einem den äußeren Umriß 



*) Abgeb. bei Edgar, Greco-cgyptian glass. Catalogue general des antiquitees 
egypt. du musee du Caire. Vol. XXII. Le Caire 1905, T. IV 32, 527. Es ist 
eine sehr verdienstliche Publikation , wenn auch auf die historische Einleitung zu 
wenig Gewicht gelegt ist. Die Beschreibung der einzelnen Stücke ist nicht immer 
genau. So ist die Amphoriske T. IX 32, 733 als „nach der Art altägyptischcr 
Gläser modelliert' 1 bezeichnet, während schon die Abbildung durch die peinliche 
Regelmässigkeit der Form und durch die Naht am Boden deutlich bekundet, daß das 
Glas in einer Form geblasen ist. Es ist schlauchförmig, wie die altägyptischen Eimer, 
unten abgerundet. Die doppelt gehenkelte Kugelflasche auf derselben T. IX 32, 129 
nennt E. ,,ganz ohne gleichen", während der Typus am Rheine sehr verbreitet ist. 
{Vgl. Formentafel C 133, 135, 137). Allerdings sitzen die Henkel bei dem Kairener 
Exemplar bloß auf dem Bauche und reichen nicht an den Hals heran. Das ist aber 
unwesentlich; die Form ist die der gewöhnlichen Kugelflaschen mit kurzem nach 
oben etwas erweiterten Röhrenhalse und zwei kleinen unregelmässigen Fadenhenkeln 
mit einer Schlinge. Der Wert des Buches beruht vor allem auf den zahlreichen 
Lichtdruck-Abbildungen ägyptischer Gläser der Kaiserzeit, durchweg Gebrauchsware 
gewöhnlicher Art, deren Formen sich grossenteils mit den gallisch-rheinischen decken. 
Die Tafeln sind nach Aufnahmen von Brugsch-l'ascha hergestellt, dem somit das 
Hauptverdienst dieser Veröffentlichung zufällt. 

2 ) Maspero a. a. O. S. 255, Fig. 228. 



83 




Abb. 42. Gerippte Schale. I. Jahrh. p 



Si 3 



des Lotuskapitells einhaltenden Trichterhalse nicht selten. (Formen- 
tafel C 131, 132, 140 u. a.) Der Affe war ein Lieblingsmotiv der 
ägyptischen Kunst und wurde in großen und kleinen Skulpturen 
aus verschiedenem Material dargestellt. Die alex£indrinische 
Kunst, welche von der alten die Vorliebe für Tierdarstellungen 
erbte, bildete Flaschen in Gestalt hockender, die Syrinx bla- 
sender Affen, von welchen sich in den Museen von Köln, Bonn, 
Trier und Amiens Exemplare erhalten haben. Als Besatzstück aber, 
wie in der Keramik, scheint das Affenmotiv von den Glasbläsern 
nicht benutzt worden zu sein. Immerhin ist der Einfluß jener 
Tonflaschen auf die 
Glasindustrie in den 
teils kugeligen, teils 
ringförmigen Fläsch- 
chen mit kurzem 
Halse, auf dem ge- 
wöhnlich ein starker 
flacher Ring aufsitzt, 
nicht zu verkennen. 
(Vergl. Formentafel 

B 130, C 161 — 166). An Stelle der Affchen treten Ösen aus Faden- 
schlingen, bei feineren Stücken kleine in sich zusammengerollte 
Delphine oder Delphinköpfe, weshalb ich diese Art von Gläsern 
„Delphinflaschen" benannt habe, eine Bezeichnung, die bereits all- 
gemein angenommen ist. Die flache Randscheibe ist ebenso wie der 
flache Henkel der Tiegel und zylindrischen Kannen in dem Ary- 
ballos Nr. 10 vorgebildet, welcher in der saitischen Epoche und 
später für den Export nach Griechenland berechnet war und sich 
deshalb in der Palmette griechischem Geschmack anschließt. Der 
flache Henkel ist bei Gläsern gerippt, wenn er ^lus nebeneinander 
gelegten runden Glasstäben zusammengesetzt oder in einer 
Form gepreßt wurde, was die Regel war. Der Aryballos ist 
bezeichnend für den Einfluß, den die griechische Kunst seit den 
saitischen Königen gewann, die sich mit einer griechischen Leib- 
garde umgaben. Er ist in Ton zumeist hellgrün glasiert, manch- 
mal naturfarbig mit blauen aufgemalten Ornamenten. In der 
griechisch-römischen Zeit kommt auch eine Netzverzierung in 
Relief vor, welche das Vorbild für die im III. Jahrhundert auch 

6* 



8 4 

in der gallischen Glasindustrie beliebte Auflage eines Fadennetzes 
mit rautenförmigen Maschen abgab. Ein hellblauer Becher aus 
römischer Zeit im Museum von Kairo zeigt das Fadennetz, das 
aber bei Tongefäßen gewöhnlich in einer llohlform gebildet ist. 1 ) 

Eine der interessantesten Bildungen ist unter Xr. 13 an- 
gedeutet, die einen lasurblau glasierten Becher der Ramses- 
periode wiedergibt. Im weiteren Verlaufe der Entwicklung 
setzt sich der obere Teil schärfer von dem unteren ab und 
nimmt schließlich die Gestalt eines breiten, trichterförmigen 
Halses an, der auf einem kugeligem Hauche sitzt. Die Form, 
die der Typus in der Ptolemäerzeit gewonnen hat, versinnlicht 
Nr. 11, ein Becher aus weißem Ton, dessen Rundung mit einem 
Kranze blauer Tropfen geschmückt ist. Es ist wohl unzweifel- 
haft, daß w r ir hier das Prototyp des bekannten gallischen Trink- 
bechers vor uns haben, der jetzt nech allgemein als eine Schöpfung 
der gallischen Keramik von selbständiger Eigenart gilt und 
nach der üblichen Erklärung- aus der Nachahmung des hölzernen 
Weinfasses entstanden ist, dem man ein breites zylindrisches 
oder trichterförmiges Mundstück aufsetzte. Der gallische Trink- 
becher wurde in allerlei Varianten von den gallisch-rheinischen 
Werkstätten in Glas nachgebildet. (Vgl. Formentafel B 85, 
88, 91 — 96.) Auch die Verzierung mit Tropfen eignete sich 
vortrefflich für die Glastechnik und bildete zu allen Zeiten, be- 
sonders aber in der spätrömischen Periode, einen beliebten, 
mannigfacher Ausbildung fähigen Schmuck. Ebenso leicht ließ 
sich die Fassung der Gefäßwand, die plastische Ausgestaltung 
durch Eindrücke, Rippen, Buckel und Kanellnren sowohl aus 
freier Hand mit Beihilfe passend profilierter Werkzeuge, wie 
durch Blasen und Formen, durch Pressung und Schliff auf die 
Glastechnik übertragen. Schon unter den Scherben von Theben 
und Teil el Amarna befanden sich gebuckelte und gerippte Stücke. 

Die unter Nr. ^dargestellte melonenartig kanellierte Tonvase 
gehört wahrscheinlich der Ptolemäerzeit an und ist ihrerseits die 
Nachbildung eines getriebenen Metallgefäßes. Ahnlich ist Nr. 
3718 des von Bissingschen Kataloges von Kairo, das Bruchstück 



*) Vgl. v. Bissing, Die altägypt. Fayencegefasse. Katalog von Kairo. S. XV, 
■»^ 0i 3738 — 3749. Auch Gläser mit Netzwerk sind mitunter geformt. 



85 

eines hellblau glasierten Kugelbechers mit Längsrippen aus der 
späten Zeit des neuen Reiches. Neben die zahlreichen Arbeiten 
dieser Art aus glasiertem Ton kommen in der römischen Zeit die 
Faltenbecher, die schon in Pompeji vertreten sind und in der 
Blütezeit der gallisch-rheinischen Glasmacherei, im IL und III. Jahr- 
hundert n. Chr. ungemein häufig hergestellt wurden. Der uralte 
Typus des zylindrischen Hechers, den wir mit glatten Wandungen 
schon bei den mehrfarbigen, aus freier 1 1 and modellierten Bechern 
der Prinzessin Nsichonsi trafen, wurde unter den Ptolemäern zur 
Herstellung von Ton- 
bechern mit figürli- 
chem Reliefschmucke 
benützt, die als Un- 
tersätze von Kugel- 
bechern dienten. Ihre 
( I rundform ist in Nr. 12 
wiedergegeben. 1 )ar- 
nach können wir wohl 
auch manche der zahl- 
losen (dasbecher die- 
ser Art (Formentafel 
E 293 ff) als Unter- 
sätze gläserner Kugelbecher betrachten, die wegen der Rundung 
ihrer Unterseite nicht frei stehen konnten. Auch der eigen- 
artige Henkelansatz gallischer Glaskannen von Kugelform, 
deren Hals durch einen Ring unterbrochen ist, von welchem 
die beiden Henkel ausgehen, (Formentafel (' 138) ist an einer 
plattbauchigen Pilgerkanne aus hellblau glasierter Fayence 
(Nr. 3O73 des von Bissing'schen Kataloges der Fayencen von 
Kairo) vorgebildet. Ebenso haben die bekannten doppelten 
und dreifachen Schlauchbalsamarien, die in großer Zahl aus syri- 
schen Glashütten hervorgegangen sind (Formentafel A 8 — 10), 
viele Vorgänger in der ägyptischen Keramik. Zwei und mehr 
schlauch- oder vasenförmige Olfläschchen aus Ton werden mit- 
unter auf. einer gemeinsamen Bodenplatte dicht aneinander 
befestigt. 1 ). 




Abb. 43. Gerippte Schale, goldbraun. Köln. II. Jahrb.. b^'/3 / 7S'( 



') Abgcb. bei Edgar a. a. O. T. VIII 32, 655, 656, 659, 661. 



86 

Während die Nachbildung von Tonwaren in Glas das ge- 
wöhnliche war, kam manchmal auch das Gegenteil vor, die Nach- 
bildung von Gläserformen und für die Glastechnik charakteris- 
tischen Verzierungsarten, wie z. B. die des Kerbschnittes, in Ton. 
Die drei in ägyptischen Gräbern der Kaiserzeit gefundenen Ton- 
Amphoren Nr. 15 — 17 sind offenbar Kopien von Glasgefäßen, 
denn die Bildung der Henkel aus runden Fäden ist eine dem 
Glase eigentümliche, dem Tone fremde. Besonders der Stachel, 
welcher bei dem rechten Henkel der erstgenannten Vase dicht 
am oberen Ansätze vorragt, deutet auf die Kneifarbeit mit der 
Glaszange. 

Die Formen der Gebrauchsware römisch -byzantinischer 
Periode stimmen mit den gleichzeitigen Erzeugnissen gallisch- 
rheinischer Werkstätten zum größeren Teile so sehr überein, daß 
man auch darin die Abhängigkeit des Westens von der Zentrale 
Alexandrien bestätigt sieht. 1 ) .Stärkere Unterschiede treten, von 
einzelnen altägyptischen Typen abgesehen, fast nur im Material 
und in der Dekoration hervor. Die ordinären Gläser sind 
zumeist stark grünblau gefärbt und von jener .Sorte, die 
in den europäischen Museen durch die importierten Aschen- 
urnen, die zylindrischen, vier- und sechseckigen Kannen für 
Ol und Parfüme u. a. reichlich vertreten ist. Das Glas, das 
in Gallien und am Rhein für Gebrauchsgefäße, Fensterscheiben 
etc. verwendet wurde, ist wie das italische heller und grün- 
licher, mit geringerem Anklang an blau, dafür öfter ins gelb- 
liche, bräunliche und olivfarbige übergehend. Auch die Gläser 
der 1896/7 in Luxor befindlichen Sammlung Newberry, welche 
ägyptische Funde aus römischer Zeit enthielt, zeigten Formen, 
die den gallisch-rheinischen sehr nahestehen.' 2 ) Als Verzierung- 
ist außer einfachen Fäden, Rippen, Falten, Stacheln vereinzelt 
auch Bemalung, Gravierung und Schliff verwendet. Reste 
von bemalten Gläsern wurden namentlich in Oxyrynchus ge- 
funden. 

Manche Gelehrte, die sich mit der Tatsache eines Massen- 



!) Edgar a. a. O. T. VII 32, 628, 631, 629, 632, 634. T. VIII 32, 637, 640, 
65 r, 663, 643, 645, 667 u. a. 

2 ) Nach Photographien bei Prof. Wiedemann in Bonn. 



exportes ägyptischer Gkiswaren aus Alexandrien nach allen 
Teilen der antiken Welt nicht recht befreunden können und 
geneigt sind, in Gläsern von alexandrinischem Typus Nach- 
bildungen einheimischer Werkstätten zu erblicken, weisen auf 
die großen .Schwierigkeiten des Transportes dieser gebrech- 
lichen Waren hin, welche trotz aller Vorsichtsmaßregeln allzu 
häufige und empfindliche Verluste durch Bruch veranlaßt 
hätten, um eine Massenausfuhr lohnend erscheinen zu lassen. 1 ) 
Es scheint aber, daß man es verstand, solche Verluste auf ein 
Mindestmaß einzuschrän- 
ken und zwar durch eine 
sorgfältige Verpackung, 
von welcher sich im Mu- 
seum von Kairo noch 
mehrere völlig wohlerhal- 
tene Beispiele erhalten 
haben. Hier erscheinen 
u. a. mehrere jener 01- 
und Parfümflaschen von 
äußerst dünnem und ge- 
brechlichem Glase mit 
langem röhrenförmigen 
J lalse und flachkegelför- 
migem Bauche, der m anch- 
mal nicht viel mehr als 

die Funktion einer Fußplatte versieht. Bohn und Dressel 
zweifeln, ob es italische oder gallisch -rheinische Erzeugnisse 
seien, der alexandrinische Ursprung scheint ihnen wohl wegen 
der geringen Transportfähigkeit ausgeschlossen. Die bei uns 
gefundenen Exemplare haben manchmal Namensstempel von 
italischem Klange. Daß dieser Typus aber gleichfalls in Ägypten 
heimisch ist, beweisen die Exemplare des Museums von Kairo.") 
Ihnen verwandt sind die gleichfalls ganz dünnwandigen und 
langhalsigen Flaschen, deren Bauch sich der Birn- oder 
Schlauchform nähert. Drei von diesen haben noch die alte Ver- 




Abb. 44. Kugelbecher, künstlich irisiert. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



r 



3 o 4 



r ) Bohn im Corpus inscr. lat. XIII S. 657, 666e. 

2 ) Vgl. v. Bissing a. a. O. S. XXIV, No. 3887, 18005. 



:■.-."' '■'•':'"; 



88 

packung 1 ). Die eine, 0,22 m hoch, 0,075 im größten Durchmesser. 
ist von oben bis unten in Streifen von Pflanzenfasern eingewickelt, 
unter welchen man einige Stücke von griechischem Papyrus be- 
merkt. Die Hülle ist noch heute sehr fest und fast unbeschädigt, 
allerdings war sie nicht dem Transport ausgesetzt. Die andere, 
o, 1 85 m hoch, 0,065 im Durchmesser, steckt in derselben Verpackung. 
Während bei jener nur der Randwulst hervorsieht, ist bei dieser 
die Hülle vom oberen Teile des Halses entfernt. Die dritte, im 
Fayün (gefunden, 0,125 m .hoch, 0,055 im Durchmesser, mit breitem 
Randwulst und kürzerem Halse, ist ebenso eingewickelt und über- 
dies mit einem Grasstopfen versehen (Abb. 1 2.) Auf einer der Fasern 
liest man in großen, aber nicht mehr deutlichen Buchstaben den 
Namen A&OAEATOY (?). Bei einer vierten Flasche bemerkt 
man, da die 1 lulle beschädigt ist, daß unter den breiteren Fasern 
der oberen 1 lulle eine Schicht aus dünneren und weicheren Fäden 
liegt, welche von einem Faserknoten unter dem Bauche des Ge- 
fäßes ausgehen und in feiner Zerteilung dieses völlig umspinnen.-) 
Eine solche Verpackung bot hinreichenden Schutz gegen alle Ge- 
fahren des weiten Weges zu Wasser und zu Lande. Selbstver- 
ständlich waren bei diesen Sendungen nicht die Flaschen die 
Hauptsache, die man ebensogut im Lande herstellen konnte, 
sondern ihr Inhalt, die berühmten orientalischen Ole und Par- 
füme, welche man, wie noch heute, auch in kleineren Quantitäten 
abmaß. Das gleiche gilt von den sogenannten Lagonen, den 
großen zylindrischen und prismatischen, vier- und sechseckigen 
Kannen aus grünlichblauem Glase mit kurzem Halse, flachem 
Randwulste' und breiten, meist gerippten Henkeln. Alan be- 
zeichnet auch diese als gallisch und meint, daß sie in anderen 
Gegenden des Reiches nicht vorkämen. Das ist jedoch ein 
Irrtum. Außer den in Frankreich und am Rheine gefundenen. 
oft am Boden mit konzentrischen Ringen, Punkten. Namen 
oder einzelnen Buchstaben gestempelten Exemplaren und zahl- 
reiche Lagonen in Ägypten 1 '), auf den griechischen Inseln, in 



a ) Edgar a. a. O. T. VIII 32, 655, 656, 661. 

2 ) Auch Dcville bildet T. XCII B. ein Fläschchen mit solcher Umhüllung ab, 
das sich in der ägyptischen Abteilung des Louvre befindet. 

8 ) Edgar a. a. O. T. V 32, 540, 545, 542, 541, 543. 



8 9 



Süditalien, besonders inCampanien (Pompeji, in Mengen im Museum 
von Neapel), im cisalpinischen Gallien und in Ligurien (sehr viele 
in der Brera in Mailand) zu Tage getreten. Sie wurden in passende 
Holzkisten verpackt und so mit Ölen und Parfümen, auch mit 
feineren Weinsorten versendet. Man sieht sie auf den Grab- 
steinen von Soldaten. 
welche den Verstorbenen 
in der Toga auf dem 
Triclinium liegend und 
den Becher schwingend 
darstellen. (Abb. 14.) Sie 
stehen hier meist in recht 
stattlicher Größe als 
Weinbehälter auf dem 
Boden vor dem Lager. 
Zum Tragen bediente 
man sich eines Bügels 
aus Bronze oder einer 
.Schnur, welche an den 
I lonkeln befestigt wurde 
oder besonderer Körbe 
aus Bast oder Ton mit 
zwei Abteilungen, zwi- 
schen welchen der halb- 
kreisförmige I lenkel an- 
gebrachtist. Solche Tra- 
gekörbe sind aus I 'ompeii 
in das Museum zu Neapel 
gekommen. (Abb. 15.) 





Abb. 45. Gepreßte Schale. Köln, ehem. p 2-7?, S)3 



Sammlung Disch. pj ^. 

Auch diese Kannen, die kunstlos aus ordinärem Material durch 
Blasen in I lohlformen hergestellt wurden, verdanken, soweit sie 
ägyptischen Ursprunges sind, ihr« 1 Verbreitung in fremde Länder 
vor allem ihrem Inhalte. 



0.A7. 



C£»53 



9° 



Phönizien. 

Die bereits erwähnte Anekdote von der Erfindung- des Glases, 
mit welcher Plinius seine Abhandlung- über den Gegenstand ein- 
leitet, lautet wörtlich folgendermaßen: 

„Der an Judäa grenzende Teil Syriens, Phönizien genannt. 
hat innerhalb der Ausläufer des Berges Karmel einen Sumpf 
namens Cendevia. Aus diesem entspringt angeblich der Fluß 
Belus, *) der sich nach einem Laufe von 5000 Schritten bei 
der Kolonie Ptolemai's ins Meer ergießt. Langsam ist sein 
Lauf, ungesund, aber durch g-ottesdienstliche Zeremonien ge- 
heiligt sein Wasser, schlammig und tief sein Bett. Zur Zeit 
der Ebbe bleibt ein feiner glänzender Sand am Strande zurück, 
der sich nicht weiter als 500 Schritte ausdehnt. An dieser 
Stelle sollen einst Salpeterhändler mit ihrem Schiffe g-estrandet 
sein. Um ihre Mahlzeit zu bereiten, legten sie in Ermangelung- 
von Steinen Stücke Salpeters von der Ladung- des Schiffes 
unter die Kochkessel. Nachdem sie Feuer angemacht, sei ver- 
mischt mit dem Ufersande eine edle glänzende Flüssigkeit unter 
den Herden entstanden und dies war der Ursprung des Glases." 

Von Plinius ist die Erzählung in die Schriften Isidors, des 
Bischofs von Sevilla (VII. Jahrhundert) und in jene bereits erwähnte 
Sammlung von Rezepten übergegtmgen, welche die Arbeiten 
von verschiedenen Schriftstellern vereint, aber unter dem 
Namen des I Ieraclius und dem Titel „Von den Farben und 
Künsten der Römer" bekannt ist. Trotz der Unwahrschein- 
lichkeit der Vorgänge glaubte das /Altertum fest daran, daß 
die Erfindung des Glases den Phöniziern zu verdanken sei 
und phönizische Gläser wurden bis in unsere Tag-e als die 
ältesten und berühmtesten angesehen. Das Material von den 
Sandbänken Phöniziens galt neben dem ägyptischen für das 
beste. Strabo teilt mit, daß das phönizische Ufer zwischen Pto- 
lomäis und Tyrus mit kleinen Hügeln aus glasigem Sande be- 
deckt sei, den man aber an Ort und Stelle nicht schmelzen 
könne, sondern zu diesem Zwecke nach Sidon schaffen müsse. 
Die Sidonier ihrerseits rühmten sich, daß jener Sand nur dann 



*) Heute Nahr-Halu genannt. 



9i 



gutes Glas liefere, wenn er von ihnen bearbeitet werde. 1 ) Diese 
Mitteilungen ergänzt Josephus Flavius durch die Nachricht, daß 
sich am Fluße Belus in der Nähe des Memnongrabes eine runde 
(jrube von 100 Ellen Durchmesser befände, die mit Sand zur 
Glasbereitung gefüllt sei. Werde der Vorrat erschöpft, so er- 
neuere er sich von selbst und zwar durch den Wind. Nur jener 
Sand sei brauchbar, den man 
selbst aus der Grube hole, aller 
andere tauge wenig.' 2 ) Auch 
Tacitus äußert sich über diese 
Fundgrube: „Der Belus ergießt 
sich in das jüdische Meer. An 
seiner Mündung wird Glas aus 
einer Mischung von Sand und 
Nitrum gewonnen. Dieses Ufer 
von mäßiger Ausdehnung ist 
unerschöpflich."") Die Bemer- 
kung des josephus ist offenbar 
nur eine legendarische Aus- 
schmückung der Tatsache, daß 
sich nehen dem durch den Fluß 
angeschwemmten Sande auch 
Flugsand dort vorfand. 

Außer diesen und ähn- 
lichen allgemeinen Nachrichten 
finden sich bei antiken Schrift- 
stellern nur wenige Stellen, 
die von phönizischer Glasiirbeit 
handeln. I Ierodot und nach 
ihm Plinius sprechen von einer 

großen Smaragdstele im Tempel des Melkart zu Tyrus und 
einer anderen zu Apion. 4 ) Damit hat es dieselbe Bewandnis 
wie mit den ägyptischen Obelisken und den smaragdenen 
Ziegeln bei Moses. Ebensowenig ist mit der Nachricht an- 




Abb. 46. Muschelkanne. p * 3 • , 7 <» <° 

Köln, Museum Wallrat-Richartz. III. Jahrb.. 



] ) Froehner a. a. O. S. 18 f. 
'■) Josephus Flavius, Jüdischer Krieg II 10, 2. 
:i ) Tacitus, hist. I 5, 7. 
■*) Jene verbreitete Nachts angeblich einen glänzenden Schein. 



9 2 

zufangen, daß in einem Tempel auf der Insel Arados zwei 
große Glassäulen standen, die das Erstaunen des Apostels Petrus 
erregten, als dieser eigens dahin reiste um sie zu sehen. 1 ) Viel- 
leicht waren diese .Säulen wie die ägyptischen mit glänzend gla- 
sierten Toneinlagen verziert. Auch von gläsernen Särgen wird 
wieder berichtet, die in großer Zahl in Sidon hergestellt worden 
sein sollen. Plinius nennt diese Stadt „Artifex vitri", und sagt, 
daß sie besonders wegen ihrer Erfindung der (schwarzen) gläser- 
nen Spiegel Ruhm geerntet habe. Leider gibt er nichts genaueres 
darüber an, auch nicht, wann diese Erfindung gemacht worden sei. 
Sie dürfte kaum vor die Kaiserzeit fallen, da man erst aus dieser 
gTäserne Spiegel kennt: die meisten gehören sogar erst dem II. 
und III. Jahrhundert an. Offenbar war Sidons Glanzperiode in 
Plinius Tagen schon vorbei, denn er bezeichnet die dortigen 
Werkstätten gleichzeitig als „ehemals berühmt." ") Athenäus teilt 
gelegentlich mit, daß man in Sidon geschliffene Becher her- 
gestellt habe. 

Das ist alles, was man über die hochberühmte sidonische 
Glasindustrie von antiken Schriftstellern erfährt. Von den be- 
kannten Arbeiten des Ennion, Artas und anderer griechischer oder 
gräzisierter Glaskünstler und den sidonischen Siegesbechern sagt 
die zeitgenössische Literatur kein Wort. Noch schlimmer ist es 
um Tvrus bestellt, dessen Glasindustrie noch im XII. Jahrhundert 
im Gange war. Nach den Worten des Benjamin von Tudela be- 
fanden sich damals gegen 400 jüdische Glasmacher in der Stadt, 
da die syrisch-phönizischen Glashütten allmählich fast ganz in die 
Hände der Juden übergegangen waren. Daß dort fleißig gear- 
beitet worden war, beweisen Reste von Glaswerkstätten, über 
welche auch Renan berichtet, zahlreiche Schlacken, .Scherben 
farbiger Glasgefäße, halbglasierter Substanzen und Glaspasten. 
In Sidon wurden Amulette aus farbigen Pasten mit Figuren und 
Inschriften gefunden, die man wegen letzterer für einheimische 
Erzeugnisse gehalten hat. Doch wird dieser Beweis schon durch 
die Tatsache bedeutend entkräftet, daß assvrische Eroberer ihr«' 



*) Clemens von Alexandrien, recognitiones II 1434. 

2 ) „Sidone quondam iis officinis (vitri) nobili si quidem etiam specula excogi- 
taverit". Plinius 5, 76; 36, 193. 



93 

ägyptischen Beutestücke durch nachträgliche Eingravierung von 
Keilinschriften als ihr Eigentum bezeichneten. Als phönizisch 
möchte man auch eine Gruppe im Louvre aus opakgrüner Glas- 
paste in Anspruch nehmen, die eine Gottheit mit zwei Tieren 
an der Seite darstellt, etwa wie die berühmte Skulptur vom 
Löwentor in Mykenae. Sie wurde in Phönizien gefunden und 
unterscheidet sich im Stile ebenso 
von mykenischen, wie von archai- 
schen und kyprischen Arbeiten. 
Dagegen stimmt sie mit den Idolen 
und Masken überein, die man auf 
Glaszylindern (Perlen) im östlichen 
Mittelmeerbecken und in .Süditalien 
wiederholt gefunden hat. In einem 
Grabe zu Tarsos in Sardinien, das 
lange im Besitze der Phönizier war, 
entdeckte man ein Perlenhalsband, 
das zwei zylindrische Stücke mit 
Stiermasken und eine bärtige Akiske 
mit Glotzaugen und eigentümlich 
schreckhaftem, fast gespenstischem 
Ausdruck enthält. Als Grundfarbe 
herrscht bei diesen Stücken gelb 
vor, die Köpfe sind 1 ausgestreckt, 
bärtig - , oft mit regellosen kugeligen 
Tropfen in bunten Farben besetzt. 
Die Sammlung" Sarti in Rom zählte 
drei derartige Masken unbekannten, 
wohl süditalischen Fundortes, ferner 
das Bruchstück einer Zylinderperle, 

die mit vier pausbäckigen und glotzäugigen Masken verziert 
ist. An diesen sind zahlreiche buntfarbige Tropfen aufgesetzt. 1 ) 
(Abb. 19, 20.) Froehner ist geneigt, diese Masken und Zylinder 
für altphönizisch zu halten, doch läßt sich auch für diese Art 
der ägyptische Ursprung sicher nachweisen. In der Sammlung 
v. Bissing befinden sich gleichartige große Maskenperlen, die 




Ahb. 47. Kegelkaiine. / ' - 3 ■- , '/ 8 £ , <f 9 , 
Köln, Museum Wallraf-Kichartz. 
III. Jahrb. 



!) Ludwig Pollak, vcndita Sarti T. XXIV S. 65, No. 383. Froehner a. a. ( >. S. 104. 



94 

wahrscheinlich aus Memphis stammen, bei welchen der hagere, 
langgestreckte, glotzäugige und bärtige Typus wegen der 
besseren Erhaltung der Stücke deutlich semitische Züge erkennen 
läßt. Das Antlitz ist von mattgelber Farbe, der spitze Bart, 
die Haarlocken glänzend schwarz , ebenso die fast halbkreisför- 
migen Augenbrauen und die Augensterne selbst, wenn diese nicht 
durch dunkelblaue Tropfen hergestellt sind. Man hat den Ein- 
druck, als ob eine überlegene Kunst hier absichtlich Kariktituren 
geschaffen hätte und nicht etwa den von naiven Erzeugnissen 
unbeholfener Hände. (Abb. 21.) Dazu kommt, daß diese Masken 
in Ägypten nicht selten sind, namentlich in Gräbern der Ptole- 
mäer- und Kaiserzeit. 1 ) Sie sind ein Erzeugnis alexandrinischer 
Kunst, welcher die Karikatur sehr geläufig war. Man wollte 
offenbar Juden, Syrer, Babylonier karikieren und damit eine von 
altersher übliche Art von Glasperlen, solche mit Masken in 
ägvptischem Stile und Kopfputz besetzte, wieder in neuer Form 
auf den Markt werfen. Bei Deville finden wir zwei Kopfperlen 
derselben Art.') Die eine gibt einen semitischen Typus in aller 
Schärfe wieder, mit gelber Hautfarbe, wulstigen Lippen, großen 
schwarz umrandeten Augen, ebenso gefärbtem 'lockigem Haar, 
Bart und großen weißen Ohrringen. Die andere zeigt einen 
der in der alexandrinischen Kunst so beliebten Negerköpfe, 
glänzend schwarz glasiert, mit Glotzaugen, Haarschopf und weißen 
Kugeln an den Ohren. Deville bezeichnet die Stücke als ägyp- 
tische Funde, ohne ihren Aufbewiihrungsort anzugeben. Das Glas 
wurde in der Antike sehr oft zu Scherzen aller Art, zu ko- 
mischen und grotesken Bildungen benutzt. In Ägypten waren 
die Figürchen des Bes und ähnliche sehr beliebt; später kamen 
die Gläser in Form musizierender Affen, die Schuhflickergläser 
Neros, die Karikaturen des Commodus usw. Die karikierten 
Perlen stehen also durchaus nicht vereinzelt. (Über die ägyp- 
tischen Maskenperlen siehe den folgenden Abschnitt.) 

In Sidon, Tortosa (Antaradus), Byzacene u. a. sind Alabastra 
mit farbigem Fadenmuster zahlreich zum Vorscheine gekommen. 



x ) Professor v. Bissing teilt mir mit, daß auch 1906 in ägyptischen Gräbern 
der Kaiserzeit wieder zahlreiche dieser Art von Maskenperlcn aufgetaucht seien. 
-) Deville T. CXI D, E, Seite 86. 



95 



ebenso bei den Nachgrabungen Cesnolas auf Cypern und in 
Saida. x ) Auch bei diesen .Stücken ist der ägyptische Ursprung 
zweifellos. Die Technik ist noch die eilte, die Modellierung 
aus freier Hand über einem Tonkerne. Weitaus überwiegend 
an Zahl sind jedoch in Kleinasien und auf dem ganzen Gebiete 
punischer Kolonisation die geblasenen Gefäße der Kaiserzeit. 
Zu diesen gehören auch die reliefier- 
ten Becher und Fläschchen des 
Ariston, Artas, Eirenaios, Ennion, 
Meges und anderer sidonischer Grie- 
chen, die an anderer Stelle ein- 
gehend besprochen werden. Sie sind, 
soweit unsere Kenntnis reicht, jetzt 
die einzigen sicher datierten Erzeug- 
nisse phönizischer Glaswerkstätten, 
aber sie gehören bereits einer Periode 
an, in welcher der Hellenismus längst 
alle originalen Kunstweisen im Orient 
verdrängt hatte. Es sind keine phö- 
nizischen Erzeugnisse mehr, sondern 
griechisch-römische Produkte der in- 
ternationalen Reichskunst. Nicht eines 
der von Perrot und Chipiez III. 732 ff. 
aufgeführten Stücke läßt sich der 
phönizischen Kunst vor dem V. Jahr- 
hundert zuweisen. -2 ) Mehrere der 
griechisch - sidonischen Reliefgläser 
kamen in Sidon zum Vorschein. In 
Kudriatati (Provinz Constantine) fand 
man einen Becher mit Emblemen der Arena und der Inschrift 
AABE TUN NIKHN, der in einem Becher aus Melos sein Seiten- 
stück hat; :! ) in Askalon eine gläserne Statuette der Kybele, in 
Berenike (Kyrenaika) eine optische Linse aus farblos-durchsichtigem 




Abb. 48. Traubenkanne. f> a 3 ' / 1 
Köln, Museum Wallraf-Richartz. 
III. Jahrh. 



x ) Nesbitt, catalogue of the collection of glass formed by Felix Slade. 187 1. 
S. 8. Perrot & Chipiez a. a. O. III 732 f. 

2 ) v. Bissing, recueil des travaux 28, S. 21. 
;i ) Froehner a. a. O. S. 1 1 9 f. 






9 6 

Glase, in der römischen Kolonie von Karthago Aschenurnen. 
Von besonderem Interesse sind zwei der seltenen bemalten 
Glasbecher, von welchen einer aus lasurblauem Glase mit 
Weinlaub und Vögeln geschmückt in Khamissa (Thubursicum) in 
Numidien, der andere, farblos, mit bunten Gladiatorenszenen, in 
Algier (Icotium) gefunden wurde. 1 ) 



C£»Jl 



Syrien und Judäa. 

Auch in Syrien und Palästina entstand erst in der Kaiser- 
zeit eine selbständige Glasindustrie. Jedenfalls haben die Juden 
schon früher das Glas als Importware gekannt, obwohl uns ihre 
Schriften darüber keine sichere Auskunft geben. Namentlich 
unter Tutmosis ITT. , der Syrien und Palästina seinem Scepter 
unterwarf, wird die damals in höchster Blüte stehende Glas- 
industrie Ägyptens die Grenzen des Landes überschritten haben. 
Moses spricht von Ziegeln aus Smaragd, womit wohl ebenso gla- 
sierter Ton gemeint ist, wie mit den Smaragdsäulen des Melkart- 
tempels zu Tyrus. Die Bekanntschaft mit Glas soll eine Stelle 
bei I Hob 28,17 beweisen, in der es heißt: „Gold und Saphir 
und Gkis mag ihr (nämlich der Weisheit) nicht gleichen, noch 
um sie gülden Kleinod tauschen." Darin wäre zugleich die 
Wertschätzung des Glases ausgesprochen. Aber die lutherische 
Übersetzung sagt hier nichts von Glas, sie lautet vielmehr: 
„Gold und Demant mag ihr nicht gleichen." Im vorausgehenden 
Verse 16 wird der Saphir genannt, im folgenden „Kamoth, Gabis 
und Perlen". Demnach scheint es sich hier um die willkürliche Be- 
ziehung eines Ausdruckes auf Glas zu handeln, das sonst gewöhn- 
lich „Sekukith" genannt wird, ein Wort, das im arabischen Aus- 
drucke für Glas „Zadjadj" erhalten ist.") Salomon tadelt in seinen 



! ) Siehe Abschnitt X: Die Gläser mit Malerei. 

2 ) Nach Hambcrger u. Michaelis, comment. societ. Gotting. IV, Seite 27 
und 58, wo alle jüdischen Zitate, die auf Glas bezogen werden, zusammengestellt 
sind, bewertet Hiob angeblich das mit Gold durchsprenkelte Glas höher als Saphir und 
Gold. Auch diese Nachricht dürfte auf einer sehr gewagten Auslegung eines unsicheren 
hebräischen Ausdruckes beruhen. 



97 



Sprüchen 23, 31 jene, „welche den Wein so rot sehen und wie 
er im Glase so schön stehe." 1 ) Hier kann nur ein durchsichtiges 
Gefäß gemeint sein. Ob der Ausdruck richtig mit ,Glas' über- 
setzt ist oder vielmehr einen anderen durchsichtigen Stoff, etwa 
Krystall, bezeichnet, ist sehr fraglich, zumal noch in der Kaiserzeit 
beide Stoffe miteinander verwechselt wurden, josephus Flavius 
kennt natürlich das Gkis bereits genau. Er möchte sogar im 

Wetteifer mit anderen den Juden die Ehre 

seiner Erfindung beimessen, indem er er- 
zählt, daß einst in Judäa ein Waldbrand 
entfacht worden sei, bei welcher Gelegen- 
heit sich die Holzasche derart mit dem 
glühend gewordenen Sande des Bodens 
verschlackt habe, daß daraus flüssiges 
Glas entstand. Diese Mär ist freilich noch 
unwahrscheinlicher als jene von der Ent- 
stehung des Glases durch Sodastücke unter 
den Kochkesseln phönizischer Seefahrer. 
Daß sie aber nicht ganz aus der Luft ge- 
griffen ist, zeigen die verschlackten Wälle, 
die sogenannten Glasburgen des Nordens, 
von welchen später die Rede sein wird. 
Die Glasfunde auf syrisch-ptüästinen- 
sischem Boden gehören fast durchweg 
der Kaiserzeit an, nur einige ältere in 
Jerusalem entdeckte Balsamarien mögen 
schon einige Jahrhunderte früher aus 
Ägypten ins Land gebracht worden sein 
Aufschwung die Industrie Syriens in der Kaiserzeit genommen 
hat, zeigen die reichen Funde, die bei der Anlage der Bagdad- 
bahn und anderen Eisenbahrdxiuten in römischen Gräbern 
des Landes gemacht wurden. Diese waren zum großen Teile 
nach Art von Columbarien in den Felsen eingehauen und 
durch Aberglauben lange vor Plünderungen von seiten der 
Beduinen g'eschützt gewesen. Besonders ergiebig war die Bahn- 
strecke von Jaffa nach Jerusalem, dann weiter nördlich die Grä- 




Abb. 49. Lagona mit 
Schlangenfädcn. Köln. 



f 



Welch bedeutenden 



.32 (" fybi '< 2 ') 



r ) ,,Ne intucris vinum quando tlavescit, cum splenduerit in vitro coloribus." 
Kisa, Das Glas im Altertume. n 



98 

berstraße von Leg"h Bab und von Bed Jubrin, dem alten Eleu- 
theropolis, auch die von Askalon. 1 ) Durch die beim Eisenbahn- 
bau beschäftigten Werkleute gelangten die Funde seit etwa 1895 
nach Deutschland in die Hände von Privatsammlern und Händ- 
lern, wobei leider manchmal die Spuren der Herkunft verwischt 
wurden, so daß Verwechselung-en, namentlich mit g-allisch- 
rheinischen Funden entstanden. Die bedeutendste Sammlung- sy- 
rischer Gläser besitzt Kommerzienrat Zettler in München.' 2 ) In 
ihren Formen, namentlich denen der einfachen Gebrauchsware, 
herrscht große Übereinstimmung- mit den Arbeiten der westlichen 
Provinzen des Reiches, ein weiterer Beweis für den Einfluß, den 
die von Alexandrien ausg-ehenden Typen überall ausübten. 
Eigenheiten finden sich freilich in den für Syrien kennzeichnenden 
Ölfläschchen von langgestreckter Schlauchform, (FormenUifel A 
8 — 10) den balusterartigen Bildungen mit runder Fußplatte (Abb. 
18) und den Fadenhenkeln, die in Verbindung mit dem Spirid- 
schmucke des Bauches und dem Zickzack, das sich an die Mün- 
dung anlehnt, kleine Seitenösen bilden oder sich in hohen phan- 
tastisch verschlung-enen Korbbogen über das Gefäß erheben. 
Oft sind zwei röhrenförmige Fläschchen dicht zusammengebracht, 
mit einem gemeinsamen Spiralfaden umwickelt und mit einem 
großen Henkel versehen. Man nannte sie im Griechischen 
dUexv&a, solche, die drei Fläschchen vereinigten TQiXexvfra 3 ). 
(Abb. 17, 18; Formentafel A 7 — 9). Auch die schlanken röhren- 
förmigen Ölfläschchen, die Newton zu Hunderten in Knidos 
fand, sind vertreten, Fläschchen, deren Körper schcirf kegel- 
förmig absetzt, mitunter mit leichter Schweifung, an der 
Mündung trichterförmig erweitert, zum Unterschiede von 

x ) Ich verdanke diese Angaben hauptsächlich den Mitteilungen des Herrn Kom- 
merzienrates F. X. Zettler in München, der eine Sammlung antiker, zumeist syrischer 
Gläser besitzt und auf seinen Reisen auch zahlreiche Stücke in treuen Aquarellauf- 
nahmen abbilden ließ. Er hat mir sowohl die Originale wie die in einem großen 
Foliobande vereinten Aufnahmen in liebenswürdiger Weise zum Studium überlassen. 

2 ) Syrische Funde aus der Kaiserzeit bilden auch den Kern der ehem. Sammlung 
Roussel, welche in die Slade's überging und mit dieser jetzt im Brit. Museum aufgestellt ist. 

:i ) Felix Hettner wendet diesen Ausdruck auf jene Kannen an, die im Inneren 
durch Scheidewände in drei Abteilungen getrennt sind; jeder von ihnen entspricht 
eine besondere Mündung, doch werden sie durch eine gemeinsame Außenwandung 
verkleidet. Auch diese Kannen sind durch das Zusammenpressen von dreien entstanden, 
wodurch das Volumen einer einzelnen Kanne auf ein 1 )rittel beschränkt wurde. 






99 




den gallischen Typen (Formentafel A 12 — 15). Die Flaschen- 
hälse zeigen gleichfalls eigenartige Bildungen. Sie behalten im 
allgemeinen die zylindrische F'orm bei, sind jedoch in zwei Teile 
gegliedert, einen längeren und breiteren Oberteil und einen 
engeren Unterteil. Fast ausnahmelos ist der Hals scharf von 
dem Körper abgesetzt, selten verläuft er allmählich in die Run- 
dung'. Das Material unterscheidet sich deutlich von dem der 
italischen, gallischen und ägyptischen Gläser. Es ist von einem 
warmen Weiß, das nur leicht ins gelbliche oder grünliche spielt, 
nie grünblau, wie 
bei den ägyptischen 
und grünlich oder 
oliv wie bei den 
gallisch-rheinischen. 
Daneben findet sich 
auch ganz farbloses 
Mattglas und Kri- 
stallglas. 

In den letzten 
Zeiten des Kaiser- 
reichs beteiligten 
sich die Juden sehr 

rege an der Glasindustrie. Die phönizischen Werkstätten in 
Tyrus gingen nach und nach sämtlich in ihre Hände über. Im 
VI. Jahrhundert sind zahlreiche jüdische Glasmacher in Kon- 
stantinopel ansäßig. Von einem dieser erzählt die Legende, daß 
er sein Kind aus Zorn über dessen heimliche Teilnahme am Abend- 
mahle der Christen in den Glasofen geworfen habe, aus welchem 
es aber von der heiligen Jungfrau befreit wurde, nachdem sie die 
Flammen erstickt hatte. Auch in italienischen Städten betrieb 
die jüdische Kolonie die Glasmacherei. Im Jahre 687 wanderten 
griechische Arbeiter nach Frankreich aus, wo sie, wie berichtet 
wird, auf jüdische Art Glas herstellten. Was man im Mittelalter 
unter „Judenglas", vitrum Judaicum, verstand, geht aus einer Stelle 
bei Heraclius III., cap. 49 hervor, in welcher er von der Berei- 
tung der Farben zur Glasmalerei handelt. „Nimm ein Grossinum 
Saphir", empfiehlt er „und dann Erzschaum, welcher vom heißen 
Eisen am Ambos^ geschlagen wird; nimm davon ein Drittel mit dem 

7* 



Abb. 50. „Murra aus Sackrau. p 



CjT i3o 



2-T-i» 



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IOO 



Grossinum und mit Bleiglas, jüdischem nämlich, vermische 
es und reibe es gut auf dem Marmor." *) Die Wendung „plum- 
beum vitrum, Judaicum scilicet" bezeichnet deutlich, was man im 
Mittelalter unter Judenglas verstand.') Durch einen Zusatz 
von Bleioxyden erzielt man, wie schon gelegentlich der Funde 
von Wilderspool bemerkt wurde, ein sehr durchsichtiges und 
glänzendes, die Lichtstrahlen stark brechendes und schön klin- 
gendes Glas, das sich besonders durch Schliff gut bearbeiten 
läßt, vermindert aber dadurch dessen Härte. Nach dem Rezepte 
des Theophilus in seiner Schedula III 8 wurde zur Herstellung 
von Judenglas Blei in einem Topfe zu Pulver gebrannt, zum 
Auskühlen fortgestellt und dann zwei Teile Blei mit einem Teile 
Sand gemischt. Die Holländer nannten das aus Kieselerde und 
Bleioxyden gewonnene weiche Glas Jet, die Franzosen Rocaille. 
Man gebrauchte Blei auch als Flußmittel, um damit die Farben 
auf Glasscheiben zu befestigen. 3 ) 

Das ganze Mittelalter hindurch waren jüdische Glasmacher in 
Hebron tätig, ja noch im vorigen Jahrhunderte fand Miß Martineau 
dort jüdische Glashütten, aus welchen Gefäße und Schmucksachen 
hervorgingen. Das Österreichische Museum in Wien besitzt eine 
große Sammlung derartiger Arbeiten. Die Gefäße, zumeist aus 
ordinärem bläulichem oder gelblichbraunem Glase, zeigen in den 
Formen noch manche antike Überlieferung", ebenso die Schmuck- 
sachen, die Arm- und Beinringe für Beduinenweiber aus opak- 
farbiger Paste mit Flecken, Bändern und Spiralen. Jüdische Glas- 
macher von Tyrus und Hebron vermittelten im IX. Jahrhundert, 
als die Handelsbeziehungen zwischen Venedig und dem Oriente 
begannen, die Glasindustrie in Venedig; anfangs brachte man 
sogar den Sand vom Belus und aus der Wüste zwischen Kairo 
und Alexandrien dahin. Bezeichnend für die Wertschätzung des 
durchsichtigen Glases auch im frühen Mittelalter ist eine Stelle im 
Talmud, in welcher es der Gesetzgeber als wider die gute Sitte 
bezeichnet, daß man den Reichen aus weißen Gläsern zu trinken 
gebe, während sich die Armen mit farbigen begnügen müßten. 4 ) 



l ) Vgl. Blätter für Kunstgewerbe I S. 30. 

a ) Ilg, Ausgabe des Theophilus S. 137 Anm. 

3 ) ders. bei Lobmeyr S. 66. 

') Talmud, Ordnung für die kleinen Feste III 5. 



IOI 



Mesopotamien. 

Auch in Assyrien finden sich Spuren, die auf eine Be- 
kanntschaft mit der Glasindustrie schließen lassen. Die Be- 
ziehungen zwischen diesem Reiche und Ägypten machen zu 
gewissen Zeiten einen regen Import wahrscheinlich. Alte Autoren 
erzählen von einem ungenannten Könige von Babylon, daß 
er seinem Kollegen in Ägypten eine Stele oder einen Obelisk 
aus Smaragd, drei Ellen breit und vier hoch als Geschenk 
übersendet habe. Vielleicht 
ist damit wiederum Praser, 
der lauchgrüne Smaragd, 
oder glasiertes Steinzeug 
gemeint, aber sicher nicht 
Glas. Auch die Sage von 
den gläsernen Särgen taucht 
hier wieder auf. Als Xerxes 
das Grab eines der Grün- 
der der chaldäischen Dy- 
nastie öffnen ließ, soll er 
ZU seiner Überraschung Abb. 51. Römisches Plattengrab. jp s.^ 2 - 

den Leichnam in einem Rheinisch, I. Jahrhundert. 

gläsernen Sarge g'efunden 

haben, der mit Öl gefüllt war. Mit den gläsernen Särgen der 
Äthioper, Ägypter und Alexanders des Großen ist dieses Ktipitel 
aber noch nicht abgeschlossen. Noch aus dem XII. Jahrhundert 
berichtet Benjamin von Tudela, daß auf Befehl des Kalifen von 
Susa der Leichnam des Propheten Daniel nachträglich gleichfalls 
in einem gläsernen Sarge beigesetzt worden sei. Diese Nachricht 
hat nichts unwahrscheinliches, wenn nmn bedenkt, daß gläserne, 
d. h. aus Glasplatten zusammengesetzte Särg-e in der Reliquien- 
verehrung- eine große Rolle spielen. Vielleicht hat es sich in 
letzterem Falle gleichfalls um eine Beisetzung der Reliquien 
ad oculos gehandelt. 

Im übrigen sind diese Nachrichten schwer zu kontrol- 
lieren, weil sie gewöhnlich auf der Mißdeutung- eines Aus- 
druckes beruhen, den man ohne genügende Gründe auf Glas 
bezog. Die Ausgrabungen haben ebensowenig Reste von gläsernen 




102 

Särgen wie von Säulen und Obelisken, sondern nur kleine 
Schmuckperlen, Siegelzylinder, Amulette, Ringe, Zierplatten und 
Würfel erg*eben. Die in den Ruinen der Königspaläste von 
Ninive und Kujundschik zum Vorscheine gekommenen Glas- 
pasten sind genau den ägyptischen in Material, Form, Farbe 
und Schmuck gleich. Ein kleiner Glaswürfel im Louvre ist mit 
aufgelegtem Blattgold verziert. Während die Tonglasur in den 
Prachtbauten der assyrischen Könige zwar nach ägyptischem 
Vorbilde, aber in durchaus selbständigen Formen in reichem 
Maße zur Anwendung gekommen ist, findet sich von selbstän- 
diger Bearbeitung des Glases keine Spur. 

Dieses wurde nur in seiner ersten Entwicklungsform als 
farbige Paste, zu den genannten kleinen Gegenständen verar- 
beitet, aus Ägypten eingeführt; die aus freier Hand über einen 
Kern modellierten Gefäße fehlen mit einer vereinzelten Aus- 
nahme gänzlich. Diese Ausnahme wurde sogar wegen einer 
Keilinschrift eine Zeitlang als einheimisches Erzeugmis betrachtet. 
Es ist die berühmte Glasvase des Königs Sargon, des 
großen Eroberers von Syrien (721 — 704), die in den Ruinen 
des Königspalastes von Ninive gefunden wurde und jetzt im 
Britischen Museum verwahrt wird: Das Prototyp des Ala- 
bastrons, ein Kännchen von gedrungener Schlauchform , dick- 
wandig, mit kurzem, leicht ausg'ebogenem Rande und zwei 
viereckigen Ansätzen, die als Ösen dienen. (Abb. 22.) Die 
trübe, grünlich durchscheinende Masse ist aus freier Hand 
über einem Tonkerne modelliert, das Äußere mit dem Rade 
abgeschliffen, als würde es sich um eine Arbeit in Kry stall 
oder Alabaster handeln. Auf einer Seite ist ein Löwe, auf 
der anderen der Name Sargons (Saryukins) in Keilschrift ein- 
graviert. Die Vase wurde von Layard mit anderen Funden 
wohlverpackt nach Bombay gebracht, wo sie verladen werden 
sollte. Doch war sie plötzlich auf rätselhafte Weise ver- 
schwunden, bis sie einig"e Zeit später durch einen glücklichen 
Zufall von einer englische Dame bei einem Geistlichen in 
Devonshire wieder entdeckt wurde. 1 ) Froehner der die Phö- 



*) Archäol. Zeitg. 1848 S. 380; 1849 S. 71. I'errot & Chipiez, Assyrie 
S. 717, leider mit ungenauer Abbildung. Die technische Erklärung von C. Friedrich 



, üü, . . 



in- 



nizier fälschlich für die Erfinder des farblos- durchsichtigen 
Glases hält, erinnert daran, daß Sargon Samaria eroberte 
und aus Phönizien große Beute heimbrachte. Der sogenannte 
Kalender Sargons zähle als Gewinn der Eroberungszüge dieses 
Herrschers nach Syrien eine große Menge von Geschenken an 
Gold, Silber, Ebenholz und Gefäßen aller Art auf. Es könnte 
sieh demnach auch dieses Gefäß dabei befunden haben, ob es 
nun gerade in Phönizien selbst oder anderswo an den Küsten 
Kleinasiens entstanden sei. Wir haben aber gesehen, daß sich 
eine eigene phönizische Glasindustrie nicht nachweisen lasse, 
wodurch auch Eroehners 
Vermutung von der Erfin- 
dung des farblosen Glases 
hinfällig wird. Dagegen ha- 
ben wir solches schon in Teil 
el Amarna gefunden. Das 
aus Quarz gewonnene Glas 
war schwerer zu bearbeiten 
als das gewöhnliche, daher 
sind die daraus modellierten 
Gefäße dickwandiger. Tech- 
nik und Form der Vase 
Sargons deuten auf ägypti- 
schen Ursprung. Die Keilinschrift bildet dabei kein Hindernis, 
denn es gibt genug Vasen aus Alabaster, welche auf der einen 
Seite ein ägyptisches Zierschild, auf der anderen einen assy- 
rischen Königsnamen in Keilschrift graviert zeigen. Wie nach 
Syrien führten Sargon kriegerische Unternehmungen auch nach 
Ägypten. In die äthiopische Zeit, in das VIII. Jahrhundert und 
den Beginn des VII. fallen die Versuche assyrischer Könige sich 
des Reiches am Nil zu bemächtigen. Auf einem der zahlreichen 
Einfälle konnte Sargon leicht Gelegenheit gefunden haben, in 
den Besitz der Vase zu gelangen, die er, wie üblich, nach seiner 
Rückkehr in die Heimat mit seinem Namen signieren ließ. 




Abb. 52. Schlichen aus Krystallglas. Ägyptisch. 



München, Antiquarium, 



2.92 



a. a. O. ist ganz verfehlt. Unsere Abbildung ist nach einer neuen photographischen 
Aufnahme hergestellt, die ich Herrn Dr. Wallice Budge vom Britischen Museum und 
Herrn Prof. von Bissing verdanke. 



ic>4 

Jedenfalls liegt es näher anzunehmen, daß sie direkt aus 
Ägypten stamme, als daß sie auf dem Umwege über Phönizien 
als ägyptische Importware nach Ninive gekommen sei. 

Auf meine Bitte nahm sich Professor v. Bissing gelegent- 
lich einer Studienreise 1906 die Mühe, die Vase Sargons genau 
zu untersuchen, wobei er von Konservator Dr. E. Wallis Budge 
in dankenswerter Weise unterstützt wurde. Das dicke hellgrüne 
und ziemlich durchsichtige Glas ist auf der rauh gewordenen 
Außenseite stark irisiert, die Form durchaus ägyptisch, speziell 
den Alabastergefäßen der saitischen Zeit verwandt, die Inschrift 
ebenso wie die beiden kleinen Löwen rechts und links von ihr, 1 ) 
die rein assyrischen Stil zeigen, nachträglich eingekratzt. Auch 
die beiden genannten Gelehrten zweifeln nicht daran, daß die 
Vase in Ägypten entstanden sei. 

In den Ruinen von Ninive fand Layard außerdem eine 
Reihe von Glasgefäßen der Ptolemäer- und der K£iiserzeit. Auch 
in Kujundschik und Babylon wurden solche gefunden. 

Von den alten Persern wissen wir aus einer Stelle bei 
Aristophanes, daß sie bei Hofe aus goldenen und gläsernen Ge- 
fäßen tranken. 2 ) Die Athener, die 444 vor Chr. zum Groß- 
könige nach Ekbatana kamen, um mit ihm einen Vertrag 
abzuschließen, berichteten mit Staunen, daß sie überall auf 
ihrem Wege genötigt wurden aus Gold oder Glas zu trinken. 
In Griechenland selbst waren damals Glasgefäße noch sehr 
kostbar. Die Perser werden sie, ebenso wie die Griechen 
selbst, aus Ägypten bezogen haben. Der persische Ausdruck 
für Glas „buhir" ist gleichbedeutend mit Krystall. Er stammt 
also erst aus einer späteren Zeit, als das farblos- durchsichtige 
Glas allgemein war, d. h. aus der Kaiserzeit. Farbiges Glas hat 
keinen eigenen Namen, wahrscheinlich wurde es, analog dem 
Ausdrucke Kystall, jeweilig mit dem Namen jenes Halbedelsteines 
bezeichnet, welchen es nachahmte. Aus solchen Gepflogenheiten 
ergeben sich ja mitunter auch in den Berichten klassischer 
Autoren nicht geringe Schwierigkeiten. Eine Bemerkung des 
Athenäus von Naukratis, eines Grammatikers des III. Jahrhunderts 



J ) Auf der Abbildung kaum sichtbar. 
-) Aristophanes, Arachne V 73. 



IO : 



nach Chr., der in Alexandria und Rom lebte, hat mit der früheren 
einige Ähnlichkeit. Er berichtet nämlich von den Persern, daß 
sie zur Zeit Alexanders d. Großen aus Glasgefäßen zu trinken 
liebten. Es ist nicht unmöglich, daß er einfach die Meldung 
des Aristophanes variiert, ohne etwas Neues beibringen zu wollen, 
denn der Altersunterschied ist in den beiden Daten gering. Die 
Berichte sind im übrigen ohne praktische Bedeutung, da wir in 
Persien nur Gläserfunde aus der Zeit der 
alexandrinischen Werkstätten haben. Wahr- 
scheinlich bürgerte sich die Gkisindustrie, 
die im XVI. und XVII. Jahrhundert in Per- 
sien eine hohe Blüte erlebte, erst unter der 
Römerherrschaft von Syrien aus ein. Jetzt 
gilt das Glas von Schiras für das feinste 
im Oriente. 

CT CT 

Ob in Indien im Altertume das Glas 
heimisch war, ist trotz der Mitteilung des 
Plinius, daß dort aus zerbrochenem Krystall 
schönes durchsichtiges Glas gemacht werde, 
zweifelhaft. 1 ) Wie schon C. Friedrich be- 
merkt, ist es höchst unwahrscheinlich, daß 
man dort einen wertvollen Stoff zerstört 
haben sollte, um ein Surrogat von geringe- 
rem Werte an dessen Stelle zu setzen. 2 ) 
Dies wird noch unwahrscheinlicher durch 

die Beobachtung desselben Plinius, daß die Wertschätzung des 
echten Berg"krystalles um so mehr gestiegen- sei, je größere Fort- 
schritte man in der Imitation dieses Minerales durch farblos- 
durchsichtiges Glas gemacht habe. 8 ) Wahrscheinlich ist hierbei 




Abb. 53- Baisamarium 
aus Krystallglas. t : 
Ägyptisch. Louvre. 



-2-H 3 



*) Plinius sagt 36, 26, daß es deshalb unvergleichlich sei ,,. . et ob id nulluni 
comparari." 

2 ) C. Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 

3 ) Plinius 37, 10. ,,Mire bis (crystallis) ad similitudinem accessere vitrea, 
sed prodigi modo ut suum pretium auxerint crystalli, non deminuerint." 






ioö 

unter Krystall gar nicht der Bergkrystall zu verstehen, sondern 
weißer feiner Quarz, den man zerschlug und pulverte, um daraus, 
wie in Ägypten und anderwärts, farblos-durchsichtiges Glas zu 
erzeugen. Friedrich führt als Beispiel dafür, daß man auch noch 
heute zwei ganz verschiedene, namentlich auch im Werte sehr 
auseinandergehende Stoffe mit gleichem Ausdrucke bezeichne, 
die Arbeiter der bayrischen Glashütten von Zwiesel im Fichtel- 
gebirge an, die gleichfalls den feinen weißen Quarz, den sie zur 
Erzeugung farblos -durchsichtigen Glases verwenden, Krystall 
benennen. - Im übrigen rühmt Plinius die Inder auch als 
geschickte Nachahmer von Edelsteinen. Funde haben seine 
Nachrichten bisher nicht bestätigt; was von antiken Gläsern dort 
zum Vorschein gekommen ist, gehört der gewöhnlichen Gebrauchs- 
ware der Kaiserzeit an und steht den syrischen Gläsern nahe. 







III. 



Der antike Glasschmuck und seine 
Verbreitung. 



Das Email. 




Abb. 54. Aschenurnen aus Glas. Aus rheinischen Gräbern. 



3 / 2. - /•> 



Der antike Glasschmuck und seine Verbreitung. 



Den J lauptgegenstand der Ausfuhr von Glaswaren aus 
Ägypten bildeten die Schmuckperlen und anderer Zierrat des 
menschlichen Körpers, wie Ohrg'ehänge, Anhänger, Arm- und 
Haarringe, Fingerringe , Gewandnadeln, auch Spielsteine usw. 
Fast ausschließlich für 
den Export waren die 
von llerodot erwähnten 




Werkstätten von Nau- 
kratis tätig, die im VI. 

Jahrhundert vor Chr. Abb " 54 *• Henkel von Aschenurnen. 

und später in Blüte standen und außer einheimischen auch 
griechische Werkleute beschäftigten. Diesen machte mitunter 
die Darstellung - ägyptischer Besonderheiten, wie beispielsweise 
der Hieroglyphen, Schwierigkeiten, so daß ihre Arbeiten leicht 
in den Verdacht absichtlicher Fälschungen geraten können. 
An diesen fehlt es freilich in der Glasindustrie ebensowenig 
wie auf anderen Gebieten. Namentlich die arabischen Händler 
entwickeln in der Täuschung europäischer Reisender durch 
angeblich zufällige Funde von Scarabäen, Uschebtis und kleineren 



3<a -/•=» 






I IO 

Glas- und Glasurarbeiten, welche geschickt nachgeahmt werden, 
große Findigkeit. 

Die ägyptischen Schmuckperlen aus Glas sind die weitaus 
bekanntesten und Verbreitetesten Überreste antiker Glasarbeit. 
Man findet sie teils einzeln, teils (allerdings zumeist von jüngerer 
Hand) an Drähten und Schnüren zu Halsketten, Brustgehängen 
und Armbändern zusammengereiht, von Indien bis an die Gold- 
küste Afrikas, vom Pontus bis nach Britannien, an den Küsten 
des Mittelmeeres ebenso wie im Innern von Deutschland und 
Frankreich, im Keltenlande und in Skandinavien. Die Toten- 
städte der Eisenzeit (Villanova), die der älteren und jüngeren 
Hallstadtperiode, die der Certosa von Bologna, die Gräber der 
älteren und jüngeren Latenezeit haben eine ungeheuere Menge 
dieser zierlichen Erzeugnisse erschlossen, ja vielleicht erscheinen 
sie als erste Regungen der Kultur, als die frühesten Boten der vor- 
geschrittenen Zivilisation des Südens diesseits der Alper sogar schon 
in der neolithischen Periode. Mit diesen leicht transportablen und 
wohlfeilen Massen-Erzeugnissen konnten die phönizischen und spä- 
ter die griechischen, römischen und syrischen Kaufleute bei naiven 
Völkern gute Geschäfte machen. Germanen und Kelten gaben 
ihnen Zinn, Kupfer, Bernstein und Pelze für den buntglitzernden 
und gefälligen Schmuck ebenso leichten Herzens in Tausch, wie 
später die Indianer Perus und die Neger der Westküste Afrikas 
ihr Gold den Venezianern für ihre Conterien. In den Ländern 
am Mittelmeer nannte man sie später „ägyptische Steine", in 
England bezeichnete sie der Volksmund als „Druideneier", in 
Schottland als Nattern- und Schlangeneier. Den germanischen 
Stämmen galten sie als Talismane und wurden, weil sie ihrem 
Träger den Sieg verbürgten, auch „Siegessteine" benannt. 

Unter den Dolmen von la Loziere lagen Halsketten und 
einzelne Perlen aus blauer Paste ägyptischen Ursprunges, eine 
schwarze Perle mit blauen Adern wurde in den Dolmen von 
Locmariaquer gefunden. v ) In nordischen Gräbern erscheinen sie 
nach Sophus Müller ausschließlich als Frauenschmuck.") Gewöhn- 
lich wurden sie an Halsbändern getragen, bisweilen läßt ihre 



*) Froehner S. 7. 

'-') Sophus Müller, Nordische Altertumskunde. Band II. S. 59 fl". 



I I I 

Lage darauf schließen, daß sie am Handgelenke oder im Haare 
befestigt waren. Daß sie dem Geschmacke der rauhen Germanen 
zusagten ist leicht begreiflich, denn sie sind wirklich hübsch und 
empfehlen sich dem steigenden Bedürfnisse nach Zierrat und 
Luxus durch ihre schier unbegrenzte Mannigfaltigkeit. Sehr 
zahlreich sind sie in der Kaiserzeit, der nordischen Eisenzeit zu 
finden, als die Verbindungen mit dem Süden lebhaft und ständig 





Abb. 55. Aschenurnen. Köln, Museum Wallraf-Richartz. p 



312-/^ 



geworden waren, viel seltener in den früheren Perioden, der 
nordischen Bronzezeit, und zwar nimmt die Häufigkeit der Funde 
sowohl, wie die Menge der in einem einzelnen Grabe vorhan- 
denen Perlen im Laufe der römischen Periode merklich zu. Ein 
Frauengrab von Xyrup (Odsherred) vom Ende der Völkerwande- 
rungszeit enthielt nicht weniger als 734 Glasperlen und außerdem 
deren 482 aus Bernstein. Man ersieht daraus, daß Glasperlen ein 
sehr einträglicher Ausfuhrartikel gewesen sein müssen. Auch 
in der nachrömischen Zeit blieb die Vorliebe für diesen Schmuck 
groß. In Bornholm allein zählte F. Vedel gegen 1000 Glas- 
perlen aus der Völkerwanderungszeit und etwa 4000 aus der 






I 12 

folgenden Periode. Die überwältigende Menge und die zahl- 
losen Varianten dieses Schmuckes setzen den Versuchen, sie zu 
ordnen, nach Herkunft, Zeit und Herstellungsart zu bestimmen, 
große Schwierigkeiten entgegen. Immerhin ist es auch bei den 
nordischen Perlen ohne weiteres klar, daß sie aus Werkstätten 
auf klassischem Boden hervorgegangen und nicht etwa heimische 
Erzeugnisse sind. Mögen solche nach der Kaiserzeit auch in 
den neuen germanischen Reichen gemacht worden sein, so er- 
gibt sich schon aus den näheren Fundumständen, daß die 
Schmuckperlen skandinavischer Gräber gleichzeitig mit anderen 
römischen Industrieprodukten eingeführt sind. Germanisches 
Erzeugnis dürften die Perlen aus Ton sein, in welche Stücke 
von Glas eingedrückt sind 1 .) 

Besonders reich an Römerfunden ist im Norden das kleine 
Dänemark, wo auch Kaisermünzen, wie solche des Lucius Verus, 
im Vereine mit ihnen vorkamen. Dabei ergibt sich, daß der starke 
römische Import auf die einheimische Kunst nicht ohne Einwirkung 
blieb und besonders in der Ausstattung der Waffen einen eigenen 
römisch-germanischen Mischstil schuf, in welchem die Formen 
hervortreten, die in Rom während des I. Jahrhunderts n. Chr.. 
herrschend waren. Diesem Mischstile gehören auch jene großen 
Knöpfe, vielleicht von Schwertgriffen an, welche ein eigen- 
tümliches aus Goldplättchen, Grubenschmelz und farbigem Glase 
hergestelltes Mosaik zeigen. Die Torfmoore, welche diese Funde 
lieferten, waren ehemals Meerbusen, in welche die Schiffe ein- 
liefen, deren Ladung sich zum Teil bis heute erhalten hat. Man 
zählt solcher Stellen mehr als achtzig. 2 ) 



v ) Vgl. Hg bei Lobmeyr a. a. O. S. 5 f. 

'-) Über die nordischen Funde ist zu vergleichen: Führer durch die dänische Samm- 
lung in Kopenhagen S. 80 f. — Wiberg, Der Einfluß der klassischen Völker auf den 
Norden durch den Handelsverkehr. Deutsch von Mesdorf, Hamburg 1867. — Montelius, 
Die Kultur Schwedens in vorchristlicher Zeit. Deutsch von C. Appel } Berlin 1885. 
Dasselbe Werk in französischer Bearbeitung durch Salomon Reinach, l'aris 1895. — ■ 
J. N. v. Sadowski , Die Handelsstraßen der Griechen und Römer. Deutsch von 
Albin Kohn, Jena 1S77. — Archiv für Anthropologie IV S. 11 f. Grempler, Der 
Fund von Sackrau, Breslau 1888. — Vieles über die Römerfunde des Nordens im 
allgemeinen in der schönen Arbeit von Willers, Die römischen Bronzeeimer von 
Hemmor, Hannover 1901. 



ii3 



In der Regel werden als Träger des Zwischenhandels, der 
die Erzeugnisse der ägyptischen Glaswerkstätten der glänzen 
antiken Welt mit Einschluß des Nordens vermittelte, die see- 
fahrenden Phönizier betrachtet. So unternehmend aber dieses 
Völkchen auch war, so große Verdienste ihm nicht nur in 
kommerzieller, sondern auch in kultureller Hinsicht zukom- 
men, bedarf die Ausdehnung- seines Wirkungskreises doch, 
wie bereits bemerkt, einer Einschränkung-. Der phönizische 
Handel war größtenteils in den Händen von Karthago und 
Gades. Tyrus selbst war 
seit dem VI. Jahrhundert 
vor Chr. durch die asiati- 
schen Eroberer aus sei- 
ner früheren führenden 
Rolle sehr zurückge- 
drängt, hatte seine Kolo- 
nien verloren und sich 
vor dem aufstrebenden 
g'riechischen Handel im- 
mer mehr zurückgezo- 
gen. Karthagos Gewalt 
erstreckte sich über 
Malta, Sardinien, Sizilien, 

die Balearen, welche Gebiete schon von den Tyrern erobert 
worden waren. Sein Handel öffnete sich durch die Säulen des 
Herkules freie Bahn und dehnte sich einerseits längs der West- 
küste Europas bis nach den Zinn-Inseln (Casseriden) im Süden 
von England, andererseits im den westafrikanischen Gestaden 
bis an den Senegal und Gambia aus, während seine Karawanen 
im Innern bis an die Ufer des Niles und in das Niggergebiet 
vordrangen. Wie Herodot mitteilt, haben die Phönizier im 
Auftrage des ägyptischen Königs Necho Afrika umschifft. Um 
470 vor Chr. segelte Hanno von Karthago aus mit 60 Galeeren 
und 30000 Auswanderern über die Säulen des Herkules hinaus, 
um an Afrikas Gestaden Pflanzstätten zu gründen. Er gelangte 
über das grüne Vorgebirge in den Golf von Guinea (nach an- 
deren nur bis Sierra Leone) und brachte die erste Kunde 
von den dort vorkommenden Schimpansen. Vor kurzem wurde 

Kisa, Das Glas im Altertume. 8 




Abb. 56. ölfläschchen. Köln, ehem. Sammlung 

Merkens. vo 3Zo , 32« . 3 8 S ," 7q3 



U4 



in dem Grabe eines berühmten Negerhäuptlinges in Mansu 
bei den Aschantis ein Perlenhcilsband gefunden, das in das 
Britische Museum gekommen ist. 1 ) Es besteht aus zwanzig Glas- 
perlen von verschiedenen Formen und Farben, welche sich von 
den sonst in dieser Gegend häufigen Aggry-Perlen venezianischen 
Ursprunges deutlich unterscheiden, vielmehr mit den Perlen 
ägyptischer Herkunft übereinstimmen, die man in Gräbern des 
VI. Jahrhunderts vor Chr. in Kamiros auf Rhodos entdeckt hat. 
Wenn damit auch nicht gerade die Fahrt Hannos bewiesen ist, 
so legt der Fund doch für einen Handelsverkehr zwischen dem 
Orient und der Westküste Afrikas Zeugnis ab. 

Sizilien war durch drei Jahrhunderte (von 536 — 241) den 
Karthagern Untertan, wenigstens der größere und wichtigere Teil 
seines Küstengebietes. Sehr bedeutend war der karthagische Handel 
nach Massilia. Es gab dort eine starke phönizische Kolonie, sogar 
einen Baalstempel. Phönizische Münzen sind im Süden Frankreichs 
nicht selten, freilich stammen manche von ihnen erst vom Zuge 
Hannibals her, andere von den alten Handelsstraßen. Die Kar- 
thager gruben auch an den Mündungen des Loire nach Zinn. 
Aber nicht sie, sondern Etrusker und Griechen kultivierten Gallien. 
Daß punische Seefahrer durch den Kanal in die Nordsee gekommen 
seien, um hier Bernsteinhandel zu treiben, ist zwar nicht unmöglich, 
aber nicht nachgewiesen. Weder die Alten berichten etwas davon, 
noch sind im Norden und Nordwesten Europas Funde zweifellos 
punischen Charakters gemacht worden. Damit ist zugleich gesagt, 
daß in den Zeiten, in welchen der Handel mit ägyptischen Glas- 
waren noch in den Händen der Phönizier war, keine oder doch 
nur verschwindend wenige Perlen nach dem Norden gekommen 
sind. Diese werden erst häufiger seit der römische Welthandel 
den alexandrini sehen Werkstätten neue Absatzgebiete erschlossen 
hatte, besonders aber vom IL Jahrhundert ab, seit römische Waren 
über Gallien und das Rheinland den Weg nach dem freien Ger- 
manien gefunden hatten. Früher hatte man angenommen, daß 
der größere Teil der in nordischen Gräbern gefundenen Glas- 
perlen phönizischen Ursprunges sei. Diese Ansicht ist nun end- 
gültig aufgegeben, seit es feststeht, daß Phönizier nicht so weit nach 



Veröffentlicht von Read in „Man", Januar 1905. 



H5 



dem Norden vorgedrungen sind und daß die ihnen zugeschriebenen 
Glasarbeiten vielmehr aus ägyptischen Werkstätten stammen. 

Im VII. Jahrhundert vor Chr. begannen die Jonier den Phöni- 
ziern im Mittelmeere Konkurrenz zu machen. vSeit die Phokäer um 
600 Massilia gegründet hatten, durchzogen jonische Händler das 
Hinterland auf den Handelswegen längs der Rhone und Saöne, 
drangen weiter an den Rhein, die Seine, den Loire und die 
Garonne'vor und führten die griechische Sprache in Gallien ein, 1 ) 
die vor den Römern dort allgemein bekannt war. Sie lehrten 
die Ureinwohner auch den 
Weinbau, die Kunst aus 
Metallen Münzen zu prä- 
gen und ersetzten so die 
Naturalwirtschaft durch die 
Geld Wirtschaft. An dieser 
kolonisierenden Tätigkeit 
waren außer Massilia die 
griechischen Niederlassun- 
gen in dem Winkel zwi- 
schen den Pyrenäen und 
dem Mittelmeer beteiligt, 
besonders das rhodische 
Rhoda (jetzt Rosas) und 
das massilische Emporion 
(Ampurias). Auch die Massi- 
lier hatten es vorwiegend 
auf Zinn abgesehen. Sie 
fuhren durch Gallien über 

den Kanal nach der Insel Iktis (Wigh) hinüber um es dort zu 
holen,' 2 ) außerdem auch den Bernstein. 3 ) In älterer Zeit war 
dieses in der Antike hochgeschätzte, den Edelmetallen mindestens 
gleichgehaltene Produkt auf anderen, weiter östlich gelegenen 
Landwegen nach Kleinasien, Griechenland und Italien gelangt. 

Der altgriechische Handel mit dem Norden ging von Olbia 
am Pontus den Dniestr, den Tyras der Alten hinauf nach Kiew. 




Abb. 



57. Stamnium und Fasskannen. 
Köln, Ende des II. Jahrh. 



r 



32 * 



*) Strabo, Gcogr. IV 5, 2. 

-) Diodorus Siculus, bibl. hist. V, 22. 

3 ) Herodot hist. I 115. 



7 77 786 



8* 



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\o 3 



Ihm folgten auf demselben Wege der römische der Kaiserzeit 
und der byzantinische. Von Kiew ging' es dem polnischen Bug 
zur Seite bis Bromberg-, wo ein großer griechischer Münzfund 
gemacht wurde, der wahrscheinlich direkt aus Olbia stammt. 
Ein anderer Weg führte östlich den Dniepr entlang, an der 
Beresina und Düna weiter bis zur Ostsee. Beide Wege sind 
bereits bei Ptolemaeus Marcianus und in der Peutingerschen 
Tafel angedeuet. Eine dritte Handelsstraße ging vom Portus 
Josianus (Odessa) am .Schwarzen Meere längs dem Dniestr auf 
die Quellen der Oder und Weichsel zu und dann nach den 
Gestaden der Ostsee. Den Weg bezeichnen zahlreiche Kund- 
stellen griechischer und 
römischer Altertümer. In 
der Ostsee spendete den 
Bernstein das Samland, 
jene bei Xenophon von 
Lampsacus Baltia genannte 
Halbinsel, deren ganze 
Küste von den Weichsel- 
mündungen bis nach Riga 
reiche Bern steinfischereien 
aufweist. Übrigens fand man das Produkt auch in der Nordsee. 
Durch diese Verbindungen wurde in der Kaiserzeit die 
Annäherung zwischen Nord und Süd besonders lebhaft gefördert. 
Viele junge unternehmungslustige Germanen ließen sich durch 
hohen Sold und andere Vorteile bewegen, ihr Glück in Rom 
zu suchen, um dort Kriegsdienste zu nehmen und nach tapferer 
Soldatenlaufbahn reich beschenkt und von klassischer Kultur be- 
leckt in die I Ieimat zurückzukehren. Manche Funde mögen solchen 
Wanderschaften ihre Verpflanzung- nach dem Norden verdanken. 
Andere stammen aus der Kriegsbeute, namentlich der Völker- 
wanderungszeit, oder aus größeren Geschenken, welche die 
Kaiser und Feldherren wiederholt den Germanen teils zum Lohn, 
teils zur Beschwichtigung gewähren mußten. Den Strand der 
Ostsee erreichten die Römer aber viel früher auf den ihnen 
näher liegenden adriatisch-baltischen Handelswegen als auf den 
pontisch-baltischen. Auch bei ersteren hatten sie unter dreien 
die Wahl. Der eine folgte von Celmantia an der Donau aus 



Abb. 58, 
21 *2*^* fa 



Faßkanne. Köln, Museum 
Wallraf-Richartz. 



"7 



dem Laufe der Waag bis in die KLarpathen und führte dann 
durch den Jablunkapass in das Oder- und Weichselgebiet. Schon 
Ptolemaeus nennt im Waagtale mehrere Handelsstationen. Plin 
westlicher Weg führte von Vindobona (Wien) und Carnuntum 
(i Ieinburg) über die römische Reichsgrenze ins Marchfeld und 
von da teils in das Gebiet der Klbe, teils in das der Oder. Unter 
den in Mähren gefundenen Sachen mag zwar manches aus den 
Markomannenkriegen stammen, doch war gerade dieser Weg 
vom Bernsteinhandel bevorzugt. 1 ) Außerdem wird durch zahl- 
reiche Ausgrabungen bewiesen, daß rö- 
mische Kaufleute in Schlesien und Bran- 
denburg angesiedelt waren und nach 
römischer .Sitte, sogar in gemauerten Grab- 
gewölben mit Columbarien, bestattet wur- 
den.") Auch an den Havelseen hat man 
Römergräber mit Graburnen und Charons- 
münzen gefunden. Ein dritter W T eg ging 
von Mähren nordwestlich nach Böhmen 
und von dort längs der Elbe an die Küste. 
Bis gegen Ende des i. Jahrhunderts 
nach Chr. war Aquileia der Haupt-Stapel- 
platz für die nach dem Norden gehenden 
Waren.') Dadurch findet die Tatsache, 
daß in der Einfuhr der Rheingegenden 
bis zu diesem Zeitpunkte die italischen 
Erzeugnisse, unter den Glas waren z. B. die 
farbigen Gläser griechischen Stiles, die 

italischen Nachahmungen der sidonischen Reliefgläser, die über- 
fangenen und Mosaikgläser vorkommen, während sie im 11. Jahr- 
hunderte fast ganz verschwinden, eine Erklärung. Zum Ende des 
I. Jahrhunderts tritt darin mit der Befestigung der Römerherrschaft 
in Gallien und am Rhein ein vollkommener Wandel ein. Die 
Funde ergeben nun ein großes einheitliches Handelsgebiet, das 
von der Ems bis zur Weichsel reicht und nicht mehr vom Süden 
über die Alpenpässe, sondern vom Südwesten, von Gallien aus. 




Abb. 59. Faßbecher. 
Köln, Museum Wallraf- 

Richartz. p32l,42& ( 7St 



v j Plinius bist. nat. 87, 2. 

-) Grempler a. a. O. II. und III. Fund. 

;; l Willers a. a. O. S. 191 f. 






n8 

versorgt wird.1 ' An die Stelle von Aquileia tritt Massilia, am 
Rhein selbst bilden sich Stapelplätze in Trier und Köln, welche 
den Verkehr zwischen dem Reiche und dem freien Germanien 
vermitteln, teilweise selbst für dessen Bedarf produktiv tätig sind. 
Hier überwog jedoch bis an das Ende der Römerherrschaft der 
Tauschhandel den Münzverkehr. Die kostbaren Gläser, die man 
im Norden gefunden hat, mögen mit Vorliebe diesen Weg ge- 
nommen haben, die meisten dürften aus rheinischen Werkstätten 
hervorgegangen sein, zu deren .Spezialitäten gläserne Trinkhörner 
sowohl wie bemalte und mit bunten Schlang-enfäden verzierte 
Gläser gehörten. 

Was die Technik jener im Norden so häufig-en antiken 
Glasperlen betrifft, so hat Flinders Petrie einige der Methoden, 
welche in Ägypten zur Zeit der 18. Dynastie bei deren Her- 
stellung- angewendet wurden, geschildert. 1 ) Nach den in Teil el 
Amarna gemachten Funden hat schon damals, um 1350 vor Chr., 
die Perlenerzeugung' den Charakter der Massenfabrikation an- 
genommen. Eine Art bestand darin, daß mein einen dünnen Glas- 
faden um einen Draht wickelte und an den Enden zusammen- 
drehte, wodurch die Perle leicht zugespitzt erschien. Durch 
Pressung- kam eine völlige Kugelgestalt oder die eines flach- 
kugeligen, dicken Ringes zum Vorscheine. Durch Querschnitte 
erzeugte man aus einer länglichen zwei oder mehr flache Perlen. 
Eine andere Art bestand darin, daß man Glasröhren auszog, mit 
einem scharfen Werkzeuge einkniff und dann in kleine zylindrische 
Stücke brach, die man durch Schliff vollendete. Solche Perlen 
sind an den blasigen Eängsstreifen der Masse kenntlich, während 
die anderen infolge der Drehung eine spiralförmige Struktur 
zeigen. Es ist dieselbe Methode, die noch heute bei Erzeugung 
der Schmelzperlen (Jais) befolgt wird. Jetzt werden die lang- 
gezogenen Glasröhren nach dem Erkalten mit einer Art Häcksel- 
maschine zerhackt und dann mit einem schwer schmelzbarem 
Pulver zusammengemengt, um aufs neue im Feuer erweicht 
zu werden. Das Pulver verhindert, daß die einzelnen Stücke 
dabei zusammenbacken und bewirkt, daß diese bei läng-erem 
Schnitte ihre scharfen Ränder verlieren und rundlich werden. 



Flinders Petrie, Teil el Amarna. Vgl. auch den Abschnitt II über Ägypten. 



1 19 

Kleine zylindrische Perlen dieser Art, zumeist aus leuchtend him- 
mel- oder türkisblauer Paste, mitunter auch aus schwarzer, weißer 
oder andersfarbiger, bildeten den gewöhnlichen Volksschmuck 
Ägyptens bis in die Kaiserzeit und darüber hinaus. Auf Drähte 
und Schnüre, in mehrfachen Reihen angeordnet, wurden sie auf 
Brust, Hals und zu Armen getragen. Auch Mumien sind sehr 
reich mit Glasperlen behängt, zuweilen mit ganzen Perlennetzen 
übersponnen. Diese Perlen fehlen in keiner Altertumssammlung 




Abb. 60. Kannen und Delphinfläschchen. Köln, Sammlung M. vom Rath. , T S" fe 

Europas und des Orients. Wie weit sie zurück reichen ist nicht 
genau festzustellen, jedenfalls gehen sie noch über die 12. Dy- 
nastie hinauf. 

Neben den zylindrischen kommen am häufigsten die kugeligen, 
eirunden, flachbohnenförmigen, baluster- (radspeichen-)förmigen 
und solche Kugelperlen vor, die auf einer oder zwei Seiten ab- 
geflacht sind. Tonnenförmige Perlen von schwarzer Farbe sind mit 
einem weißen oder gelben Querbande verziert. Auch herzförmige 
und kleine viereckige Plättchen mit Augen- und Ftidenmustern 
sind unter den Funden Petries aus Gurob u. a. (18. Dynastie). 1 ) 



*) Die von Petrie in Gurob und in anderen Orten Ägyptens gesammelten Glas- 

und Tonperlen sind von Capart auf zahlreichen Tafeln photographisch aufgenommen. 

Die Aufnahmen wurden mir von Prof. Wiedemann zum Studium überlassen. Viele 

Abbildungen von Perlen enthält Petries Werk über Teil el Amarna. 



120 



Dann flache Kugelsegmente mit kürbisartigen Rippen, Zylin- 
derperlen mit Querbändern und solche mit Querbändern und 
Strichelung", flachrunde Rosetten in Form eines Achtpasses, kreis- 
runde auf beiden Seiten gewölbte Plättchen mit scharfem Grat, 
tropfenartig langgezogene Anhänger, die sich an einem Ende 
birnförmig verdicken und welchen an dem gleichen Drahte eine 
kleine Rundperle beigefügt ist u. a. Die Formen sind stets scharf 
und regelmäßig ausgeprägt. Fanggezogene Zylinderperlen sind 
oft mit dichten Querrippen versehen und mit Blattgold überzogen. 
Fs finden sich auch Kugel- und Ringperlen mit solcher Art von 
Vergoldung, wie mehrere im Antiquarium in München. Später, 
vom IV. Jahrhundert vor Chr. ab, kommt die solide Art der Vergol- 
dung mit Überfang auf. — Die Anreihung von Zylinderperlen er- 
folgte bei Brustgehängen u. a. oft in Netzform, wobei eine kleine 
Rundperle gleichsam den Netzknoten angab. Manchmal findet 
man von den Zylinderperlen fünf bis acht dicht nebeneimmder 
gedrückt, etwa wie die Pfeifen einer Syrinx. F T nter den Ver- 
zierungen sind Bänder, Spiralfäden, einfache Augen und Augen- 
paare am häufigsten, dann schräge Strichelung. Auf abgeplatteten 
Kugelperlen finden sich oft Augen, die von einem Strichelkreise 
umgeben sind, sowie kürbisartige Streifung, diese £iuch mit Augen- 
schmuck vereinigt. Ovale Perlen enthalten mitunter sechs und 
mehr Augen oder runde Flecken. Die birnförmigen Perlen wech- 
selten in den Halsketten mit kugeligen und zylindrischen ab. 
Eine kleine Kugelperle aus türkisblauem Glase, im Besitze von 
Professor Wiedemann in Bonn, trägt in gravierten Hieroglyphen 
den Namen der Prinzessin Hatschepsut (I Iatasu), der Schwester 
Tutmosis' III., derselben, deren obsi dianartige Perle sich im Briti- 
schen Museum befindet. Die Wiedemannsche Perle stammt aus 
den Petrieschen Funden von Gurob. Die andere hat, wie bereits 
bemerkt, infolge ihrer tiefschwarzgrünen Farbe bei mehreren Ge- 
lehrten und Kennern, wie Froehner, Zweifel ob desMateriales erregt. 
Sir Augustus Franks und Makelyne vermochten die Frage, ob 
(ilas oder Obsidian hier benützt sei, nicht zu entscheiden, Froehner 
neigte zu letzterem hinzu, während Wilkinson 1 ) für Glas ist. Das 
spezifische Gewicht der Perle entspricht dem des Kronglases, 



l ) Wilkinson, Manners and Customs I S. 53, III S. 90. 



121 



auch sonst hat die chemische Untersuchung" nachträglich jenen 
Recht gegeben, die für Glas eingetreten sind. 

Die erste der von Petrie nach den Funden von Teil el Amarna 
festgestellten Methoden der Herstellung von Perlen wurde da- 
durch kompliziert, daß man anstatt des einfachen Fadens zwei 
verschiedenfarbige um den Draht wickelte, nachdem man sie selbst 
spiralförmig zusammengedreht hatte. Solche Doppelfäden waren 
auch als Umrandung der Mündung" von Gefäßen, Alabastren, 
Amphorisken und Schalen sehr beliebt. Auch die so hergestellten 
Perlen erhielten durch Walzen, Pressen und Schneiden ver- 
schiedene For- 
men. Wenn man 
sie zusammen- 
drückte, bekam 
man Perlen von 
dicker Ring- 
form , wie sie 
namentlich für 
den Fxport in 
großen Mengen 
hergestellt wur- 
den und sich 
ungemein häu- 
fig in den Grä- 
bern des westlichen Mittelmeerbeckens und diesseits der Alpen 
finden. Diese Form zeigt auch eine der beiden großen Perlen, 
welche angeblich bereits in der neolithischen Niederlassung 
zu Lengyel, Komitat Tolna in Westungarn, gefunden und 
von einem Pester Händler für das Museum in Mainz erworben 
wurden. Die eine ist in Abb. 24, Kig. 16 wiedergegeben. 1 ) Die 
Fundumstände und die Auskünfte des J Iändlers sind leider gleich 
unzuverlässig. Wären sie über allen Zweifel erhaben, so müßten 
wir die beiden Perlen als die ältesten Glasfunde diesseits der 
Alpen betrachten. Die eine ist aus einem fast farblosen, gelb- 
lich durchscheinenden, ursprünglich wohl ganz durchsichtigen 
Faden spiralförmig" zusammengedreht, in welchem im Inneren ein 




Abb. 6[. Delphintläschchen. Köln, Sammlung Nießen. f? 



32.1 



l ) Altertümer unserer heidnischen Vorzeit, Band V, T. XIV, Fig. 214, 215. 



12 2 

gelber, opaker Faden zum Vorscheine kommt. Die Spuren der 
Drehung- sind ganz deutlich: der Faden ist durch Eintauchen 
eines gelben Fadens in farblos -durchsichtige Glasmasse, durch 
sog". Überfangen hergestellt. Solche Masse wurde ja, wie wir 
wissen, schon in Teil el Amarna dadurch hergestellt, daß man den 
Sand durch gepulverte Quarzkiesel ersetzte. Die andere Perle 
ist gleichfalls ringförmig und aus einem opak-gelben und einem 
opak-dunkelbraunen Glasfaden zusammengedreht. Beide sind aber 
wahrscheinlich späteren Ursprungs; aus Vorsicht wird man sie jeden- 
falls von chronologischen Untersuchungen ausschließen müssen. 
Andere Sorten von Perlen wurden nicht wie die allgemein 
beliebten himmel- und türkisblauen Schmelzperlen in Zylinder- 
form aus Glasröhren geformt, auch nicht durch Umwickeln 
eines Drahtes mit dünnen Glasstäbchen, sondern aus der 
opak-farbigen Paste durch Austropfen eines erhitzten stärkeren 
Glasstabes erzeugt, etwa wie man eine Siegellackstange aus- 
tropfen läßt. Dieser Tropfen wurde durch Plätten und Walzen 
geformt, durch Eintreiben eines runden Metallstäbchens gelocht 
und nach dem Erkalten auf verschiedene Art weiter bearbeitet. 
Auf den durch erneute Erwärmung wieder erweichten Grund 
wurden andersfarbige Glasfäden als flache Bänder, Zickzack, 
Wellen, Adern, .Spinden, Augen, Ringe, Buckeln aufgesetzt, durch 
Walzen fest eingedrückt und dann durch Schliff geglättet. Voll- 
kommene Glättung erzielte man durch leichtes Ausschmelzen an 
der Flamme. Aber schon im IV. Jahrhundert vor Chr. ist außerdem 
bei der Auflage farbiger Verzierungen eine vereinfachte Technik 
nachzuweisen, die darin besteht, daß der Glasmacher mit einem 
erwärmten Glasstäbchen auf dem gleichfalls erwärmten Grunde 
der Perle farbige Linien und Punkte aufsetzte, also gleichsam 
malte. Diese Verzierung haftete erhaben auf der Oberfläche, 
während die andere fest eingedrückt war und jetzt manchmal 
wieder ausgefallen ist, so daß in der Perle vertiefte Ornamente, 
Schraubenwindungen, konzentrische Ringe u. a. erscheinen. 1 ) 



J J ü. Tischler, Die Aggryperlen und die Herstellung farbiger Gläser im Alter- 
tume. In den Schriften der physik.-ökon. Gesellschaft zu Königsberg, Band 27 (1887). 
Lindenschmit in den Altertümern u. h. V. Band IV, 4 u. Deutsche Altertumskunde. 
P. Reinecke in d. Altert, u. h. V. Band V. 3 (die beste und sorgfältigste Bearbeitung 
der vorrömischen Glasperlen). 



123 



Diese Techniken wurden in Alexandrien bis in die fränkische 
Zeit hinein g-eübt. 

Form, Verzierung-, Farbe und Technik der Glasperlen sind 
von einer schier unerschöpflichen Mannigfaltigkeit. Es ist noch 
nicht lange her, daß man die Bedeutung dieser kleinen, zierlichen 
Denkmäler einer uralten Kultur in ihrem vollen Umfange wür- 
digen gelernt und sich Mühe gegeben hat, Ordnung in das Chaos 
zu bringen, es zeitlich und stilistisch zu gruppieren. Fast alle 
in Grabfeldern diesseits der Alpen ge- 
machten Funde stimmen mit solchen 
aus ägyptischen Gräbern überein, doch 
sind diese selten gleichzeitig, häufig 
sogar viel älteren Datums. Einzelne 
Sorten scheinen speziell für den Ex- 
port, dem Geschmacke der Barbaren 
entsprechend, hergestellt worden zu 
sein, denn sie fehlen in Ägypten selbst 
fast ganz, kommen aber in Cypern, 
Kleinasien und Griechenland vor. Es 
ist in diesem Falle auch nicht unmög- 
lich, daß eine andere Glaswerkstatt 
des Orients, Sidon oder Tyrus, diesen 
Exportartikel lieferte. Andererseits 
wurden manche Perlensorten eigens 

für Ägypten herg-estellt und nur in geringen Mengen in das 
östliche Mittelmeergebiet ausgeführt. 

In der frühen Bronzezeit kommen Glasperlen bei uns 
noch nicht vor, vereinzelt nur in England und Spanien, wohin 
sie durch die Phönizier gekommen sein mögen. Sie sind 
meist zylindrisch, mit leichten Eängsrippen versehen, von 
opak -stumpf blauer Masse und in der Technik mit den aus 
Gkisröhren gezogenen übereinstimmend. Dagegen kann man 
von etwa 1500 vor Chr., vom Beginne der eigentlichen Bronze- 
zeit ab, in den Gräbern Mitteleuropas Glasperlen in fast lücken- 
loser Reihe verfolgten. Allen Entwicklungsstufen bis zum Ende 
der römischen herab ist eine weitverbreitete Klasse gemeinsam: 
Einfache Rundperlen aus hellblauem Glase. (Abb. 24, Fig. 1.) Die 
Farbe ist aus Kupferlasur hergestellt und nicht das tiefe Ultra- 




Abb. 62 Delphinfliischchen. 
Köln, Museum Wallraf-Richartz 



F 



124 



marinblau, das man in Ägypten selbst im mittleren und neuen 
Reiche, aber auch in Mykene und den griechischen Inseln findet; 
dieses scheint nicht nach dem Norden importiert worden zu sein. 
Dagegen stimmt es mit dem Blau überein, das in Ägypten 
während der saitischen Periode erscheint, und bei uns in Arm- 
ringen der Latenegräber vorkommt. 

Die Perlen, welche von 1500 bis in die jüngere Hallstadt- 
zeit hineinreichen, sind mit denen von Teil el Amarna und den 
spätmykenischen identisch. Die einfarbigen sind dunkelblau oder 
hellgrün durchsichtig, außer ihnen gibt es solche, die aus opak- 
weißen und farbigen Fäden zusammengedreht sind. (Abb. 24, 
Fig. 2.) In Ägypten treten um diese Zeit bereits die sog. Augen- 
perlen auf, einfarbige Stücke mit runden, gelben Flecken, in 
die ein dunkler, meist blauer Punkt eingesetzt ist. Nach Skandi- 
navien und Ostpreußen kamen diese erst zu Ende der Bronzezeit, 
nach Gallien und in die Alpenländer zu Anfang der I [allstadtzeit. 

Für diese, d. h. die Jahre um 1000 — 900 sind in Deutsch- 
land, wie im Mittelmeergebiete opak-dunkle, fast schwarze, blaue 
oder braune Perlen mit gelben und weißen Ringaugen kenn- 
zeichnend, die mitunter auch mehrfache konzentrische Kreise 
bilden. (Abb. 24, Fig. 3, 4.) Diese sind in die Grundmasse ein- 
gedrückt, aber manchmal im Laufe der Zeit verloren gegangen, 
so daß nur Hohlringe oder leere Schraubengewinde stehen blieben. 
Besonders große und reich verzierte Stücke dieser Art sind in 
Italien und Hallstadt gefunden worden, auch solche aus schwarzem 
Glase in Form von Radnarben (Balustern). Durchsichtiges Glas 
ist sehr selten. In Ägypten und im ganzen östlichen Mittelmeer- 
becken kommt diese schwarze, mit Augen verzierte Perlenart 
schon vor dem Jahre 1000 vor, besonders zahlreich im Kjibyren- 
heiligtume von Theben und in Olympia. Auch Perlen mit Spiral- 
einlagen tauchen in Ägypten schon um diese Zeit auf, finden 
aber erst in der jüngeren Latenezeit den Weg zu uns nach dem 
Norden. 

In der späteren 1 1 allstadtzeit, den Jahren um 700 — 600, sind 
bei uns, wie in Cypern, Griechenland und Italien, hellgrüne 
Perlen nicht selten, aufweiche Zickzack- und Wellenlinien 
aufgelegt sind, ganz wie auf den in Theben und Teil el Amarna 
gefundenen Scherben von Glasgefäßen; (Abb. 24, Fig. 5, 6); da- 



12 



g"eg"en fehlen die Augenperlen. Eine neue und charakteristische 
Erscheinung - sind Ringe aus hellgrünem und hellblauem (Hase, 
die an Schnüren am Halse getragen werden, obwohl sie mit- 
unter von der Größe eines Armringes sind. In Nordfrankreich, 
wo sie noch in der frühen Latenezeit vorkommen, hat man sie 
so bei Leichen an Kettchen neben kleineren befestigt ge- 
funden. Aus derselben Zeit stammen die Tierkopfperlen der 
Ostalpen, die leider noch nicht ediert sind. Gegen Ende des 
VI. Jahrhunderts tritt als 1 lauptgruppe die der 
Perlen mit geschichteten Augen (nach 
Tischler) auf. Diese Augen bestehen aus wech- 
selnden Lagen von Milchweiß und Dunkel- 
blau (Abb. 24, Fig. 7 — 9), die sich konzentrisch 
verjüngen, so daß immer ein blauer Punkt 
die Mitte bildet. Sie sind teils wie bei Ge- 
fäßen aufgetropft, teils mit erweichten Stäb- 
chen aufgesetzt. Der Grund der Perle ist 
zumeist orange und opak, auch durchschei- 
nend meergrün; seltener sind tiefblau durch- 
sichtige Stücke mit einer einzigen Lage von 
Weiß und einem blauen Auge. Die orange- 
g"elben und meergrünen Augenperlen finden Abb. 63. Badertäschchen 
sich in kugelig-er, ringförmiger und zylindri- mit Bronzeverschluß und 
scher Gestalt, oft in stattlicher Größe, überall Henkel. p 

in Meng'en: in Ägypten, den Mittelmeerländern und diesseits der 
Alpen und im Norden, sehr zahlreich in Griechenland, Italien (in den 
Gräbern der Certosazeit), Südrussland, in den pnnisehen Ländern 
Afrikas und in Sardinien. Am Nordrande der Alpen bilden sie bis in 
das V. Jahrhundert hinein die weitaus vorherrschende Art. Wahr- 
scheinlich stammt aus dieser Zeit auch die tiefblaue Aug-enperle, 
die in 1 lermeskeil (Regierungsbezirk Trier) gefunden wurde. In 
die späte Ilallstadtperiode gehören auch gelbe, hellblaue und 
meergrüne Perlen mit großen, weißen Scheibenaufsätzen, die 
einen braunen, mit sieben weißblauen Augen besetzten Ring ein- 
schließen; an Stelle des braunen Ringes treten manchmal 
braune Wellenlinien. Außer Ägypten hat man diese Arten oft 
in Xordfrankreich gefunden, während sie bei uns fehlen. Die 
Augenperlen sind, besonders die größeren Exemplare unter ihnen. 




322^ 



126 




oft auch mit tropfenförmigen, rundlichen Knoten besetzt, teils 
von der Grundfarbe, teils von anderer, auch mit farblosen (Abb. 24, 
Fig. 9, 11). In Ägypten und in den Mittelmeerländern treten an 
Stelle der Knotenperlen solche mit aufgelegten Masken von 
Menschenköpfen in Relief mit ägyptischem Kopfputze, teil- 
weise von sehr detaillierter Ausführung und reicher Ausstattung, 
indem Augen, Nase, Lippen, Ohren, Haarlocken und Bart durch 
aufgelegte bunte Fäden gebildet werden. (Vgl. S. 93). Bei uns ist 
diese Perlenart, welche den außer x\gypten auch in der Mittel- 
meerzone häufigen Anhängern in Maskenform sehr nahe stehen, 
bis jetzt nur in drei Exemplaren aus römischer Zeit vertreten. 1 ) 
Der Maskenschmuck an Perlen und Anhängern tritt 
nämlich in Ägypten in der saitischen Periode als 
Nacluihmung eines Schmuckes des IL Jahrtausends 
auf und erhält sich dort bis in nachrömische Zeit. 
Geschichtete Augenperlen sind bei uns auch in 
der jüngeren Latenezeit, also bis weit in die Zeit 
Bronzeverschluß nacn Christi Geburt hinein, nicht selten. Im all- 
eines Badefläsch- gemeinen reichen die geschilderten i\rten bis in das 
chens. Neapel, jy Jahrhundert vor Chr. Von da ab finden sich 

Museum. . •• . .. .-... . 

m Ägypten und im östlichen Mittelmeerbecken 
längere Zeit hindurch Kugelperlen von regelmäßiger Form mit 
zahlreichen farbigen Punkten und .Scheibchen von sehr dünnem 
Auftrage, daneben aber überall bis tief in die Kaiserzeit hinein 
dunkelblaue Perlen mit weißblauen Augen, größere Exemplare 
auch mit vier Reihen solcher besetzt (Abb. 24, Fig. 14). In die 
ältere Latenezeit gehören außer den überall häufigen, schlichten 
blauen Perlen die melonenförmig gerippten, teils durch- 
sichtig tiefblaue, teils solche mit eingelegten farbigen Fäden, 
außerdem glatte blaue, mit eingelegtem weißem Zickzack. 

Der Haupttypus der mittleren Latenezeit ist bei uns die 
Perle mit Spiraleinlagen (Abb. 24, Lüg. 10, 12, 15), die wir in 
Ägypten schon vor dem Jahre 1000 angetroffen haben, oder die 
mit Scheiben und Buckeln, die ihrerseits mit Spiralen verziert 
sind (Abb. 24, Fig. 13). Form und Größe der Stücke sind ebenso 
verschieden, wie Zahl und Anordnung der .Spiralen. Eine in Arne- 



*) P. Reinecke a. a. O. Tafel XIV, 246, 247. 



bürg- (Altmark) gefundene Perle hat die für vorrömische Zeit 
seltene kubische Gestalt. Häufig ist dagegen der Besatz dunkel- 
blauen Grundes mit orangegelben Buckeln (Abb. 24, Fig. 12). 
Sonst sind für Grundfarben meergrün, orange, hellgrün, hellblau, 
für die Auflagen opakweiß, seltener gelb (schwefelgelb oder 
orange), oder weiß mit blau verziert, für Buckeln und Warzen 
orange beliebt. Zum ersten Male tritt jetzt bei Perlen, sowohl für 
den Körper als für den Buckelbesatz farblos-durchsichtiges 
Glas auf, so z. B. in dem Funde von Dühren bei Sinsheim im 
Badischen. Die eine 
der daher stammen- 
den Perlen ist von 
dicker Ringform und 
scharf fassettiert, 4,5 
cm im äußeren, 1,3 im 
innerenDurchmesser, 
1,3 cm hoch, wasser- 
hell durchsichtig und 
innen im Bohrloche 
mit einer opak-gelben 
Folie bedeckt, welche 
durch den Glaskörper 

goldig hindurchscheint. Vier andere Perlen sind aus demselben 
Stoffe, gleichfalls farblos, aber mit einer Ausnahme ohne Folie 
und außen sämtlich gerundet. Eine Perle hat gedrückte Kugel- 
form, ist aber nur schwach durchscheinend. In demselben 
Grabe und an anderen Orten 1 ) wurden auch Armringe aus 
farblos -durchsichtigem Glase gefunden. Farblos -durchsichtige 
oder doch durchscheinende Glasperlen lieferten ferner die Gräber 
von Erdbach (Nassau) und im Koppswalde (Hunsrück); ganz 
rein ist das Glas selten, fast immer grünlich oder gelblich 
schattiert. 2 ) In Ägypten und selbst diesseits der Alpen hat 
man Perlen aus dieser Periode gefunden, welche aus zwei eine 




Abb. 64. 



Prismatische Kannen aus Alexandrien. 
Köln, Sammlung Nießen. 



32 3 -7 77 



*) Bonner Jahrbuch, Band 43. S. 85. 

2 ) Schumacher in den Altertümern u. h. V. Band V, lieft 3, S. 75 f. mit 
Abbildungen auf T. XV, Fig. 260 — 262. Ders. in den Veröffentlichungen der Karlsruher 
Sammlungen 1899 S. 79. Vgl. auch Revue archeologique 1855, S. 76. Ghirardini, 
La collezione Baratela di Este 1888, S. 118. Brizio, Monumenti antichi 1899,8.79. 



128 

Schichte Blattgold einschließenden Hälften farblos-durchsichtigen 
Glases bestehen und andere, die mit Blattgold überzogen und 
dann mit farblosem Glase überfangen waren, so daß sie wie 
massive Goldperlen aussehen. Nach Tischlers Untersuchungen 1 ) 
kommen Glasperlen mit eingeschlossenen Goldplättchen in 
Ägypten schon im IV. Jahrhundert vor Chr. vor und sind 
in römischer Zeit häufig". Auch in dänischen Gräbern wurden 
farblose und grünliche Glasperlen gefunden, die mit Blattgold 
überzogen und mit einer durchsichtigen Schichte von Glas über- 
fangen sind. Eine Spezialität der mittleren Latenezeit, die vier- 
eckig'en Schieber aus tiefblauem Glase, die mehrfach gelocht 
sind und so zu Schnüren angereiht werden konnten, haben 
mitunter Besatz von halbkugeligen Tropfen' aus farblos-durch- 
sichtigem Glase. Diese Tropfen sitzen in breiten orange-farbigen 
Bändern (Abb. 24, Fig. 11). Sonst kommen in dieser Zeit noch 
gewöhnliche blaue Perlen mit weißen Wellenlinien, vereinzelt 
auch tonnenförmige grüne Stücke mit hellen eingelegten Fäden 
vor. Da sie in Bibracte nicht zu den Seltenheiten gehört, kann 
man sie bereits als eine Übergangsform zu der Spätlatene be- 
trachten. 

Als die Hauptform dieser Periode ist diesseits der Alpen 
mit Ausnahme von Norddeutschland die Ringperle zu be- 
trachten (Abb. 24, Fig. 16). Sie kommt in verschiedenen Größen 
und Farben vor, auch farblos-durchsichtig, mit einem .Stiche ins 
grünliche, gelbliche oder besonders häufig ins bläulich-grüne, oft 
aus Fäden von verschiedener Farbe zusammengedreht, wie die 
Ringperlen aus Hahnheim (bei Oppenheim), Heidesheim (bei 
Bingen), Neunmorgen (bei Nierstein).") Die früher erwähnten, 
angeblich aus einer neolithischen Nekropole herrührenden Ring- 
perlen des Mainzer Museums stimmen in der Technik und Ver- 
zierungsweise so sehr mit diesen überein, daß man Grund hat, 
sie gleichfalls erst in die Spätlatene zu versetzen. Oft ist bei 
farblosen Stücken, wie bei den Armringen, auf der Innenseite 
im Bohrloche eine opiik-gelbe Folie aufgelegt, mitunter ein 
gelber Faden eingelegt und mit farblos -durchsichtigem Glase 



*) Vortrag Tischlers bei der Anthropologen- Versammlung in Breslau 1884. 
-) Abgebildet in Altertümer u. h. V. Bd. V, T, XIV. Fig. 217, 219, 221. 



129 



überfangen; es kommen auch Ringe vor, die in der Masse 
von andersfarbigen Streifen und Flecken durchsetzt sind. Wir 
stoßen hier also bereits auf die Anfänge des Überfang- und 
des Mosaikglases, welche zu Beginn der Kaiserzeit eine so 
große Rolle spielten und den Kunststil des Glases für lange 
hinaus bestimmten. In den Farben tritt jetzt eine 
viel größere Mannigfaltigkeit als früher auf. Be- 
sonders beliebt bleibt aber Dunkelblau mit milch- 
weißer Bänderung, durchsichtige Bernsteinfarbe, 
opakes Schwarz mit gelben und weißen Einlagen u. a. 
So kommen die schönen gestreiften, gebänderten, 
mit einem grobmaschigen Netze versehenen und 
die marmorierten Perlen zustande, die in keinem 
der späteren Latenefunde fehlen. Es erproben sich 
in ihnen im kleinen die abwechslungsreichen Tech- 
niken, welche die alexandrischen Werkstätten in 
der Blütezeit der Glasindustrie zu den kostbarsten 
Prachtleistungen befähigten, die aber in Ägypten 
selbst und in den klassischen Gebieten nur selten 
auf Perlen angewendet wurden. Derartige Perlen 
waren für den Export nach den Barbarenländern 
bestimmt und blieben bloß vereinzelt in der Heimat 
und deren Nachbarländern. Daneben erhielt sich 
diesseits der Alpen auch der Geschmack für die 
Spiralverzierung, für Buckelung, geschichtete Augen, 
für eingelegte mehrfarbige Streifen, Fäden und 
Ringaugen, sowie natürlich für einfache blaue und 
grüne Kugelperlen. 

In der Kaiserzeit wurden zahllose neue 
Typen auf den Markt geworfen. Einen prächtigen 
.Schmuck ergiib die Übertragung des Farnkraut 
musters auf größere Perlen (Abb. 25, Fig. 7, 9). 





Abb. 65. f 3 2-5"/ 7»o 
Merkurflasche. 
Köln, Sammig. 
M. vom Rath. 



und Feder- 
Die Faden- 
verzierung erfuhr eine reiche Ausbildung (Abb. 25, Fig. 2, 4, 1 2 — 17). 
Die Anreihung zu Halsketten erfolgte außer den gewöhnlichen 
Arten auch dadurch, daß die Perlen zu beiden Enden eine 
rosettenförmige Bronzefassung erhielten, an welcher Ösen an- 
sitzen, mit welchen die einzelnen Glieder aneinander gehenkt 

wurden. Im Münchener Antiquarium befindet sich eine Schmuck- 
IC isa. Das Glas im Altertume. n 



130 



kette aus runden, kürbisartig gerippten Perlen von hellblau-durch- 
sichtigem Glase mit weißen Querbändern, alexandrinische Arbeit 
aus der Kaiserzeit. Die Perlen sind mit derartigen Fassungen 
von vergoldeter Bronze aneinander gereiht. (Abb. 25, Fig. 2.) 

Fäden wurden nicht nur eingelegt, sondern auch plastisch 
aufgelegt. Am häufigsten findet man dicke Zickzack- und Wellen 
fäden in weiß und gelb auf schwarz; daneben glatte Bänder, 
Wellen- und Zickzacklinien, spiralförmige oder netzförmige Um- 
wickelungen, aufgetropfte und aufgemalte. Aber auch das Über- 
fang- und Mosaikglas wurde in verstärktem Maße in der Perlen- 
industrie verwendet. Das Mosaikglas mit seinem unregel- 
mäßigen Marmor- und Fleckenmuster, das Band- und Petinet- 
glas ergaben eine unübersehbare Fülle von Varianten. Zu 
den bisherigen Formen, den kugeligen, plattrunden, ei-, linsen- 
und radnarbenförmigen, den tropfenartigen, zylindrischen, 
wiirfelartigen, vier- und mehrkantigen Prismen traten einfache 
und Doppelkegel, Stutzkegel, Würfel mit abgestutzten Ecken 
u. v. a. Die Millefioritechnik, die im VIII. Abschnitte geschildert 
werden wird, eröffnete neue glänzende Verzierungsaften. Man 
hatte gelernt durch ein rhythmisches Anreihen von verschieden- 
farbigen dünnen Glasstäben, konzentrisches Überfangen der ein- 
zelnen .Stäbe und Stabbündel, spiralförmiges Aufrollen von ver- 
schiedenfarbigen Glasschichten eine buntfarbig g'emusterte Masse 
zu erzeugen, aus welcher sich Perlen in beliebiger Form schneiden 
ließen, namentlich wenn die Masse vorher durch Erhitzung er- 
weicht worden war. Solche Perlen zeigen bis zu dem auf gleiche 
Weise wie früher durchgestoßenen Bohrloche in ihrem ganzen 
Kerne dieselbe Musterung (Abb. 25, Fig. 2, 3, 10). Schon der ununter- 
brochene Verlauf des Musters auf der Außenseite beweist, daß 
sie nicht aus einzelnen übereinander gelagerten Plättchen zu- 
sammengesetzt sind. Solche Auflagen kommen allerdings gleich- 
falls sehr oft vor. Die Plättchen, welche man durch Quer- oder 
vSchrägschnitte (bei Bandmustern auch durch Längsschnitte) aus 
den stangenförmigen Stabbündeln des Mosaik- und Millefioriglases 
gewonnen hatte, wurden in erhitztem, halb weichem Zustande zu- 
sammengerollt (Abb. 25, Fig. 5, 6) und so Perlen gebildet, oder 
mit anderen Mustern auf größere einfarbige Perlen aufgelegt. 
Solche mit Millefiori-, Schachbrett-, Marmor- und anderen Platt- 



i3i 



chen bekleidete Perlen treten zuerst in der Zeit der flavischen 
Kaiser auf. 1 ) In einem norwegischen Grabe fand man eine große 
Kugelperle von kisurblauer Grundfarbe, die durch rote Längs- 
und Querstreifen in rhombische Felder geteilt ist; diese sind ab- 
wechselnd mit schwarzgelben Schachbrettmustern aus feinem 
Mosaikglase und einem aus konzentrischen Ringen und seestern- 
artigen Strahlen zusammengesetzten Rosettenmuster in gelb und 
rot belegt (Abb. 25, Fig. 8). Ähnlich ist eine bei Lüste- 
bahr in Pommern gefundene große Rundperle aus- 
gestattet. vSie lag" mit Perlen aus Bernstein und Edel- 
steinen zu einer Kette vereint am Halse eines Gerippes 
(Abb. 25, Fig. 5). Auch sie ist auf lasurblauem Grunde 
durch rote Bänder in rhombische Felder geteilt, in 
welchen aber mit Schachbrettmustern in gelb 
und dunkelbraun vier ägyptische Frauen- 
masken abwechseln. 2 ) Die roten Bänder sind 
in der seit jeher üblichen Weise durch Auf- 
lage von Glasfäden hergestellt, die dann ein- 
gewalzt wurden, die Schachbrettmuster und 
Masken aus Mosaikbündeln in Plättchen aus- 
geschnitten und in erweichtem Zustande an 
die Rundung angedrückt. Eine andere Masken- 
perle wurde erst vor kurzem für das Mün- 
chener Antiquarium im Kunsthandel erworben. 
Sie stammt angeblich aus Kleinasien, hat 
leicht gedrückte Kugelform und besteht aus 
orangeg"elber Glaspaste, welche in der Mitte 

von einem schwarzen Bande umringt ist. In dieses sind vier weiße 
Frauenmasken von zierlicher Zeichnung und durchaus griechischem 
Typus eingelegt; die Umrisse und inneren Pinien, wie Augen, 
Nase, Mund, Haar, sind schwarz (Abb. 25, Fig. 6). Ohne jeden 
Zweifel ist auch die in einem fränkischen Grabe zu Wieuward 
in Holland gefundene Glasperle ägyptischen Ursprunges. Sie 
zeigt auf einem breiten blauen Querbande fünf ägyptische Frauen- 
masken. 3 ) Die in Ägypten selbst uralten Maskenperlen (s.S. 93 f.) 




Abb. 66. Merkurflaschen. 
Köln, Sammlung Nießen. 



x ) Abgebildet in den Altertümern u. h. V. Bd. V, T. XIV. 
a ) Sophus Müller a. a. O. II, Abbildung 51. 
3 ) Bonner Jahrbuch 43 S. 85. 



Fig. 242—244. 



9* 



P 



3<H> 



7?o 



1 32 

haben also erst in der Kaiserzeit unter Anwendung neuer Tech- 
niken den Weg nach dem Norden gefunden. 

Mit Plättchen aus Stabbündeln von Millefiori sind auch jene 
zierlichen Perlenmuster hergestellt, welche wie in feinster Miniatur- 
malerei feines Blattwerk darstellen. Im Münchener Antiquarium 
ist eine ägyptische Perle aus farblos durchscheinendem Glase in 
Tönnchenform, deren Muster aus einer hellblauen, opakweiß um- 
säumten Blume besteht (Abb. 25, Fig. 1). Noch feiner ist eine 
Kugelperle der Sammlung des Professors Freiherrn v. Bissing in 
München, opakschwarz mit einem Blattmuster in orange und 
weiß-roter Äderung, das sich viermal wiederholt (Abb. 25, Fig. 3). 

Als Fundorte antiker Perlen nennt Minutoli Ifferten in der 
Schweiz, das alte Castrum Ebrodunense, dann die Gräber Ost- 
preußens Storchedinge in Seeland, die Inseln Bornholm und Jüt- 
land. 1 ) In seiner Sammlung befanden sich Perlen aus diesen 
Orten neben zahlreichen italischen Fundstücken. Er nennt ferner 
den Ober- und Niederrhein, wo sie in Verbindung mit geschliffenen 
Karneolen und Kieselsteinen vorkämen, Dornburg in Thüringen, 
Weimar, Jena, Potsdam, dann in England Seccara bei Ruther- 
gleen u. a. O. — West hält die antiken Glasperlen für die 
Ova anguina, die Schlangeneier des Plinius, deren sich die 
Druiden bedienten. In Schottland nennt man sie Adder Stones 
d. h. Natternsteine, hält sie also wie die Aschantis für Eier von 
Reptilien. 

Neben den so gemusterten Perlen kommen in der ganzen 
Kaiserzeit bis tief in die fränkische Periode hinein Perlen aus 
türkisblauer, durch Verwitterung oft grünlich, manchmal selbst 
kreidig weiß gewordener Glaspaste in Kürbisform mit scharfen 
Längsrippen vor (Abb. 25, Fig. 11), welche sich von denen der 
älteren Latenezeit durch Farbe, Undurchsichtigkeit und Mangel 
jeder Dekoration unterscheiden. Noch häufiger als Glas ist 
freilich zur 1 Ierstellung solcher Schmuckperlen das glasierte Stein- 
zeug verwendet. Sie und andere spätere Sorten finden sich aber 
in fränkischen und alemannischen Grabstätten noch häufiger als 
in römischen. 



*) Minutoli, Über die Anfertigung und Nutzanwendung der farbigen Gläser bei 
den Alten, Berlin 1836. S. 12. 



133 



Tischler unterscheidet zeitlich zwischen den Millefiori- 
Perlen mit Blumen-, Rosetten- und Schachbrettmustern, welche 
durch Zusammenrollen eines Mosaikplättchens entstanden sind 
und jenen, bei welchen ein einfarbiger Kern durch Auflage von 
solchen Plättchen dekoriert ist. Er datiert jene aus dem I. Jahr- 
hundert nach Chr., diese aus dem III. und IV. Auch die mit Mille- 
horiplättchen geschmückten Emailfibeln und andere emaillierte 
Metallarbeiten gehören nach seiner Ansicht in die spätere Zeit. 
Lindenschmit, der sich dem antiken Ursprünge der 
Millefioriperlen gegenüber skeptisch verhält und zu- 
gleich auch die meisten gläsernen Armringe für 
venezianische Arbeiten späterer Zeit erklären möchte, 
weist alle Glasperlen mit Mosaikschmuck der fränkisch- 
alemannischen Periode, dem V. und VI. Jahrhundert 
zu und läßt nur die blauen und türkisfarbigen Kürbis- 
perlen als antik gelten. Dem widersprechen jedoch 
sicher datierte Eunde aus rheinischen Gräbern, sowie 
Reste von Werkstätten in Bibracte, in Worms, Xan- 
ten u. a-, welche für den Bestand einer Emailindustrie 
in Gallien und am Rhein schon in den ersten Jahr- 
zehnten unserer Zeitrechnung Zeugnis ablegen. Wir 
müssen darnach annehmen, daß nicht nur schon in 
dieser Zeit Metallschmuck durch Millenoriplättchen 
seine Enmilverzierung erhielt, sondern daß dieses 
Mittelfiori, wenn nicht diesseits der Alpen hergestellt, 
so doch aus importierten gläsernen Stabbündeln aus- 
geschnitten wurde. Es ist nicht einzusehen weshalb 
man dann nicht auch Perlen in gleicher Weise ver- 
zierte, ja Tischler gibt sogar zu, daß diese Technik der Perlen- 
dekoration als die leichtere der Verzierung von Metallschmuck 
durch Abschnitte von Millefiori vorausging. Wir müssen daher 
auch den so geschmückten Perlen ein höheres Alter, den Anfang 
des I. Jahrhunderts einräumen. Freilich treten die Millefioriperlen 
zu jeder Zeit an Zahl weit gegen die einfarbigen, mit aufgelegten 
Glasfäden oder mit erweichten Glasstiften bemalten Perlensorten 
zurück. In fränkischen Gräbern finden wir sie überhaupt nur 
noch selten, während die Perlen der letztgenannten Art neben den 
Kürbisperlen massenhaft vorkommen, was hier gegen Lindenschmit 




Abb. 67. 

Amphoriske 

aus farblosem 

Glase. Neapel, 

Museum. 



3 2L<= 



134 



festgestellt werden muß. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die 
von den Stürmen der Völkerwanderung - unberührten Industrie- 
bezirke des Römerreiches, namentlich Alexandrien, auch damals 
das Abendland mit Glasperlen in den früheren Formen ver- 
sorgten. Die meisten stammen aber aus der Kaiserzeit und 
kamen, abgesehen von den zahlreichen in Gallien, nament- 
lich in der jetzigen Provinz Namur, angefertigten Perlen in die 
germanischen Gebiete, teils auf dem Wege des Handels, teils 
mit anderen farbigen Gläsern, die von den Barbaren als Kost- 
barkeiten betrachtet und den edlen Metallen gleich gehalten 
wurden, als Kriegsbeute. Sicher ist, daß Franken, Alemannen 
und die anderen germanischen Stämme, welche mit den antiken 
Völkern in Berührung kamen, keinen Schmuck höher schätzten, 
als den aus römischen Gräbern geraubten. 

Von den bisher geschilderten antiken Perlensorten durchaus 
verschieden sind die in Afrika, Amerika und den australischen 
Inseln verbreiteten Aggry-Perlen, welche venezianischen Ur- 
sprungs sind. Der Engländer Willitim Ilutton sagt in der Be- 
schreibung einer Reise im Inneren Afrikas, 1 ) daß die Aggrykörner 
bei den Aschantis, welche sie in einigen Gegenden aus dem Boden 
grüben, sehr geschätzt seien. Sie hätten bei ihnen doppelten 
Goldwert; sie seien verschiedenfarbig, einige gleich Mosaikglas, 
andere hätten geometrisches Blumenmuster von großer Fein- 
heit. Auch im Reisewerke der Brüder Leandre 2 ) werden Aggry- 
körner erwähnt. Schon Minutoli bezweifelt, daß alle diese Perlen 
ägyptischen oder antiken Ursprunges seien und glaubt, daß auch 
neuere venezianische und böhmische nach Afrika gedrungen seien. 15 ) 

Auch in Amerika und auf den australischen Inseln sind 
Aggryperlen neben Augenperlen zu finden, welche natürlich gleich- 
falls nicht antiken Ursprunges, sondern wahrscheinlich venezianische 
Nachbildungen sind. Der Hauptunterschied zwischen den Aggry- 
perlen und den ägyptischen besteht darin, daß bei letzteren die 
Streifen und Fäden nur aufgelegt sind, während sie bei jenen 
durch die Masse hindurchgehen. Zuerst hat Augustus Franks 4 ) 



*) Minutoli S. 23. 

2 ) ibd. S. 21. 

3 ) J. Murray 1832, I S. 180. 

4 ) A. Franks, Kensington-Museum S. 37 f 



135 

Venedig- als die Heimat der Aggryperlen vermutet, Tischler 
hierauf diese Vermutung bestätigt. x ) Nach dessen Untersuchungen 
bestehen sie zumeist aus sieben konzentrischen Schichten, bei 
welchen eine farbige immer mit einer opak-weißen abwechselt. 
Nur die zweite und vierte Innenschicht sind farblos durch- 
sichtig mit einem Stich ins Grünliche. Die farbigen Schichten sind 
opak-rot, von durchsichtigem dunklen Kobaltblau, selten blau- 
grün. Die äußeren Ränder der Schichten erscheinen im Quer- 
schnitte gefurcht mit Ausnahme der innersten Schichte, die stets 
glatt bleibt. Die I ierstellung ging so vor sich: Eine Glasröhre wurde 




Abb. 68. Gruppe von Kugelrläschchen und Balsamarien. ^> 3 2. % 3 ^ o 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



mit opakem Weiß Überlingen, durch Pressen in einer gerippten 
Form gefurcht und dann mit einer anderen Farbe überfangen. 
Dies geschah wahrscheinlich nicht durch Eintauchen, sondern in- 
dem man den noch warmen Glasstab über eine Glasplatte rollte 
und diese aufwickelte, denn in den Furchen finden sich manchmal 
noch leere, nicht mit Glas gefüllte Hohlräume. Jedesmal nach 
dem Umlegen einer weißen Schichte wurde der Stab wieder 
gepreßt und gerippt; dann wurde er außen gerundet und in 
kleine Stücke zerschnitten. Die so entstandenen kleinen Zylinder 
wurden fast immer an beiden Enden zu sechsseitigen Pyramiden 
abgeschliffen, die auf einem zylindrischen Mittelstücke aufsitzen. 
(Abb. 32.) Auf diesem schimmert durch den Überfang die ge- 
rippte Schichte hindurch, während auf den Spitzen die innere 



x ) O. Tischler, Über Aggryperlen und über die Herstellung farbiger Gläser im 
Altertume. Schriften der physik.-ökon. Gesellschaft in Königsberg, 27. Jahrg. (1887). 



136 



Struktur durch den Schliff bloßgelegt ist und in verschiedenartigen 
Bandstreifen, Zickzack- und .Sternmustern zum Vorscheine kommt. 
Die Größe schwankt zwischen 9 bis 25 mm Länge und 8 bis 
22 mm Durchmesser. Nach dem Schliffe wurden die Perlen 
oberflächlich geschmolzen, sowie die modernen venezianischen 
Glasperlen, damit die Kanten etwas iibgerundet würden. Vari- 
anten erzielte man dadurch, daß man in die Furchen dünne 
farbige .Stäbchen einlegte, welche an den Schlifflächen der Pyra- 
miden als farbige Punkte erscheinen. Manche Perlen sind nicht 
abgeschmolzen, an anderen farbige Stäbchen auch in den äußeren 
Mantel eingedrückt und dann durch Abschleifen ausgeglichen. 
Solche Perlen sind fast über die ganze Erde verbreitet und auch 
häufig in den Museen ohne nähere Angabe der Fundumstände 
zu sehen. Auch in Deutschland sind sie nicht selten und da 
manchmal antiken Perlen zugesellt. Ganz besonders zahlreich 
sind sie aber an der Guineaküste in Afrika verbreitet, wo mau 
sie AggTykörner nennt. Sie stammen aus alten Gräbern von 
Eingeborenen und werden von den Negern, welche sie für die 
Eier gewisser Zauberschlangen halten, weit über Gold geschätzt. 
In der Anreihung einzelner Glasstäbchen folgen sie dem antiken 
Prinzipe der Millefiori- und Mosaikgläser, enthalten aber ein 
neues Element in dem durch Pressung hergestellten, gerippten 
Überfange, so daß man sie durchaus nicht als bloße Nachbildungen 
bezeichnen kann. Venedig" nahm daneben aber auch schon im 
X11I. Jahrhundert die Nachbildung aller anderen antiken Perlen- 
arten auf, zuerst angeblich durch Christoforo Briani und Domenico 
Miotti. Die großen buntfarbigen Sorten nach antiken Mustern, 
margherite, später conterie genannt, bildeten von da an einen 
bedeutenden Ausfuhrartikel, dessen jetzt noch vorhandene Reste 
nicht selten zu Verwechselungen mit antiken Perlen Anlaß 
geben, zumal anfangs die Technik die gleiche war. Im Anfange 
des XVI. Jahrhunderts erfand aber Andrea Vidaore in Murano 
die Kunst, Perlen in beliebigen Formen an der Flamme der 
Glasbläserkim pe zu erzeugen, sowohl massive wie solche aus 
Röhren von Glas, die hohl blieben. Diese dienten zur Nach- 
ahmung natürlicher Perlen, indem man die billigeren Sorten mit 
Wachs, Marcasit oder verschiedenen Farbstoffen füllte, die feineren 
mit sog. Perlenessenz, die man aus Schuppen von Weißfischen 



137 




in dünner Leimlösung herstellte. Man bezeichnete danach solche 
Perlen als Fischperlen. Neuerer Zeit werden Perlen in Phantasie- 
formen, Glaskorallen. Tropfen, Lustersteine usw. dadurch herge- 
stellt, daß man farbige Glasstäbe an der Lampe erweicht und mit 
der Zange von ihnen Stücke abzwickt. .Schmelzperlen, den kleinen 
zylindrischen Perlen aus azur- oder türkisblauer Paste in Ägypten 
ähnlich, werden jetzt meist aus schwarzen Glasröhrchen gezogen. 
Ganz ähnlich ist die besonders in Mu- 
rano schwunghaft betriebene Industrie 
der Stickperlen, für die man fciden- 
dünne Röhrchen auf 1 20 — 1 50 m Länge 
ausdehnt. Auch sie werden gestückt, 
zerhackt und die Bruchkanten durch 
Schmelzen abgerundet. Nach venezia- 
nischem Vorbilde entwickelte sich vom 
XVI. Jahrhundert ab die noch heute 
blühende Glasperlenfabrikation Böh- 
mens (Gablonz, Trautenau) und als Ab- 
leger von ihr die der sogenannten 
„Pateln" im Fichtelgebirge (Steinach, 
Bischofsgrün, Eberndorf, Warmen- 
steinach). Es sind massive Glasperlen, 
die dadurch hergestellt werden, daß 
der Arbeiter die scharfe Spitze eines 
dünnen Eisenstäbchens in Tonschlicker 
taucht, diesen im Ofen trocknet und 
dann in flüssige Glasmasse senkt. Das 
anhaftende Glas formt er durch Drehen, 

erneutes Anwärmen, Rollen zu einer runden Perle und läßt 
diese, während er an einem anderen Stäbchen die zweite formt, 
erkalten und erstarren. Wegen des Tonschlickers läßt sie sich 
leicht abstreifen; vorher kann sie noch mit farbigen Fäden ver- 
ziert, nachher eckig zugeschliffen oder poliert werden. Dieses 
Verfahren ist ein uraltes; wir haben es bereits in Teil el Amarna 
bei der Formung von Gefäßen aus Glasmasse kennen gelernt. 
Auch in Thüringen werden jetzt Glasperlen, vorwiegend Schmelz- 
und Stickperlen, erzeugt. Die zahlreichen Funde römischer Glas- 
perlen in rheinischen Gräbern veranlaßten gleichzeitig mit der 




Abb. 69. Askos aus Glas. 
Neapel, Museum. 



272 / J3i*--£ 
5" 2.0 7? 7 



138 

Berufung - venezianischer Glaskünstler auch in Köln während der 
letzten kurfürstlichen Periode ihre Nachahmung - ; man stellte 
Perlen nach antiken Mustern aus opaken farbigen Pasten her 
und verzierte sie mit aufgesetzten Reifen und Zickzackbändern. 
Im Museum Wallraf-Richartz und in Kölner Privatsammlungen 
befinden sich zahlreiche .Stücke dieser Art. 

Mit den Schmuckperlen kamen aus den Werkstätten Ägyp- 
tens auch gläserne Ring^e nach dem Westen. Schon in der 
späteren Ilallstadtzeit tauchen solche aus hellgrünem und hell- 
blauem Glase auf, die aus Rundstäben zusammengebogen sind, 
so daß die Vereinigungsstelle durch eine leichte Verknotung 
deutlich erkennbar bleibt. Sie haben in der Regel 2 1 l 3 bis 3 cm 
Durchmesser und wurden in größerer Zahl, auch mit anderen An- 
hängern vereint, mit Schnüren am Halse getragen. Manchmal 
erreichen selbst solche Anhänger die Größe eines Armringes, 
namentlich in Gräbern der frühen Latenezeit Nordfrankreichs 
sind sie wiederholt aufgefunden worden. Aus der späten Hall- 
stadtperiode stammen die beiden Ringe von Mergelstetten 
(Württemberg), der eine aus hellblauem, der andere aus hell- 
grünem Ghise. 1 ) Besonders häufig kommen Glasringe in Frauen- 
gräbern der Latenezeit vor und gehen durch die ganze römische 
Periode hindurch, in der sie zum Teile kunstvoll ausgestattet werden. 
Einfache Exemplare kennt man aus den Funden von Dühren 
bei Sinsheim in Baden, Matrai in Tyrol, Affoltern im Kanton 
Zürich und von anderen Orten der Schweiz, aus Norddeutschland, 
England, Italien u. a. Der Grabfund von Dühren ') enthält einen 
bandförmigen (leicht abgeflachten) Armring aus wasserhellem 
Glase, der außen mit mehreren Längswulsten profiliert ist: 
auf der Innenseite ist dem Mittelwulste entsprechend eine gelbe 
Folie aufgelegt. Der äußere Durchmesser des Ringes beträgt 
9 cm, der innere 7, 8, die Höhe 2 cm. Ein anderer hat runden 
Querschnitt und keine farbige Folie. Häufig ist an .Stelle dieser 
ein farbiger Faden eingelassen und mit durchsichtigem Glase 
überfangen. Bei glatten Armringen ist in römischer Zeit der 
runde Querschnitt üblich, dagegen bleibt die breite Bandform 



x ) Minutoli a. a. O. S. 25. 

2 ) Abgebildet in d. A. u. h. V. Bd. V. T. XIV. Fig. 220. 



139 



bei farbigen und reicher profilierten Exemplaren. Im Antiqua- 
rium zu München befindet sich ein schöner Glasring von etwa 
3 cm Durchmesser, außen gerundet, innen abgeflacht, lichtblau 
irisierend und mit opaken weißen Flecken besetzt. Von hervor- 
ragender Schönheit sind die zahlreichen Bruchstücke von Arm- 
bändern, die Daressy in dem Grabe des Maherpra aus der Zeit 
Amenophis IL (um 1500 vor Chr.) fand. Es sind Reifen derselben 
Form, außen gerundet, innen flach, von dunkel- oder hellblauer 
Grundfarbe, verziert mit einem dichten Zickzack oder Wellen- 
linien aus farbig aufgelegten Fäden, einige auch mit feinen 
I Iorizontalstreifen. Ein Bruchstück ist 
von Spiralfäden in weiß und blau ein- 
gefaßt und mit eingedrückten rauten- 
förmigen Besatzstücken verziert, welche 
einen hellen oder dunklen Kern von 
dunklen oder hellen Bändern umgeben 
zeigen. 1 ) Ein Armring in der Brera zu 
Mailand, der bei Magenta gefunden 
wurde, ist opcik-iizurblau und mit Wül- 
sten, Hohlkehlen und Reifen gegliedert: 
der Mittelwulst ist durch schräge Riefen 
einem gewundenen Tau nachgebildet. Im Vatikan befinden sich 
zwei Armringe iius schwarzem Glase, das neben lasurblau und 
dunkelviolett die Lieblingsfarbe für Armringe ist. Schwarz ist auch 
dasbeiFroehner S.49 abgebildete Exemplar. Andere sind inLinden- 
schmits Altertumskunde, in den „Altertümern unserer heidnischen 
Vorzeit" und im Kataloge der Sammlung M, vom Rath repro- 
duziert.") I läufig ist die Gliederung flachrunder Stücke durch 
starke Querrippen, wie bei einem Exemplare im Museum 
von Namur, die Verzierung durch aufgelegte weiße und gelbe 
Bänder und Zickzacklinien, sowie bis in die späteste Zeit die 
Umwickelung mit einem Spiralfaden 8 ) oder zwei gekreuzten 




Abb. 70. Becher mit durch- 
brochenem Ringkragen. j 7 34-1 
Rouen, Museum. 



x ) Vgl. Daressy, fouilles de la vallee des rois I. Tombes de Maherpra et 
Amenophis II. T. XLV. No. 24834 — 24843. (Katalog des Museums von Kairo.) 

2 ) Vgl. Note 2. Abbildungen von Glasringen auch in A. u. h. V. II, Heft 9, 
T, III, Fig. 3, 10. 

3 ) l'linius 36, 48. Kisa, die antiken Gläser der Sammlung M. vom Rath. 
T. III Fig. 26. 



140 

Fäden. In der frühen Kaiserzeit findet man auch in die Masse 
eingeschlossene Spiralfäden, ferner Armringe aus marmoriertem 
und gebändertem Glase. 

Als „Schmuck armer Leute" wurden in der Kaiserzeit wie 
vor Alters in Ägypten (Teil el Amarna) als Schmuck reicher Leute 
gläserne Fingerringe getragen, ein wohlfeiler Ersatz für Edel- 
metall, geschnittenen Bernstein und Alabaster. Die Art ihrer 
Hersteilung beschreibt Theophilus 1 ) folgendermaßen: „Nimm 
Asche, Salz, gepulvertes Kupfer und Blei. Dann wähle die 
Farben für das Glas und brenne sie. Nimm einen spannlangen 
Jlolzstab von Fingerdicke. Dieser hat eine lange eiserne Spitze 
und im Drittel seiner Länge eine runde Scheibe aufgesteckt. Mit 
der Spitze nimm etwas Glas aus dem Ofen und stecke dann 
die Spitze in einen I Lolzklotz (oder ähnliches) so ein, daß das 
Glas auf den Ilolzstab aufgeschoben wird. Dann drehe ihn 
schnell, damit die Rundung vollkommen werde." Ähnlich haben 
wir uns auch die Herstellung' der gläsernen Armringe zu denken, 
nur wurde hierbei ein Glasband von entsprechender Stärke um 
einen dicken Holzpflock gelegt und dieser g-edreht. So erklärt 
sich die Abplattung der Ringe an der Innenseite und die Bildung 
des mittleren AVulstes an der Außenseite als natürliche Einwirkung 
der Zentrifugalkraft, die dann mit Absicht weiter ausgestaltet 
wurde. Viele von den Fingerringen erhielten außen an einer 
Stelle eine ovale Abplattung", einem Ringstein entsprechend, 
manche wurden durch Reifen und Wülste gegliedert, indem man 
während des Drehens ein Plättchen mit entsprechenden Aus- 
schnitten dagegenhielt, andere erscheinen tauförmig gewunden 
und mitunter überdies auf eine glatte Unterlag'e aufgesetzt. 
Fadenverzierung aller Art wurde auch hier eingewendet. So 
schließt ein Fingerring aus ambragelbem durchsichtig'em Glase 
im Museum von Namur einen weißen .Spiralfaden ein, während 
an die Stelle der Abplattung eine runde Siegelgemme aus Glas 
tritt, die für sich gearbeitet und dem Reif angefügt ist. Auf die 
Fabrikation gläserner Ringsteine in Nachahmung von Edelsteinen 
mit erhabenen und vertieften Figuren (Cameen und Gemmen) 
und anderer Besatzstücke, welche besonders von der Ptolemäer- 



] ) Theophilus a. a. Ü. Cap. XXXI. 



I4i 



zeit ab eine große Rolle spielt, werden wir bei anderer Gelegen- 
heit zurückkommen. Nach Plinius 1 ) wurden die falschen Ringsteine, 
die annularia, aus einer Masse in Formen gepreßt, welche aus 
gepulvertem Glase und Kreide gemischt war. Sie finden sich 
im ganzen Gebiete der alten Welt, in Westen wie im Osten 
und in Italien. Mehrere stammen aus Athen und Cypern, den 
größten antiken Glasring besaß Castellani in Rom. Auch Siegel 
aus farbigem Glase waren in Gebrauch; im Inventare des Heka- 
tompedos werden solche mit Goldfassung aufgeführt." 2 ) 

Neben Perlen und Ring'en 
aus Gkis werden in ägyptischen 
Gräbern, im ganzen Mittelmeer- 
becken und diesseits der Alpen 
von der mittleren Latenezeit ab 
auch kleine runde Plättchen 
aus Glas gefunden. Sie sind 
opak-weiß, schwarz, dunkelblau, 
dunkelgrün, gelb, auch durch- 
sichtig oder durchscheinend 
lichtblau, gelblich, grünlichblau 
und wasserhell. Neben den ganz 
flachen kommen auch solche in 

erhöhter llalbkugelform vor, die aber ebenso wie jene durch Auf- 
tropfen von Gkismasse auf den Marmor oder eine andere Platte 
hergestellt und oft durch eingepreßte Rosettenmuster verziert sind. 
Der Grabfund von Dühren in Baden enthielt siebzehn knopfartige 
Stücke der hochgerundeten Form von etwa i cm I Iöhe. Davon 
bestanden sechs aus dunkelblauem, leicht durchscheinendem Gkise, 
zwei aus wasserhellem, fünf aus opakschwarzem. Da sie auf der 
Unterseite flach sind und weder eine Durchbohrung, noch eine 
andere Einrichtung zur Befestigung zeigen, sind es weder Knöpfe 
noch Besatzstücke, sondern wie die völlig flachen Exemplare Spiel- 
steine. Dies geht mit Sicherheit aus dem Vergleiche mit einem 
Kölner Funde der späteren Kaiserzeit hervor, der sich im dortigen 




Abb. 71. Gefäß in Form eines Korbes. 
Köln, Sammlung Nießen. 



.M^ 



J ) Plinius 37, 21 — 23. 26. 

2 ) Boeckh, Staatshaushalt II S. 263. Über die Herstellung gläserner Ringsteine 
s. Rollet, Glyptik in Ruchers Gesch. der techn. Künste I, 2741". 



14- 



Museum befindet und .Steine derselben Form, jedoch aus Bein 
geschnitzt enthält, von welchen die eine Hälfte weiß geblieben ist, 
die andere Spuren von roter Farbe zeigt. Neben ihnen lag in den 
Resten eines hölzernen Kästchens mit bronzenem Beschläge und 
Henkel ein Becher mit zwei Würfeln, gleichfalls aus Bein. Auch 
in gallischen Gräbern Italiens wurden derartige Spiele, teilweise 
mit Würfeln, aufgedeckt. x ) Ähnliche Steine dienten den Ägyptern 
bei ihren Damenspielen und den Römern beim ludus latruncu- 
lorum, doch waren die latrunculi zumeist flach. Andere gläserne 
Spielsteine, die calculi, erwähnt Ovid, Amores 2, 207 und Mar- 
tial 7, 72 und 8 beim sogenannten Diebesspiele. 2 ) Nach Plinius 
verfertigte man aus farbigem Glase iiuch Schachbrettfiguren, die 
man abaculi nannte. Petronius erzählt, daß am Fnde des Fest- 
mahls des Trimalchio ein junger Sklave ein .Spielbrett aus Tere- 
bintenholz mit Würfeln aus Krystall gebracht habe. 3 ) 

Ilerodot sah, wie erwähnt, in Ägypten heilige Krokodile, 
deren Stirn mit großen bunten Glaskugeln geschmückt war. 
Man glaubt solche Kugeln in Atribis im Delta wiedergefunden 
zu haben. Derselben Art sind die Glaskugeln, die Minutoli be- 
schreibt und zum Teile abbildet, darunter eine aus Veji; sie 
bestehen aus buntem Millefioriglase mit verschiedenen Mosaik- 
mustern. Neben diesen kunstreichen Stücken gibt es aber auch 
einfachere, wie die große Glasperle der Sammlung des Freiherrn 
von Bissing in München, die in Ägypten von einem Händler 
erworben wurde. (Abb. 31) Sie hat eine an beiden Polen abgeplattete 
schlanke und unregelmäßig gekantete Kugelform von 4 cm Dm., ist 
mit freier Hand aus dunkelblauer opaker Paste geformt und gegen 
die Enden zu mit einem siegelroten breiten Zickzackbande verziert, 
das weiß eingefaßt und wie- bei kleineren Perlen aufgelegt und 
eingewalzt ist. Der Teil ober und unter den Bändern, wo das 

J ) Schumacher in A. und h. V. Bd. V. S. 75 f. Brizio, Tombe e necro- 
poli galliche della provinzia di Bologna S. 19. Ders. Monumenti antichi IX (1899) 
S. 682, 942 (Montefortinol. 

2 ) Ovid rät einem Liebhaber im Diebesspiele seine Steine durch die seiner 
Dame nehmen zu lassen. 

,,Sive latrocinii sub imagine calculus ibit 
Fac pereat vitreo miles ab hoste tuo." 
Bei Lucian heißt es: „Callidiore modo tabulae varietur apertae calculus et vitreo 
pcraguntur milite bella". 

s ) „Sequebatur puer cum tabula tercbinthiaetcrystallinistesserisfSatyriconcap. 27). 



143 



Bohrloch zum Vorscheine kommt, ist lichtgrün. IVfcm bemerkt 
an ihm zugleich kleinere Bohrlöcher, die von einer sternförmigen 
Metallfassung" herrühren. Diese war mit einer runden Ose ver- 
sehen, mit welcher die Perle entweder kettenartig mit anderen 
Perlen vereint oder an ein anderes Zierstück ang'ehängt werden 
konnte, wie bei der S. 130 erwähnten Schmuckkette des 
Münchener Antiquariums. In den größeren 
Exemplaren, die in Etrurien und an anderen 
Orten Italiens, in Ägypten, Griechenland, 
namentlich im Kabyrenheiligtume von Theben 
in Tempelruinen zum Vorscheine gekommen 
sind, vermutet man Weihegaben an Gott- 
heiten. Einige können wie noch heute im 
Oriente zum Schmucke von Szeptern und 
anderen Stäben gedient haben. 1 ) Sesostris 
besaß nach Boudet ein Szepter aus Glas, das 
Smaragd nachahmte." 2 ) Massive KrystaLbälle 
wurden von römischen Damen an heißen Tagen 
zum Kühlen der Hände benutzt. Properz be- 
richtet ausdrücklich von solchem Luxus. 3 ) Andere dienten Jong- 
leurs und selbst vornehmen Privatpersonen zu einem kunstreichen 
Spiele, das besonders in Hadrians Zeit Mode war. Der Großvater 
Marc Aureis soll darin besonders gewandt gewesen sein. 4 ) Solche 
Kugeln waren wohl massiv und nicht mit den Hohlkugeln unserer 
Museen (Trier, Köln, Mainz, Wiesbaden) identisch, welche sehr dünn 
geblasen, einfarbig und immer gelocht sind. Bei den Exemplaren 
des Iloubenschen Antiquariums in Xanten glaubte man im Innern 
Reste von Wasser und Parfüms, auch von .Schminke entdecken 
zu können. Darnach dienten sie vielleicht zum Aussprühen von 




Abb. 72. Trinkgefäß 

mit Widderkopf. 
Terrakotta. Attisch. 



1 ) Minutoli a. a. O. S. 40. 

2 ) Gerspach a. a. O. 

:i ) „Crystalloque portant candidiore manu". Cynthia verlangt von Properz, 

daß er ihr einen Fächer aus Pfauenfedern und Bälle zum Kühlen der Hände sende. 

Et modo pavonis caudae flabella superbae 

Et manibus dura frigur habere pila (Eleg. II 24). 

') Froehner a. a. O. S. 102 f. Das nolanische Vasenbild, das Deville T. 69 

als Beleg für das Spiel mit gläsernen Bällen beibringt, ist freilich nicht beweiskräftig, 

denn es könnten hier ebensogut Wollknäuel gemeint sein. Zum Kühlen der Hände 

dürfte man aber auch Marmorkugeln benützt haben. Vgl. Dütschke, Bonner Jahrb. 60, 

S. 141, Boettiger, Kleine Schriften III, S. 351. Deville gibt S. 59 eine der 



p .?-=*-> ,70/ 



144 

wohlriechenden Essenzen und als Behälter von flüssiger Schminke. *) 
Hübsche Exemplare solcher sogenannter Schminkkugeln, aus 
farblosem und farbigem Glase, gewöhnlich mit einer aufgemalten 
weißen Spirale verziert, befinden sich im Provinzialmuseum zu 
Trier. Sie sind mit Ausgußröhrchen von etwa 2 mm Durch- 
messer versehen. In rheinischen Gräbern des I. Jahrhunderts 
kommen sie nicht selten vor. 

Sehr häufig sind 11 aarnadeln aus farbigem Glase mit 
verzierten Köpfen, besonders in Gräbern der Kaiserzeit, auch 
Ohrgehänge und Anhänger anderer Art. Gewandnadeln, 
die bekannten Fibulae, erhielten schon in sehr frühen Zeiten 
Glasschmuck. Die ältesten Stücke dieser Art sind die Glas- 
bügel altitalischer Fibeln des VII. vorchristlichen Jahrhunderts, 
die in Oberitalien und in den Ostalpen gefunden wurden, 2 ) opake 
farbige Pasten mit spiralförmigen Windungen, welche von ver- 
witterten und ausgefallenen Glasfäden herrühren. Im Anti- 
quarium zu München befinden sich zwei Kahnfibeln, die außen 
gerundet, innen leicht abgeflacht und von einem Bronzedraht 
durchzogen sind, der an beiden Enden herausragt. Sie bestehen 
^lus schwarzer op£iker Glaspaste, die mit dicht angereihten 
gelben Zickzackbändern durchquert ist. (Abb. 23). Auch Ein- 
sätze aus geschnittenen Glasflüssen haben sich erhalten, so ein 
rübenförmiges Zierstück aus türkisblauem Glase an einer Fibel 
des Hallstädter Fundes. 



Inschriften Grubers wieder, in welcher ein Ursus Togatus als Erfinder der vitreae pilae 
bezeichnet wird : „Ursus Togatus vitrea qui primus pila lusi decenter, laudante populo 
maximis clamoribus, thermis Traiani, thermis Agrippae et Titi multum et Neronis, 
ego sum. Convenite, pilicrepi, statuamque amici lioribus ornate. Profundite nigrum 
falernum; canite voci concordi senem pilicrepum, scholästicum, qui vixit omnes ante- 
cessores suos sensi decore atque arte subtilissima. Nunc sum victus ipse, fateor, 
nee semel, sed saepius, ter consule Vero patrono." Der in dieser scherzhaften Inschrift 
genannte Ursus Togatus ist nach Deville Niemand anderer als L. Verus selbst. Quinc- 
tilian schreibt dazu: „Miracula illa in scenis pilariorium ut ea quae emiserint ultro 
venire in manus credas et qua iubentur excurrere (lib. II cap. 12.) 

1 ) Denkmäler aus Castra Vetera und Colonia Traiana in Houbens Antiquarium 
zu Xanten, hcrausgeg. von Houben und Fiedler, Xanten 1839, S. 40. Deville, T. 80. 
Bonner Jahrbuch III 193 ibid. LX. 141. — Die chemische Untersuchung einer Trierer 
Schminkkugel ergab als Inhalt allerdings nichts als eingedrungenen Lehm, keine Spur 
von Fett oder öl. Vgl. Hettner, Illustr. Führer d. d. Provinzialmuseum in Trier, S. 107, 
No. 743, 744. Abb. S. 107, Xo. 4, 8. 

2 ) Reinecke a. a. O. 



145 

Eine viel größere Rolle spielt jedoch bei der Dekoration 
der Gewandnadeln und anderer kleiner Metallarbeiten die ver- 
wandte Technik des Emails. Ohne auf diesen selbständigen 
Kunstzweig näher einzugehen, möchte ich in folgendem einige 
Momente seiner Entwickelungsgeschichte hervorheben, die mit 
der des Glases näher zusammenhängen. 

Das französische Wort email kommt vom mittelalterlich- 
lateinischen smaltum, esmaltum, italienisch smalto, deutsch Smalte, 
Schmälte, .Schmelz. 1 ) Smaltum 
wird zurückgeführt auf das ahd. 
smelzan, das ursprünglich auf das 
Schmelzen von Gold und Silber, 
dann auf Glasfluß sich bezieht. 
Gegenwärtig' bezeichnet man 
mit Email i. Den Glasfluß, die 
durch Metalloxyde gefärbte, leicht 
flüssige Glasmasse. 2. Die Schmelz- 
malerei, d. h. die verschiedenen 
Arten, mit Glasfluß Metall zu deko- 
rieren (aber nicht die Dekoration 
von Ton und Glas mit Schmelz- 
farben). 3. Metallplatten, Gefäße, 

Geräte usw., die mit Schmelzmalerei verziert sind. Der Glasfluß, 
zu welchem man der leichteren Schmelzbarkeit wegen bleihaltiges 
Glas zu verwenden pflegt, kiinn durchsichtig oder undurchsichtig 
sein. Letzteres wird er durch Zusatz ungeschmolzener Stoffe, 
wie Knochenasche und Zinnoxyd. Man stellt Email aus Glas 
her, das man in einem Mörser aus Achat mit wenig Wasser zer- 
stößt und zu Pulver zerreibt, wobei das sich trübende Wasser 
von Zeit zu Zeit durch klares ersetzt werden muß. Einige Tropfen 
Salpetersäure ziehen die Unreinlichkeit an sich, die schließlich 
noch durch Wasser fortgeschwemmt wird. Die zurückbleibende 
feuchte Schmelzmasse wird mit einer Spatel oder einem Pinsel 
auf die blank geputzte Metallfläche aufgetragen und im Ofen 
angeschmolzen, der von allen Seiten gleichmäßige Hitze gewährt. 
Das Erkalten muß allmählich vor sich gehen, weil der Glasfluß 




Abb. 73. Tonlampen. Mannheim, 
Antiquarium. 



r 



:4^ 



l ) Bucher, Geschichte der technischen Künste s. Email. 
Kisa, Das Glas im Altertume. 



146 

sonst leicht Risse bekommt. Theophilus gibt in seiner Schedula 1 ) 
ein Rezept zur Herstellung von Email auf Gold (Electra in auro), 
das auch wegen der darin erwähnten Sorten antiker Gläser von 
Interesse ist: 

„Inveniuntur in antiquis aedificiis paganorum in musivo 
opere diversa genera vitri, videlicet album, nig'rum, viride, croceum 
saphireum, rubicundum, purpureum, et non est perspicuum, sed 
densum in modum marmoris, et sunt quasi lapilli quadri, ex quibus 
fiunt electra in auro, argento et cupro, de quibus in suo loco 
sufftcienter dicemus. Inveniuntur etiam vascula diversa eorundem 
colorum, quae colligunt Franci in hoc opere peritissimi, et saphi- 
reum quidem fundunt in furnis suis, addentes ei modicum vitri 
clari et albi, et faciunt tabulas saphiri pretiosas ac satis utiles 
in fenestris. Faciunt etiam et purpura et viridi similiter." 

Die Nachrichten alter Schriftsteller über das Email sind 
unsicher. Die von Labarte, v. Cohausen u. a. ausgesprochene 
Vermutung, d;iß das Wort Electron, welches Theophilus ohne 
Zweifel für Email gebraucht, auch bei Homer und anderen 
klassischen Autoren diese Bedeutung gehabt habe, ist un- 
begründet; es gibt keinen Ausdruck, den wir in der an- 
tiken Literatur mit Sicherheit auf das Email beziehen könnten, 
wohl ein Beweis dafür, daß es nicht in großer Übung war. 
Doch ergeben Funde immerhin, daß man es sehr wohl 
kiinnte. Aus deren Reihe sind freilich die angeblichen 
ägyptischen Emailarbeiten älterer Zeit auszuscheiden. Der 
Schmuck der Königin Aah-hotep aus Theben im Museum von 
Kairo, welchen Mariette und Froehner 2 ) als prachtvolle 
Cloisonnearbeit mit goldenen Figuren auf blauem Grunde 
beschreiben (Abb. 27), die Flasche mit dem Namen des Ameno- 
phis III. und seiner Gattin Taja, 8 ) der Brustschmuck Rhamses' IL 
aus den Grabstätten des Apis, 4 ) (Abb. 26) die Vase Setis L, 



') Theophilus, Schedula III 53. 

2 ) Mariette, parc egyptienne 1897, [S. 137. Froehner a. a. ü. S. 1 o. 
Neuerdings veröffentlicht in dem Prachtwerke von F. W. von Bissing über den Theba- 
nischen Grabfund T. V. 

3 ) Mariette a. a. O. S. 82. 

4 ) Mariette, description des fouilles executees en Egypte J. pl. 26. 



H7 



das Täfelchen des Smendes aus San 1 ) und andere ältere ägyp- 
tische Schmucksachen haben kein Email in unserem Sinne, 
sondern sog. kaltes, nicht im Feuer aufgeschmolzenes Email. 
Maspero nennt im Guide du visiteur au Musee de Caire 1902 
S. 433 die Einlage am Armbande der Aahotep (Achhotep, Abb. 28) 
„pate de verre de la couleur du feldspath". Eegrin, der die 
Schmucksachen für de Morgan' 2 ) beschreibt, erklärt die graue 
(nicht blaue) Masse als „emeraude d'Egypte." Dagegen glaubt 
Marc Rosenberg, 3 ) daß hier eine 
Mischung von gestoßenem, aber nicht 
gepulvertem Glase mit einem Binde- 
mittel, vielleicht mit Ton, vorliege. 
Das Material ist wohl etwas härter, 
als sonst an ägyptischen Schmuck- 
sachen vorkommende Einlagen aus 
gefirnißtem Ton. Einlagen jener Art 
stellt Rosenberg auch an dem Brust- 
schmucke der Aah'hotep fest, von 
welchem Maspero in seinem Guide 
S. 432 sagt: „Les figures sont dessi- 
nees par des cloisons d'or, dans 
lequelles on a fixe des plaquettes de 
pierres dures, cornaline, turquoise, 
lapis, päte imitant le feldspath vert; 
chaque couleur est separee de celle qui l'avoisine par un filet 
d'or brillant." Die Goldschmiedearbeit dieser .Stücke entspricht 
ganz jener der Zellenemails, weshalb man die aus farbigen Edel- 
steinen, farbiger Kittnmsse und gefirnißtem Ton auf ktiltem Wege 
hergestellten Einlagen für Ermiil gehalten hat. Die Sammlung 
von Bissing enthält einige lehrreiche Proben dieser altägyptischen 
Einlegearbeit: Einen wundervollen kleinen Sperber, dessen goldene 
Zellen mit schwarzem Kitt gefüllt sind, ein größeres Exemplar 
mit leeren Zellen, die früher wahrscheinlich geschnittene Stücke 




Abb. 74. Becher aus Glas in 

Form eines Nachens. 
Mailand, Museum Poldi Pezzoli. 



*) Mariette, description des fouilles executees en Egypte I. S. 198 und von 
dcms. Musec de Boulaq S. 169. 

2 ) de Morgan, fouilles a Dahchour, Mars-Juin 1894, S. 64 No 2. 

3 ) Marc Rosenberg, Ägyptische Einlagen in Gold und Silber. 1906. S. 8. 
Abbildung 16-18. Der Brustschmuck Ramses III. unter Fig. 20. 

10* 



34^> 



i 4 8 



farbigen Glases, Edelsteines und Kittes enthielten, das Stück 
eines flachen Armbandes, das mit Stücken von blauem und 
grünem Glase sowie von türkisblauer Kittmasse gefüllt ist u. a. 
Bei Blümner 1 ) findet sich die richtige Angabe, daß die älteren 
ägyptischen Goldarbeiten durch Gold- und Silberplättchen zu- 
sammengefügte Schmelzstücke aufweisen, also eine Art Zellen- 
email, das sich aber von dem späteren dadurch unterscheide, 
daß die Schmelzfarben nicht im Feuer aufgeschmolzen seien. 
Semper dagegen glaubt an älteren ägyptischen Arbeiten im 
Britischen Museum Grubenschmelz konstatieren zu können, 2 ) 
wie auch Virchow auf einer Bronze von Koban, die über 
das Jahr iooo v. Chr. hinaufreicht, wirklichen Grubenschmelz 
gefunden haben will. 8 ) Auch in diesen Fällen dürfte es sich 
um kaltes Email handeln, bei welchem allerdings Glas ver- 
wendet wurde. 

Dagegen hat sich später unter dem Einflüsse der 
griechischen Kunst in der Ptolemäerzeit wirkliches Email auch 
in Ägypten entwickelt. Der berühmte Schmuck einer äthio- 
pischen Königin aus Meroe' im Antiquarium von München, 
zu welchem einige von demselben Finder Forlini erworbene 
Stücke des Berliner Museums gehören, zeigt vortrefflichen Gruben- 
schmelz. 4 ) Er wurde in einem großen Bronzegefäße entdeckt, 
das sorgfältig in der Pyramide der nubischen Königin einge- 
mauert war, und enthält Fingerringe mit emaillierten Platten, 
Köpfen des Osiris oder von Tieren, dem Utahauge u. a., Hals- 
ketten mit rundlich gekerbten Perlen aus vergoldetem Glase, 
Scarabäen mit in Email eingesetzten Augen, zwei prächtige Paare 
von Armbändern und daneben bronzene Henkelbüchsen von rein 
hellenistischem Gepräge. Die Armbänder sind flache breite 
Reifen von Gold, durch Stege in schmälere Streifen geteilt, welche 
ein sehr feines und reiches Muster von Rauten, konzentrischen 
Ringen, Schuppen u. a., in der Mitte kleine quadratische Felder 
mit Büsten auf blauem Emailgrunde zeigen. Auch die anderen 



*) Blümner, Technologie der Griechen und Römer S. 407 f. 
~) Semper, der Stil II S. 452- 

3 ) Virchow, Vortrag bei der Anthropologenversammlung in Breslau 1884. 

4 ) Christ und Lauth, das Münchener Antiquarium 1870, S. 34. Christ, Führer 
d. d. k. Antiquarium 1901, S. 40. 



149 



Muster sind mit Grubenschmelz gefüllt, bei dem einen, etwas 
schmäleren Paare von Armbändern nur in lichtblau und kobalt- 
blau, bei dem anderen, viel breiteren, auch in smaragdgrün und 
rot (einem stumpfen Ockerrot). Ersteres hat an den Schließen 
Götterfiguren mit Sperbern auf dem Helm und vier wundervoll 
emaillierten netzartigen Flügeln. Diese späten Stücke, die letzten 
Ausläufer altägyptischen Geschmackes, voll fremder Einflüsse in 
Ornament und Technik, sind nach Rosenberg in erster Linie 
die unschuldige Ursache zu der Annahme ge- 
wesen, daß die alten Ägypter das Email gekannt 
haben. In dieser Allgemeinheit ist die Be- 
hauptung aber falsch und hat zu dem Irrtume 
geführt, auch in den alten Einlegearbeiten 
Schmelz werk zu erkennen. Von der Ptole- 
mäerzeit an sind solche aber in Ägypten 
zweifellos vorhanden. Auch die Armbänder 
mit Email, die Deville abbildet und in die 
18. Dynastie versetzt, 1 ) stellen sich in Stil und 
Technik als Arbeiten dar, die etwa gleichzeitig 
mit dem Schmucke von Meroe sind. 

Den Griechen war das Email nicht un- 
bekannt, wenn es auch nur selten geübt worden 
zu sein scheint, ebenso den Römern. Aus 
den gelegentlichen Mitteilungen der Schrift- 
steller ist für uns nicht viel positives zu 
holen. Vielleicht kann man bei der Be- 
schreibung des Zeus von Olympia, des chrysoelephantinen 
Wunderwerkes des Phidias durch Pausankis 2 ), ein Email denken. 
Ob bei der Schilderung eines Goldschmuckes mit schwarzen 
Einlagen durch Heliodor 3 ) dieselbe Technik anzunehmen ist, 
bleibt zweifelhaft, da die Beschreibung ebenso gut auf 
geschnittene Steine oder Kittplättchen passen könnte. Apollo- 
nius von Tyana in K;tppadozien, der Neuplatoniker und Zeit- 
genosse Christi, sah in Indien Bilder, die in Gold, Silber und 




Abb. 75. Handspiegel. 

Regensburg, Antiqua- 

rium. 



3 6 I 



x ) Deville a. a. O. T. 109. 

2 ) Pausanias, Periegesis 5, II. 

3 ) Heliodor Roman Aeth. III 4. 



i^o 



anderen Metallen auf Kupferplatten aufgeschmolzen g-ewesen 
sein sollen, vielleicht metallische Schmelzarbeiten. Aber grie- 
chisches Email hat sich, was das entscheidende ist, tatsächlich 
erhalten. Im Münchener Antiquarium befindet sich ein goldener 
Totenkranz aus einem unteritalischen Grabe, angeblich vom IV. Jahr- 
hundert vor Chr., mit Staubfäden der Blumen (Astern, Narzissen, 
Myrthen) in blauem Email. 1 ) Das Berliner Antiquarium besitzt 
eine Schmuckkette aus ovalen Goldplatten, dazwischen kleinere 
Glieder aus Golddraht, welche ein herzförmiges Einsatzstück aus 
azurblauem .Schmelz umschließen. Die ovalen Glieder enthalten 

reiches Ornament aus aufgeleg- 
tem Goldfiligran, das mit türkis- 
blauem und smaragdgrünem 
Zellenschmelze gefüllt ist, und in 




Abb. 76. Glocke und Trichter aus 
3 5" "3 , ** v •* Glas. Rom und Neapel. 



der Mitte einen Rubin. Technik 
und .Stil entsprechen g'uten Ar- 
beiten aus alexandrinischer Zeit. 
Erst spät, in der Mitte des 
IX. Jahrhunderts nach Chr. wird 
in der Literatur unzweifelhaft von 
Email gesprochen. Flavius Phi- 
lostratus der Jüngere, ein Rhetor aus dem Gelehrtengefolge der 
Julia Domnti, erzählt in seinen „Imagines", die von dem gleich- 
namigen Werke seines Oheims, eines in Rom lebenden Sophisten 
aus Lemnos, zu unterscheiden sind, von dem bunten Metallzi errat 
der auf einem Gemälde dargestellten Pferde und fügt hinzu: 
„Man sagt, daß die Barbaren am Ozean diese Farben dem glüh- 
enden Erze aufgießen, sodaß diese fest zusammenhängen, steinhart 
werden und die Zeichnung bewahren."' 2 ) Da Philostratus diese 
Nachricht von einem Verwandten erhalten haben dürfte, welcher 
als Offizier im britanischen Heere gedient htitte, sind mit den 
Barbaren am Ozean wohl die Kelten der französischen und 
britischen Küste gemeint. Labarte 3 ) glaubt daraus schließen zu 



x ) Christ, Führer S. 39. 

2 ) Nach Westermann, Philostratorum et Callistrati opera, Paris 1849 lautet die 
Stelle: „Aiunt hos colores candenti aeri incoquere oceani accolas barbaros, illosquc 
coire et indurescere et quae picta sunt servare." 

8 ) Labarte, histoire des arts industriels tom. III S. 50 f. 



i5i 

können, daß in Rom Email zur Zeit des Septimius Severus über- 
haupt unbekannt gewesen sei, während Darcel 1 ) annimmt, daß 
Philostratus nur über die neue Art des Emails sein Erstaunen 
ausgedrückt habe, die in den Arbeiten der Kelten zum Unter- 
schiede von den klassischen auftrete. Der Unterschied besteht 
nämlich darin, daß in den Barbarenemails die Farben dicht an- 
einander stehen ohne zu verlaufen und ohne durch Metallstege 
getrennt zu sein, wie bei dem bisher beobachteten ägypti- 
schen und griechischen 
Stücken. Es ist aber 
doch zweifelhaft, ob 
Philostratus oder sein 
Gewährsmann ein so 
feines Kennerauge be- 
saßen; er spricht ja ganz 
allgemein von farbiger 
Verzierung an Metall- 
gegenständen. Wahr- 
scheinlich war ihm solche 
aus Rom und den klas- 
sischen Ländern über- 
haupt wegen ihrer Sel- 
tenheit unbekannt ge- 
blieben. 

In den keltischen Gebieten, besonders in Gallien, Britannien 
und am Rheine sind dagegen Emailarbeiten aus römischer Zeit 
sehr häufig. Labarte nimmt als Ausgangsgebiet der Industrie 
den Teil Galliens zwischen Seine und Garonne, also Aqui- 
tanien, an, während die Engländer nach der großen Zahl der 
bei ihnen gemachten Funde die Ehre der Erfindung für ihre 
Vorfahren in Anspruch nehmen möchten. Darunter ist eine 
Ilydria und ein zugehöriger Opferteller (praefericulum), eine Art 
Kessel aus Bronze hervorzuheben, der in Bartlow gefunden wurde 
und im Britischen Museum verwahrt wird. 2 ) Reich mit Gruben- 




Abb. 77. Gruppe von Glasgefäßen. 

Rom und Neapel. t> 3 ?>3 , 3-£"3 ,77-* 



*) Dareel, notice des emaux, Paris 1867. 

-) Abgebildet bei Labarte, Album T. 100. Text III 50 f. Das Stück ist nicht 
verloren gegangen, wie er meint, sondern befindet sich im Britischen Museum. Vgl. 



schmelz verzierte Hydrien sind auch sonst in England und in 
Frankreich zum Vorschein gekommen. 1 ) Hierzu paßt eine 
rechteckige Schüssel aus getriebenem Goldblech mit kleinen 
blatt- und rautenförmigen Emails, freilich erst späterer Zeit, etwa 
dem VI. Jahrhundert angehörig, aus Gourdon, Dep. Haute-Saone, 
jetzt in der Nationalbibliothek in Paris' 2 ), das Gefäß aus dem 
Torfmoore von Maltbock in Dänemark im Museum von Kopen- 
hagen 3 ) und die berühmte Schöpfkelle von Pyrmont. 4 ) Kleine 
Metallvasen mit Emailschmuck sind auch in einem Römergmbe zu 
Gladbach, mehrere in Köln gefunden worden. 5 ) Besonders 
häufig tritt das Email in Westeuropa, in Gallien, am Rhein und 
in der Schweiz an kleineren Schmucksachen, wie Fibeln, Schnallen, 
Spangen, Beschlägen auf, doch gibt es daneben auch größere, 
wie das Bronzegefäß in Gestellt eines Hahnes in Worms, ein 
Räuchergefäß in Köln u. a. Sehr reich an Schmelz werken 
ist das Paulus-Museum in Worms. In Blerik (Bkiriacum bei 
Venloo) wurde 1864 u. a. eine Bronzestatuette der Ceres von 
vortrefflicher Arbeit gefunden, die auf dem Gewände weiß und 
blau emailliert ist. ) Am reichsten und manigfaltigsten entwickelt 
sich das Email am Rhein jedoch als Schmuck von Fibeln, 
wobei sich die zierlich komponierten und sorgfältig - ausgeführten 
Muster den verschiedenen, oft phantastischen Grundformen 



E. aus'm Wcerth, Der Grabfund von Wald- Algesheim , Bonner Winckelmanns- 
programm 1870, S. 23 f. 

*) Schon der Graf Caylus veröffentlichte solche in den Kecueils des antiquites 
II T. 91, V T. 101, VI T. 83. 

2 ) Semper a. a. O. II 24. 

:i ) Memoires de la Societe royale des antiquaires du Nord 1868. 

4 ) Bonner Jahrbuch Bd. 38, T. 1, Text S. 47. E. aus'm Weerth a. a. O. 
S. 23 f- Labarte wollte die Pyrmonter Kelle aus der Reihe der antiken Denkmäler 
ausschließen und dem XI. Jahrh. zuweisen, ebenso v. Olfers. Ch. de Linas hielt die 
,, merkwürdige Schale eher für persische Arbeit". Dagegen traten Lindenschmit, Otte, 
E. aus'm Weerth entschieden für gallische Herkunft ein und jetzt sind die Sachver- 
ständigen über diese einig. 

5 ) Einige zierliche Vasen und Räuchergefäße in Bronze mit Grubenschmelz be- 
finden sich im Museum Wallraff-Richartz, die schönsten rheinischen Funde dieser Art 
im Paulus-Museum in Worms. Vgl. Weckerling, Paulus-Museum; dann auch Rein im 
Bonner Jahrbuch, Bd. 51. (Miszellen.) 

6 ) Jetzt in einer Privatsammlung zu Valkenberg. Vgl. Gaedechcns, Das Me- 
dusenhaupt von Blariacum. Bonner Winckelmannsprogramm 1874, S. 6- 



153 



geschickt anpassen. ') In Bertrich an der Mosel ist eine Reihe 
von solchen mit einem Großerze Traians und einem Mittel- 
erze der Diva Faustina (gest. 141 n. Chr.) gefunden worden. 
Darunter befinden sich: Eine runde Scheibenfibula von 40 mm 
Durchmesser, in der Mitte auf rotem Emailgrunde ein quadrat- 
isches Feld mit weiß-blauem Schachbrett- 
muster; dann Emailfibeln mit Münzen des 
Hadrian und Antoninus Pius, eine runde 
Scheibenfibel mit zweifarbigem Gruben- 
schmelze. Bei ihr wie bei einem im Bon- 
ner Jahrbuche Bd. 86, T. IV 13 abgebil- 
deten Exemplare ähnlicher Art ist der 
Rand mit Kreisbogen verziert, deren Gru- 
ben mit hellrotem und grünem .Schmelze 
gefüllt sind, während zwei innere Zonen 
radiäre .Streifen in rot und grün zeigen; in 
der Mitte steht ein flacher Knopf mit einem 
rot-grünen Auge. Eine andere Scheiben- 
fibel ist mit vierfarbigem Grubenschmelze 
verziert; das Muster zeigt konzentrische 
Ringe, von welchen der äußere blau und 
weiß gewürfelt ist, während die beiden 
inneren radiäre Streifen in rot, grün, weiß 
und blau enthalten; der vortretende Knopf 
(Nabel) hat ein blau -weißes Auge. Rad- 
förmige Fibeln mit Schmelzverzierung 
kamen in der tönernen Urne eines Brand- 
grabes bei Gutenburg (unweit Hermeskeil) 
Juni 1895 im Vereine mit verbrannten 
Knochen zum Vorschein. Die ziemlich 

zerstörten Muster zeigen die Farben blau, gelb, weiß, rot und 
grün.") Sehr viele Bronzefibeln mit Grubenschmelz fand man in 
der Gegend von Namur und in Bibracte, dem gallischen Pompeii. 
Manche gallische Schmucksachen sind mit Einlagen von Koral- 




Abb. 78. Zierflasche mit 

Muschelbesatz. Köln, 
Sammlung M. vom Rath. 






v ) Bonner Jahrb. 87, 44 f. 

2 ) Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst 
>5> 6 7- 



154 

len verziert, wahrscheinlich waren £iuch die späteren Yogelkopf- 
fibeln häufig - mit solchen besetzt. Man suchte die Koralle offenbar 
bei anderen Stücken durch Email nachzuahmen, da das Korallenrot 
darin besonders beliebt ist. ') 

Cohausen und Lindenschmit") haben diese Arbeiten als kel- 
tische erkannt. Ersterer meint, daß die Technik beim Eindringen 
der Römer verloren gegangen und erst im IL Jahrhundert wieder 
aufgenommen worden sei. Der Stil dieser Arbeiten unterscheidet 
sich wesentlich von dem der griechischen Emails. Das Ornament 
wird meist in geometrischen Mustern, die sich leicht auf der Dreh- 
bank oder mit dem Zentrumsbohrer ausführen oder durch Punzen 
einschlagen lassen, zur mehrfarbigen Dekoration kleinerer Bron- 
zen, wie Knöpfen, Eibeln, Anhängern, Parfümdöschen, kleinen 
Zierplättchen, benutzt. Es wird ausschließlich Grubenschmelz an- 
gewendet. Cohausen weist nach, daß die Schmelzfarben keine 
anderen als die der Glaspasten in römischen Mosaikgläsern sind. 
Die Arten der Dekoration sind verschieden, je nachdem ob ver- 
schiedene Farbstoffe miteinander verbunden oder Glasplättchen 
mit der Schmelzmasse zusammengeschmolzen wurden. Während 
vielfach jede Grube für sich eine einzige Farbe erhielt, sind in 
anderen verschiedene Farben ohne metallene Zwischenstege neben- 
einander angebracht; in einer dritten Sorte sind zugeschnittene 
Stücke von farbigem Glas in Form von Plättchen, Perlen, Ringen, 
ganze Plättchen von Millefiori oder Mosaikglas kalt in eine far- 
bige Schmelzmasse eingelegt. (Vgl. die Abb. 29, 30). 

Semper glaubt, daß diese Art von Email eine den Kelten 
und Iberern eigene Industrie war, die sie nicht erst von den 
Römern zu lernen brauchten, die vielmehr bei ihnen urein- 
heimisch war 3 ). Nach E. aus'm Weerth stehen die keltischen 
Arbeiten einer erhärteten bunten Kittmasse näher als den leuch- 



1 ) Vgl. Tischlers Vortrag bei der Anthropologen- Versammlung in Breslau 1884. 

2 ) Die kleine aber sorgfältige Arbeit v. Cohausens über die Technik der gallisch- 
römischen Emails ist unter dem Titel „Römischer Schmelzschmuck" in den Annalen 
des nassauischen Altertumsvereines XII erschienen. Ihr sind mit Erlaubnis des 
Vereins die im Texte unter Abb. 29 und 30 wiedergegebenen Fibeln mit Schmelz- 
sckmuck entnommen. Vgl. auch Lindenschmit in d. A. u. h. V. Band I Heft 2 T. 3, 
Band II Heft 1 Beilage I, Band II Heft 3 Beilage. 

3 ) Semper a. a. O. II 185. 



tenden, spiegelglatten Arbeiten von Byzanz und den späteren 
rheinischen Emails. Er unterscheidet gleichzeitig i. die Fassung 
von tafelförmig zugeschnittenen, meist roten Plättchen von Edel- 
stein oder Glas (Verroterie), 2. Email und 3. Kittfüllung-. Die beiden 
letzteren Arten seien oft schwer zu unterscheiden, was darauf 
schließen ließe, daß eine aus der anderen hervorging. Die älteste 
Technik dürfte die Einlage von Plättchen sein 
(bestätigt von Rosenberg und Darcel in Ägypten), 
die durch römische Vermittelung zu den Franken 
kam und im X. Jahrhundert die größte Blüte 
erreichte (Egbertschrein in Trier). Daß das Email 
aus dem Orient an den Rhein gelangte, will 
man durch angeblich ägyptische Funde und 
eine neuerdings in der Pfalz entdeckte goldene 
Schnalle des III. Jahrhunderts mit sassanidischer 
Inschrift im Museum von Wiesbaden beweisen. 
In Rom sind Emails vor dem III. Jahrhundert 
nicht nachweisbar, 1 ) dagegen wurde in den 
Katakomben von St. Agnese eine Fibula mit 
Kittfüllung aufgefunden. Ernst aus'm Weerth 
glaubt, daß die nordische Art des Emaillierens 
bei den Römern zuerst die Nachahmung in bun- 
tem Kitt hervorgerufen habe, wie er sich an 
Fibeln und Zierscheiben 'aus römischen An- 
siedelungen 'so häufig finde und daß dies zur 
Weiterausbildung des römischen Enuiils führte. 
Daß diese Anschauung irrig ist, brauche ich nach 
dem, was v. Cohausen über den gallisch-römischen 
Schmelzschmuck festgestellt hat, nicht von neuem zu erweisen. 
Aber woher die Kenntnis des Errmils nach dem Norden kam, 
ist tatsächlich bisher noch nicht festgestellt. Am meisten hat die 
Vermutung für sich, daß in der älteren Hallstadtperiode mit 
Waffen, Riemen- und Pferdeschmuck, Gewandnadeln und anderen 
Metalkirbeiten aus Etrurien auch solche kamen, die mit gravierten 
Zeichnungen versehen sind, in welche man eine lackrote Paste 




Abb. 79. Zierflasche 

mit Muschelbesatz. 

Trier, Museum. 



r 






*) St. de Laborde, notices des emaux. Darcel a. a. O. Ch. de Linas, 
orfevreries merovinenennes 1864. 



156 

eingelassen hat. O. Tischler hat für diese Technik den Namen 
Furchenschmelz eingeführt 1 ). Gleichzeitig" sind Verzierungen von 
opakweißer, schwarzer und lackroter Paste in Streifen und ring- 
förmigen Vertiefungen auf Bronzefibeln. Viele haben durch 
Oxyd£ition der Bronze, durch Verwitterung und Feuchtigkeit 
gelitten, Farbe und Glanz verloren und ein kreidiges, poröses 
Aussehen angenommen. Untersuchungen haben ergeben, daß 
es sich auch hier um kaltes Email handle, das aus g'epulvertem 
farbigem Glase mit einem Zusatz von Kreide o. dgl. hergestellt ist, 
ähnlich wie gewisse ägyptische Einlagen, die römischen Ring- 
steine und türkisblauen Schmuckperlen in Kürbisform. Der 
Zusatz von Kreide ist unter dem Mikroskope intakter Schmelz- 
flächen dieser Art noch heute kenntlich. Viele Ringsteine und 
Schmuckperlen der Kaiserzeit sind infolge chemischer Zersetzung 
in demselben entfärbten, glanzlosen, porös -kreidigen Zustande 
auf uns gekommen. Von dieser Art der Verwitterung sind 
jedoch Metallarbeiten der jüngeren Latenezeit zu trennen, bei 
welchen jetzt nur der Grund der vertieften Ornamentfelder von 
einer weißen Kittmasse ausgefüllt erscheint. Sie bildete die Unter- 
lage für farbigen Schmelz sowohl wie für zugeschnittene Stücke 
farbiger Glaspaste, die später verloren gegangen sind. Gerade 
diese Art, ein Vorläufer der fränkisch -alemannischen Verroterie, 
ist manchmal mit dem Einsätze von Korallen und runden, knopf- 
artigen Glaspasten verbunden. Sie wurde bis in den Anfang 
unserer Zeitrechnung hinein geübt. Während sich die italischen 
Völker mit Ausnahme der Etrusker, die sie von den Ägyptern über- 
nommen haben dürften, für diese Schmuckform nicht empfäng- 
lich zeigten, bürgerte sie sich bei den Kelten vor der Berührung 
mit den Römern ein. Die gallischen Emailarbeiten der Latene- 
zeit, namentlich die Funde von Bibracte im lugdunensischen 
Gallien, repräsentieren den Kunststil Mitteleuropas, der unab- 
hängig von dem griechisch-römischen der Mittelmeerländer 
vorwiegend ein geometrischer und koloristischer ist. Seine 



*) O. Tischler, Kurzer Abriß der Geschichte des Emails. Sitzungsberichte der 
Königsberger Gesellschaft 1886 und dessen Abhandlung über vorrömisches und 
römisches Email in den Verhandlungen der 17. allg. Vers. d. deutschen Gesell- 
schaft f. Anthropologie etc. zu Stettin, München 1886 S. 128 ff. 



i57 



formalen Unterschiede von dem Stile der klassischen Antike 
kennzeichnen am deutlichsten die zoomorphen Fibeln, die 
Gewandnadeln in Tiergestalt. Das gallische Email erhält sich 
während der ganzen Dauer der Römerherrschaft, sein Hauptsitz 
war das heutige Belgien, das Land zwischen Maaß und Sambre. 
Die Museen von Namur, Brüssel, Lüttich sind deshalb am reich- 
sten an derartigen Funden. 1 ) Aber 
auch am Rhein war die Emailarbeit 
in Blüte, namentlich in der Gegend 
von Worms, welche die zahlreichen 
hervorragenden Arbeiten lieferte, die 
im Paulus-Museum verwahrt werden. 
Außerdem enthielten römische Grab- 
stätten in Bertrich an der Mosel, in 
Mainz, Köln und Xanten viele der- 
artige .Stücke. In Mainz und Xanten 
hat man ebenso wie in Bibracte Über- 
reste von Schmelzwerkstätten auf- 
gedeckt, die zum Teile in die flavische 
Zeit hinaufreichen. Dabei ist der Um- 
stand in Betracht zu ziehen, daß 
weder Gallier noch Etrusker ge- 
nötigt waren, das erforderliche Glas 
selbst herzustellen, da es ihnen vom 
Oriente in Form kleiner handlicher 
Ziegel und Glasstäbe bereits in prä- 
pariertem Zustande geliefert wurde; 
sie brauchten es nur zu zermahlen 
und mit Kreide anzurühren. Je 

weniger Kreide dabei zugesetzt wurde, desto besser hielt sich 
die Farbe und Konsistenz des Emails. 

Auch verarbeitetes Glas lernten die Kelten außer den zahl- 
losen Schmuckperlen schon vor den Römern kennen. Das älteste 




Abb. 80. Taubenkanne. 

Köln, Museum. P 3*"°/«^ 



*) Vgl. Salomon Reinach, Antiquites nationales du Musee de St. Germain, Ein- 
leitung. Die Funde von Namur und Umgebung, wohl die schönsten und bedeutendsten 
gallischen Emailarbeiten, sind von C. Bequet in den Memoires de la societe archeol. 
de Namur vortrefflich publiziert. Über Bibracte vgl. auch Bullios & St. de Fontenay, 
l'art d'emaillerie chez les Edouens, Paris 1875. 



158 

importierte Glasgefäß gehört Süddeutschland an, das Fragment 
eines viereckigen Fläschchens aus dunkelvioletter Paste mit trüb 
gelblich-weißer Bänderung. Es wurde in dem der späten I lallstadt- 
zeit (um 400 vor Chr.) angehörigen Grabhügel von Belleremise bei 
Pflugfelden in Bayern gefunden und kann den mit ihm aufgedeck- 
ten Metallgegenständen entsprechend, aus Etrurien eingeführt sein. 
In Sta. Lucia in Italien, in Frankreich und in Ilallstadt kommen 
halbkugelige Schälchen aus trüb durchscheinendem, farblosem und 
grünlichem Glase mit weißen Längsstreifen vor, welchen man das- 
selbe, wenn nicht ein höheres Alter zuschreibt. Ein kleines 
Näpfchen aus den Höhlenfunden von Byciskala hat jedenfalls 
ein noch ehrwürdigeres Alter 1 ). Daneben findet man in Ilallstadt 
aber bereits gewöhnliche Gebrauchsgläser, wie sie aus den Werk- 
stätten von Naukratis und anderen ägyptischen Küstenstädten 
hervorgegangen sind, Näpfe von zierlichen griechischen Formen 2 ). 
In den Ostalpen scheint sich schon früh im Anschluß an den 
etruskisch- ägyptischen Import eine selbständige Glasindustrie 
entwickelt zu haben, aus welcher manche der Perlen und Arm- 
ringe hervorgegangen sein mögen, die man in den Gräbern 
dieser Gegend findet, vielleicht auch jene beiden Paare von 
Armringen aus Affoltern im Kanton Zürich, das eine dunkelblau 
durchscheinend, das andere aus farblosem Kry stallglase, in 
welches ein neapelgelber Faden eingelassen ist :! ). In Altare, 
einer Ortschaft der ligurischen Alpen, existiert noch heute eine 
Glasindustrie, welche nach Murray durch flüchtige Gallier be- 
gründet sein soll. 

Nach diesen Vorläufern entwickelte sich vom IL Jahr- 
hundert ab in Gallien und Britannien eine rege Emailindustrie. 
Eine Unterbrechung von mehreren Jahrhunderten, wie sie in den 
klassischen Ländern nach den uns bekannten griechischen Arbeiten 
eintrat, ist im Norden nicht zu konstatieren. Man hielt vielmehr, 
mich den Grabfunden zu urteilen, auch nach dem Eindringen der 
Römer an den alten Verzierungsweisen fest, bis die Einfuhr von 
vSchm uckperlen mit Auflage von Millefioriplättchen der Email- 



1 ) Reinecke a. a. O. 

2 ) Hg bei Lobmeyr a. a. O. 

y ) Semper a. a. O. II S. 185 T. XVI 1, 2. 



159 

industrie einen neuen ungeahnten Aufschwung gab. Wie man in 
Alexandrien Perlen verzierte, indem man aus Stabbündeln von 
Millefioriglas Plättchen schnitt und diese nuf einfarbige Pasten auf- 
legte, so wurde es eine Besonderheit gallisch-rheinischer Emailleure, 
solche Plättchen in vertiefte Metallflächen, besonders von Fibeln, 
Knöpfen und kleineren Bronzegegenständen einzulassen und so ein 
fortkiufendes Muster in Form von Schachbrettern, von konzen- 
trischen Ringen, die mit farbigen Punkten und Rosetten durch- 
setzt sind, von Bändern und geometrischen Figuren zu bilden. Die 
Farbenskala ist viel reicher als in der Latenezeit; 
zu schwarz, weiß und lackrot kommt dunkelrot, 
mehrere Arten von gelb und grün, kobalt und 
türkisblau, violett, braun. Darcel und v. Cohausen, 
welche diese Technik klargestellt haben, schildern 
wie die gallischen Emailleure fertige Mosaikplätt- 
chen mit gepulvertem Glasstaub im Feuer mit 
der Metallunterlage zusammengeschmolzen, da- 
neben aber auch Muster bildeten, indem sie ver- 
schiedenfarbigen Glasstaub in einem Metallfelde 
in bestimmter Zeichnung aus freier Hand ver- 
teilten und ihn so einzubrennen wußten, daß die 
Farben nicht zusammenliefen, obwohl sie nicht 
durch Metallstege getrennt waren. *) Gallische 
Emailleure arbeiteten namentlich vom IL Jahr- 
hundert ab auch viel für den Export. Es kann 
bei der Gleichartigkeit der Muster des in Rom 
und anderen Städten Italiens, in Österreich, Süd- 
deutschland, Frankreich, den Rheingegenden und 
Engkind vorkommenden römischen Schmelz- 
schmuckes keinem Zweifel unterliegen, daß diese Arbeiten aus 
einer Quelle stammen. Diese Gleichartigkeit erstreckt sich aber 
nicht bloß auf die Muster des Emails selbst, dies ließe sich aus 
der gemeinsamen Benutzung alexandrinischer Millefioristabbün- 
del erklären, sondern auch auf die Formen des Metallschmuckes, 
welche, wie z. B. die Fibeln in Gestalt von Vögeln, Pferdchen 
und Rädern, Gallien eigentümlich sind. Man hat auch außer den 




Abb. 8l. Baisama- 
rium mit Korb- 
muster. Ägyptisch. 



fp<4<?^r 



*) v. Cohausen a. a. O. 



i6o 

keltischen Gegenden meines Wissens nirg-ends Emailwerkstätten 
aufgefunden. 

Im IV. Jahrhundert nach Chr. ist eine Abnahme der technischen 
.Sorgfalt wahrzunehmen. Die Vereinigung von zwei und mehr 
Farben in einem Felde erschien zu mühsam, da sie peinliche Auf- 
merksamkeit und Geduld erforderte; man begann sich die Arbeit 
dadurch zu erleichtern, daß man das vertiefte Feld durch dünne 
Metalldrähte teilte und so Zellen für eine einzelne Farbe schuf. 
Das ergab eine Vereinigung von Gruben- und Zellenschmelz das 
sog. gemischte Email, den Übergang zum eigentlichen Zellen- 
schmelze, der seine höchste Ausbildung in Byzanz erfahren 
sollte, aber schon um 700 nach Chr. in merovingischen Grab- 
funden auftritt. Beispiele von gemischtem Email finden sich im 
Museum Wallraf-Richartz in Köln, sind aber nach Riegl auch in 
den österreichischen Alpenländern zum Vorscheine gekommen. 1 ) 
Um das Jahr 700 setzt dieser einen Ring aus den alenmnnischen 
Gräbern von Escheng im Museum von Zürich an, der bereits 
reinen Zellenschmelz aufweist. Ob in merovingischer Zeit auch 
der Furchenschmelz der Lateneperiode eine Wiederauferstehung 
feierte mag dahingestellt bleiben. Dr. Koehl schilderte mir 
brieflich einen scheibenförmigen Anhänger aus Bronze, den er 
in einem fränkischen Grabe bei Worms gefunden hatte und der 
mit einer Rosette in weißem und grünem Furchenschmelze ver- 
ziert war. Es ist nicht unmöglich, daß mit dem Ende der Römer- 
herrschaft die alteinheimischen Überlieferungen wieder an .Stärke 
gewannen, aber ebenso denkbar ist auch, daß der Verstorbene 
einen alten, von den Vorfahren ererbten Schmuck getragen hat. 



l ) A. Riegl, Die spätrömische Kunstindustrie in Österreich-Ungarn. Wien 190 1. 



IV. 



Die Verpflanzung der Industrie nach 
Griechenland, Rom und den Provinzen. 



Kisa, Das Glas im Altertume. 



Die Verpflanzung der Industrie nach Griechenland, Rom 
und den Provinzen. 



Griechenland. 

In Griechenland war das Glas von altersher bekannt. Es 
spielt sogar in den Heroensagen eine Rolle. Perseus bekämpft 
die Medusa mit einem -Schilde eius Glas, die Meergötter haben 
an ihren Schiffen nach Lucian 1 ) Anker :ius Glas. Homer nennt 
es allerdings nicht, denn sein Ausdruck „Elektron", der sich in 
der Odyssee findet, ist sicher nicht als Glas zu deuten, sondern 
bezeichnet jene bereits in der Natur vorhandene mattgelbe 
Mischung von Silber und Gold, aus der die ältesten Münzen 
geprägt und Schmucksachen hergestellt wurden. ") Später wurde 
er freilich auch auf den Bernstein, im Mittelalter auf das Email an- 
gewendet. Die Sache dtigegen war Homer nicht fremd, denn die 
„blauen Friese", die nach seinen Worten den Palast des Alkinoos 
schmückten, waren mit Email, mit Glasfluß, ausgestattet. Von 
ihnen gibt uns der Alabasterfries eine Vorstellung, der sich in 
der Vorhalle des Männersaales zu Tiryns erhalten hat; seine 
fächerförmigen Halbkreise und Rosetten heben sich von einem 
Grunde aus blauem Glasfluße wirkungsvoll ab, eine Verzierungsart, 
zu welcher ägyptische und assyrische Bauten mit ihrem reichen 
Schmucke emaillierter Tonplatten die Vorbilder geliefert hatten, 
freilich nur in technischer, nicht in stilistischer Beziehung, denn 
die mykenische Dekoration ist von orientalischen Einwirkungen, 
wenigstens in diesen Fällen, unabhängig. 8 ) Zahlreiche Stücke von 



x ) Lucian. vera historia I 42. 

2 ) Vgl. Christ, Führer d. Münchener Antiquariums S. 36. 

3 ) Perrot & Chipiez, Histoire de l'art dans l'antiquitd vol. IV. — F. Noack, 
Studien zur griechischen Architektur I. Jahrbuch des kais. Deutschen archäologischen 
Institutes XI 21 1 — 247. — Woermann, Geschichte der Kunst I. S. 184. 

n* 



164 

Glaspasten, die gleichfalls zum Schmucke von Gebäuden gedient 
hatten, sind von Schliemann in Mykenae aufgedeckt worden. 1 ) 
Dort kamen neben entschieden einheimischen Arbeiten auch 
ägyptische Importwaren vor, wie andererseits von Flinders Petrie 
mykenische Erzeugnisse in ägyptischen Gräbern gefunden wurden. 
Das sind Beweise für einen reg'en Tauschverkehr, der die Quellen 
des mykenischen Glasornamentes enthüllt. Er ließ auch in der 
folgenden Zeit nicht nach, ja steigerte sich vielmehr und versah 
namentlich die griechischen Inseln, die mit Ägypten in ständiger 
Verbindung waren, mit ihren reichen Schätzen von ägyp- 
tischen Gläsern. Daß die Verwendung des Glases zu architek- 
tonischem Schmucke auch in der Blütezeit der griechischen Kunst 
nicht ausgestorben war, zeigen die blauen Emails in den jonischen 
Voluten des Tempels der Athene Polias auf der Akropolis. ' 2 ) 
Quadratische Glasplatten aus grauer Glaspaste mit Verzierungen 
in ciufgelegtem Blattgold, sowie andere architektonische Besatz- 
stücke wurden zugleich mit den dazu gehörigen Tonmodellen 
1877 in Sparta gefunden. Für die Gefäßbildnerei aus Glas war 
jedoch das griechische Kunstgefühl zur Zeit der Selbständigkeit 
des Landes nicht empfänglich. Die zahlreichen Alabastra, Känn- 
chen und Fläschchen aus farbigem Glase mit Fadenschmuck, die 
Mosiiik- und MillefiorigTäser, die an verschiedenen Stellen ge- 
funden sind, stammen, obwohl ihre Formen zumeist griechischem 
.Stilgefühle entsprechen, nicht aus einheimischen Werkstätten her, 
sondern sind aus Alexandrien importiert. So die von Korinth, 
Athen, vom Piräus, woher mehrere in das Münchener Antiqua- 
rnim, nach Brüssel, Paris und London gekommen sind. Auch 
gläserne Fingerringe waren den Griechen bekannt, man fand 
deren zahlreiche in Athen, wo sie (HpyayTdsg ralivat,') hießen. 
Der älteste griechische Ausdruck für Glas ist Xi&og yvxr\ d. h. 
gegossener Stein. I Ierodot braucht ihn zuerst bei der Beschrei- 
bung der Ohrgehänge der heiligen Krokodile am Nil und läßt 
damit erkennen, daß er nur massive, opak- farbige Glaspaste, eine 
Nachahmung von Edelstein, darunter verstehe. Wahrscheinlich 



l ) Schliemann, Mykenae 126, 138. 
-j Woermann a. a. O. 
:1 ) Ilg a. a. O. S. t6. 



Derselb. Tiryns 92, 199. 



i6 5 



übersetzt er damit ein ägyptisches Wort für Glas, eine Vermu- 
tung", welche durch die Mitteilung" des Geographen Skylax be- 
stätigt wird, daß die Äthiopier an der Westküste Afrikas von 
Händlern „Stein von Ägypten" li#6g Alyvmia kauften, d. h. 
Glasperlen, sowie durch jene eines anderen Reiseschriftstellers, 
des Arrian, der den Peripleos des Roten Meeres verfaßte, daß 
man den Äthiopiern an der Ostküste, also der entgegengesetzten 
Seite Afrikas, li&iccg vaXr\g nleiovu ykvr\^ 
gläserne Steine verschiedener Form ver- 
kaufe. Daraus geht hervor, daß die Griechen 
das Glas als ein ägyptisches Erzeugnis be- 
trachteten und danach benannten. 1 ) 

Daneben kommt auch schon bei Hero- 
dot der Ausdruck vaXog oder vsXog vor 2 ), 
jedoch offenbar ebenso wie bei Aristoteles 
für Bergkrystall, das dieser für eine große 
aus dem Orient kommende Kostbarkeit 
erklärt. Der Ursprung des Wortes ist bis- 
her noch nicht ermittelt. G. Curtius 3 ) leitet 
es von vsiv regnen ab, denkt also an etwas, 
das durchsichtig wie ein Reg'entropfen ist. 
Dieser gezwungenen Deutung setzt Froeh- 
ner eine andere plausiblere entgegen, in- 
dem er das v für ein altes Digamma nimmt, 
was das Wort ccXg, also Salz, erg'eben würde. Abb. S2. Lekythos mit sog. 
Glas und Salz sind einander in gewissen Farnkrautmuster. Ägyptisch. 
Zuständen ähnlich, ein Umstand, der schon 

bei den Glassärgen der Äthiopier zu Zweideutigkeiten Ver- 
anlassung gab. Manche heilten jenes Wort für koptischen Ur- 
sprunges, weil die Stadt Koptos in Ägypten vorzügliche durch- 
sichtige Gläser erzeugt haben soll. 4 ) Später bürgerte es sich als 
Bezeichnung des durchsichtigen Glases neben dem xQvffraXXog 
ein, so daß man deutlich zwischen ihm und der undurchsich- 
tigen Xid-ag fVTr\ unterschied, die man vielleicht für einen ganz 




403 - ** c ■* 



1 ) Froehncr a. a. O. S. 4. 
2 j Herodot III. 24. 
s ) Curtius, Grundzüge S. 397. 
*) Ilg a. a. O. S. 16. 



i66 

anderen Stoff hielt. Der Glaser heißt vakoipög Glaskocher, der 
Gkismacher Nikokles in Sparta, wohl ein Zeitgenosse Ennions aus 
dem Anfange der christlichen Ära, nennt sich auf einem Gefäß- 
stempel vefovonoiog 1 ). In den „Wolken" des Aristophanes wird der 
Ausdruck valog in Verbindung - mit einem Brennspiegel aus Glas 
genannt, in welchem man das Feuer auffing. Auch die berühmte 
Ilimmelsphäre des Archimedes, die Claudian besingt, war aus 
Glas und nach Ovid ein Werk von „Syrakuser Art und Kunst". 
Recher aus geg'ossenem Stein nennt Plato im „Timäos". Spätere 
Schriftsteller, wie Pausanias, sprechen von einfachen gläsernen 
Schalen; da dieser seine bekannte Kunsttopographie zwischen 
1 80 und 1 80 vor Chr. schrieb, ist er freilich nur Zeuge der späteren 
Diadochenkunst und kann sehr wohl Arbeiten seiner Zeit auf 
ältere übertragen. Von ihm stammt auch die Nachricht, daß 
Pausias, ein Hauptmeister der Schule von Sikyon, im Rundbau 
von Epidauros in einem berühmten Gemälde der „Trunkenheit" 
eine Frau darstellte, die neben einem Liebesgotte aus einem 
Glase trank. Ihr Gesicht sei hinter dem durchsichtigen Glase 
sichtbar gewesen. Man könnte hier an ein Krystallgefäß denken, 
doch hat auch ein aus farblos durchsichtigem Gkisfluße model- 
lierter und geschliffener Becher für diese Zeit nichts unwahr- 
scheinliches. Er spricht ferner von Geräten aus Glas, blauen 
S^dbenflaschen und purpurnen Bechern aus Lesbos, wo seit dem 
IV. Jahrhundert vor Chr. zugleich mit der noch bedeutenderen 
von Rhodos eine Glasindustrie bestand, deren Ursprung auf die 
von Naukratis und andere ägyptisch-griechische Werkstätten 
der Nordküste zurückzuführen ist. Noch Athenäus schreibt 
von einer schönen vergoldeten Kylix, von blauen Glasgefäßen 
und purpurnen Gkisbechern £ius Lesbos. Daneben rühmt dieser 
späte Autor die Glaswerkstätten von Rhodos und erzählt, 
daß sie es verstanden hätten, Tongefäße durch Brennen mit 
Binsen- und Myrthenasche durchsichtig und glasartig zu machen, 
„was gewiß mit ihrer Geschicklichkeit in der Glasbereitung zu- 
sammenhänge". Mit dieser Notiz ist wenig anzufangen. Gewiß 
ist nur, daß es keine Gefäße aus Ton gewesen sein können, 



1 j Froehner a. a. O. S. 125. Auf einer Inschrift aus Sparta heißt er Sohn 
des Tyndareus. Vgl. Welcker im bull, del instit. 1844 S. 146. 



167 

sondern nach den genannten Zusätzen solche aus Glas, vielleicht 
aus Bein- oder Hornglas, das schwach durchscheinend ist und 
auch in Venedig durch ähnliche Zusätze erzeugt wird. 

Ein auf Rhodos gefundenes Glasgefäß der frühen Kaiserzeit 
hat den Stempel „Doros, der Rhodier". Besonders ergiebig waren 
auf Rhodos die Gräber von Kameiros, die sehr viel opak-farbige 
Gläser, zumeist aus der Kaiserzeit, lieferten. Die Funde be- 
finden sich zum größten Teile im Britischen Museum. 1 ) In 
Rhodos lassen auch einige Autoren jenen berühmten Krater ent- 
standen sein, der mit Weintrauben im Relief 
geschmückt war, so daß diese grün und unreif 
erschienen, wenn der Becher leer war und 
purpurn schimmerten, wenn man Wein in 
ihn goß. Nach dem Berichte des Achilles 
Tatius, eines Schriftstellers aus dem III. Jahr- 
hundert nach Chr., in dem Gedichte „Leukippe 
und Klithophontes" war der Krater für Ilip- 
pias von Tyrus bestimmt und danach wohl 
in dieser Hauptstätte der Ghisindustrie ent- 
standen. 

Zur Zeit des peloponnesischen Krieges 
war das Glas noch ebenso hoch bewertet 
wie Edelsteine, ein Beweis für seine Selten- 
heit. Erst in der römischen Periode wandten 
sich die Griechen besonders in Kleinasien 
und Ägypten der Glasindustrie in erhöhtem 

Maße zu; seitdem die Gefäßbildnerei in Ton von ihrer früheren 
Höhe herabgeglitten war und das griechische Kunstgefühl durch 
orientalische Einflüsse eine Wandlung erfahren hatte, wurde 
auch der Geschmack und das Bedürfnis an Glaswaren mit ihrer 
leuchtenden Farbenpracht reger. Zahlreiche Griechen iirbeiteten 
zu Beginn der Kaiserzeit und wohl schon in den letzten Jahr- 
zehnten der Republik in den Werkstätten von Sidon. Zu ihnen 
gehört wahrscheinlich auch Ennion, von dem in Panticapaeum 
(Kertsch) eine Amphoriske aus farblos-durchsichtigem Glase mit 
feinen Reliefornamenten, Palmetten, Schuppen, Zweigen und 




Abb. 83. Fläschchen 

mit bunter Äderung. 

Neapel, Museum. 



P 



^.2. 3 



n ) Newton, Guide S. 38. 



i68 



Kanelluren gefunden wurde, die in der Eremitage von Petersburg 
verwahrt wird. Andere Arbeiten Ennions kamen auf der Insel 
Kythräa zum Vorscheine, mehrere in Italien, wohin er wahr- 
scheinlich übersiedelt ist: Zierliche Henkelbecher in Modena, in 
Refrancore bei Asti, in Bagnolo, Borgo S. Domenico, in Solonte 
auf Sizilien, im Agro Adriese. Eines der besterhaltenen Stücke, aus 
Carezzano bei Vercelli, ist ein Becher aus Kobaltglas, durchsichtig", 
verziert mit einem Eierstabe und einem Eriese, der zwei Tesserae 
einschließt. Mit ihm wurde eine Münze des Claudius gefunden, 
welche darauf schließen läßt, das er zu jenen Glasarbeiten gehört, 
deren Erscheinen unter Tiberius so großes Aufsehen erregte und 
den Anlaß zur Entstehung der abenteuerlichsten Nachrichten über 
neue Erfindungen gab. Ennion signiert seine Arbeiten mit vollem 
Namen an auffälliger Stelle und fühlt sich offenbar als Künstler 
und Neuerer. 1 ) Als Sidonier bezeichnen sich zum Teile aus- 
drücklich die Glasmacher Artas, Ariston, Eirenaios, Meges, Neikon, 
Philippos, durchwegs Griechen oder doch gräzisierte Orientalen, 
die wie Ennion und ungetähr gleichzeitig mit ihm auch in Italien 
gearbeitet zu haben scheinen. Artas und andere Sidonier ge- 
brauchen doppelsprachige Stempel, die in der Eorm der Buch- 
staben auf die erste Kaiserzeit hinweisen. Bruchstücke mit dem 
Stempel des Artas, zumeist Henkel von Bechern aus farblosem 
oder farbigem, aber stets durchsichtigem Glase, kommen auch 
diesseits der Alpen häufig vor, so im Österreichischen Museum 
in Wien, mehrere im Antiquarium zu München, wo sich auch ein 
Henkel mit Stempel des Philippos befindet, 2 ) andere in Berlin, 
Würzburg, Brüssel, Paris, Eondon etc. Ein Glas mit Stempel 
des Meges kam auf der Insel Marion zum Vorschein, auf Melos 
neben zahlreichen anderen Gläserfunden einer der sidonischen 
Siegesbecher mit der Inschrift AABE THN NIKHN in Relief. 
(Abb. 257, 258.) Vier schöne alexandrinische Alabastra kamen von 
hier in das Museum von Compiegne. :! ) Jene einzigen mit ziemlicher 



') Vgl. die Stempel Ennions und der anderen genannten Glasmacher im Ab- 
schnitte X „Stempel und Aufschriften auf Gläsern". Näheres über die Schule von 
Sidon enthält der Abschnitt IX „Geformte Gläser". 

'-) Nach freundlicher Mitteilung von Reg.-Rat Custos Folnesics in Wien und 
Dr. W. Riezler in München. Vgl. auch Christ, Führer S. 119. 

3 ) Froehner a. a. O. S. 120. 



169 

-Sicherheit datierten Erzeugnisse der altberühmten Werkstätten 
Sidons und Phöniziens überhaupt sind in Ilohlformen geblasen und 
nehmen nach ihrem Schmucke zu urteilen, zumeist auf die Kämpfe 
und Wettspiele der Arena und den bacchischen Kultus Bezug". 
Auf Korfu wurden farbige und farblose Gläser der Kaiserzeit 
aufgefunden, in Kephalonia unter anderem ein alexandrinisches 
Alabastron, jetzt im Louvre. Auf Cypern lieferten namentlich 
die Gräber von Idalium tausende von 
Gläsern, die in verschiedenen Museen 
Europas zerstreut sind, Alabastra und viel 
von der bläulichgrünen Gebrauchsware 
der Kaiserzeit. Von letzterer Art sind die 
in das Musee du Cinquantenaire in Brüssel 
gekommenen Gläser, welche in den For- 
men sehr an die syrischen erinnern. Unter 
den Funden von Melos ist noch ein Löffel 
aus opakweißem Glase nachzutragen, der 
im Britischem Museum verwahrt wird, 
ferner zahlreiche jener viereckigen alexan- 
drinischen Ölkannen aus bläulichgrünem 
Gkise mit konzentrischen Ringen am 
Boden. Auf Kreta lieferte die Nekropole 
von Rhodovani (früher Elyros) Dosen mit 
I )eckeln aus ordinärem Glase, sowie einen 
schönen, jetzt im Louvre befindlichen 
Kantharos. In Panticapaeum kamen außer 

der Amphoriske Ennions große Massen gewöhnlicher Gebrauchs- 
ware zum Vorschein. In Kertsch erwarb man 1873 für die 1 
Eremitage einen Trinkbecher aus farblosem Glase mit vier Götter- 
gestalten in Relief. 1 ) (Abb. 205.) In Kleinasien war Kyzikos ergiebig 
in farbigen und farblosen Gläsern der Kaiserzeit, ebenso Abydos 
und Thymbra (Troas). In Knidos fand Newton mehrere hundert 
langhalsige Ölfläschchen aus ordinärem Glase, in Attala wurde 
ein tütchristliches Goldglas gefunden. 2 ) 




Abb. 84. Fläschchcn mit 
farbigen Streifen. .- 
Breslau, Museum. 



4-2^- 



x ) Näheres im Absehnitt IX „Geformte Gläser". 
2 ) Froehner S. 121. 



cewp 



170 



Italien. 



Auch in Italien lernte man das Glas durch Import aus Ägypten 
kennen. Zuerst brachten die Phönizier Perlen in die Küsten- 
städte, namentlich in die ihrer Kolonien in Sizilien und Sardinien. 
Hier fand man in Tharros eine Halskette mit Masken und jenen 
eigentümlichen mit Masken besetzten Zylindern, sowie Götter- 
figürchen in opakfarbiger Paste, von welchem oben die Rede 
war, Arbeiten aus Alexandrien, die man gewöhnlich für phönizisch 
ausgibt. (Vgl. S.93.) In Tharros und Cornus kamen gegen 300 Gläser 
aller Art zum Vorscheine, zumeist spätere Erzeugnisse, darunter 
zwei farblose Becher mit griechischen Inschriften, von der Art 
der sidonischen Siegesbecher, aus farblosem in llohlformen ge- 
blasenem Glase. Auf einem liest man den Spruch KaraxcciQs xul 
svqjQccivov auf dem anderen ELge&wv Xdßs %r\v vixrji\ Außerdem 
kamen Massen von Glasperlen zu Tage. 

Die lebhaftesten Handelsverbindungen mit Ägypten unter- 
hielt Etrurien. Infolge dieser fanden außer Perlen besonders zahl- 
reiche Alabastra aus opak-farbigem Glase mit bunter Fadenver- 
zierung in Form von Bändern, Zickzack mit Wellen-, Korb- und 
Farnkrautmustern den Weg ins Land, die früher wegen der Massen- 
haftigkeit ihres Vorkommens in etruskischen Gräbern für Landes- 
produkte gehalten und eigens als „etruskische Gläser" bezeichnet 
wurden. Sie g-ehörten zum BesUittungskulte und wurden dem Leich- 
name, nachdem er mit wohlriechenden, zugleich konservierenden 
Essenzen und Wein begossen worden war, neu gefüllt ins Grab bei- 
gegeben, gewöhnlich parweise. Die Römer befolgten die gleiche 
Sitte. Die Haupteinfuhr fand in Caere (Cervetri) statt, dessen 
Gräber denn auch besonders reich an Alabastren und anderen 
farbigen Gläsern ägyptischer Herkunft sind. Andere Fundorte 
sind Monteroni, Veii, Sta. Marinella, Toscanella, Vulci, Chiusi 
und Volterra. Die Funde sind in alle Welt zerstreut, das meiste 
von ihnen verwahren die Museen von Florenz, London und Paris. 
In Pyrgoi bei Sta. Marinella wurde auch eine kleine blaue 
Oenochoe" mit weißen Stacheln gefunden 1 ), in Pisa der Rest einer 



8 ) Bulletins VI S. 212 f. 

] ) Abekcn a. a. O., S. 267 (Abbildung). 



i7i 



Vase aus der Kaiserzeit mit einer gravierten Zirkusszene (Abb. 247), 
in Isola Farnese außer Resten gläserner Wand- und Fußboden- 
bekleidung- eine Menge von Millefioribruchstücken. Millefiori 
und marmorierte Gläser sind auch an den anderen Fundstätten 
häufig. Ein Beweis für den ägyptischen Ursprung der etruski- 
schen Gläser liegt überdies darin, daß neben ihnen in den Gräbern 
oft Scarabäen und Uschebtis liegen. Man nannte sie und die 
farbigen Gläser der frühen Kaiserzeit überhaupt auch griechische 
oder phönizische, wie Froehner meint aus 
keinem anderen Grunde, als weil man 
das Bedürfnis fühlte, die Lücken in unserer 
Kenntnis griechischer und phönizischer 
Glasmacherei auszufüllen. 1 ) Dabei beging 
man wie bei den etruskischen Funden den 
Fehler, das Fundgebiet mit dem Ursprungs- 
lande zu identifizieren. Allerdings kommen 
jene Gläser auf dem griechischen Festlande, 
in Attika und Korinth, auf den Inseln, in 
Unteritalien, namentlich in Cumae, Ruvo 
und Fasano häufig vor, viel häufiger aber 
noch im Orient, im Stammkinde Ägypten, 
den Gräbern von Theben und Memphis, in 
den unerschöpflichen Fundgruben von 
Cypern und Rhodos, der Nekropole von 
Kameiros. Der Mär von dem phönizischen 

Ursprünge der alten farbigen Gläser mit Fadenschmuck Imben 
namentlich die Massenfunde von Flinders Petrie in Teil el Amarna, 
Gurob und anderen ägyptischen Stätten ein Ende gemacht.' 2 ) 




Abb. 85. Fläschchen mit 

farbigen Streifen. New York, 

Metropolitan-Museum. 



^ 2^ 



1 ) Froehner a. a. O., S. 41 f. 

2 ) Während die Archäologen über diese Frage nunmehr einig sind, wollen 
manche Sammler, wahrscheinlich um dadurch die Mannigfaltigkeit ihrer Schätze zu 
erhöhen, auf die Selbständigkeit der phönizischen und griechischen Glasindustrie noch 
immer nicht verzichten. Zu diesem Zwecke versuchen sie allerlei technische und 
stilistische Unterschiede zwischen ihnen und den ägyptischen Vorbildern aufzustellen. 
Der Scharfblick des einen geht so weit, in den Varianten des Farnkrautmusters natio- 
nale Eigenheiten zu erkennen. Im allgemeinen möchte man für Ägypten besonders sorg- 
fältige Arbeit und scharfe Formen in Anspruch nehmen, während die anderen Gläser sich 
durch größere Flottheit und Leichtigkeit, Weichheit und Rundung kennzeichnen, wobei 
namentlich die griechischen sehr stark durch ihre eigene nationale Formensprache be- 



172 

Unter den Römern ist Cicero der erste, der über Glas be- 
richtet. In seiner 54 vor Chr. gehaltenen Rede pro Rabiro 
Postumo 14, 40 spricht er zuerst von gläsernen Hausgeräten. Er 
gebraucht dabei das Wort ,vitrum', dessen Ableitung den Philo- 
logen noch immer unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Die 
Erklärung des Isidorus, daß damit angedeutet werde, es sei für den 
Blick (visui) durchsichtig, bezeichnet Hg mit Recht als eine halt- 
lose Tändelei. Nach Jakob Grimm heißt vitrum eine Pflanze, 
deren .Saft von den Reiten Britanniens zum Tättowieren benutzt 
wurde. Im Gälischen heißt diese Pflanze Glas, Glasdu oder 
Glaslys 1 ). Darnach hätte es den Anschein, als ob die Römer ihre 
Renntnis des Glases den Reiten zu verdanken haben, während das 
Umgekehrte der Fall ist. Die Reiten gebrauchen vielmehr für Glas 
den von vitrum abgeleiteten Ausdruck gwydr (gälisch) und gwer 
(bretonisch g = v). Der Glasmacher heißt in Rom vitrearius 
oder vitriarius, (flaswaren wurden vitrea oder vitreamina genannt, 
daneben erhielt sich, wie im Griechischen, für durchsichtig-farb- 
loses Glas der Ausdruck crystailum. Strabo bezeichnet es als 
xQvffTaViO(pavrj. 

Das älteste Glas ist aus Ägypten eingeführt. Außer Schmuck- 
perlen fand man in Sta. Lucia kleine Schälchen aus farb- 
losem Glase, jenen gleich, die auch diesseits der Alpen in den 



einfluüt seien. Kennereitelkeit mag sich auf die Feststellung solcher Unterschiede viel 
zu gute halten. Ihr Bestand ist nicht zu leugnen, aber ihre Deutung ist vollkommen 
verfehlt. Gerade altiigyptische Arbeiten zeichnen sich durchaus nicht durch scharfe 
Formen aus, wie z. B, die Vasen Tutmosis' III. in München und London, die Becher 
der Prinzessin Nsichonsu und andere Gläser aus der 18. Dynastie, der Blütezeit der 
alten Industrie. Dagegen übertreffen die in Hohlformen geblasenen Gläser Alexan- 
driens, die Arbeiten der frühen Kaiserzeit, an Schärfe selbst die sorgfältigsten Leistungen 
der Pharaonenepoche, die noch mit freier Hand modelliert sind. Gar manches Glas, 
welches ob seiner exakten Arbeit von Sammlern der Blütezeit Thebens zugewiesen wird, 
ist tatsächlich aus einer der gräzisierten Werkstätten des Orientes oder Italiens hervor- 
gegangen und umgekehrt manche malerisch flotte Leistung aus Teil el Amarna oder 
Gurob. Und was das Hervortreten griechischer Formen betrifft, so beweist dies an 
und für sich noch nicht griechischen Ursprung, denn das ägyptische Kunsthandwerk 
verschloß sich solchen keineswegs. Schon in der saitischen Epoche arbeiteten die 
besonders dem Exporte nach Griechenland und den Inseln dienenden Werkstätten von 
Naukratis sehr viel mit griechischen Mustern. 

] ) Grimm, Kleine Schriften II 123. Diefenbach, Celtica I 27, 139; II 446. 



r 73 



Gräbern der späten Hallstadtperiode vorkommen (vgl. S. 158), 
doch machten erst die Orientfeldzüge Sullas die Römer näher mit 
dem seltsamen Materiale bekannt. Im Jahre 58 vor Chr. ließ Scaurus 
das von ihm erbaute Theater nach orientalischen Vorbildern, wie 
er sie beim Feldzuge gegen Mithridates kennen gelernt hatte, teil- 
weise mit Glasplatten verkleiden, die er aus Alexandrien bezog. 
Die einen ahmten wahrscheinlich Marmor nach, die anderen stellten 
in Überfangtechnik farbige figürliche und ornamentale Reliefs dar. 
I )as erste Stockwerk des Gebäudes war im Inneren mit Marmor- 
platten, das zweite mit Glasplatten, das dritte mit vergoldetem 
Holze ausgestattet 1 ). Ungefähr gleichzeitig 
mit Cicero spricht Lucretius von gläsernem 
Geschirr. 2 ) Es w^ir damals noch sehr kost- 
bar, namentlich das farblos-durchsichtig'e, das 
den Krystall nachahmte, so daß die Dichter 
des augusteischen Zeitalters mit Vorliebe, 
wenn sie die Reinheit und den Glanz des 
Quellwassers oder des Taues schildern wollen, 
Vergleiche mit Glas anwenden: Föns splendi- 
dior vitro, ros vitreus, unda vitrea heißt es 
in verschiedenen Varianten. „Maximus tarnen 
honos in candido tralucentibus quam proxima 
crystalli similitudine" sagt noch Plinius. Wie 
die Griechen machten auch die Römer einen 
Unterschied zwischen farbigem und farb- 
losem Glase, das vielfach als ein neuer 
und verschiedenartiger Stoff gelten mochte 
siegung Ägyptens durch Augustus (26 vor Chr.) ein Teil des 
Tributes in Form von Glaswaren entrichtet wurde und aus 
Alexandrien Miissensendungen von gewöhnlicher Gebrauchsware 
eingestroffen waren, sank diese bald im Preise. Virgil, Ovid, 
Properz, Horaz und Dio Cassius schreiben bereits darüber als über 
etwas alltägliches. Letzterer sagt bei Gelegenheit der Verleihung" 
des Bürgerrechts unter Claudius: „Dieses sonst so teuer erkaufte 
Recht ist im Preise so herabgesunken, daß man es dem ersten 




Abb. 86. Fläschchen mit 

bunter Äderung. 

Xew York, Metropolitan- 

Museum. 

Als nach der Be- 



42^ 



] ) Plinius 36, r 14. 

-) Lucretius, de rcrum natura IV 608, 606, VI 991. 



174 

besten an den Kopf wirft und daß man für einige zerbrochene 
Gläser römischer Bürger werden kann." 1 ) 

Der um 25 nach Chr. verstorbene Geograph Strabo schätzte 
den ägyptischen Sand für die Glasbereitung höher als jeden 
anderen, doch gesteht er später selbst, daß es nicht besonders 
darauf ankomme, woher der Sand genommen werde, weil man 
überall solchen fände, der hiezu geeignet gemacht werden könne. 
Seit man in augustäischer Zeit an der Mündung des Volturnus 
ein feines Sandlager entdeckt hatte, wurde die Glasfabrikation 
mit Hilfe alexandrinischer Werkleute in Italien selbst betrieben. 
Dieses breitete sich an der Küste zwischen Cumae und Liternum 
in einer Strecke von sechstausend Schritten aus. 2 ) Man zerteilte 
den Sand mit den Hammer, mahlte ihn in Mühlen und schmolz ihn 
in den Hütten von Puteoli, wo sich ein eigener clivus vitrearius, 
ein Glasmacherquartier, bildete. Unter der Regierung des 
Tiberius, 14 nach Chr., entstanden in Rom selbst an der Porta 
Cassena Glaswerkstätten, anfangs gleichfalls unter alexandri- 
nischen Werkleuten, in welchen man mit Alexandrien zu 
wetteifern begann. 3 ) Seneca nennt hier bereits den Zunftbetrieb. 
Er spricht auch von der Kunst des Glasblasens, offenbar als von 
einer neuen Erfindung und gibt seine stoische Erhabenheit über 
Modelaunen durch die Worte kund, daß es im Grunde gleich- 
gültig sei, ob ein anständiger Mensch aus einfachem oder feinem 
Glasgeschirre trinke. 

In die Zeit des Tiberius fällt die Sage von der Erfin- 
dung des hämmerbaren Glases. Sie findet sich zuerst in 
den Schriften des Petronius, des Zeremonienmeisters und Ver- 
trauten Neros, Autors des „Gastmales des Trimalchio" und 
ist von da zu Dio Cassius und in die Rezeptensammlung des 
Heraclius übergegangen, wobei sie auf dem hingen Wege 
manche Veränderung erfuhr. Auch Plinius kennt sie, be- 



x ) ,Jus illud magna quondam pecunia venditum adeo tunc vile factum est, ut 
vulgo iactantem fuerit; etiam si quis alicui vasa vitrea confracta dedisset, civem Ro- 
manum fore." In Claudium lit. IX. Vgl. ferner Vergil, Georgica 4, 350, Aeneis 7, 
759; Ovid, Amores 1, 655; Properz IV 8, 37; Horaz, Oden III 13, 1, Satyren II 3, 222. 

2 ) Phinius 50, 194. 

8 ) Ders. 36, 26, 194. 



175 



handelt sie aber ziemlich skeptisch 1 ) Diese Anekdote, welche 
im Mittelalter höchst anregend auf die Experimente der 
Alchymisten wirkte, besagt, daß einst ein Mann eine Glas- 
mischung erzeugt habe, welche biegsam und hämmerbar war. 
Als er vor Kaiser Tiberius in Audienz erschien, um seine 
P>findung vorzuführen, sei dieser ergrimmt und habe die vor- 
gezeigte Schale heftig zu Boden geworfen, wobei sie sich 
wie ein Gefäß aus Erz zusammenbog. Der Erfinder aber habe 
sie ruhig aufgehoben, ein Hämmerchen hervorgezogen und mit 
diesem in einigen Augenblicken den Schaden 
wieder ausgebessert. Nun frug der Kaiser ob 
sich außer dem Künstler noch ein anderer 
auf die Verfertigung solcher Schalen ver- 
stünde, und als dies verneint wurde, sei der 
Refehl ergangen, dem Künstler — das Haupt 
abzuschlagen, damit nicht durch die Aus- 
nützung einer Erfindung von so unerhörter 
Tragweite alles Gold und Silber entwertet 
würde. Offenbar liegt in den Schlußworten 
der Schlüssel zur Enträtselung dieser Anek- 
dote. Durch die Erfindung des Glasblasens, 
namentlich in Hohlformen,- waren die Glas- 
macher instand gesetzt Gefäße mit Relief- 
schmuck und plastische Rundfiguren, wie man sie bisher in 
Metall getrieben hatte, auch in Glas herzustellen. Alles andere 
ist phantastischer Aufputz, von Laien hervorgerufen, welchen 
ein Reliefglas ein unerklärliches Wunderwerk deuchte, dessen 
plastische Formen sie sich nicht anders, denn als getriebene 
Arbeit in einem rätsellmft bildsamen Stoffe vorstellen konnten. 
Sprechen ja doch selbst noch Gelehrte des XIX. Jahrhunderts 
von „getriebenen" Gläsern! Es ist wohl zu beachten, daß gleich- 
zeitig in Italien die sidonischen Reliefgläser, die Arbeiten des 
Ennion, Artas und anderer Griechen oder gräzisierter Orientalen 
auftauchen, welche Metallgefäße mit getriebenen Reliefs in Glas, 




Abb. 87. Fläschchen 
mit Korbmuster. 
Neapelj Museum. 



*) Petronius Satyricon cap. 51. Plinius 36, 195. Dio Cassius 57, 21. He- 
raclius III 6. Vgl. Ilg, Ausgabe d. Heraclius, Note auf S. 133 f. Eingehend wird dieses 
Thema im Abschnitte V behandelt. 



ij6 

gleichsam in einem körperlosen Stoffe nachahmten und dadurch 
ungeheures Aufsehen erregten. Das war etwas so gänzlich neues, 
daß man gar nicht daran dachte, dem Glase, das bisher fast 
ausschließlich als farbige Paste zur Nachahmung von Edelsteinen 
und Marmor benutzt worden war, die Fähigkeit zuzutrauen, mit 
Metall in der Bildsamkeit wettzueifern. Das durchsichtige ge- 
blasene Glas erschien den Laien als ein von dem bisher bekannten 
Glase ganz verschiedenes Material und noch lange nachdem die 
Identität beider Stoffe allgemeiner bekannt geworden war, lebte 
die frühere Trennung in den besonderen Bezeichnungen von 
vitrum und crystallum bei den Römern, sowie Xittog yy%r\ und 
vcclog bei den Griechen fort. 

Das Glas war allmählig, besonders unter Nero, ganz wohl- 
feil geworden, so daß man einen gewöhnlichen Becher schon 
für eine mittlere Kupfermünze erwarb, doch verstand man es 
auch daneben die Preise feinerer Arbeiten gewaltig in die Höhe 
zu treiben. Nero bezahlte für zwei kleine Becher von Krystall- 
glas 6000 Sesterzen, d. h. ungefähr 900 Mark 1 ). Plinius schreibt 
darüber wörtlich: . . . „sed quid refert, Neronis principatu reperta 
vitri arte quae modicos calices duos quos appellabant petrotos 
II. S. VI venderet". Der Ausdruck „petrotos" ist sinnlos und 
offenbar entstellt. Wieseler schlug dafür die Lesarten „pertusos" 
und „perforatos" vor, Übersetzungen des Griechischen diazQrjioc, 
Friedrich machte daraus sogar „peritretos"' 2 ). Ich glaube, daß 
die Verwirrung nicht durch den Irrtum eines Abschreibers, 
sondern erst später durch den eines Setzers entstanden ist, und 
daß eine einfache Metathesis den Sinn wieder herstellt, nämlich 
pterotos anstatt petrotos. Nicht durchbrochene Netzgläser, die 
man seit Winckelmann gewohnt ist, als Diatreta im besonderen 
zu bezeichnen, sondern „geflügelte" Gläser hat Nero gekauft, die 
sonst auch calices alati genannt werden, leichte, zierliche Becher, 
die luftig wie Vögelchen waren, körperlose Krystallgefäße. An 
Flügelgläser nach Art der späteren venezkmischen , mit fiügel- 
artigen phantastischen Henkeln, braucht man dabei nicht not- 
wendig zu denken, obgleich solche den Römern sehr wohl bekannt 



l ) Plinius 36, 195. 

-) C. Friedrich, Bonner Jahrb. 74, S. 161. J. Wieseler, Bonner Jahrb. 60, S. 121. 



177 



waren und den Venezianern die Muster lieferten. Gleichzeitig" 
übertrugen diese willkürlich den Namen jener luftigen römischen 
Krystallgläser auf ihre I lenkelgläser. Martial, welcher an der 
Wende des I. und IL Jahrhunderts lebte, spricht gleichfalls von 
diesen kostbaren Bechern Neros, bezeichnet sie als Diatreta, als un- 
nachahmliche Wunderwerke und zählt sie wohl zu den Krystallen, 
die er als Sendung vom Nil preist 1 ). Er gebraucht als erster 
in der antiken Literatur den Ausdruck Diatreta für Glasbecher 
nicht näher gekennzeichneter Art und galt daher als Hauptstütze 
der Ansicht, daß die Winckelmannschen Diatreta schon in der Zeit 
Neros hergestellt worden seien. Wir 
werden später sehen, daß er damit 
nur geschliffene, mit dem Rade be- 
arbeitete Gläer im allgemeinen, im 
Gegensätze zu den einfachen gebla- 
senen, meinte. Poetisch spricht Mar- 
tial von den luftigen Glaswaren als 
„nimbus vitreus". Kaiser Lucius 
Verus trank mit Vorliebe aus einem 
Glase ähnlicher Sorte, das er nach 
seinem Leibrosse „Volucris" be- 
nannte, vermutlich um anzudeuten, 
daß beide leicht wie die Luft, leicht wie der Wind seien.' 2 ) 

Zu Plinius' Zeiten hatten gläserne Becher bereits die goldenen 
und silbernen bei den Gastmälern der Reichen verdrängt. In 
Pompeii arbeitete damals der Glasmacher Publius Gessius 
Ampliatus, der seine in Formen geblaseneu Gefäße nach sido- 
nischer Art mit Reliefs versah und stempelte, in Rom selbst 
ahmte diese Asinius Philippus nach. Auch C. Salvius Gratus, 
von dem man ein Glas in Pavia fand, C. Leuponius Borvonicus r 
A. Volumnius Januarius, Amaranthus, Paccius Alcinus und L. 




Abb. 88 



Schale mit farbigen Reti- 
cellastreifen. . 

Florenz, Altertümersammlung. 



^ 23,i ^O 



x ) Martialis, Epistolae I, 42; 9, 60; 10, 3. 

a ) „Calicem nomine volucrem ex eius equi nomine." Julius Capitolinus im 
Leben des Lucius Verus. Dünnwandigkeit wurde auch in der Keramik geschätzt, wie 
die auffallend d, innen und scharf profilierten Gefäße aus Terra nigra beweisen. Man 
wollte dadurch eine Eigenschaft des Metalles, sich bis zur äußersten Dünnwandigkeit 
treiben zu lassen, nachahmen. 



Kisa, Das Glas im Altertume. 



178 



Aemilius Blastus dürften in der ersten Kaiserzeit tätig gewesen 
sein. Späteren Zeiten gehören die Werkstatt der Firmier Hilaris 
und Hylas, des Caecilius Hermes, Claudius Onesimus, Lucretius 
Festivus, Pollius Bassus, Titienus Hyacinthus, Tiberinus u. a. an. 
Schöne Reliefgläser campanischer Werkstätten enthält das 
Museum von Neapel, auch die Sammlung Piot. Sie stammen 
aus Pompeii, Herculanum, Bajae, Cumae und aus Ruvo in 
Apulien. Die Raccolta Cumana des Ne;ipeler Museums ist be- 
sonders reich an opak-farbigen Gläsern, auch die Gläser in Form 
von Gänsen und Enten der Sammlung Slade (jetzt im Britischen 
Museum) sind campanisch, ferner das Bruchstück einer Flasche, 
auf der mit Gold und Emailfarben die Küste von Puteoli ge- 
schildert ist 1 ) und ähnliche Stücke des Museo Campana in Rom: 
doch stammen diese nach den Darstellungen erst aus dem III. 
und IV. Jahrhundert. Aus Ruvo rührt ein vorzügliches Stück 
in Glasmosaik her, das noch näher besprochen werden wird 
aus Pompeii neben etwa 3000 ordinären Gläsern, Aschenurnen 
und Gebrauchsgeräten aller Art, die zum großen Teil aus 
Alexandrien importiert sind und die üblichen Formen des 
bläulichgrünen Geschirres zeigen, auch feine farbige Gläser, 
großenteils aus dem Hause des Diomedes, und sehr viele farb- 
lose und farbige, durchsichtige Glasgefäße, Becher, Schalen, 
Flaschen, Kannen mit Buckeln, Rippen, Stacheln und Kanelluren. 
Unter den gerippten Gläsern sind die flachkugeligen, auch dies- 
seits der Alpen überall vertretenen Schalen besonders häufig. In 
ihnen, wie in mehreren anderen Gefäßen treten feine griechische 
Profile bei den älteren Arbeiten deutlich zum Unterschiede von 
den späteren hervor; sie zeichnen sich auch durch bessere, 
Quiilität ;ms. Die campanischen Werkstätten, besonders die 
von von Cumae, lieferten neben Luxusgläsern, wie solchen 
mit Überfang und Gravierung, namentlich die in Hohlformen ge- 
blasene Ware, kunstvolle Reliefgläser und zugleich ganz einfache 
vSorten, aber in reinem, farblos durchsichtigem Material. Gerade 
diese bildeten den Plauptteil der Produktion und galten als 
vSpezialität der Werkstätten. Iloraz schreibt an Maecenas, um 
ihm einen Begriff von der Einfachheit seines IFiushaltes zu geben, 



Abgebildet in der Archäol. Zeitung N. F. 26, T. 11. 



i/"9 



daß man bei ihm nur cam panisches Geschirr , Campana supellex' 
finde. 1 ) 

Die Kunst des Blasens in Formen wurde früh zu natura- 
listischen Bildungen ausgenützt. Außer Tiergestalten, wie die 
Gänse und Enten der Sammlung- Slade, begann man in Alexan- 
drien bald aus der Keramik das Rhyton, das Trinkhorn in Glas 
zu übertragen, daneben menschliche 
Köpfe, besonders solche von Negern 
und ganze Figuren nachzubilden. 
Nero soll seinen Spaß an Karika- 
turen gehabt haben, die man ,Schuh- 
flickergläser' nannte, nach seinem 
verkrüppelten Hofnarren, einem 
ehemaligen Schuster aus Benevent. 
Auch priapäische Formen wandte 
man auf Trinkgefäße an, besonders 
Becher in Phallusgestalt gehören 
nicht zu den Seltenheiten. Man 
findet sie auch am Rhein, doch 
braucht man in ihnen ebensowenig 
wie in den zahlreichen Anhängern 
aus Bronze in Form des Phallus 
und der Fica bloße Lascivitäten 
suchen. Der Phallus wurde ja tiuch 
als Amulett getragen und diente in 
der ganzen Antike, wie im Oriente 
und noch heute bei einigen Natur- 
völkern als ihonov, als .Schutzmittel gegen den bösen Blick und 
unholde Geister. 

Nach der Zeit Neros bürgerte sich das Glas immer mehr ein. 
Die Industrie überschritt die Grenzen Italiens und fand in Spanien, 
diesseits der Alpen, besonders in Gallien, am Rhein und in England 
neue Pflanzstätten, die sich rasch entfalteten und vom Beginne 
des IL Jahrhunderts ab Italien, Syrien und selbst Alexandrien 




Abb. 89. FJäschchen mit Spiral - 
faden. Breslau, Kunstgewerbe-Mus. 



Lapis albus 
Pocula cum cyatho duo sustinet; adstat ecliinus 
Vilis, cum patera guttus: Campana supellex. Satyr. I 6. 



wirksame Konkurrenz machten. Um die Wende des Jahrhunderts 
spricht Juvenal wiederholt von Gläsern 1 ), vor ihm schon Statius, der 
wieder einmal von der Verwendung" des Glases zu architektonischer 
Dekoration zu berichten weiß und den gläsernen Deckenbelag' 
der Bäder des Etruscus rühmt, der in Gold und Farben prangte.") 
Zu Martials Zeiten befanden sich in Rom Glaswerkstätten am 
fkiminischen Zirkus, deren Erzeugnisse als minderwertig bezeichnet 
werden, im Gegensatze zu den Leistungen der Alextmdriner. 
Hadrian schätzte letztere besonders hoch. Ein ägyptischer Priester 
übersandte ihm einige Gläser, von welchen er zwei seinem 
Schwager, dem Consul Servianus schenkte, mit der Mahnung, 
sie nur bei besonders feierlichen Anlässen zu benützen. Sie 
werden als „Calices allassontes versicolores" bezeichnet, als bunt 
schillerndes Glas, bei welchem das in einem gewissen Winkel 
schräg auffallende Licht Komplementärfarben hervorruft, also 
wohl in unserem Sinne ein Opalglas. Dieses wird durch Zusätze 
von Knochenasche erzeugt, behält aber die Farben und den 
.Schimmer nicht allzulange bei, so daß es nicht Wunder zu nehmen 
braucht, wenn nichts von derartigen Gläsern aus der Antike 
erhalten ist. 3 ) 

Dagegen dürften sich die rätselluiften , vielbesprochenen 
murrinischen Gefäße, die schon Plinius rühmt, sehr zahlreich 
erhalten haben 4 ). Indem ich auf die eingehende Behandlung 
dieses Themas im VIII. Abschnitte dieses Buches verweise, 
möchte ich hier nur in kurzen Zügen meinen von den üblichen 
Ansichten abweichenden Standpunkt festlegen. 

Der unter Hadrian und Marc Aurel lebende griechische 
Schriftsteller Arrian spricht von „vasa vitrea atque murrina, in urbi 
Diospoli (Theben) elaborata". 5 ) Aus der Gegenüberstellung von Glas 
und Murrinen glaubte man schließen zu müssen, daß sie aus einem 
anderen Stoffe als Glas hergestellt worden seien. Fast drei Jahr- 



x ) Juvenalis, sat. 5, 48. 

2 ) P. Papinius Statius, Silviae I 6, 73. 

a ) „Calices tibi alassontes versicolores transmisi, quos mihi sacerdos templi 
obtulit, et tibi et sorori meae specialiter dicatos, quos tu velim in festis diebus con- 
viviis adhibeas". Vopiscus, vita Saturnini cap. 8, 10. 

4 j Plinius 36, 198; 37, 18, 21. 

6 ) Arrianus, peripl. mar. Erithr. (Oxoniae 1698) S. 4. 



1 8 1 

hunderte sind sie Gegenstand eines hitzigen Streites. Zuerst soll 
sie Pompeius mit der Beute des Mithridates im Jahre 61 vor Chr. 
nach Rom gebracht haben. Ihre vornehmste Fabrikationsstätte 
soll Carmanien im Partherreiche gewesen sein. Das Material wird 
als undurchsichtig, mattglänzend, in mehreren Farben schillernd 
und leicht zerbrechlich geschildert. Thiersch glaubt, daß es 
eine Art von Stein gewesen sei: man riet auf Flußspat, Achat 




Abb. 90. Gruppe von Gläsern mit Spiralfadenschmuck. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



4-2-fc 



und Opal, sogar auf Porzellan. Es wird auch gemeldet, daß die 
Murrinen in Glas nachgeahmt worden seien 1 ). Dem Porzellan 
widerspricht aber schon die Undurchsichtigkeit. Jedenfalls waren 
sie ein Kunstprodukt, denn ein i lalbedelstein würde den Alten 
nicht hinge rätselhaft geblieben sein. Die Meldung, daß sie in 
Glas nachgemacht worden seien, bringt uns wohl auf die richtige 
Spur. Es muß auffallen, daß nur für die kostbaren buntfarbigen, 
die Mosaik- und Millefiorigläser, die doch in Ägypten und später 



M Vgl. Thiersch, Über die Vasa Murrhina der Alten, Sitzungsberichte der kgl. 
bayer. Akademie d. W. I. Klasse 1835 S. 443 f. Roloff in Wolf und Buttmann, 
Museum d. Altertumswissenschaft II S. 50 f. Semper a. a. O. S. 203. Marquardt, 
Privataltertiimer II S. 743. f. 



182 



wohl auch in Italien so hochgeschätzt waren und viel produziert 
wurden, keine klassische Bezeichnung zur Verfügung - steht, 
sondern nur ein den späteren venezianischen Nachbildungen an- 
gepasster italienischer Ausdruck. Anstatt zur Erklärung eines 
überlieferten klassischen Ausdruckes nach einem unbekannten 
Objekt zu fahnden, welchem jener allenfalls entsprechen könnte, 
ist es wohl richtiger, unter den tatsächlich überlieferten Er- 
zeugnissen, auf welche der Ausdruck passen könnte, Umschau 
zu halten. Das ist bei der Übertragung der Bezeichnung 
,Vasa murrina' auf die buntfarbigen ägyptischen Gläser der 
Fall. Alle jenen nachgesagten Eigenschaften, die Undurch- 
sichtigkeit, Buntfarbigkeit, das .Schillern, die leichte Zerbrech- 
lichkeit passen auf sie. Daß man in ihnen in Rom nicht Gläser 
erkannte, braucht bei der geringen Vertrautheit der Römer mit 
den ägyptischen Techniken und der Geheimniskrämerei der 
ägyptischen Werkleute, namentlich in Hinsicht auf die Legende 
vom hämmerbaren Glase, nicht Wunder zu nehmen. Verschieden- 
heiten in der technischen Behandlung, eigenartiger Schliff, 
fremdartige Muster konnten völlig genügen bei Laien die 
Ansicht hervorzurufen, daß es sich um ein ganz neues, bisher 
unbekanntes Material handle. Dazu passt die Zeit, in der die 
Vasa murrina angeblich zuerst in Rom auftauchen, die des 
Pompeius, ganz gut, denn sie fällt mit der Erschließung des 
Orientes für die Römer zusammen. Die Bezeichnung einer 
parthischen Stadt als Heimat dieser Wunderwerke mag auf 
einem Zufall beruhen, die Römer können dort gerade eine größere 
Anzahl von ihnen erbeutet haben. Daß man sie in Italien in 
Glas nachzuahmen versuchte ist nicht ein Beweis d^lfür, daß die 
Originale aus einem anderen Stoffe bestanden, sondern eher für 
ckis Gegenteil, nämlich dafür, daß die italischen Glasmacher bald 
die Wahrheit erkannten und sich nicht von der Ansicht der 
Laien täuschen ließen. Die Art wie Plinius 36, 198 über sie 
berichtet, bestätigt meine Vermutung. Er macht im Glase, ohne 
vorher von einem anderen Material gesprochen zu haben, folgende 
Unterschiede: . . . „fit et album et murrina aut hyacinthos saphi- 
rosque imitatum et omnibus aliis coloribus." Hierauf folgt die 
bereits angeführte .Stelle über die Krystallgläser. Er trennt also 
farbloses (weißes) Glas vom farbigen, welches Edelsteine nach- 



183 



ahmt und setzt an die Spitze des letzteren, der farbig'en Sorten, 
die buntfarbige. Er stellt dem weißen, d. h. farblosen Glase die 
murrina, d. h. das bunte, unmittelbar entgegen. Es müßte auf- 
fallen, wenn er bei dieser Aufzählung der farbigen Gläser gerade 
jene hochgeschätzte und beliebte Sorte außer acht gelassen 
hätte, die wir in angeblicher Ermangelung eines klassischen Aus- 
drucks mit einem in der Renaissance entstandenen Worte als 
„Millefiori" bezeichnen. Ich glaube demnach, daß wir diesen ver- 
mißten klassischen 
Ausdruck in den ver- 
kannten ,Vasa mur- 
rina' wiederzufinden 
haben. 

Von Hadrianab 
fließen die literari- 
schen Nachrichten 
über die Ghisindustrie 
wieder spärlich. Sie 
hatte sichtlich da- 
durch, daß sie etwas 
alltägliches gewor- 
den war und die 
sensationellen tech- 
nischen Erfindungen 
ausblieben, an Inte- 
resse verloren. Von den um die Wende des I. und IL Jahrhunderts 
lebenden Schriftstellern erwähnen Dio Cassius, Lamprides und 
Julius Qipitolinus das Glas. 1 ) Letzterer nennt im Leben des Lucius 
Verus ,calices cristiülini Alexandrini' und teilt als Curiosum mit, 
daß der Kaiser viel Geld für das Vergnügen geopfert habe in den 
Schenken Roms umherzuziehen und dort alle Gläser, die er fand, 
zu zertrümmern, was für keine große Wertschätzung dieses Kunst- 
produktes spricht.") Dagegen interessierte sich Commodus für 
die Industrie und versuchte sich sogar selbst als Glasbläser, 




Abb. 9T. Gruppe von Gläsern mit Spiralfadenschmuck. 
Aus italienischen Sammlungen. 



x ) Dio Cassius VI 17: Lamprides, Alexander 24; Julius Capitolinus im Leben 
des Lucius Verus 5, 10. 

2 ) „Nummis tnaximis quos in popinas Verus imperator iacebit ut calices fre- 
geret." Julius Capitolinus im Leben des Lucius Verus. 



427 



184 



allerdings nur in phantastischen Karikaturen nach Art der nero- 
nischen Schuhfiickergläser, die er wieder in Mode brachte. Bei 
dem berüchtigten Heliogabal nahm der Cäsarenwahnsinn einmal 
witzige Form an, indem er seine Schmarotzer zu einer opulenten 
Mahlzeit einlud und ihnen dabei zu ihrem Entsetzen die leckersten 
Gerichte in einer Reihe von Gängen in getreuen Glaskopien 
vorsetzte. Er trieb den grausamen Scherz so weit, daß er nach 
Beendigung des Gastmahles den hungernden Gästen durch 
.Sklaven auch feierlich das Waschwasser reichen ließ. Lamprides 
berichtet noch von einem scheußlichen Mißbrauche von Murrinen 
und anderen kostbaren Luxusgefäßen durch den kaiserlichen 
Wüstling, zu welchem übrigens schon zu Martials Zeiten ein Privat- 
mann ein ebenso ekelhaftes Beispiel gegeben hatte. Beide sind 
bezeichnend für die furchtbare Verrohuung, welche der Reichtum 
in den Sitten der Kaiserzeit parallel mit der Hyperkultur hervor- 
gerufen hatte. 1 ) Des Heliogabal Nachfolger Alexcinder Severus, 
Feind alles Luxus, von soldatischer Rauheit, ein Banause der 
Kunst und der Wissenschaft gegenüber, legte auf alexandrinische 
Gläser und auf die Glasindustrie überhaupt eine hohe Steuer 
zugunsten der öffentlichen Bäder. 2 ) Trotzdem hielt er für 
seine Person das Glas in Ehren, trank niemals aus goldenen, 
sondern nur aus gläsernen Bechern, auch aus einfachen, ver- 
langte aber, daß das Glas rein und glänzend sei. 3 ) Die Glas- 
macher Roms hatten sich damals über den Mons Coelius 
ausgedehnt und ihre Werkstätten und Verkaufsstände neben 
denen der Zimmerleute aufgeschlagen. 1 ) Dem strengen Kirchen- 
lehrer Clemens von Alexandrien erschien die Vorliebe für 
Gläser als ein verwerflicher Luxus, die Zunft der Glasmacher 



x ) „Onus ventris auro excepit, in murrinis et onychinis minxit." Lamprides 
cap. 8. Martial berichtet von einem seiner Zeitgenossen namens Bassa: 
Ventris onus misero, nee te pudet, excipis auro 
Bassa, bibis vitro, carius ergo cacas." 

2 ) „Baccariorum, vitreariorum, argentariorum, aurificum et ceterum artium vec- 
tigal pulcherrimum instituit." Lamprides, Leben des Alexander Severus. Erst Con- 
stantin d. Gr. hob diese Steuer wieder auf. „Ab universis muneribus vacare praeci- 
pimus." Cod. Theodos. de execusat. artificum Hb. XIII tit. 4. 

3 J „In convivio aurum nescit, pocula medioera sed nitida semper habuit." Lamp- 
rides ibd. 

4 ) Martianus. topogr, rom. 



185 

als eine höchst unnütze, ihr Ruhm als eitel: „Quin etiam 
curiosa et inanis caelatorum in vitro vana gloria ad frangen- 
dum artem paratior, quae timere docet simul ac bibas, est a 
bonis nostris institutis exterminanda" — eifert er in seinem 
Paedagogus. *) Zur Zeit des Kaisers Galienus soll sieh auch tat- 
sächlich ein starker Rückgang in der mit Zöllen und Abgaben 
belasteten Industrie geltend gemacht und die Mode sich von 
ihr abgewendet haben. Der 
Kaiser selbst fand angeb- 
lich auch die feinsten Gläser 
seiner Tafel unwert und 
kehrte wieder zu Gold und 
Silber zurück,-) doch machte 
er seinem Freunde Claudius 
als Beweis seiner Gunst zehn 
ägyptische Gläser verschie- 
dener Arbeitzum Geschenke. 
Auch das Eifern des Cle- 
mens verfing nicht in allen 
christlichen Kreisen. Be- 
diente man sich des Gla- 
ses doch sogar zu Kultus- 
zwecken , verwahrte Mar- 
tyrerblut und Weihwasser 
in den Gräbern und Altären 

der Katakomben in gläsernen Ampullen, schmückte die Fondi d'oro 
mit Gold und Schmelzfarben und benützte gläserne Canthari als 
Abendmahlskelche beim Meßopfer. Firmus, einer der 30 Tyrannen, 
erneuerte und übertrieb den Luxus des Scaurus und ließ seinen 
Pakist mit Glasplatten bekleiden, die mit Harz an den Wänden 
befestigt wurden. 3 ) Galienus' zweiter Nachfolger, Aurelian, der 
Besieger Zenobias, erneuerte den Zoll auf ägyptische Glas waren 




Abb. 92. Gläser mit Fadenschmuck. 
Köln, ehem. Sammlung Merkens. 



r 



427 



*) Clemens Alexandrinus, paedagogus II cap. 3. 

2 ) „Bibit in aureis semper poculis, aspernatus vitrum, dicens nihil esse commu- 
nius" berichtet Trebellius Pollio. 

3 ) ,,Vitreis quadratis bitumine aliisque medicamentis domum induxisse perhi- 
betur". Vopiscus im Leben Aurelians. 



i86 

und erhob zugleich einen auf Papyrus. *) Dabei forderte er gleich 
Octavian von Ägypten einen Teil des Tributes in feinen Gläsern. 
Der nach seiner Ermordung vom Senate zum Kaiser ausgerufene 
70jährige Tacitus begünstigte die Glasindustrie, soweit dies bei dem 
allgemeinen Rückgange des Gewerbfleißes möglich war und soll 
gleichfalls, wie die meisten Dilettanten, besondere Freude an natu- 
ralistischen Formen, menschlichen und tierischen, der Auflage von 
Schlangen, Fischen, Seesternen und Muscheln gehabt haben. 2 ) In 
der Tat fallen in das Ende des III. oder in den Anfang des IV. Jahr- 
hunderts einige interessante Schöpfungen dieser Art, Trinkbecher 
mit aufgelegten Seetieren, die im Vatikan, im Provinzialmuseum 
von Trier und im Museum Wallraf-Richartz in Köln verwahrt 
werden, aber nicht italischen sondern wahrscheinlich gallischen 
Ursprungs sind. Auch die Verzierung durch Buckel und Riefen 
war zu dieser Zeit beliebt. Seit durch Diocletian wieder ge- 
sichertere Verhältnisse geschaffen worden waren, hob sich der 
Wohlstand und mit ihm der Gewerbefleiß und namentlich unter 
Constantin d. Gr. kamen für die Glasindustrie aufs neue gute 
Tage. Der Kaiser stellte die Glasmacher, welche sich in zwei 
Zünfte, die Vitrarii, die Glasbläser und die Diatreteirii, die Glas- 
schleifer und Glasschneider getrennt hatten, den Künstlern 
und Goldschmieden im Range gleich und befreite sie, wie 
erwähnt, von der Erwerbsteuer, die ihnen von Alexander 
Severus und nachher von Aurelian auferlegt worden war. In 
seiner Zeit blühte nicht nur die Malerei und Goldiirbeit auf Glas 
neu auf, es fand auch in veränderter Form die alte Überfang- 
technik, die Gravierung und der Glasschliff wieder Pflege. Es 
entstanden jene berühmten Gläser, die mit einem frei ausge- 
schliffenem Netzwerke umgeben sind, auf welche Winckelmann 
die allgemeine Bezeichnung für geschliffene Gläser, ,Vasa diatreta' 
beschränkte, erstaunliche Virtuosenstücke, die man lange für un- 
nachahmlich gehalten hat, bis eine Glashütte in Zwiesel, im 
bayrischen Fichtelgebirge, das Münchener Diatretum getreulich 
kopierte und auf der Landesausstellung in Nürnberg 1882 in 
mehreren wohlgelungenen Exemplaren vorführte. 



l ) Vopiscus ibd. c. 45. 

-) Vopiscus im Leben Aurelians c. 45. 






i8 7 

In folgendem gebe ich nach Froehner mit einigen Ergän- 
zungen die wichtigsten Fundorte antiker Gläser auf dem Boden 
Italiens an: 

Oberitalien. 

Cimich bei Nizza. Farbige Gläser in der Sammlung Slade. 
Refrancore bei Asti. Becher des Ennion. 
Polenza. Monza. Gewöhnliche Gläser. 
Pavia. Glas mit .Stempel des C. Salvius 

Grat us. 
Novara. Diatretum. 
Carezz£ino bei Vercelli. Glas des Ennion 

mit einer Münze des Claudius. 
Bagnolo. Glas des Ennion. 
Borgo S. Domenico. Fragment eines Glases 

des Ennion. 
Raldon bei Verona. Gewöhnliche Gläser. 
Villega, Modena. Viele .Scherben von 

Murrinen. 
Agro Adriese. Murrinen, Gläser des Ennion. 
Aquileia. Gläser des Ennion. 

Etrurien. 

Pisa. Graviertes Glas mit Zirkusszene. 
Volterra. Murrinen und marmorierte Gläser. 
Perugia. Olfiasche mit Stempel der Firmier 

Hilaris und Hykis, gef. 1852. 
Chiusi (Clusium). Murrinen und Perlen im 

Museum von Florenz. Vulci. Murrinen. 
Toscanella. Murrinen und Gläser mit PIolz- 

muster, oft paarweise. 
Cervetri (Caere). Murrinen und farbige Gläser. 

im Museo Campana. 
Pyrgoi bei Sta. Marinella. Kleine blaue Oenochoe mit weißen 

Stacheln, abgebildet bei Abeken, Mittelitalien S. 267. 
Veii. Zur Zeit Winckelmanns fand man in Isola Farnese eine 

Menge zerbrochener römischer Gläser. Kugel aus Mosaik- 
glas bei Minutoli. S. 10, 13, 20. 
Monteroni. Opake farbige Gläser. 




Abb. 93. 
rippung. 
M. 



Kanne mit Spiral 
Köln, Sammlung 
vom Rath. 



Fensterscheibe 



43 2 , 4 S < 



Umbrien. 

Collazione bei Todi. Ölflasche mit Stempel der Firmier Hilaris 

und Hylas. 
Spoleto. Viereckige Aschenurne aus farblosem Glase, auf dem 

Boden ein Sternmuster in Relief. 

Latium. 

Rom. Gläser des Asinius Philipp us im Stile der sidonischen 
Reliefgläser, frühe Kaiserzeit. Außerordentlich zahlreiche 
Funde, besonders von Murrinen (Museo Campana, Samm- 
lung* Greau, W. Fol u. a.) 

Tivoli. Amphora in der Art von Sardonyx, gefunden in der 
Villa Iladrians. 

Palestrina (Praeneste). Murrinen. 

Picenum. 

Castel Trosino. Gläser mit Schmelzmalerei, Fadenschmuck, Trink- 
hörner, im Museo Civico in Rom. 

Campanien. 

Pompeji. Gegen 3000 ordinäre Gläser, zumeist langhalsige 
Fläschchen. Die Aschenurnen sind nicht sehr groß. In 
Pompeji selbst sind jedenfalls die Gläser des Publius 
Gessius Ampliatus entstanden. Große Menge feiner 
farbiger und farbloser Gläser aus dem Hause des Diomedes, 
im Museum von Neapel. 

Herculanum, Puteoli. Murrinen. 

Bajae. Vase mit Überfang bei Minutoli und viele Scherben von 
Murrinen im Kensington-Museum. 

Cumae. Glasplatte mit einer Meerszene bemalt. Wahrscheinlich 
stammen die beiden bemalten Platten des Museo Campana 
ebendaher. Ungemein zahlreiche Funde besonders opak- 
farbiger Gläser im Museum von Ne^lpel (Raccolta Cumana). 
Gläser in Form von Gänsen und Enten bei Charvet T. 13, jy. 

Nola. Glaslinse in Goldfassung bei Minutoli. 



189 



Apulien. 

Canosa (Canusium). Farbige Gläser. 

Ruvo (Rubi). Zahlreiche opak-farbige Gläser, jetzt im Museum 
von Neapel. Am hervorragendsten darunter eine Platte von 
gelber Grundfarbe mit weißen, blau umrandeten Punkten, 
goldenen, blauen und roten Flecken. 

Fasano (Guatia). Opak-farbige Gläser. 

Sizilien. 

Fundberichte sind nicht vorhanden. Solonte, 
Fragment eines Bechers des Ennion. 

Sardinien« 

Cornus. An 300 Gläser, darunter zwei farb- 
lose Becher mit griechischen Inschriften. 
Tharros. Punische Halskette. Glas bei 
Slade Nr. 232. Sogenanntes Diatretum der 
Sammlung - Cagnola in Mailand. 




Abb. 94. Becher mit 

gerippten Fäden. ^ •4-3'H- 
Namur, Museum. 



P 



C£»5I 



Spanien. 

In Spanien und Portugal wurden nach der Mitteilung 
des Plinius schon in den ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit 
Glaswerkstätten angelegt, doch dürfte dort die Industrie fast 
ausschließlich für den Hausgebrauch gearbeitet und keine höhere 
künstlerische und technische Vollendung erreicht haben. Ihr 
1 lauptsitz scheint Taracco gewesen zu sein, wo sehr viele Ge- 
brauchsgläser, namentlich langhalsige Flaschen vorkommen. Aber 
auch an anderen Orten wurden neben einigen gravierten Gläsern 
Massen ordinärer Ware aufgedeckt, die in ungeordneten Haufen 
ohne Fundnotizen oder andere auf ihre Herkunft bezügliche 
Nachrichten in den Museen kigern. Freilich wurde Glas aus 
dem Oriente schon hinge vor der römischen Zeit eingeführt, 
zuerst durch die Phönizier, dann durch die Griechen. »Sowohl 
in der phokischen Kolonie Rosas (dem alten Rhoda) wie in dem 
massilischen Castellon de Ampurias (Emporion) am Fuße der 



190 

Pyrenäen wurden außer Glasperlen auch ägyptische Alabastra 
und andere opakfarbige Gläser mit Farnkrautmuster und W eilen - 
fadenverzierung" gefunden. Einige schöne Stücke aus Ampurias 
kamen in die Sammlung Zettler nach München. Mit der Römer- 
herrschaft verfiel auch die Glasindustrie im Lande, Isidor von 
Sevilla (gest. 636) spricht von den Glashütten der Römer als 
von etwas vergangenem. 

Die vorerwähnten gravierten Gläser sind iuüischer Herkunft. 
Sie wurden auf portugiesischen Boden verschlagen und als Grab- 
beigaben verwendet. Das eine, ein Fläschchen mit einer gravierten 
Ansicht der Küste von Puteoli und von Bajae wurde in einem 
alten römischen Bergwerke zu Odemira im Bezirke von Evora, 
andere in Tavira gefunden. 1 ) Das läßt d;irauf schließen, daß die 
Industrie von Campanien, den ältesten Glaswerkstätten des 
Westens aus, nach der iberischen Halbinsel verpflanzt wurde. 



GH^g 



Gallien. 

Auch nach Gallien wurde die Glasindustrie von den 
Römern verbreitet und die vorzüglichen, noch heute zum Teil 
benutzten Sandlager bei Lyon, Fontainebleau, Chantilly, Nemours, 
Namur ihr dienstbar gemacht, bis man Mittel gefunden hatte, 
auch schlechteren Sand durch Befreiung von Eisenoxyden und 
anderen verunreinigenden Bestandteilen herzurichten und damit 
den bisher an bestimmte Orte gebundenen Betrieb beliebig aus- 
zudehnen. Das Material selbst war den Kelten durch ägyptischen 
und etruskischen Import längst bekannt, wenn sie es auch nicht 
herstellen konnten, ja nicht einmal einen Namen dafür hatten. 
Die keltische Bezeichnung für Glas ist aus dem lateinischen ent- 
lehnt, doch existiert eine ältere dafür bei den Iren in dem Worte 
gloina, Adjectiv gloingha, die in Gallien selbst ausgestorben ist. 
Man hatte das Glas durch die zahlreichen, auch bei den Dol- 
men der normannischen Küste (s.S. 110) gefundenen Schmuck- 
perlen, an den Besatzstücken etruskischer Fibeln der Ilallstadt- 



!) Vgl. Abschnitt VIII. 



191 

periode, sowie in vereinzelten Gefäßen kennen gelernt und 
dem rätselhaften, fremdartigen, glänzenden Stoffe, gleich dem 
Bernstein und den Gemmen eine geheimnisvolle Bedeutung als 
Talisman beigelegt. Die Druiden bedienten sich linsenförmiger 
Kugeln aus farbigem Glase zur Bezeichnung ihrer Rangstufen : 
Blaue bezeichneten die Würde des Oberpriesters, weiße die der 
eigentlichen Druiden, grüne die der Ovaten, dreifarbige die der 
Schüler. Sie trugen Amulette in Form gläserner Perlen. Auch 




Abb. 95. Gruppe von Gläsern mit Spiralfäden. Köln, Sammlung M. vom Rath. p 4'2-7,-t- o 



im Mythus spielte das Glas eine Rolle; er spricht von einer 
gläsernen Insel namens Avallon (angelsächsisch Gkistney). 

Diese ersten Boten der Glasmacherei riefen anfangs keine 
direkten Nachbildungen hervor, trugen jedoch mit etruskischem 
Importe zur Entwickelung der gallischen Emailindustrie bei, von 
der wir namentlich in Bibracte bereits iius der Latenezeit zahlreiche 
hochentwickelte Proben besitzen. Dort und in den Nekropolen 
der Champagne trat den Römern schon bei der Eroberung des 
Landes ein hochentwickeltes Kunstgewerbe und ein Dekorations- 
stil entgegen, der allerdings nicht auf Gallien allein beschränkt 
war, sondern ganz Mitteleuropa umfaßte und auf einen gemein- 
samen kelto-skythischen Ursprung zurückgeht. 1 ) Dieser Stil ist 
ein wesentlich ornamentaler, geometrischer und' auf farbige 



*) Salomon Reinach, Antiquites nationales du Musee St. Germain. Einleitung. 



192 



Wirkung berechneter. Daher pflegt er auch im Gegensatze zum 
klassischen Geschmacke das Email. Die Eigentümlichkeiten des 
gallischen Geschmackes treten auch in der Folge hervor. „Ob- 
gleich Rom", sagt Boissier, „während fünf Jahrhunderten die 
Herrin Galliens gewesen ist, hat es dort den nationalen Geist 
nicht zerstört. Die Gleichförmigkeit des Reiches ist nur schein- 
bar, im Grunde bestehen zwischen den einzelnen Provinzen Ver- 
schiedenheiten und es dient Rom zur Ehre, daß es diese nicht 
zu verwischen gesucht hat. Der Gallier lebt bei uns unter den 
Römern und wenn er spricht oder schreibt, ist es leicht in seinen 
Büchern und Reden die Vorzüge und Fehler zu bezeichnen, die 
auch später der französischen Literatur eigentümlich sind." 

Der Einfluß der alexandrinischen Kunst, dem Italien selbst 
seit dem Beginn des I. Jahrhunderts erlag, tritt auch in Gallien 
sehr deutlich hervor. Er kam nicht nur über die Alpen ins Land, 
sondern fand schon vor den Römern seinen Weg von Massilia 
aus durch das Tal der Rhone ins Innere. Strabo berichtet IV 10, 1 3, 
daß die Alexandriner viele Fremde bei sich aufnehmen, aber 
auch viele der ihrigen nach auswärts senden. Marseille stand 
immer in Verbindung mit Ägypten, noch im Anfange der frän- 
kischen Zeit kam der Papyrus von hier nach Gallien. Man 
brauchte etwa 30 Tage Seefahrt dahin. Als Pflegestätte von 
Literatur und Wissenschaft wurde Massilia selbst von bildungs- 
bedürftigen Römern aufgesucht und war in seiner Blütezeit 
Alexandria und Antiochia ebenbürtig. Mit der engeren Heimat, 
den jonischen Inseln, herrschte gleichfalls reger Handelsverkehr. 
Derselbe Strabo sagt von Massilia „(fiÄeltyvccg ■KaxeGv.eva^s tag 
Ü-aÄcrrag" . Tacitus und die Inschriften helfen das Bild von der 
glanzvollen Jonierstadt ergänzen, deren Münzen bis in die Alpen- 
gegenden hinein als Zeichen eines länderumfassenden Unterneh- 
mungsgeistes zerstreut sind. x ) Reiche Massilioten hatten im Süden 
Galliens bedeutende Kunstwerke ihrer griechischen Landsleute 
zusammengebracht, wie die Venus von Vienne, die beiden 
Statuen dieser Göttin in Arles, die von Frejus, den Diadumenos 
von Vaison, sie hatten einen Meister ersten Rcinges wie 
Zenodorus beschäftigt, den Schöpfer des kolassalen Mercurius 



x ) Vgl. E. Maaß, Die Tagesgötter. 



193 

Arvernus. Während die griechische Kunst in Ägypten eine vier 
Jahrtausende alte Kultur antraf, eine Monumentalkunst ohne 
gleichen, stieß sie in Gallien nur auf eine, freilich sehr geschickte 
und vielseitige Handwerksübung - . Es ist daher erklärlich, daß die 
Kunst, die sich in Gallien entwickelte, vollkommen griechische For- 
men annahm. Nach Loeschcke waren südgallische, in griechischer 
Technik geschulte Steinmetzen bei den Denkmälern von Neu- 
magen, Igel, dem Grabmale der Julier in St. Remy, dem Triumph- 
bogen in Orange u. a. tätig und wurden die Lehrer der Ein- 




Abb. 96. Gruppe von Gläsern mit Netz- und Zickzackfäden. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



434^3^431^87 



heimischen. Reinach glaubt dagegen in dem realistischen Zuge 
der Reliefs, die mit Vorliebe Szenen des häuslichen Lebens, des 
Geschäftsverkehres, der Landwirtschaft, des Weinbaus schildern, 
nicht nur hellenistischen Geist, sondern direkte Einwirklingen 
des ägyptischen Sinnes für die Wirklichkeit erkennen zu müssen. 
Auch in Einzelheiten, wie in der scharfen Umschneidung der 
Reliefs durch gravierte Linien, sieht er bewußte Nachahmung 
des ägyptischen Reliefstiles. Viel deutlicher fühlbar machen 
sich ägyptische Einflüsse in der Kleinplastik, in der Neigung 
zur Karikatur bei den Negerbildern in Bronze, Ton und Glas, 
den Gestalten musizierender Affen, den Götterfigürchen, ab- 
gesehen von den ztihlreichen importierten Uschebtis und ägyp- 
tischen Kleinbronzen. Die römischen Villen in Belgien sind in 
der Anlage denen von Ägypten ähnlich, doch mag hier keine 
unvermittelte Einwirkung im Spiele sein, sondern das Beispiel 

Kisa, Das Glas im Altertume. j -> 



194 



der Villen Pompejis, dieser Kolonie alexandrinischer Kunst auf 
italischem Boden. 

Von allen Künstlern, die im I. Jahrhunderte nach Gallien zu 
arbeiten kamen, ist nur ein Name erhalten, der des Zenodorus. 
Reinach hält ihn bestimmt für einen Alexandriner, Thiersch für 
einen Massilier, aber sein Name kommt sonst nur in Ägypten 
und Syrien vor. Nach Plinius lieferte er für die Stadt der 
Arverner eine Kolossalstatue des Mercur in Erz und bezog da- 
für bei iojähriger Arbeit das sehr anständig'e Honorar von 
400000 Sesterzien. Außerdem kopierte er für Dubius Avitus, 
den Statthalter der Provinz, zwei von Calamis ziselierte Becher, 
welche Germanicus dem Oheim des Statthalters, seinem Lehrer 
Cassius Silanus, zum Geschenke gemacht hatte. Sonst erfahren 
wir durch eine Inschrift in Lyon von einem Glasmacher, einem 
„opifex artis vitriae Julius Alexander, natione Afer, civis Cartha- 
giniensis". 1 ) Karthagos Glasindustrie hing mit der seiner Vater- 
stadt Tyrus zusammen. Vielleicht ist das derselbe Alexander, 
dessen linksläufiger, ziemlich schlecht in Reliefbuchstaben aus- 
geprägter Namensstempel auf dem Boden einer ordinären vier- 
eckigen Flasche £ius grünlichem Glase in Rom zu lesen ist. 2 ) 

Alexandrinische Händler kamen weit ins Land hinein. In 
Clermont (Dep. Oise) wurde der Grabstein eines Alexandriners 
gefunden, der in einem industriellen Betriebe tätig gewesen sein 
könnte. Ägyptische Schiffe gingen außer Massilia auch nach 
Narbonne. Zu Nimes errichtete Augustus nach der Unter- 
werfung Ägyptens eine Kolonie alexandrinischer Veteranen. 
Die städtischen Einrichtungen sind dort denen der ägyptischen 
Hauptstadt gleich, der Kult der Isis und des Anubis ergibt sich 
aus Altarinschriften, einige Münzen zeigen das Krokodil in Ketten, 
das Symbol des besiegten Ägyptens, und die Zeitrechnung wird 
dort selbst unter Augustus nach alexandrinischem Systeme vor- 
genommen. 3 ) In der gallischen Kleinkunst erscheint öfter die 
Personifikation Alexandrias, das Brustbild der Stadtgöttin, wie es 
auf einem Bronzerelief aus Pompeji im Museum zu Neapel und 
auf einer silbernen .Schüssel des Schatzes von Bosco Reale vor- 



J ) Boissieu, inscriptions de Lyon 427. Orelli 4299. Froehner S. 124 Nr. I. 

2 ) Dressel im Corpus inscr. lat. XV. 7001. 

3 ) Ilg bei Lobmayr S. 45. 



195 

gebildet ist, mit dem charakteristischen Elefantenrüssel auf dem 
Haupte. Außer einigen Tonlampen in Köln kommt zu derartigen 
Darstellungen neuerdings ein Goldbild, ein sog. Fondo d'oro im 
Besitze von Theodor Graf in Wien, das allerdings wahrscheinlich 
aus Alexandria selbst stammt.' 2 ) 

Im allgemeinen treten am Rhein und im narbonnensischen 
Gallien die heimischen Elemente weniger hervor, weil hier die 
Romanisierung durch Beamte, Garnison und Veteranen viel stärker 




Abb. 97. Gruppe von Gläsern mit Fadenverzierung. Köln, Sammlung M. vom Rath. 

^ 37, 4 3<f 

betrieben wurde. Am deutlichsten sind sie in Gallia Lugdunensis 
und Gallia Belgica, in der Normandie und Picardie. Gleichzeitig 
ist aber auch nirgends der Zusammenhang zwischen gallischer 
und alexandrinischer Kunst so charakteristisch ausgeprägt wie 
auf diesem Boden, auf welchem sich im IL Jahrhundert die Glas- 
industrie zur Selbständigkeit erhob, um zu dessen Ende und nament- 
lich im Verlaufe des dritten eine Ausdehnung zu erreichen, welche 
die italische hinter sich zurückließ und mit der Alexandriens und 
Syriens selbst im Exporte wetteiferte. In den Fabriken der Nor- 
mandie, des Artois, der Picardie, der Aisne, im Walde von Bre- 
tonne, an den Ufern der Seine, bei Arras, Rouen, im Tale der 
Meuse wie in Lyon und Marseille wurden Massen gewöhnlicher 



2 J Abgebildet bei Vopel, altchristl. Goldgläser. Das Stück wird unter den 
Gläsern mit Goldverzierung im X. Abschnitte ausführlicher behandelt, wo auch die 
Abbildung wiedergegeben ist. 



196 

Gebrauchsware erzeugt, deren Reste in sehr zahlreichen Gräber- 
funden auf uns gekommen sind. In ihnen überwiegt weitaus das 
durchsichtige geblasene Glas, das zum Teile reines Krystallglas 
ist, gewöhnlich aber einen Stich ins grünliche zeigt. Doch ist 
diese Schattierung durchaus von dem bläulichgrünen ägyptischen 
Glase verschieden, das sehr häufig bei der Importware vorkommt, 
heller und reiner, mehr einem gelblichen oder olivgrünem Tone 
zuneigend. In Lyon, bei Namur und in Foret de Mervent in der 
Vendee wurden Reste von römischen Glashütten aufgedeckt. 

Die Gräber von Gallia Vindobonensis enthalten viel farbiges 
Glas, Kannen und Flaschen von zierlichen griechischen Formen, 
Hals, Fußplatte und Mündung von einem opakweißen oder gelben 
Faden umgeben, aus welchem auch der Henkel gebildet ist. 
Daneben gibt es Reste von Überfangglas, das kameenartig mit 
dem Schleifrade behandelt ist; ferner Alabastra und Oenochoen von 
opakfarbigem Glase, in welches zierliche Muster von Farnkraut, 
Wellen- und Zickzackfäden oder glatten Bändern eingelassen 
sind. vSie unterscheiden sich von den altägyptischen außer den 
griechischen Profilen der Gefäßbildung, besonders der Mündung, 
namentlich dadurch, daß sie nicht aus freier Hand modelliert, 
sondern geblasen, mittelst der Glaspfeife hergestellt sind. Zu 
diesen Arbeiten der frühen Kaiserzeit kommen die Gläser mit 
Marmormustern, unregelmäßigen mehrfarbigen Flecken und 
Bändern, dann die Millefiorigläser mit ihren in die Masse ein- 
gestreuten Sternchen, Blümchen, konzentrischen Ringelchen, 
vermischt mit Punkten und Flecken, Petinetgläser mit einge- 
lassenen Fängsstreifen und mehrfarbigen, spiralförmig gewundenen 
Streifen und Stäben. Millefioriglas ist gewöhnlich zu flachrunden 
vSchalen mit und ohne Fuß verwendet, die teils glatt abgeschliffen, 
teils mit Längsrippen verziert sind. Schaden dieser Art wurden 
auch aus einfarbigem, tiefblauem, rotem, braunem Glase herge- 
stellt. Diese Sorten finden sich im Süden am häufigsten, 
sie kommen aber auch anderwärts, namentlich in den Kolonien 
der frühen Kaiserzeit vor und stellen den ersten Import iius 
dem Orient und Italien, die Musterexemplare dar, nach welchen 
die neubegründeten Werkstätten ihre Tätigkeit aiufnahmen. 
Um die Mitte des I. Jahrhunderts verschwindet die Vorliebe für 
Überfanggläser, Millefiori und Alabastra, das durchsichtige leichte 



J 97 



Glas beginnt das schwere opake, die Nachahmungen von Marmor 
und Edelsteinen zu verdrängen. Die gallischen Werkstätten 
versuchen sich eine Zeitlang in der Nachahmung der Millefiori- 
und Marmorgläser, aber mit geringem Erfolg'e. Das Material ist 
gröber, ohne Leuchtkraft, die Farben stumpf, die Politur un- 
beholfen. Bei der Nachbildung der Alabastra mit Farnkraut-, 
Wellen- und Zickzackmustern beschränkt man sich von Anfang 
an auf eine annähernde Wiedergabe des äußeren Findruckes 
und geht den technischen Schwierig- 
keiten der ägyptischen Originale aus 
dem Wege. Das Gefäß wird aus 
durchsichtig-farbigem Glase geblasen 
und darauf das Muster nicht in Fäden 
aufgelegt und in die Masse einge- 
walzt, sondern dünn und oberfläch- 
lich aufgetragen, teilweise mit dem 
Pinsel aufgemalt. Diese Technik 
wurde nach längerer Unterbrechung 
im III. Jahrhundert wieder aufgenom- 
men und von da ab bis in die 
fränkische Zeit sehr eifrig geübt: 
Farnkraut- und Wellenmuster bil- 
den beispielsweise den beliebtesten 
Schmuck fränkischer Glasperlen. 

Mehr Glück hatten die gallischen Werkstätten bei der Nachbildung 
der halbkugeligen gerippten Schalen in einfarbigem Glase, doch 
überwog hier bald das grünlich -durchsichtige die opaken und 
lebhafter gefärbten .Sorten. Auch die farbigen Kännchen und 
Fläschchen in griechischen Formen wurden nachgeahmt und dabei 
der Fadenschmuck spiralförmig oft über den größeren Teil des 
Gefäßes ausgedehnt. Nachdem in der zweiten Hälfte des 
I. Jahrhunderts das farblose Glas den Geschmack an diesen 
schönen Erzeugnissen zurückgedrängt hatte, kamen sie bei der 
Reaktion des griechischen Kunstg"efühles unter Hadrian aufs 
neue in Mode. 

Inzwischen hatte die Lehrtätigkeit eingewanderter ^dexan- 
drinischer und italischer Glasmacher Früchte getragen. Die 
gallischen Werkstätten erstarkten zur Selbständigkeit und be- 




Abb. 98 



Xetzbechcr. 
Köln, Museum. 



^3S 



198 



durften der fremden Beihilfe nicht mehr. Langsam vollzog - sich 
auch eine Verschiebung der Industrie von dem stark mit fremden 
Kolonisten durchsetzten Süden nach dem Norden, ihr Schwer- 
punkt erscheint vom Anfange des IL Jahrhunderts ab nach Gallia 
Lugdunensis und Belgica verlegt. Boulogne, Amiens, Reims, 
Vermand, Namur entwickeln sich zu den Hauptzentren. Das 
farblose Glas herrscht vor und bestimmt den Stil. Die Faden- 
verzierung gewinnt eine außerordentlich reiche Entwickelung im 
phantastischen Schlang-enfaden, im Netzwerke, das den Körper 
des Gefäßes völlig umspinnt und in den weiten Zickzacklinien, 
die oft mit Nuppen verbunden werden. 

Daneben wies die Keramik den Weg zu reicher plastischer 
Gliederung durch Eindrücke, Falten und Rippen, durch Buckel, 
aufgesetzte Stachel u. a. Den größten Aufschwung aber ver- 
dankt die Industrie der Benützung von Hohlformen, in welche 
das Glas dünnwandig eingeblasen wurde. Zu Anlang des 
IL Jahrhunderts wurden in Gallia Belgica jene Sigillatabecher mit 
zylindrischen Wendungen nachgebildet, deren Reliefschmuck sich 
auf die volkstümlichen Sclmustellungen der Arena, die Tierhetzen, 
Wagenrennen, Gladiatorenspiele bezog, die in Gallien ebenso 
heimisch geworden waren wie in Italien. Man versah Tonmodel 
mit ähnlichen Szenen und blies in sie farbiges, goldbraunes, blaues, 
grünliches oder farbloses Glas. Außer diesen sog. Zirkusbechern 
wurden auch geformte Gläser mit einfacheren Reliefornamenten 
fabriksmäßig hergestellt, da sich die Arbeit mit Hohlformen, die 
weniger von der persönlichen Geschicklichkeit des Glasbläsers 
abhängig ist als andere, besonders zur Massenproduktion eignete. 
Namentlich mit den Kannen, welche die Gestalt des gallischen 
Weinfasses michahmen, den Fassk£innen, den ,barrillets' der Franzo- 
sen, überschwemmten die belgischen Werkstätten, insbesondere die 
im III. Jahrhunderte und schon zu Ende des zweiten tätige Ofncina 
Frontiniami die ganze Provinz, selbst England und Italien. Neben 
derartigen selbständigen Erzeugnissen fielen orientalische An- 
regungen auf fruchtbiiren Boden. Die kleinen flachrunden Pilger- 
flaschen, deren Seiten mit Medusenmasken in Relief geschmückt 
sind, wurden bereits zu Anfang des IL Jahrhunderts in farbigem 
Glase nachgeahmt. Ihnen folgten die Gefäße in Form von Janus- 
köpfen, von Neger- und Sklavenköpfen, von hockenden Affen, 



199 




Gänsen, Enten und anderen Tieren, die Nachbildung" von Früchten, 
darunter die schönen Kannen in Form von AVeintrauben u. a. 

Der Export Syriens scheint auf diese Entwickelung nicht 
ohne Einfluß geblieben zu sein. Syrische Kaufleute und Hand- 
werker begannen schon im I. Jahrhunderte sich in Gallien nieder- 
zulassen, zuerst in Vienne und Lyon, wo sie namentlich die 
Seidenindustrie einbürgerten, dann in Bordeaux u. a. Unter der 
Kaiserin Julia Domna, einer Syrerin, stieg die Macht ihrer Lands- 
leute auf allen Gebieten, später ging in Gallien die syrische Ein- 
wanderung mit der Christianisierung Hand in Hand. Antiochia, 
die Hauptstadt, erschien zugleich vom IL Jahr- 
hunderte ab neben Alexandria als Vorort grie- 
chischer Bildung - . Damit erklärt sich vielleicht 
auch das häufigere Auftreten griechischer In- 
schriften auf gallischen Tongefäßen und Gläsern 
im III. und IV. Jahrhundert. Nachdem Sidon 
und Tyrus ihre frühere Bedeutung verloren 
hatten, fand die Glasindustrie im syrischen Hin- 
terlande eifrige Pflegestätten, die ihre Verbin- 
dung-en von West nach Ost ausdehnten, sogar 
bis zu den Chinesen, welche erst dadurch das 
Glas überhaupt kennen lernten. Die Syrer 
pflegten vor allem die Technik des aufgelegten Fadens, die Ver- 
zierung - mit Buckeln und Eindrücken, sowie das Blasen in Formen. 

Die gallische Industrie bewegte sich im III. Jahrhunderte 
vorzugsweise in gleichen Richtungen, wobei die Farbe gegen 
die plastische Ausbildung in den Hintergrund trat. Entgegen 
lebte im folgenden die Freude an jener wieder auf. Gefäße in 
leuchtendem Blau, Purpurrot, Violettrot, Goldbraun, Smaragd- und 
Dunkelgrün werden wieder häufiger, die Verzierung mit Nuppen, 
Zickzack- und Wellenfäden gibt zu mehrfarbiger Wirkung Ge- 
legenheit. Aber Form und Dekoration wird immer derber und 
brutaler, bis man im V. Jahrhunderte sogar zum Besatz der Gefäße 
mit unregelmäßigen Steinb rocken gelangte, den Zickzackfaden un- 
förmlich dick und reg'ellos herumschlang und die Fähigkeit verlor, 
reine, leuchtende Farben herzustellen. Gravierung, Schliff und 
Malerei, die Haupttechniken vom Ende des III. Jahrhunderts ab, 
wurden vorwiegend im Rheinland g'epflegt, insbesondere in Köln 



Abb. 99. Kännchen 

mit Netzverzierung. 

Trier, Museum. 



3.3>\ 



43<i 



200 



und Trier. Die anderen gallischen Gebiete nahmen an ihnen 
nur geringen Anteil, doch blieb die Glasindustrie Belgiens, die 
der Picardie und der Aisne auch noch in fränkischer Zeit ver- 
hältnismäßig die bedeutendste des Nordens diesseits der Alpen. 

Bei der Wohlhabenheit, die sich in Gallien während der 
ruhigen Herrschaft der Römer ^lusbreitete, drang der Gebrauch 
des Glases in alle Schichten der Bevölkerung, so daß die Gräber 
der Toten eine große Menge von gläsernen Beigaben enthalten. 
Die Zahl der in Gallia Belgica und Gallia Lugdunensis gefundenen 
Gläser wird nur von jener überboten, welche der Boden Kölns 
spendete. Was sich außerhalb der Gräber einst an solchen be- 
fand, ist natürlich längst zerstört, ja selbst die Gräber waren nicht 
immer, namentlich bei feindlichen Einfällen, der Plünderung ent- 
gangen. Aber noch im Mittelalter waren, wie Theophilus be- 
zeugt, gewaltige Massen antiker Gläser in Gallien vereinigt. Die 
in solcher Arbeit erfahrenen Franken sammelten sie, zerstampften 
sie (!) und schmolzen sie von neuem zu farbigem Glase. Diese 
barbarische Prozedur, welche beweist, daß antikes Glas durch 
sein häufiges Vorkommen an Wert eingebüßt hatte, wurde durch 
das Vorurteil verursacht, daß das so gewonnene farbige Pro- 
dukt besser sei als das auf gewöhnlichem Wege hergestellte. 
Außer Theophilus enthält auch Ileraclius Rezepte zur Herstellung 
farbigen Glases, namentlich aber von Farben zur Bemalung von 
Glas aus antiken Scherben. Für die Fortdauer der antiken 
Tradition auf gallischem Boden spricht u. a. der Umstand, daß 
die Venezkmer im XVI. Jahrhunderte die Asche einer ,herba 
calida' aus Maguelonne in Südfrankreich bezogen, um sie zur Glas- 
schmelze zu verwenden. 

Außer dem Karthager Alexandros, der als Glasmacher in 
Lyon tätig war, ist durch Inschriften und Fabrikstempel eine 
ganze Reihe gallischer Glaskünstler bekannt geworden. Auf 
importierten Waren liest man Stempel des Artas, Volumnius 
Januarius, Leuponius Borvonicus, der Firmier Hilaris und J lylas 
und andere. Einheimische waren Amaranthus, Patrimonius, 
Imperator, Daecius, Felix, die Ofticina Frontiniana, Equa(-siusP) 
Lupio, Cebeius llyllicus, Cosanus (oder Cosanius), G. Appius 
Apinossus (Besancon), Q. Cassius Nocturnus, Laurentius, Magiums, 
Rimus, Calcagnus u. a. 



201 

In folgendem sind im Anschlüsse an Froehner, die wich- 
tigsten Fundorte von Gläsern auf gallischem Boden, mit Aus- 
nahme von Deutschland und der Schweiz, angeführt. 

Gallia Narbonnensis. 

Hauptfundorte sind die Gräber von Toulouse (Tolosa) und 
Nimes (Nemausus). Hier fand man auch ein Glas mit der Marke 
eines griechischen Werkmeisters Zethos, vielleicht eines Zeitgenossen 




b c d 

a ( 

a Bonn, b Worms, c Nürnberg (Germanisches M.), d Bonn, e Trier. 



Abb. ioo. Gruppe von Gläsern mit Fadenverzierung. In den Museen von 435"-6 / 4'38 



der Sidonier Artas, Ennion u. a., dann ein hervorragendes Stück, 
einen mit Pmiailfarben bemalten Becher, auf welchem der Kampf 
von Pygmäen gegen Kraniche geschildert ist. Das jetzt im Louvre 
befindliche Glas wird später noch näher besprochen werden. 

Aix (Aquae Sectiae). Unter anderm große zylindrische 
Aschenurnen. 

Apt (Apta Julia). Zahlreiche, überall hin zerstreute Funde. 
Eine Aschenurne mit dem Stempe L. AREENI L\PIDIS. 

Gallia Vindobonensis, 

Hauptfundorte sind die Gräber von Marseille (Massilia) und 
Arles (Arelas). Schon Caylus spricht von ihnen und bildet 



202 

Recueil III 330 T. 89 das Bruchstück eines Überfangglases mit 
bacchischer Szene ab: Ein Baccluint, der einen Bock herbei- 
zieht, gefolgt von einem Satyr. In der Revue archeol. N. S. 28, 
S. 79 werden andere Gläser veröffentlicht. In der Gegend über- 
wiegt die farbige Importware aus dem Orient und die Arbeit 
der frühen Kaiserzeit. 

St. Gabriel. (Dep. Vaucluse) und Vaison (Vasio) sehr reiche 
Funde farbiger Gläser, davon mehrere im Britischen Museum und 
früher bei Charvet, jetzt im Metropolitan Museum zu New-York 
(abgeb. bei Froehner a. a. O. T. 18, 87 T. 29). 

Rouffieu. Bourgoin. Le Pouzin. Farbige Gläser im Briti- 
schen Museum. Montagnole (Savoyen), ein Gladiatorenbecher 
bei Charvet (Froehner T. 21). 

Aquitanien. 

Bordeaux (Burdigala). Saintes (Santones). Importware, da- 
runter eine viereckige blaue und eine viereckige gelbe Flasche 
mit Reliefmasken; gerippte Schalen, einzelne aus Millefiori. 

Vendee. 

Grues. Le Cormier. Reiche Funde, darunter ein Gladiatoren- 
becher aus gelbem Glase. Foret de Mervent, Reste einer Glas- 
werkstätte, gef. 1863. St. Medard des Pres. Chavagne, Becher 
mit Gladiatorenreliefs. 

Deux Sevres. 

Amure. Coulogne-les-Royaux. Luc. Sehr zahlreiche Funde, 
vgl. Revue archeol. XV S. 536. 

Vienne. 

Poitiers (Pietavi) sehr bedeutende Funde. Loudon. 

Maine et Loire, 

Clere. St. Just sur Dive. Grand Murat (Creuze). Tintignac 
(Correze). Issoire (Puy de Dome). 

Gallia Lugdunensis» 

Liier entstanden die ersten Glaswerkstätten auf gallischem 
Boden, vielleicht im Anschlüsse an die von Email. Bibracte 



20' 



hat ja auch die ältesten Emailarbeiten geliefert, von deren 
Werkstätten sich Reste erhalten haben. Lyon (Lugdunum) 
zahlreiche Funde. Montbrison (Loire). Cluilons s. Saöne (Cabil- 
lonum), unter anderem ein gläserner Fisch. Mont Beuvray 
(Bibracte). Charnay, Becher mit Quadrigen. Autun, (Bibracte) 
Fragment eines Bechers mit Quadrigen. Troyes (Tricasses). Arcis 
s. Aube. St. Loup. Buffigny. Melun (Mellodunum). Paris, zahl- 
reiche Funde. 

Bretagne. 

Rennes (Redones). Carnac (Morbihan). 
Außer anderem Reste eines Glasfensters, auf 
einer Seite poliert, auf der anderen rauh, 
an den Rändern Spuren eines roten Kittes. 

Normandie. 

Evreux. Vieux-Evreux (Eburovices). 
Eturquerai unter anderem eine Flasche in 
Form eines Fäßchens aus der Fabrica Fronti- 
niana. Trouville u. a. ein Becher mit einer 
Quadriga und ein Fragment mit Gladiatoren- 
relief. Rouen (Rotomagus) zahlreiche Kan- 
nen der Officina Frontiniana. Quatremares, 
eine Kanne mit Fadenverzierung. Eslette, 
Faßkannen der Frontiniana. Juliobona dgl. 
Etretat dgl. Le Bois de Loges dgl. Fecamp 
dgl. Neuville le Pollet (bei Dieppe) dgl., 

außerdem große Funde von Gläsern neben Münzen von I ladrian 
bis Marc Aurel. 

Gallia Belgica. 

Das heutige Dep. Seine Inferieure, die ehemaligen Gebiete 
der Yelocassier und Caleter, scheinen der Mittelpunkt der Fabri- 
kation geformter Gläser, der Becher mit Zirkusszenen in Relief, 
sowie der Faßkannen, gewesen zu sein. Während jene in den An- 
fang des IL Jahrhunderts hinaufreichen, blüht die Haupt Werkstatt 
der Faßkannen, die Officina Frontini ana, erst gegen Ende dieses 
Jahrhunderts auf. Ihr engerer Verbreitungsbezirk umfaßt außer 
Gallia Belgica die Normandie und Köln mit dem Niederrhein. Die 




Abb. ioi. Sog. Horn- 
becher. Sammlung Basser- 
mann-Jordan, Deidesheim. 



3^3 ( 436 



204 

1 lauptfundorte sind hier Reims (Durocotorum Remorum), Amiens 
(Samarobriva) und Vermand (Viromanduum in der Picardie). Die 
in Reims und Amiens gefundenen Gläser sind zumeist in alle 
Windrichtungen zerstreut, während die in Vermand und Abbeville 
gefundenen — gegen 500, davon der vierte Teil unversehrt — 
glücklicherweise beisammen geblieben sind. 1 ) Gläser bilden in 
Vermand den größeren Teil der Grabbeigaben. Sie reichen nach 
Pilloy von der Mitte des III. bis zum Beginn des V. Jahrhunderts. 
Diese Datierung läßt sich jedoch nicht auf die Frontinuskannen 
anwenden, welche in Neuville le Pollet mit Münzen des Hadrian, 
der Faustina, des Commodus, Antoninus Pius und Marc Aurel 
zusammen gefunden wurden.' 2 ) 

In Amiens, dessen Museum reich an Gläsern aus der Um- 
gebung ist, wurde ein Glasgefäß in Form eines die Syrinx 
blasenden Affen gefunden, ein Typus, der auch in den Museen 
von Köln, Bonn und Trier vertreten ist, ferner ein Glasgefäß in 
Form eines Januskopfes (abgebildet bei Froehner a. a. O. T. 16, 
20, 21). — Andere Fundorte: Damery (Marne). Le Chatelet. 
Foret de Compiegne. Beauvais (Caesaromagus Bellovacorum), 
u. a. Kannen mit Spiralrippen. Etaples. Boulogne sur mer 
(Bononia) reiche Sammlung im dortig'en Museum. Sablonniere, 
Breny, Chouy, Ancy, Chassemy Gläser des IV. Jahrhunderts. 
Im heutigen Belgien: Avenne, Corroy le Grand, Furfoz, Namur, 
Samson, Spontin. Dann Steinfort in Luxemburg. 

Sequana. 

Besangon (Vesontio). Port sur Saöne (bei Vesoul) Fuß eines 
Bechers mit dem .Stempel des italischen Glasmachers G. Leu- 
ponius Borvonicus. 



x ) Pilloy, etudes sur d'anciens lieux de sepulture dans l'Aisne, tom. II S. 92 f. 
2 ) Cochet, Normandie souterraine S. 183. — Borin im corpus inscr. lat. XIII 

zu No. 38 ff. 



C£55> 



20: 



Britannien. 

Von Gallien aus verbreitete sich das Glas zu den keltischen 
Stammesgenossen in Britannien. Strabo nennt unter den Luxus- 
gegenständen, welche die Kelten Englands ihren Nachbarn jenseits 
des Kanales verdanken, Glasperlen und Glasgefäße. Erstere 
hatten ihnen aber bereits die griechischen, vielleicht schon die 
phönizischen Händler direkt zugeführt, wenn sie das geschätzte 
Zinn von den Casseriden holten und in der Nordsee auf Bernstein 




Abb. 102. Fränkische Becher Köln, Sammlung Nießen. P 



3^3-<¥ 



^86 



fahndeten. Wie in Gallien trugen die Druiden auch in England 
farbige Glasperlen als Erkennungszeichen und als Talismane; 
noch jetzt nennt das Volk sie Druideneier oder Schlangen- und 
Viperneier, wobei es die Durchbohrung in der Mitte als das Mal 
eines Schlangenbisses erklärt. Die Volksmeinung Englands berührt 
sich darin mit jener der Aschantis in Afrika, die gleichfalls 
gläserne Schmuckperlen, welche sie in der Erde finden, für Eier 
einer Schlangenart halten. Dabei mag der Umstand mitspielen, 
daß sie häufig an verborgenen Orten im Boden ruhen und ihre 
Entdeckung Sache des Zufalles ist. Die Germanen in Deutsch- 
land nannten sie auch Siegessteine, weil ,sie angeblich ihrem 
Träger den Sieg im Kampfe verbürgten. 

Die nordische Mythologie weiß viel von Glas zu erzählen. 
Sie spricht von Quellen, Schiffen, Bergen aus Glas. Der 
Himmel der Edda ist eine riesige durchsichtig'e Glaskugel. 



206 

In der Wickinger Sage legt Siegfrieds Mutter den Neugeborenen 
in ein Gefäß aus Glas. In einem gewaltigen Pokale aus Glas 
wohnt nach einer keltischen Legende auch König Artus. Den 
nordischen Völkern erschien das Glas, das zu ihnen auf Handels- 
wegen vom Süden herkam, als ein rätselhaftes und kostbares 
Produkt, viel wertvoller als Gold, Silber und Edelgestein. 

Die Sagen von gläsernen Sälen und Burgen mögen auf die 
Glasburgen zurückzuführen sein, welche sich tatsächlich in Schott- 
land, Frankreich und Deutschland erhalten haben. Man nahm 
früher mit Williams an, daß die schottischen Anlagen dieser Art 
tatsächlich völlig verglaste Wälle hätten, deren Entstehen man sich 
folgendermaßen erklärte. Man habe zuerst einen Graben auf- 
geworfen, diesen mit verschiedenen Materialien, welche in der Hitze 
schmelzen und verglasen, gefüllt und zugleich Holz, Kohlen und 
andere Brennstoffe hinzugefügt. Im Grunde entstand so eine Schichte 
von glasartiger Substanz, auf welche man von neuem Schmelz- 
material warf, und eine zweite Schichte herstellte. Dies setzte 
man fort, bis der Wall die gewünschte Höhe erreichte. Ilg be- 
zweifelt mit Recht diese Erklärung und denkt an eine natürliche 
Entstehung der Befestigungsanlagen durch einen Waldbrand. 1 ) 
Man erinnert sich da der Erzählung des Josephus Flavius von 
dem Waldbrande in Judäa, durch welchen man zuerst auf die 
Glasbereitung geführt worden sei (s. Seite 97). 

Inzwischen sind diese Glasburgen genauer untersucht 
und aufgeklärt worden. Es sind Befestigungsanlagen, die bis auf 
die Glasverkittung ganz den Steinringen des Taunus, der Eifel, des 
Hochwaldes und anderer Berggegenden Deutschlands entsprechen. 
Sie nehmen eine kleine Fläche auf dem Gipfel steiler Hügel, 
den Rand oder die Mitte steiler Bergzungen ein, so daß sie nur 
von einer Seite zugänglich sind, hier aber noch durch einen 
Vorwall gedeckt werden. Eine der bestausgeprägten Anlagen 
dieser Art ist Knock Ferrel Naphian, angeblich die Wohnung 
Fingais, zwei Meilen nw. von Dingwall in Rosshire. Sie bildet 
ein Oval von 120 Schritt Länge und 40 Breite. Der Wall ist 
12 Fuß, an einer Stelle 23 Fuß hoch, 3 — 4 dick und nach außen 
steiler abfeilend als nach innen. An der zugänglichen Spitze ist 



2 ) Ilg bei Lobmayr S. 45. 



207 

das Oval verlängert und enthält den durch z^lhlreiche Querwälle 
gesicherten Eingang, während die andere Spitze durch zwei Quer- 
wälle als letzter Zufluchtsort für die Not geschützt ist. Der Um- 
fassungswall und die Quer wälle sind nicht massiv geschichtet, es 
zeigt sich vielmehr, daß die Verglasung von innen aus vorge- 
nommen ist, wobei sie an der Außenseite sichtbarer hervortritt, 
als an der entgegengesetzten, wo manche Steine gar nicht vom 
Feuer berührt sind. Die Oberfläche ist im Allgemeinen nur 
wenig verschlackt, mit Humus und Heidekraut überzogen und 




Abb. 



103. Trinkhorn. Köln, Sammlung M. vom Rath. p 3 4-6 , ^ / "* 



daher kaum von einem gewöhnlichen Erdwalle zu unterscheiden. 
Früher nahm man an, daß die Verschlackung erst im XIII. Jahr- 
hundert dadurch herbeigeführt worden sei, daß Belagerer den Wall 
in Brand gesteckt hätten, um ihn zu zerstören. Das wird aber 
schon dadurch wiederlegt, daß der Mittelpunkt der Glut offenbar in 
das Innere der Mauer versetzt war. Gueslin de Bourgogne dachte 
sich daher die Entstehung der Glasburgen so, daß man im Inneren 
der Mauern Herde angebracht habe, in welchen man ein lang an- 
dauerndes Feuer unterhielt, welches allmählich zur teilweisen Ver- 
schkickung der Steine und Ziegel führte. Andere glaubten, daß 
man durch das ganze Innere der Mauern der Länge nach Brenn- 
material aufschichtete, entzündete, und die Glut von außen durch 
angelehnte Holzscheite verstärkte. Prevost ergänzte dies durch 
den Hinweis auf die Anlage von Ziegelöfen beim Feldbrande. 1 ) 



x ) Prevost, memoire sur les anciens constructions militaires connues sous le 
nom de forts vitrifies. Saumur 1863. 






208 



Ähnlich wie bei diesen habe man eine Mauer mit vielen Zwischen- 
räumen aufgeführt, in welche das Brennmaterial, Holz, Stein- 
und Holzkohle eingelegt und hierauf der Luftzug- und die Flamme 
geleitet wurde. Von außen habe man die Zwischenräume, wo 
irgend möglich, geschlossen und die ganze Mauer mit einem 
Überzuge von Ton versehen. Im Inneren finde man fast aus- 
schließlich Lehmziegel und nur ausnahmeweise Steine. 

Dagegen stellt von Cohausen fest, daß man bei den schot- 
tischen Glasburgen gerade im Gegenteile fast ausschließlich das 
Felsmaterial der Umgebung zur Herstellung des Walles benutzt 
habe und nur wenige Ziegel. 1 ) In Frankreich nahm man zumeist 
Granit, weißen Quarz und wenig Sandstein. Der im Granit ent- 
haltene Feldspat reichte hin, in Verbindung mit der Holzasche 
eine leichte Verglasung herbeizuführen, welche die Steine über- 
zog und einen festen Kitt bildete. Über das Alter der schottischen 
Glasburgen und der verwandten Anlagen in Frankreich und auch 
bei uns sind noch keine genügenden Untersuchungen angestellt. 
Man wollte sie den Dänen oder den Einwohnern aus der Drui- 
denzeit zuschreiben. Da man aber in einigen römische Ziegel- 
bruchstücke und lange eiserne Nägel gefunden hat, dürften 
wenigstens diese aus römischer Zeit oder einer bald darauf fol- 
genden Periode stammen. In Deutschland nennt man solche 
Anlagen richtiger Schlackenwälle. Einige von ihnen bestehen 
aus geglühtem Ton, aus Erdmassen, die mit Kohle und Asche 
untermischt sind, andere aus Steinen, welche geglüht, gefrittet 
glasiert oder geschmolzen sind. Solche Wälle gibt es bei Strom- 
berg und Rotenstein in der Nähe von Löbau, auf dem Rein- 
hardsberge bei Kamentz, dem Schafberge bei Bukowitz und bei 
K^irlowitz in Böhmen. Am Niederrheine wurden von Nöggerath 
Spuren von derartigen Wällen am Donnersberge gefunden. 

Vielleicht sind auch nach England alexandrinische Glas- 
macher gegangen, da die ILmdelsverbindungen von Marseille die 
Rhone hinauf nach Belgien und über den Kanal reichten und 
auch die Griechen Zinn von dort holten. Jedenfalls übte das 
Erstarken der heimischen Glasfabriken in Gallien auch seine 
Wirkung auf die Stammesgenossen in England, denn vom Ende des 



l ) v. Cohausen. Die schottischen Glasburgen. Bonner Jahrb. 37, S. 197 f. 



209 

I. Jahrhunderts ab wurde auch von diesen Glas erzeugt und zwar 
in durchaus gleicher Art. Die englisch-römischen Gläser stimmen 
sowohl in Material, wie in Form und Verzierung vollkommen mit 
den gallisch -römischen überein. Ob die zu Anfang des IL Jahr- 
hunderts auftauchenden, in Hohlformen geblasenen Zirkusbecher, 
von welchen schon die Rede war, auch in England gemacht 
wurden, wie einige englische Archäologen annehmen, ist 
nicht ganz sichergestellt. Tatsächlich wurden ebensoviele von 




Abb. 104. Trinkhorn aus Castel Trosino. Rom, Museo Civico. | a 3-4<i ( r '^~i ' > 



ihnen in England wie in Frankreich gefunden, ein Bruchstück 
dieser Art auch in den Werkstätten von Wilderspool (s. S. 23), 
was allerdings zugunsten dieser Ansicht ausgelegt werden 
kann. Jedenfalls lassen die Funde von Wilderspool einen sehr 
entwickelten und vielseitigen Betrieb erkennen, der sich nicht 
auf gewöhnliche Gebrauchsware beschränkte, sondern auch das 
Blasen in Hohlformen, die feinere Fadenverzierung, den Schliff 
und die Gravierung, farbloses und farbiges Glas, auch schon die 
Herstellung von Krystallglas durch Zusatz von Bleioxyden kannte 
und damit beweist, daß das moderne englische Bleiglas auf eine 
;ilteinheimische Übung zurückzuführen ist. Da sich diese Sorte 
besonders zur Gravierung und zum Schliffe eignet, sind gravierte 
Gläser unter den antiken Funden Englands verhältnismäßig sehr 
reich vertreten. Funde von römischen Gläsern sind in Eng- 
land überhaupt nicht selten; häufig kommen auch Emailarbeiten 
vor, selbst größere Stücke, Gefäße aus Bronze mit reichem 



Kisa, Das Glas im Altert« me. 



H 



2IO 

Grubenschmelz, (s. S. 151) wie die Bronzevase von Essex (abgeb. 
bei Deville T. 108) u. a. Man kann kaum daran zweifeln, daß 
Philostratus bei seiner Erzählung von den Barbaren am Nord- 
meere, welche in den Metallschmuck von Pferden unverwüstliche 
Farben einzuschmelzen verständen, nicht nur die festlän- 
dischen Küstenbewohner, sondern auch ihre Nachbarn jenseits 
des Kanales gemeint hat. 

Als Fundorte antiker Gläser kommen in England nach 
Froehner folgende Städte in Betracht: 

Arisford, Chilgrove (Archeologia 31, 312) und Dentworth in 
Sussex. Canterbury (Durovernum), wo u. a. eine Scherbe mit 
graviertem Wagenrennen gefunden wurde. Fiiversham und 
Hartlip in Kent, an letzterem Orte einer der Zirkusbecher aus 
grünlichem Glase, mit Wagenrennen und Gladiatoren. London 
(Londinium); zahlreiche Funde aus Spittlefield, die mit der Samm- 
lung Roach Smith in das Britische Museum kamen. Colchester 
(Camulodunum), reiche Funde, darunter ein Becher mit gravierter 
Zirkusszene und Inschriften aus Lexden Road, jetzt im Britischen 
Museum. Bartlow Hill, Messnig und Chesterford in Essex. Grun- 
disburgh und Melford in Suffolk. Barnwell (Cambridgeshire, 
vgl. Slade a. a. O. S. 44, 45). Leicester (Ratae) u. a. ein Frag'- 
ment eines Siegesbechers mit Gladiatorenkämpfen in Relief. 
Newark, (Gloucestershire). Circencester (Durocornovium). Caerleon 
(Isca Silurum). Cambeckfort am Hadrianswalle u. a. eine Scherbe 
mit graviertem Namen AKTA1&2N (vgl. Froehner S. 95). 



Skandinavien. 

Zu dem killten Himmel Skandinaviens ist niemals der 
Rauch einer antiken Glashütte emporgestiegen, aber der 
Handelsverkehr hat einen reichen Strom römischer Gkiswaren 
über die drei nordischen Königreiche, besonders über Dänemark 
ergossen. Wenn man von einigen Ausnahmen absieht, ergibt die 
Gleichartigkeit der Erzeugnisse ein bestimmtes Ursprungsgebiet 
und zwar das gallische. Da zwei besonders gut vertretene 
Sorten, die Gläser mit farbigen Emailrmilereien und die Rhyta, 
die gläsernen Trinkhörner besonders von der gallisch-reinischen 
Glasindustrie kultiviert worden sind, darf man einnehmen, daß 
auch die dritte im Norden bekannte Art, die Becher mit Hohl- 



21 I 



schliffen, die im gallischen Festlande wie in England hergestellt 
wurde, aus derselben Quelle stammt. Dazu kommt, daß sich in 
Dänemark überdies Gläser mit farbigen Schlangenfäden gefunden 
haben, welche geradezu eine Spezialität kölnischer Glashütten 
bildeten. So muß man denn für die mittlere und spätere Kaiser- 
zeit Köln, das Ausfallstor des römischen Handels nach dem freien 
Germanien, auch als Ausgangspunkt des Exportes von Glaswaren 
nach dem Norden betrachten, was mit den Ergebnissen, die 
Willers neuerer Zeit bei seinen Untersuchungen über die kom- 
merziellen Verhältnisse von Westdeutsch- 
land während der Römerherrschaft ge- 
wonnen hat, gut zusammenstimmt. *) 

Die Glasgefäße wurden neben zahl- 
losen Schmuckperlen in Gräbern gefunden, 
die fast durchweg der spätrömischen und 
der Völkerwanderung"szeit angehören und 
die Skelette vornehmer einheimischer Per- 
sonen, zumeist Frauen, enthielten. Nur die 
wichtigsten und künstlerisch bedeutendsten 
sind bisher veröffentlicht, während die Mehr- 
zahl, einfachere Gebrauchsgläser, selbst in den Zeitschriften der 
Archäologischen Gesellscluiften des Nordens nur flüchtig erwähnt 
sind.") Die wichtigsten Stücke, nach den Fundorten geordnet, 
sind : 

Dänemark. 

Varpelew 1801 u. a. gefunden ein Becher aus azurblauem 
Glase in durchbrochener Silberfcissung mit der Inschrift EYTYX2C. 
(Abb. 209). Dieses und das Überfangglas aus Solberg in Schwe- 
den sind vielleicht die einzigen Stücke, die nicht aus dem Rhein- 




Abb. 105. 
Parfümfläschchen in Ge- 
stalt eines Schweinchens. 
Köln, Museum. P 



4S-S,? 6 * 



x ) Willers, die Bronzeeimer von Hemmoor S. 191 ff. 

2 ) Über die nordischen Gläserfunde vgl. vor allem die Abhandlung von Oskar 
Almgreen, Abschnitt XI dieses Buches, das am Schlüsse mehrere Abbildungen be- 
malter Gläser des Nordens enthält. Einzelheiten finden sich bei Sophus Müller, 
Nordische Altertumskunde II. Montelius, Kultur Schwedens in vorchristl. Zeit, deutsch 
von C. Appel. Willers a. a. O. S. 61 ff. Bohn CiL XIII. Instrumentum do- 
mesticum (Germania Magna. Auch für die Funde auf deutschem und schweizerischem 
Boden). Führer d. d. Dänische Sammlung in Kopenhagen. Manche wichtige Notiz 
verdanke ich den brieflichen Mitteilungen von Dr. O. Almgreen in Stockholm. 

14* 



212 

lande, sondern aus dem Süden, wahrscheinlich auf einem der 
vom Pontus nach der Ostseeküste führenden großen Handelswege 
ins Land gekommen sind, die bereits von den Griechen benutzt 
wurden. Der Becher von Varpelew, welchem eine Münze des 
Kaisers Probus beigegeben war, stimmt in der Technik mit 
mehreren anderen antiken Gefäßen, besonders aber mit einem 
in Georgien gefundenen, jetzt in der Eremitage von Petersburg 
befindlichen Becher überein. 1 ) — Gleichfalls in Varpelew ist ein 
farbloser, weiß bemalter Becher mit der Inschrift DVBP gefunden 
worden, welche Bohn in Da Vinum Bonum Pie (Zesais) auflöst. 
Die Malerei stellt Vögel und Trauben dar. Zwei andere Becher 
aus farblos durchsichtigem Glase sind bunt mit Tierszenen bemalt. 
Peines der hier aufgedeckten Gräber enthielt u. a. 1 3 gläserne 
Spielsteine. 

Vorning (Amt Viborg, Jütland). Becher iius farblosem Glase 
mit eingeschnittener Inschrift IJIE ZHCAIC KAAQC. 

Ilimlingöje (Amt Presto) 1894. Becher mit Tierfries, Löwe 
und Panther, einen Steinbock verfolgend, in bunten Farben ge- 
malt. Ein Trinkhorn aus grünem Glase mit schrägen Riefen. 

Thorslunde (Amt Kopenhagen). Drei Becher aus farblosem 
Glase, bemalt mit Tierfriesen und Gladiatorenszenen. 

Nordrup (Amt Sorö). Zahlreiche gläserne Spielsteine in zwei 
Farben. Mehrere Becher darunter zwei mit Tierfriesen und Zir- 
kusszenen bemalt. 

Norrebroby (Amt Odense). Mehrere Glasschalen. 

Kjärumgaard (Amt Odense). Ein gläsernes Trinkhorn. 

Sophus Müller erwähnt unter den dänischen Funden auch 
Gläser mit eingeschliffenen Ovalen, solche mit .Spiralfäden, ein 
enges Kelchglas mit niederem Fuß und vier aufsteigenden 
Schlangenfäden in weiß und blau. Alle bisher genannten Gläser 
befinden sich im Museum von Kopenhagen. 



Schweden. 
Abeküs (Schoonen). Sehr viele Glasperlen und zwei konisch 
nach oben erweiterte Becher mit vier Reihen ovaler Hohlschliffe 
und gravierten Reifen. 



*) Stephani, compte rendu 1872 S. 144, D. T. II, 1, 2. Danach ist unsere 
Abbildung 207 hergestellt. Auch bei Schreiber, kulturhistorischer Bilderatlas T. 20, 2. 



213 



Norwegen. 

Solberg- (Amt Buskerud). Becher in Überfangtechnik, frag- 
mentiert, blau mit weißen Reliefbildern. 1 ) 



C£»J1 




Abb. 106. Gläser mit Zickzackfäden. 
Köln, ehem. Sammlung Merkens. 



Germanien. 

In den germanischen Provin- 
zen, vor allem im Rheinlande, 
hat die antike Glasindustrie schon 
in der Mitte des I. Jahrhunderts 
Wurzel gefaßt. Die Vermittelung- 
bildete die Colonia Treverorum, 
Trier, deren Gebiet zwar, wie 
die Stadt selbst, zur Provinz Bel- 
gica gehörte, sich aber bis zum 
Rheine vorschob, ohne daß die 
Grenzlinie zwischen Germanien 
und Belgica immer klar zu ziehen 

wäre. Das untere Moselland wurde später zur Provinz Ober- 
germanien gerechnet. Keltische und germanische Elemente 
waren im Rheinlande durcheinander gemischt, so daß auch in der 
Kunst, in der Religion und wie in den Verwaltungseinrichtungen 
beide nicht immer streng auseinanderzuhalten sind. Die Tre- 
verer selbst rühmten sich mit Recht oder Unrecht germanischer 
Abstammung, gleich den Nerviern, sie waren aber ohne Zweifel 
vollkommen gallisiert und unterschieden sich in nichts von ihren 
westlichen Nachbarn. Noch im IV. Jahrhundert sprach man in 
Trier keltisch. Der Dichter der „Moseila", der aus der Garonne 
stammende Ausonius, fühlte sich im Lande der Treverer ganz 
heimisch, und preist mit Begeisterung das idyllische Leben im 
Lande der Rebenhügel, das friedlich unter kaiserlichem Schutze 
geborgen lag, trotz der unruhigen Nähe des Rheines. Allerdings 
war der Unterschied zwischen der waffenstarrenden Militärgrenze 



43^ 



J ) Vgl. Abschnitt XI, wo dieser, wie zahlreiche andere skandinavische Funde 
abgebildet sind. 



214 

und dem fernen, lange Zeit durch den Limes gesicherten Lande ein 
sehr großer. Durch die Mosel mit den inneren Teilen Galliens 
verbunden, durch die Wasserstraßen der Rhone und Seine dem 
gallischen Handelsverkehr angegliedert, wurde es früh von dem 
von Massilia ausgehenden Strome antiker Kultur berührt. Seine 
Lage machte es aber auch zur Operationsbasis in den Kämpfen 
der Kaiser gegen gallische Empörer und germanische Eroberer 
geeignet. In augusteischer Zeit neu geschaffen, wie alle von 
diesem Kaiser gegründeten Städte, mit einem Netze breiter, 
gerader Straßen mit rechtwinkeligen Kreuzungen versehen und 
anfangs, wie es scheint unbefestigt, blühte die Stadt bald auf 
und wurde von mehreren der gallischen Nebenkaiser zur Resi- 
denz ausersehen. Maximian machte sie zur eigentlichen Haupt- 
stadt der ganzen westlichen Reichshälfte, da die politischen Ver- 
hältnisse, namentlich die drohende Germanengefahr die ständig'e 
Anwesenheit des Reichsoberhauptes notwendig erscheinen ließen. 
Auch sein Nachfolger Constantius residierte in Trier, das die 
Hochzeit seines Sohnes Constantin mit einer Tochter des Maxen- 
tius mit allem Glänze, aller Pracht und Grausamkeit der dabei 
veranstalteten Zirkusspiele sah, in welchen kriegsgefangene 
Fürsten der Franken nebst zahlreichen Stammesgenossen den 
Bestien vorgeworfen wurden. So groß war die Zahl der Opfer, 
daß, wie berichtet wird, „die wilden Tiere ob der Menge der 
Leute ermatteten." *) 

Zwei Jahrhunderte hindurch erfreute sich das Trevererland 
des Friedens und es konnte sich dort ein ähnliches Leben ent- 
falten wie im übrigen Belgien und im lugdunensischen Gallien. 
Handel, Landwirtschaft und städtischer Gewerbefleiß rührten 
sich allenthalben, an den Ufern der schiffereichen Mosel und in 
den Gebirgstäler der Eifel entstanden glänzende Landhäuser, 
deren luxuriöse Einrichtung uns die reichen Reste von Mosaikböden, 
Marmorvertäfelung und kleinem Hausrate aller Art verraten. Ganz 
einzig ist diesseits der Alpen der Skulpturenschmuck des Park- 
teiches von Welschbillig, der von marmornem Gitterwerk um- 
geben war, zwischen welchem sich Hermen erhoben. Auch im 
Taunus entwickelte sich ein glänzendes Landleben, doch können 



J ) Fr. Koepp, Die Römer in Deutschland, S. 90 ff. 



21 




sich dessen Villen nicht mit jenen des Mosellandes messen, wo auf 
Sitten und Lebensführung ein Abglanz des kaiserlichen Hofhaltes 
fiel. Wie es hier zuging schildern getreuer als Worte die Reliefs 
von Neumagen, die trauliche Bilder des Familienlebens, rea- 
listische Szenen des Geschäftsverkehres, der Landwirtschaft, des 
Weinbaues, der Moselschiffahrt, enthüllten, und in der zweiten 
Hälfte des IL sowie in der ersten Hälfte des III. Jahrhunderts 
entstanden, ein volles Jahrhundert vor Ausonius' Lobgedichte. 
Dann zogen sich freilich die Gewitter- 
wolken über dem Trevererlande zusam- 
men; man suchte der drohenden Ger- 
manengefahr durch die Befestigung der 
Stadt vorzubeugen, zu der die berühmte 
Porta Nigra gehört, das stolzeste Denk- 
rrKÜ antiker Festungsbaukunst und als 
solches selbst in Rom ohne gleichen. 

In den beiden germanischen Pro- 
vinzen, der Militärgrenze des Reiches, 
saßen dagegen vorwiegend germanische 
Stämme. Die Rauraker waren allerdings Abb. 107. Napf mit Zickzack- 
Kelten; im Decumatenlande, das einen faden. Breslau, Museum. 1 
großen Teil des obergermanischen Limes 

einschloß, hatte sich nach Tacitus „levissimus quisque Gallorum", 
„der Abschaum der gallischen Völkerschaften" angesiedelt. Die 
drei Hauptstämme jedoch waren rein germanischer Abkunft und 
erst zu Caesars Zeiten, die Ubier gar erst unter Augustus, vom 
linken Rheinufer auf das rechte verpflanzt worden. Aber auch 
im Decumatenlande saßen germanische Stämme, wie die Suebi 
Nieretes um Ladenburg, die Mattiaker um Mainz und andere, 
später zu den Alemannen und Franken hinzugezogene Völker- 
splitter. 

Alle diese Völkerschaften waren schon früh in freundschaft- 
liche Verbindung mit den Römern getreten und hatten sich 
gleichzeitig mit den Galliern auf guten Fuß gesetzt, die versprengt 
unter ihnen lebten, namentlich im Elsaß und in der Pfalz, wo 
das römische Element schon ein halbes Jahrhundert vor Augustus 
nivellierend eingewirkt hatte. Auch die Ubier und Mattiaker 
hatten durch lebhafte Handelsbeziehungen ihre alten Sitten ein- 



e'S. ^- 



2l6 



gebüßt, waren seßhafte Kaufleute, Landwirte, Fischer und Hand- 
werker geworden und wohnten teilweise in städtischen Ansiede- 
lungen. Das Bild, das Tacitus von den freien Germanen ent- 
worfen, paßte daher für diese Stämme längst nicht mehr. Die 
römische Verwaltung behandelte sie ganz wie die benachbarten 
Gallier. Wie für diese ein National-Landtag am Heiligtume des 
Augustus und der Roma in Lugdunum geschaffen war, sollten 
sich auch die der Römerherschaft unterworfenen Germanen an 
dem Pleiligtume des Augustus im Ubierlande, der Ära Ubiorum, 
alljährlich zu gemeinsamer Beratung versammeln. Ein Cherusker- 
prinz hatte zu Armins Zeiten hier die Stelle des Oberpriesters 
inne, doch löste sich die Einrichtung bald auf. Die augusteische 
Provinz Germanien wurde bald aus militärischen Gründen in zwei, 
Nieder- und Obergermanien geteilt, deren Grenze der Vinxtbach 
bildete, der ursprünglich das Gebiet der Ubier von dem der 
Treverer und später bis in napoleonische Zeit die Diözesen Köln 
und Trier schied. 

Die Städte, die im Rheinlande während des IV., teilweise 
schon zu Ende des III. Jahrhunderts entstanden, entwickelten sich 
aus Legionskigern. Schon unter Augustus wurde an der Lippemün- 
dung Xanten (Castra Vetera), an der Mainmündung Mainz (Mo- 
guntiacum) als Heereslager begründet, ihnen folgte das große 
Lager an der Ära Ubiorum, das später aufgelöst wurde, kleinere 
in Nymwegen, Cleve, Neuß, Bonn, Windisch (Vindonissa), Straß- 
burg u. a. Im Anschluße an sie bildeten sich bürgerliche Nie- 
derlassungen (canabae), zum Teile blühende Ortschaften, die mit 
dem Lager so enge verwuchsen, daß sie sich, besonders im 
Limesgebiete, mitunter auflösen mußten, wenn die Garnison 
verlegt und durch keine andere ersetzt wurde. Aus anderen 
sind dagegen manchmal blühende Ortschtiften geworden ■ 
Städte allerdings gab es bis in die späte Zeit nach rechtlichen 
Begriffen überhaupt nur zwei, Köln und Xanten. Während Mainz, 
trotzdem es der Sitz des Stadthalters von Obergermanien war. 
nur als befestigtes Lager galt, entwickelte sich die Residenz des 
Stadthalters von Niedergermanien, Köln, zur ersten und bedeu- 
tendsten .Stadt am Rhein, nachdem das frühere Fischerdorf der 
Ubier und nachmalige Lager unter Claudius zur Kolonie erhoben 
worden war und die städtische Munizipalverfassung bekommen 



217 




hiitte. Die Garnison wurde bis auf wenige, dem Statthalter und 
Legaten zur unmittelbaren Verfügung" stehende Truppen ver- 
legt und Veteranen angesiedelt, die sich auf ihren Grabsteinen 
mit Stolz cives Agrippinenses nennen. Erst im III. Jahrhundert 
entstand die Stadtbefestigung, deren Tore und Türme sich teil- 
weise bis heute erhalten haben. Der Hofhält der Statthalterei, 
das Heer von Beamten, die steigende Wohlhabenheit der Bürger, 
vor allem auf Grundbesitz und Handel zwischen Gallien und 
dem freien Gernmnien begründet, schufen auch hier ein stolzes 
Zeugnis römischer Kulturarbeit. Tempel und 
Paläste, Bäder und Amphitheater erhoben 
sich hier wie in Trier, wenn auch, da die 
Sonne kaiserlicher Huld nicht aus nächster 
Nähe strahlte und die Verbindungen mit der 
kunstreichen Gallia Narbonnensis weniger 
innig waren, einfacher und bescheidener. 
Trotzdem Köln aufgehört hatte Festung- zu 
sein, blieb hier im Angesichte des Feindes 
der militärische Zuschnitt. Luxuriöse Villen 
wolhabender Rentner, wie in Trier, gab es 
hier nicht. Während sich später und noch 
heute in den Burgen und Villen an den 

Ufern des Rheines der Reichtum des Landes zusammendrängte, 
war in Römerzeiten die Mosel darin dem Rheine voraus. Aber 
die günstige Lage der Stadt am Ufer der gewaltigen Wasser- 
straße und als Mittelpunkt eines weitverzweigten Straßennetzes 
brachte trotz der Unsicherheit der politischen Verhältnisse und 
der Schwere der kriegerischen Rüstung Handel und Gewerbe 
mächtig empor und schuf eine gewerbliche Tätigkeit, von deren 
Früchten sich noch die fränkische und karolinische Zeit nährte. 
Zwischen zwei und sieben Metern schwankt die Höhe der Schutt- 
haufen, in welche spätere Umgestaltungen und Verwüstungen 
die einst blühende Römerstadt verwandelt, so daß von ihren 
Bauten, mit Ausnahme einiger Befestigungen, nichts mehr 
kenntlich ist. Trier hat es darin besser. Dort pulsierte das 
mittelalterliche Leben weniger lebhaft, wenig Neues trat dem 
Alten feindlich entgegen. Schließlich verfiel die Moselstadt fast 
völliger .Stagnation, bis erst das XIX. Jahrhundert sich wieder 



Abb. 10S. Xapf mit 
Buckeln und Zickzack- 
faden. Köln, Sammlung 
Xießen. 



r 






218 



an die alte stolze Vergangenheit erinnerte und neues Leben den 
Ruinen einhauchte. 

Noch weit kriegerischer ^üs in Köln ging es am Mittelrhein 
zu. Zwar brachte der Hofhält des Statth alters auch für Mainz 
allerlei volkswirtschaftliche Vorteile und selbst die Lagerfestung 
wird ihre Tempel, Amphitheater, Bäder und Prachtbauten anderer 
Art gehabt haben. Leider ist von alledem nicht einmal die Liige 
festgestellt, außer der Rheinbrücke und Wasserleitung von 
römischen Bauten nichts übrig als ein formloser Klumpen von 
Mauerwerk, der Eigelstein, einst das Kenotaph des Drusus, der 
auf dem Rückzuge von der Lippe verunglückt, in Neuß starb 
und in Mainz beigesetzt wurde. 

Trotz des unleugbar scharfen Unterschiedes zwischen dem 
völlig gallischen Lande der Treverer mit seiner glänzenden Haupt- 
stadt, der kaiserlichen Residenz einerseits und der germanischen 
Militärgrenze andererseits, deren beide Provinzen offiziell zu 
Gallien gerechnet wurden, gab es zahlreiche einigende Be- 
ziehungen. Durch den Verkehr mit dem bunt aus allen Teilen 
des Weltreiches zusammengewürfelten Heere, dessen gemein- 
sames Band die lateinische Sprache bildete, war diese am Rheine 
ebenso wie an der Mosel zur Umgangssprache geworden. Nicht 
nur die politische Verbindung mit Gallien, sondern auch der 
lebhafte Verkehr mit den westlichen Nachbarn, die Durch- 
setzung mit zahlreichen keltischen Elementen, der fortwährende 
Zuzug aus Gallien, während andererseits die Grenze gegen das 
freie Germanien streng abgesperrt war, verschafften der über- 
legenen gallischen Kultur bald das Übergewicht über die naive 
germanische. Dazu kommt, daß die Errungenschaften der 
antiken Zivilisation vom Ende des I. Jahrhunderts ab ihren 
Weg zumeist über Gallien nahmen und so die gallischen Ver- 
mittler als Vorbilder einer feineren Lebensführung den Ger- 
raanen erschienen. Immerhin mögen die Ubier manches Alter- 
erbte zu der sich im Rheinlande entwickelnden Zivilisation bei- 
gesteuert haben. Aber dies ist um so schwerer im einzelnen fest- 
zustellen, als sie wie die Sugambrer schon in ihren linksrheinischen 
Wohnsitzen mit den Galliern in reger Verbindung waren und 
sich vieles von ihnen angeeignet hatten. So erhält denn das was in 
der Römerherrschaft am Rheine geschaffen wird, ein vorwiegend 



219 



gallisches Gepräge. Wie die Kunst und das Kunsthandwerk der 
Treverer nur als ein Zweig" der belgischen erscheinen, so folgt 
auch das was in Köln und im Ubierlande entstanden ist, den 
Typen von Belgica, namentlich in der Skulptur des Grabschmuckes, 
der Keramik, der Metallarbeit, Emaillerie und Glasmacherei. 
Köln ist nichts als der am weitesten nach Osten vorgeschobenen 
Vorposten der belgischen Kunst, die in Rouen, Amiens, Trier 
und Köln ihre vornehm- 
sten Stützpunkte hatte. 
Insbesondere die 
Glasindustrie der Rhein- 
lande lehnt sich fast in 
allen Phasen an die Ent- 
wicklung der belgi- 
schen an. Die Typen 
und Dekorationsweisen 
dieser gelten auch für 
jene. Die Nekropolen 
aus den ersten Jahr- 
zehnten des I. Jahrhun- 
derts, die Gräber von 
Haltern, Neuß, an der 
Alteburg und an der 
Luxemburgerstraße in 
Köln, teilweise auf 
dem Gebiete, das jetzt 
vom Südbahnhofe ein- 
genommen wird, ent- 
halten farbige Gläser, .Scherben von Millefiori- und Überfangglas, 
wie es in Gallia Narbonnensis überwiegt. Diese Sachen stammen 
aus den ersten Jahrzehnten der römischen Okkupation, als noch 
der Weg von Aquileia aus über die Alpen die wichtigste Ver- 
mittelung mit Italien bildete. Das Italische herrscht darum hier 
vor. Auch in Trier gibt es Grabstätten mit Gläsern italischen 
und alexandrinischen Importes der ersten Kaiserzeit. Dann folgen 
vom Ende des I. Jahrhunderts ab selbständige Erzeugnisse wie in 
ßelgica, in Ilohlformen geblasene farblose Gläser, zu Ende des 
IL und im III. Jahrhunderte u. a. so ziihlreiche Kannen des fronti- 




Abb. 109. Becher mit Netzwerk. Sammlung Basilewsky. 

Venezianische Arbeit des 18. Jahrh. p ^ä^^'r' 



3 6 2.3 



220 



manischen Typus, daß Cramer versucht war dieser Fabrik eine 
Zweigniederlassung in Köln zuzuweisen. 1 ) In dieser Periode trat 
ein allgemeiner Aufschwung auf allen kunstgewerblichen Gebieten 
am Rhein hervor, auf dessen Ursachen wir noch zurückkommen 
werden. In ihr wurde auch nicht minder eifrig die Fabrikation 
von Gläsern mit Reliefs, in Form von Negerköpfen, Janusköpfen 
betrieben; die Gefäße in Gestalt hockender Affen mit der Syrinx 
in Händen, diese alexandrinischen Karikaturen auf Merkur, 
scheinen einer Kölner Fabrik zu entstammen. Die Fadenver- 
zierung nahm in ihnen gleichfalls eine glänzende Entwicklung - ; 
ihr bestes schuf sie in den formvollendeten Gefäßen mit farbigen 
Schlangenfäden, welche eine Kölner Fabrik zuerst zum Schlüsse 
des IL Jahrhunderts herstellte und weithin, nach Gallien, Italien, 
Österreich, selbst bis nach Dänemark versandte. Zum ersten 
Male erscheint in ihnen in Köln das vollkommen farblose feine 
Krystallglas. Fremde Fabriken versuchten sich in vergröberten 
Nachahmungen dieser zierlichen Erzeugnisse, auch spätere 
Perioden nahmen sie gelegentlich auf. Stärker als die anderen 
Glaswerkstätten Belgicas betrieb Trier die Herstellung gravierter 
und geschliffener Gläser, ja das große Bruchstück einer 
Krystallglasscfuüe mit einer Darstellung des Wagenrennens im 
Trierer Museum ist wohl die . technisch vollendeteste Leistung 
figürlichen Glasschliffes, die wir aus der Antike — von den 
Prachtleistungen der Portlandvase und anderer cameenartiger 
Kunstwerke in farbiger Überfangtechnik abgesehen — besitzen. 
Eine Besonderheit Trierscher Werkstätten sind wohl auch die 
wenigen Becher (man kennt deren bisher nur drei ganz erhaltene 
Exemplare) mit plastisch aufgelegten Fischen, Konchilicn und 
anderen Seetieren von ebenso naturwahrer wie schöner und ele- 
ganter Bildung, welche zuerst de Rossi Veranlassung gaben seine 
Überzeugung von dem Bestände einer selbständigen rheinischen 
Glasindustrie während der Römerherrschaft auszusprechen. 

Es ist merkwürdig, daß seiner Ansicht gerade von einem 
rheinischen Lokalforscher widersprochen wurde, welchem man 
bisher immer noch das beste, was über die römisch -rheinische 
Glasindustrie geschrieben wurde, verdankt, E. aus'm Weerth. Dieser 



! ) Fr. Cramer, Inschriften auf Gläsern des römischen Rheinlandes, S. 13. 



221 



hat in zahlreichen Aufsätzen die Funde antiker Gläser am Rhein ein- 
gehend besprochen und mit den Erzeugnissen Italiens und Galliens 
verglichen. Ihm verdankt die Wissenschaft in erster Linie die 
Kenntnis jener an Zahl und Kunstwert so bedeutenden Denk- 
mäler, das einseitige Bild, das man sich bisher im Banne Winckel- 
manns und Minutolis von der antiken Glasindustrie gemacht hat, 
die richtige Ergänzung. Durch seine Forschungen hat es sich 
in erster Linie ergeben, daß die Herstellung farbigen Glases, die 
Nachbildung von Edelsteinen, 
in der Antike nicht wie man 
früher annahm, die vorherr- 
schende Rolle spielte, daß die 
antike Glasindustrie keines- 
wegs in der Imitation aufging, 
sondern ebenso wie die mo- 
derne alle Eigenschaften des 
Glases, vor allem die Farb- 
losigkeit und Durchsichtigkeit 
in mannigfaltiger Weise, mit 
schier unerschöpflicher Ge- 
staltungskraft, auszunützen 
verstand. Was man früher als 
ein künstlerisches Prinzip be- 
trachtete, die Behandlung des 
Glases als farbige plastische Paste, stellte sich als das erste 
vStadium der Entvvickelung heraus, deren weitere Fortschritte 
durch die Erfindung der Glaspfeife und des farblosen Glases 
eingeleitet wurden. Merkwürdigerweise leugnete aber gerade 
der damals beste Kenner der römisch-rheinischen Glasindustrie 
deren selbständige Tätigkeit und versuchte alles auf italische An- 
regungen und Vorbilder zurückzuführen, denen gegenüber die rhei- 
nischen Werkstätten in provinzieller Befangenheit geblieben seien. 
Inzwischen hat sich E. aus'm Weerth unter der Fülle der 
Beweise freilich zu de Rossis Ansicht bekehrt, die in den Kreisen 
der rheinischen Sammler längst zustimmende Äußerungen her- 
vorgerufen hatte. Einer von diesen, der vor kurzem verstorbene 
Großkaufmann Heinrich Merkens in Köln, dessen Sammlung bei 
der Versteigerung das Schicksal fast aller Kölner Privatsamm- 




Abb. I 10. Tonbecher mit Schuppen. 

Köln, Museum. p *4-"7-J> 



lungen, in alle Windrichtungen zerstreut zu werden, geteilt hat, 
äußert sich über die Frage folgendermaßen: „Die Glaswarenbe- 
züge von Italien nach Gallien mußten die Alpen und schwierige 
Wege überschreiten und werden mannigfache Havarien in ihrem 
Gefolge gehabt haben. Es ist daher bestimmt anzunehmen, daß 
man zur Vermeidung dieser Übelstände und zur Befriedigung der 
Bedürfnisse an Glaswaren in den hochentwickelten, in römischem 
Luxus lebenden Städten Köln, Trier, Mainz, Worms, Metz usw. 
sehr früh dazu überging unter Leitung römischer Glastechniker 
eine provinzielle Glasindustrie ins Leben zu rufen, die im Laufe 
der Zeit ein selbständiges Gepräge der Geschmacksrichtung und 
des Formensinnes angenommen hat. Die Formen der am Rhein 
und im Moseltale gefundenen Gläser haben sämtlich verwandt- 
schaftliche Beziehungen zu und untereinander, zeichnen sich viel- 
fach durch hohe Eleganz der Zeichnung aus und berechtigen 
zu der Annahme, daß die Vorfahren der heutigen Franzosen schon 
mit dem Formensinne ausgestattet waren, den ihre Nachkommen 
sich zu bewahren gewußt haben. Kommen wir weiter nach Süden 
hinunter zu jenen Städten, wo die Ausgrabungen uns noch fort- 
während Gläser liefern, ich meine u. a. Lyon, Arles, Orange, 
Nimes, so begegnen wir Formen, die bei uns höchst selten oder 
nie vorkommen, während wir jene Formen, welche wir hier als 
landläufig bezeichnen möchten, dort ganz vermissen. Es scheint 
sich eben auch in diesen beiden Distrikten ein eigenartig ver- 
schiedener Formensinn entwickelt zu haben. Ein anderes Moment, 
welches für selbständig entwickelte Glasfabrikation in nicht ent- 
liehenen Formen spricht, liegt in der ausgedehnten Tonwaren- 
fabrikation, welche in römischer Zeit im Rheinlande geblüht hat: 
Es hat sich auch hier ein eigenartiges Gefäß herausgebildet, 
welches nur im Rhein- und Moseltale vorkommt, ich meine die 
schwarzen, zuweilen auch roten Tongefäße mit weißen in Barbo- 
tine oder in Aufguß ausgeführten Trinksprüchen, von welchen 
eine reiche Sammlung im Provinzialmuseum zu Bonn sich be- 
findet. Eine derartige Entwickelung bei der Glasfabrikation ist 
besonders erklärlich bei der weiten Entfernung von Rom; und 
wenn auch die ursprünglichen Formen nur von jenseits der Alpen 
überkommen sind, so sind sie doch unter dem Einfluße des Ge- 
schmackes der Bewohner der Rheingegenden zu anderen Gestalten 






223 



hinübergeführt und entwickelt worden. Für die Ausbreitung der 
diesseitigen Glasindustrie spricht besonders noch die Häufigkeit 
der Fabrikate der Officina frontiniana." x ) 

Merkens, der keine gelehrten Studien getrieben hat, hielt 
Rom noch für den ausschließlichen Gabenborn der antiken Welt 
und gab dem Handelswege über die Alpen eine Bedeutung, die ihm, 
besonders vom Ende des I. Jahrhunderts ab, nicht zukommt. Davon 
abgesehen enthalten seine Beobachtungen viel richtiges. Freilich 
übertrieb er die Verschie- 
denheit rheinischer Arbeiten 
von den Funden im süd- 
lichen Gallien. In Wirklich- 
keit sind die Grundformen 
durchaus gleichartig, beson- 
ders, was ich noch einmal 
betonen möchte, die Belgicas 
des Mosellandes und Kölns. 
Lokale Eigentümlichkeiten 
sind freilich bei Einzelhei- 
ten, bei der Vorliebe für ge- 
wisse Typen u. a. wahrzu- 
nehmen , im allgemeinen 
aber gründen sich die von 
Merkens hervorgehobenen 
Unterschiede auf die zeit- 
liche Entwickelung. Was er in Südfrankreich oft beobachtet und 
in Köln selten gefunden hat, sind die Importgläser in griechisch- 
italischen Formen, welche für die ersten Jahrzehnte charak- 
teristisch sind. Treffend ist sein Hinweis auf die Keramik. In 
ihr vereint sich nämlich neben der Bronzetechnik am deut- 
lichsten, was sich von alteinheimischer Tradition erhalten hat und 
gegen die importierten Formen des mittelmeerländischen Kunst- 
stiles iinkämpfte. Aus dem unerschöpflichen Brunnen der Keramik 
tränken auch die gallisch-rheinischen Glasmacher ihre Phantasie. 




Abb. iii. Becher aus Terra sigillata. 
Aus Arberg. f> " 



x ) Mitgeteilt von C. Bone in einem Aufsatze über die Glassammlung Merkens 
im Bonner Jahrh. 81 (1886) S. 53 f. Vgl. C. Friedrich im Sprechsaal 1882, No. 27 
und Zeitschrift d. bayr. Landesausstellung zu Nürnberg No. 71; E. aus'm Weerth, 
Bonner Jahrb. 67 S. 156. 



224 



Der Barbotinetechnik verdanken die kölnischen Schkmgenfaden- 
muster ihre Entstehung, ebenso wie die Becher mit Eindrücken, 
Rippen und Falten, die Siegesbecher mit Reliefs, die Kopfgläser 
und Trinkhörner von der Keramik vorgebildet sind. Merkens irrt 
aber, wenn er die g'allischen Trinkbecher mit Sinnsprüchen dem 
Rhein- und Moseltale zuweist, sie sind in Belgica entstanden und 
haben wie ich S. 84 nachgewiesen habe, ihre Form ägyptischen 
Tonbechern der Ptolemäerzeit entlehnt. 1 ) 

Häufiger als anderwärts sind in Trier und Köln die Gläser 
mit Fassettenschliff, der oft sehr reiche, überraschend an moderne 
Arbeiten erinnernde Rosettenmuster bildet, Becher und flache 
Teller aus Krystallglas, die zu Ende des III. und im IV. Jahr- 
hundert so dekoriert wurden. Viel ausgedehnter als in den 
Werkstätten der nördlichen Belgica wurde im IV. und noch tief 
in das V. Jahrhundert hinein die fig-ürliche Dekoration durch 
Gravierung und Schliff betrieben, häufig in Verbindung mit 
Vergoldung und Bemalung. Mehr als die Hälfte dieser Arbeiten 
gehört dem christlichen Kunstkreise an. 

Den Triumph der Glasschleiferei bildeten jene vielbewun- 
derten Becher, die mit einem nur leicht mit dem inneren Glas- 
körper verbundenen kunstvollen Maschennetze umgeben sind, 
das mit dem Schleifrade ausgearbeitet ist. Man hat sich seit 
Winckelmann daran gewöhnt, diese geschliffenen Netzgläser 
„Vasa diatreta" zu nennen, obwohl unter dieser Bezeichnung in 
der antiken Titeratur alle mit dem Schleifrade und Grabstichel 
bearbeiteten Gläser, also auch die Überfanggläser, im Gegen- 
satze zu den geformten zu verstehen sind. Die meisten dieser 
seltenen und kostbaren Arbeiten sind im Rhcinlande gefunden, 
Köln oder Trier, vielleicht beide Städte dürften neben einer 
unbekannten italischen Werkstatt den Ruhm ihrer Herstellung 
beanspruchen können. 2 ) Überhaupt traten im IV. und V. Jahr- 



x ) Auch die Tonbarbotine kommt aus Ägypten. Die ägypt. Abteilung des 
Berliner Museums erwarb Vor kurzem aus dem Kunsthandel Stücke, welche eine über- 
raschende Ähnlichkeit mit rheinischen Arbeiten haben. Vgl. Poppelreuter, Die röm. 
Gräber Kölns, Bonner Jahrb. 11 4/1 15 S. 348. 

2 ) Vgl. Friedrich im Sprechsaal 1882, No. 27, und Zeitschr. der bayr. Landes- 
ausstellung zu Nürnberg, No. 71. Ausführlich werden diese Gläser in Abschnitte VIII 
behandelt. 



!25 



hundert die rheinischen Werkstätten gegen die der nördlichen 
und westlichen Belgica in den Vordergrund. Letztere erlahmten 
zwar nicht in der Produktion, verlegten sich aber mehr auf die 
buntfarbige Zickzack- und Spiralfadenverzierung sowie auf die 
Auflage großer, ziemlich derber Nuppen. In kölnischen Werk- 
stätten wurde damals im Wetteifer mit Rom und dem Orient 
die Malerei auf Glas gepflegt, 
Becher, Platten, ganze Kästchen, 
einzelne Medaillons mit Emailfar- 
ben bemalt, nach Art der Fondi 
d'oro Sgraffitti auf Blattgold aus- 
geführt, teilweise gleichfalls be- 
malt und mit einer Schichte durch- 
sichtigen Glases überfangen. Auch 
dieser künstlerisch hochstehende 
Zweig der kölnischen Glasindustrie 
wurde zuerst von de Rossi als 
selbständige Tätigkeit rheinischer 
Werkstätten erkannt. Daneben 
zog sich, gleichzeitig mit den 
syrischen Massenprodukten dieser 
Art, bis in die fränkische Zeit die 
erneute Technik der farbigen 
Faden- und Nuppenverzierung. 
Die Freude am farbigen Glase, 
welche die Anfänge der Industrie 
gekennzeichnet hatte, erwachte 

zum Schlüsse von neuem. Manche Arbeiten mit Farnkrautmuster 
altägyptischen Stiles, freilich nur leicht aufgemalt, nicht in die 
Masse eingedrückt, können sich in ihrer Zierlichkeit und Farben- 
pracht solchen des I. Jahrhunderts an die Seite stellen; im all- 
gemeinen aber versagte bereits der Geschmack und die tech- 
nische Geschicklichkeit. Es sind plumpe, derbe .Stücke von hand- 
festem Kaliber, die Fäden des Zickzacks dick und unregelmäßig, 
die Formenbildung sorglos, die Farben unrein und stumpf. An 
die Stelle von Purpurrot, das man offenbar be£ibsichtigte, trat 
trübes Violett, an Stelle von Grün schmutziges Oliv. So ging- 
die Industrie in fränkische Zeit hinein. 




Abb. 112. Becher mit aufgesetzter 

farbiger Weinranke. Louvre. p4&^"^ ' 



Kisa, Das Glas im Altertume. 



15 



126 



Die gallischen Glasmacher, welche um die Mitte des I. Jahr- 
hunderts nach Trier, Köln, Worms kamen, um hier ihre Hütten 
aufzuschlagen, fanden im Lande an verschiedenen Orten zur 
Glasbereitung- geeigneten Sand, in besonderer Ausdehnung und 
Güte auf der Strecke zwischen Nivelstein und Herzogenrath im 
Gebiete der Aduatuker, wo noch jetzt die Spiegelfabriken von 
Lüttich (St. Lambert) und Stolberg sich versorgen. Dieser Um- 
stand mag die hohe Entwickelung der Werkstätten im nahen 
Köln ganz besonders begünstigt haben. 1 ) Reste von Glas- 
werkstätten hat man an verschiedenen Orten gefunden, in der 
Hochmark (Eifel), ferner bei Trier, bei Worms, an der Nahe und 
in Köln (s. S. 12). Hier stieß man 1885 in der Gereonsstraße 
gegenüber dem Palaste des Erzbischofes bei einem Kanalbau in 
der Tiefe von etwa i 1 /« Metern auf ausgedehnte Überreste hell- 
grüner durchsichtiger Fritte. Man begnügte sich leider damit, 
einige Wagen mit dieser Masse zu beladen und sie aus dem 
Wege zu räumen, ohne sich um etwa vorhandene Spuren eines 
Schmelzofens zu bekümmern. Die Fundstelle wurde nach Voll- 
endung der Kanalarbeiten zugeschüttet und harrt noch einer 
planmäßigen Aufdeckung, die vielleicht ganz interessante Ergeb- 
nisse liefern würde. 2 ) 

So groß auch die Ausbeute an Gläsern in den römischen 
Nekropolen Frankreichs und Belgiens sein mag, so wird sie 
doch durch die der rheinischen noch übertroffen und hier 
ist insbesondere der Boden von Köln der ergiebigste. Zu 
Tausenden zählen die Funde von den einfachen Gebrauchs- 
gläsern bis zu den Erzeugnissen des feinsten Luxus, welche 
allein im Laufe der letzten 40 Jahre aus den Gräbern der 
alten Colonia Claudia Agrippinensis Augusta (C • C * A • A) wieder- 
erstanden sind. Das Museum Wallraf-Richartz hat in kaum 
einem Jahrzehnte ausschließlich aus kölnischen Lokalfunden 
die größte Sammlung antiker Gläser unter allen Museen des 



*) Vgl. E. aus'm Werth, Bonner Jahrb. 67, S. 156. 

2 ) Nach Mitteilung des Altertümerhändlers Robert Becker, welcher bei dem 
Funde anwesend war und einige Stücke der Fritte an sich nahm. Ein großer Klumpen 
von ihr befindet sich bei Konsul C. A. Nießen, dessen Sammlung römischer Alter- 
tümer zahlreiche römische Gläser, zumeist Kölner Herkunft, enthält. Vgl. mein Ver- 
zeichnis der römischen Altertümer von C. A. Nießen, 2. Aufl. Köln 1896. 



:z/ 



Festlandes, Italien nicht ausgenommen, zusammengebracht. x ) 
Zu der öffentlichen Sammlung" kommen noch zahlreiche private, 
die namentlich zur Zeit der Stadterweiterung- entstanden, als die 
Erdarbeiten bei der Anlage der neuen Stadtteile, des Kanalnetzes, 
des West- und Südbahnhofes, des Augusta-Hospitales die alten 
Grabfelcler aufwühlten und die Massenhaftigkeit gleichzeitiger 
Funde eine Überwachung der Arbeiter erschwerte. Die größte und 
hervorragendste Sammlung" kölnischer 
( rläser war die von Disch, welche nach 
dem Tode des Besitzers versteigert und 
überallhin verstreut wurde. 2 ) Disch begann 
zu sammeln als der Dombau den Sinn für 
die Vergangenheit neu belebte. Seine 
Sammlung entstand Ende der fünfziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts aus Anlaß 
der Auffindung der berühmten Patene von 
St. Severin, die später für 6400 Mark an 
das Britische Museum verkauft wurde. 
Weder die Sammlung Charvet noch die 
Slades konnten sich mit ihr vergleichen. 
Sie zählte 2583 Nummern, darunter 
432 römische Gläser. Auf diese allein 
kamen bei der Versteigerung über 
52000 Mark. Das Schicksal der gänz- 
lichen Auflösung teilten nach dem Tode 
der Besitzer die Sammlungen J. II. Wolff, E. llerstatt. F. Greven, 
Forst, Merkens. 3 ) Jetzt bestehen noch die Sammlungen Cramer, 
Reinbold, Nießen, M. vom Rath und mehrere andere, von 
welchen besonders die beiden zuletzt genannten von hervor- 




Abb. 113. Oenochoü mit farbi- 
gem Fadenschmuck. Brüssel, 
Musee du Cinquantenaire. p> 



3 qj 44^ 4-i"/ 



1 ) Vgl. Führer durch das städt. Museum Wallraf-Richartz 1902, S. 30, und meinen 
Aufsatz: Rom. Ausgrabungen in der Luxemburgerstraße in Köln, Bonner Jahrb. 99 (1895). 

2 ) Vgl. F. aus'm Werth, Die Disch'sche Sammlung antiker Gläser. Bonner 
Jahrb. 7r, S. 119 ff., mit Lichtdrucktafcln und Textillustrationen. 

3 ) Mit dieser Sammlung beschäftigt sich C. Bone a. a. O. Mehrere Stücke 
aus ihr habe ich in dem Aufsatze über die Anfänge der rheinischen Glasindustrie, 
Zeitschrift d. bayr. Kunstgewerbevereines 1896, mit zwei Lichtdrucktafeln und Text- 
illustrationen veröffentlicht. Vgl. auch den Auktionskatalog Merkens, Bonn 1905, 
mit Einleitung von C. Poppelreuter und Westdeutsche Zeitschrift f. G. u. K. 
I. 1882, S. 272 f. 

15* 



228 

ragendem Werte sind. 1 ) Sehr viele kölnische Gläser enthält 
die hochbedeutende Sammlung des, Freiherrn von Heyl in 
Worms, die des Freiherrn von Fürstenberg- -Stammheim auf 
Schloß Herff, die Museen von Bonn, Worms und Mainz, das 
Germanische Museum in Nürnberg, der Louvre, das Britische 
Museum und das Kensington-Museum in London, das historische 
Museum in Düsseldorf, das Museum auf der Saalburg u. a. Auch 
in die jetzt im Britischen Museum befindliche Sammlung Slade, 
in die von Charvet, jetzt im Metropolitan-Museum zu New-York, 
in die von II offmann in Paris, von Basilewsky und Stroganow 
sind zahlreiche rheinische, namentlich kölnische Gläser gekommen. 
Schon die unvergleichliche Menge der Funde kennzeichnet 
Köln nicht nur als Hauptsitz der römischen Glasindustrie 
am Rhein, sondern als den der gesamten westlichen Hälfte des 
ehemaligen Imperiums. Sie sind fast ausschließlich aus den 
Grabfeldern hervorgegangen, welche die großen Straßenzüge 
von den Toren der Stadt bis weit in die Umgebung hinaus be- 
gleiteten. Von diesen führte eine von der Hohen Pforte, dem 
ehemaligen Südtore, durch die jetzige Severinsstraße über das 
gleichnamige Tor hinaus, den Rhein enlang gegen Süden, zu- 
nächst zur Alteburg, der ehemaligen Station der römischen 
Rheinflotte. Das Kastell, dessen Fundamente vor einigen Jahren 
wieder aufgedeckt wurden, hatte im Westen seinen eigenen 
Begräbnisplatz, in welchem Gläser aus den ersten Jahrzehnten 
der Römerherrschaft gefunden wurden. 2 ) Das Grabfeld von 
St. Severin gehört den späteren Jahrhunderten an und enthielt 
namentlich christliche Gläser vom IV. und V. Jahrhundert, darunter 
kostbare bemalte Gläser und Fondi d'oro. Auch die merkwürdige 
Sigillataschale, die von der gewöhnlichen Übung abweichend, 
Reliefschmuck auf der konkaven Innenseite zeigt, Orpheus umgeben 



: ) Beide sind von mir katalogisiert. Über die Sammlung Nießen vgl. Note 2 
auf Seite 226. Die Sammlung der Frau Maria vom Rath, die nur antike Gläser von 
künstlerischer Qualität enthält, habe ich unter dem Titel „Die antiken Gläser der 
Frau Maria vom Rath in Köln", Bonn 1899 mit 32 Tafeln vetöffentlicht. Das Werk 
enthält außer den Beschreibungen in der Einleitung einen historischen Abriß „Zur 
Geschichte und Technik der antiken Glasindustrie". 

") Vgl. General Wolff, Das Kastell Alteburg bei Köln. Auf Grund der letzten 
Nachgrabungen wird vom Museum Wallraf-Richartz eine neue Veröffentlichung vorbereitet. 



von vielen Tieren, ist in diesem Gräberfelde zum Vorscheine ge- 
kommen. 1 ) In der Gegend des Maurizius-Steinweges begann die 
Straße nach Trier und Reims, die jetzige Luxemburger Straße. 
Sie war eine Strecke weit von der Wasserleitung begleitet, 
welche die Quellen des Vorgebirges der Stadt zuführte und am 
jetzigen Neumarkte eine große Piscina speiste. Die Funde ihres 
besonders ausgedehnten Gräberfeldes, das durch vier Jahrhun- 




Abb. 114. Gläser mit farbigen Schlangenfäden. Köln, Sammlung M. vom Ralh. \° 

derte benutzt wurde, sind in folgendem näher beschrieben. Die 
Gläser zeigen hier fast alle während der Römerherrschaft üb- 
lichen Formen, mit Ausnahme geschliffener und bemalter Stücke, 
die bis jetzt wenigstens an dieser Stelle fehlen. Das dritte Grab- 
feld zog" sich die Aachener Straße entlang, welche in der jetzigen 
Mittelstraße an St. Aposteln begann. Die letzte I lauptstraße führte 
von der sog. Porta Paphia, dem vielbesprochenen römischen Nord- 
tore vor der Fassade des Domes, über die Marzellenstraße durch 
die Eigelsteintorburg und die jetzige Neußer .Straße entlang gegen 
Norden, nach dem Legionslager von Neuß. 



3^t 



^ , "3 8 7 

4^ t--S"° 



') Vgl. meinen Aufsatz „Seltenheiten in Terra sigillata" in der Zeitschrift des 
( >sterr. Museums, Kunst und Kunsthandwerk, Wien 1906. 



230 



Eine der ergiebigsten Fundstätten von Gläsern ist die Luxem- 
burgerstraße, die einst nach Trier und Reims führte. Von der 
Stadtmauer an bis zu der Stelle, wo jetzt das „Weiße Haus" 
steht, wenn nicht weiter, reihten sich zu beiden Seiten die Wohn- 
stätten der Toten, über dem Boden durch einfache Stelen oder 
Grabsteine in Form kleiner Kapellen, durch skulpturengeschmückte 
Sockel, durch Säulen mit einem Pinienzapfen, durch Gebäude in 
Form eines kleinen Tempels, eines Tumulus und andere Grab- 
mäler bezeichnet. Hier war schon im XVIII. Jahrhundert der 
prächtige Sarkophag des Severinius Vitealis mit Reliefs aus dem 
Mythus des Herkules zum Vorscheine gekommen, später die 
reichverzierte Aschenkiste des Julius Speratus, eine Statuette des 
thronenden Juppiter, der Grabstein des Freigelassenen Messulenus 
und eine Menge von Gegenständen des Schmuckes und Haus- 
rates, die den Toten ins Grab beigegeben worden waren. Diese 
Funde befinden sich jetzt sämtlich im Museum Wallraf-Richartz. 

Als vor etwa 30 Jahren ein Teil des Geländes für die Stadt- 
erweiterung und Anlage des Südbahnhofes freigemacht worden 
war, fand man Gelegenheit eine ausgedehnte Strecke des Gräber- 
feldes im Zusammenhange zu verfolgen. In einer Tiefe von 2 m 
und unregelmäßigen Abständen von durchschnittlich 1 m lagen 
dort zylindrische und quadratische Aschenkisten aus Kalkstein, 
welche Aschenurnen aus Ton und Glas, mit den Resten ver- 
brannter Leichen dann Münzen, Tonlampen, Schmuckperlen, sowie 
andere, außerhalb der Urne liegende Totenbeigaben, zumeist zwei 
bis drei kleine Tonkrüge, Tränenfläschchen, ;mdere Fläschchen 
und Kännchen aus Glas, bronzene und tönerne Lampen, Schmuck- 
sachen u. a. enthielten. Die Gegenstände gehören der Zeit der 
(.'laudier und der flavischen Kaiser an, die zierlichen farbigen Glas- 
kännchen darunter der Periode italischer Einfuhr, die sonst in Köln 
nur auf der Alteburg und der Arnoldshöhe, dem Gräberfelde der 
Bonner Straße, vertreten ist. Fünf Jahre später gelang es bei einem 
Umbau an der Ecke der Hochstadenstraße die Reste eines großen 
Monumentes in Form eines Tempels zu heben, dessen Giebelfeld 
mit zwei die Weltkugel haltenden Steinböcken verziert ist, wahr- 
scheinlich dtis Grabmal eines höheren Offiziers der 22. Legion, 
die den Steinbock als Fahnenabzeichen trug und zwischen den 
Jahren 71 und T20 in Köln stand. Schräg gegenüber an der 



231 

linken Straßenseite lagen die Trümmer eines anderen Säulen- 
baues. Die Grabstätten dieser Gegend waren unregelmäßig 
neben- und übereinander gereiht und enthielten sowohl Brand- 
wie Skelettgräber aus verschiedenen Zeiten der Römerherrschaft. *) 
Einem Skelettgra.be des IV. Jahrhunderts entstammt die schöne 
Schnalle des Ausonius, eines Namensvetters des Dichters der 




Abb. 115. Gläser mit farbigen Schlangenläden. 



Köln, Sammlung M. vom Rath. _ -,-,>• 

p 387 44-6-7, 44S 72 " 4 



Moseila, ein Opus interrasile in Silber, das bemerkenswerte Auf- 
schlüsse über die Entvvickelung des Arabeske110rnament.es gab") 
sowie ein mit Silber tauschiertes Tintenfaß. Einem Skelettgrabe 
des III. Jahrhunderts waren zwei zierliche Kannen in Form von 
Weintrauben aus farblosem Glase, eine Muschelkanne aus gleichem 
Material (Abb. 46, 48), ein großes Exemplar vom Fäßchentypus 
mit dem Stempel FRON und eine Glaskanne beigegeben, deren 



r ) Vgl. meinen bereits zitierten Aufsatz über die Funde in der Luxemburger Straße. 
Neuerdings hat J. Poppelreuter in einem Aufsatze über „Die römischen Gräber Kölns", 
Bonner Jahrb. 114/115, S. 345 ff. einen Teil dieser P'unde behandelt. 

-) Abgebildet Bonner Jahrb. 99, T. I, Fig. I, Näheres über das Opus interrasile in 
meinem Aufsatze ,,Die römischen Antiken in Aachen", Westdeutsche Zeitschr. XXV, S. 70 f. 



232 



Körper kegelförmig nach unten sich erweitert (Abb. 47); die breite 
mit einer Ausgußdille versehene Mündung ist mit einem dicken 
zackigen Glasfaden verziert, der über dem Ansätze des flachge- 
rippten Henkels eine große aufrechtstehende Schleife bildet. Die 
prachtvolle metallisch glänzende Iris läßt diese Kanne wie ein 
blankpoliertes Gefäß aus Silber erscheinen. Diese Beigaben ge- 
hörten zu einem Sarkophage aus rotem Sandstein, der im Inneren 
nur noch Knochenreste enthielt. Man konnte deutlich feststellen, 
daß er schon früher teilweise bloßgelegt und vom Kopfende aus, 
das man durchgeschlagen hatte, beraubt worden war. Bei dieser 
Gelegenheit hatte man entweder die nächste Umgebung des Sarges 
nicht gründlich untersuchen können oder vielleicht absichtlich einige 
Gegenstände aus dem Inneren daneben gestellt, weil sie für den 
Schatzgräber keinen Wert hatten, nämlich ein Holzkästchen mit 
gestanzten bronzenen Beschlägen, das inzwischen vermodert war, 
und die genannten Gläser. 

Nicht weit davon lag in einem Skelettgrabe derselben Zeit 
eine große Zylinderkanne aus farblos durchsichtigem Glase, die in 
drei Reihen übereinander mit phantastisch gewundenen Schlangen- 
fäden verziert ist. Das Muster wiederholt sich in jeder Reihe 
fünfmal mit geringen Abweichungen. Der Faden, aus welchem 
es gebildet ist, ist gleichfalls farblos, an einigen Stellen platt- 
gedrückt und quer gerieft. (Abb. 49). Die Technik ist dieselbe, 
wie an einigen gestielten Schöpfschalen, die schon früher gelegent- 
lich in dem Grabfelde der Luxemburger Straße gefunden worden 
waren. Sie zeigt sich in hoher Vollendung auch an der schönen 
Pilgerkanne, welche im Verlaufe der Ausgrabungen in einem be- 
nachbarten Sarkophage, wohl vom Ende des IL Jahrhunderts, jenseits 
der Hochstadenstraße zum Vorscheine kam. (Abb. 120 u. Tafel III). 
Auch sie bildet wie die anderen Funde jetzt eine Zierde der 
Altertümersammlung des Museums Wallraf-Richartz. Leider ist 
sie nicht ganz erhalten und in mehrere Stücke gebrochen, die 
aber ziemlich gut zusammengefügt werden konnten. Der Körper 
ist plattrund und beiderseits mit einem Rosettenornamente ver- 
ziert, das aus opakweißen, azurblauen und vergoldeten Glasfäden 
aufs feinste geschlungen ist. Die Vergoldung ist dadurch erzielt, daß 
der heiße Glasfaden durch Blattgold gezogen wurde, so daß Teile 
an diesem haften blieben. Das Ornament besteht aus einer dicht 



23. 



geschlossenen Goldspirale, von welcher vier blaue Diagomdrippen 
mit rundgezackten goldenen Blattumrissen auslaufen; zwischen 
diesen sind blau-weiß-g"oldene Gehänge mit flatternden weißen 
Bändern angebracht, üpakweiß sind die Fäden, welche den Rand 
des langen, leicht in Trichterform erweiterten Halses sowie die 
an einem kurzen Knotenstengel ansitzenden Fußplatte umziehen. 
Von derselben Farbe ist auch der breite zackige Faden, welcher 
die beiden halbrunden Henkel hinanläuft 
und oben eine kleine Schlinge bildet, blau 
der ebenso geformte an der Peripherie 
des kreisförmigen Körpers. Erstaunlich ist 
die Sicherheit, mit welcher hier der Arbeiter 
den dünnen Faden handhabte, die Spirale 
wand, die Wellenlinien der Blattumrisse 
beschrieb und ihn bei der feinen und ver- 
wickelten Zeichnung stets an die richtige 
Stelle setzte. Nachträgliche Verbesserun- 
gen sind ja bei dieser Technik so gut 
wie ausgeschlossen. Der Direktor der rhei- 
nischen Glashütten - Aktiengesellschaft in 
Köln-Ehrenfeld, C. Rauter, der zahlreiche 
römische Gläser vortrefflich nachgebildet 
hat, verzichtete auf die Kopie dieser Kanne 
wegen Mangels an geschulten Arbeits- 
kräften und bezweifelte selbst, daß es 
deren heute in Murano gebe. In demselben 

Grabe befanden sich noch die Bruchstücke einer zweiten ganz 
gleichen Kanne, Bronzeplättchen mit gestanzten Medaillons, die 
zum Beschläge eines Kästchens gehörten, sowie ein Glasgefäß 
in G estalt eines .Schweinchens aus azurblauem Glase, die Beine 
und Ohren gelb aufgesetzt, der Rücken anstatt der Borsten mit 
einem opakgelben Wellenfaden geschmückt. (Abb. 105). Eine 
Kanne mit Fadenrosetten, den genannten ganz ähnlich, wurde 
auch in Straßburg gefunden und ist in die dortige Altertümer- 
sammlung- eingereiht. 

Die lange Reihe der Gräber war ehemals durch eine Schenke 
unterbrochen, in der sich müde Wtinderer, die des Wegs von Reims 
oder Trier herkamen, stärken konnten. In ihr stand das riesige, fast 




Abb. 116. Helmglas mit 
Fadenverzierung. Köln, 
Museum Wallraf-Richartz. 



p 2.^7 



3 ST, 
<^6 



2 34 



i m im Durchmesser haltende Dolium aus Ton, ein Weinfaß, das 
nach pompejianischen Vorbildern wahrscheinlich bis an den Rand 
in den .Schanktisch eingelassen war. Aus ihm wurde der his- 
panische Wein, der im Rheinlande mit Vorliebe getrunken wurde, 
mit Schöpfkellen herausgeholt und in die Becher gefüllt. Am 
Rheine selbst gab es zur Römerzeit noch keinen Weinbau, wohl 
aber an der Mosel, doch reichte dieser nicht für den ganzen 
Bedarf durstiger Legionäre und Ubier hin. In manchen Gegen- 
den Italiens, aber auch in Skandinavien, seihte man den Wein, 
während man ihn in den Becher goß, durch ein bronzenes Sieb. 
Am Rhein scheint diese Sitte weniger in Übung gewesen zu sein, 
da solche Siebe selten gefunden werden. 

In den Jahren 1897 unc ^ 1898 erschlossen die Arbeiten zum 
Bau der Vorgebirgebahn eine weitere Strecke des gewaltigen 
Gräberfeldes, vorerst auf der linken Straßenseite, dann auch auf 
der rechten. Auf jener wurde das Gelände in einer Länge von 
220 m und einer Breite von durchschnittlich 6 m durchforscht. 
In seinem östlichen Teile stießen wir zuerst etwa 0,50 m unter 
der jetzigen Oberfläche auf zwei lange Parallelmauern, die der 
.Straße entlang liefen und aus Grauwackensteinen ohne Verband 
und Mörtel etwa 40 cm tief und 60 cm breit angelegt waren. 
Sie wurden in Zwischenräumen von 2 — 3,50 m durch 1,50 m lange 
Ouermauern gleicher Art verbunden. Die so gebildeten recht- 
eckigen Abteilungen enthielten Brandgräber; in den noch nicht 
geplünderten stand die runde tönerne Urne, die Olla, mit den 
Resten des verbrannten Leichnams, daneben die üblichen Bei- 
gaben vom Hausräte des Verstorbenen, Schmucksachen und 
Münzen sowie die Überreste des Holzsarges, in welchem dieser 
vor der eigentlichen Bestattung verbrannt worden war, Holzkohlen 
und eiserne Nägel. Die Beigaben lassen das Alter dieser Gräber 
auf die zweite Hälfte des I. Jahrhunderts bestimmen. Derartige 
unterirdische Friedhöfe mit zusammenhängenden , von leichtem 
Mauerwerk umfriedeten Grabstätten sind in verschiedenen Teilen 
des Römerreiches zum Vorscheine gekommen, in Deutschland z. B. 
auch in Moschenwangen (Amt Regensburg). Wahrscheinlich ent- 
hielt das 1886 leider ungenügend erforschte Grabfeld, das sich auf 
der linken Seite der Aachener Straße zwischen dem Hahnentor 
und dem neuen Aachener Tore hinzog, auch solche Anlagen. 



-03 






mß 



Gegen Osten schlössen sich ebenso wie g"egen Westen in 
der Luxemburger Straße an die umfriedeten Grabstätten stärkere 
rechtwinkelige Grundmauern für überirdische Grabbauten an. 
Funde von farbigem Wandverputz sprechen für eine reiche Aus- 
stattung" des Innern; von der äußeren Gestalt einzelner geben 
Gesimsstücke mit Akanthuskonsolen, Säulenreste mit Pinien- 
schuppen und Skulpturfrag- 
mente Zeugnis. Unter die- flpi 
sen befindet sich der Torso 
einer Kalksteingruppe des 
Aeneas, der seinen Vater 
Anchises auf den Schultern 
trägt und den kleinen As- 
canius an der Hand geleitet. 
Ahnliche Gruppen wurden 
schon früher in Köln zwei- 
mal gefunden. Ein größeres 
Grabmal war von einer 
Sphinx bekrönt, neben wel- 
cher zwei sprungbereite Lö- 
wen sitzen, den Gruppen in 
den Museen von Bonn und 
Trier verwandt. Ein lebens- 
großer Frauenkopf aus Kalk- 
stein und der gleichfalls 
lebensgroße Kopf einergalli- 
schen Matrona gehören zu 
Statuen, welche der Zerstö- 
rungswut der Franken oder 

der Baulust des Mittelalters ebenso zum Opfer gefidlen waren, 
wie die oberirdischen Mauern der Grabmäler und der größte 
Teil der Grabstelen. Was von letzteren in diesem Teile der 
Nekropole erhalten ist, gehört gleichfalls der zweiten Hälfte des 
I. Jahrhunderts an und ist epigraphisch von großem Interesse. 
Auf einem lernen wir einen O. Vesinius Verus kennen, der Zim- 
mermeister der dritten Centurie einer ungenannten Legion war, 
auf einem anderen wird C. Frontinius Candidus als Kölner Bürger, 
civis Agrippinensis, bezeichnet, ein dritter ist dem O. Pompeius 




Abb. 117. Trulla mit farbigen Schlangenfäden. 

Köln, Museum Wallraf-Richartz. (p 3 3^> 



3&7 , 4^6, 

4i"o 



236 

Burrus aus Forum Julii, dem heutigen Cividale im Friaulischen 
g-e widmet, einem Soldiiten der 15. Legion, die von Claudius bis 
Traian in Germanien stand. 

In den mehr als 100 bis zum Jahre 1898 hier aufgedeckten 
Grabstätten waren verschiedene Arten der Bestattung vertreten. 
Die erste bis in den Anfang des III. Jahrhunderts geübte Art ist die 
der Leichenverbrennung. Diese war bereits vor dem Eindringen 
der Römer bei einigen gallischen Stämmen üblich gewesen, wurde 
dann aber herrschend. Die hierbei üblichen Gebräuche, das pomp- 
hafte Leichenbegängnis, derUstor, der Brandmeister, die Proeficae, 
die Klageweiber, die zahlreichen bezahlten Begleiter, die Parfüms, 
Libationen, die reichen Beigaben von Gefäßen, Hausgeräten, 
Schmucksachen machten die Bestattung namentlich für vor- 
nehmere Kreise sehr kostspielig. Teuer war auch diis heilige 
Holz des Scheiterhaufens, besonders der Taxus, den man seit 
dieser Zeit noch heute gerne auf Friedhöfen pflanzt. 1 ) Die Ver- 
brennung des Leichnams erfolgte, wie dies an der Luxemburger 
Straße deutlich zu sehen war, an einer bestimmten Stelle des 
Friedhofes in dem Ustrinum, in einer Grube, manchmal auch 
dicht neben dem Grabe, wenn hierzu genug Raum vorhanden 
war. Große zusammengehäufte Stücke von I Iolzkohle, die Er- 
hitzung des Lehmbodens zu einer ziegelartigen Fläche, zahlreiche 
im Feuer zerschmolzene Gläser machten diese Stellen kenntlich. 
Daß die Verbrennung- und Bestattung der Leichen außerhalb 
der Städte vorgenommen werden müsse, war durch die Zwölf- 
Tafel -Gesetze geboten. Nach der Verbrennung wurden die 
Knochenreste sorgfältig von den Verwandten gesammelt und in 
Urnen von verschiedenen Stoffen und Formen getan. Die ärmeren 
Klassen bedienten sich dazu der großen runden Deckelurnen aus 
Ton, in Ermangelung eines Deckels legte man auch einen gewöhn- 
lichen Ziegel über sie. Sklaven mußten auf jedwede Urne ge- 
wöhnlich verzichten und sich mit einigen Schaufeln Erde be- 
gnügen. An die Stelle der Urne trat manchmal eine zylindrische 
oder quadratische Kiste aus Jurakalk oder Tuffstein aus dem 
Brohltale. Wohlhabendere benutzten Aschenurnen aus Glas, 



1 ) C. Roulanger, Lc mobilier funeraire gallo -romain et franc en Picardie et 
Artois. St. Quentin 1905. p. XV II ff. 



237 



deren Formen später näher beschrieben werden. Diese erhielten 
oft einen Schutz in Form einer gleichfalls zylindrischen oder 
quadratischen Kiste aus Stein oder Blei, mitunter auch in Form 
einer größeren Tonurne. So wurde sie in einen hölzernen Be- 
hälter getan und daneben irdene Gefäße mit Lebensmitteln zur 
Wegzehrung, Glasgefäße mit Wein, Wasser und wohlriechenden 
Ölen, Opfergaben verschiedener, oft kostbarer Art, Münzen u. a. 
getan. Das Fahrgeld für Charon wurde 
außerdem dem Toten in Form einer Bronze- j£ 

münze auf die Zunge gelegt, nach Ver- * * 1 

brennung der Leiche mit den Knochen 
aufgelesen und in der Urne verwahrt. Bei 
Skelettgräbern steckt die Charonsmünze oft 
noch zwischen den Zähnen der Toten, die 
ich in einigen Fällen von der grasgrünen 
Patina angesteckt fand; gewöhnlich ist sie 
aber bei der Verwesung herabgeglitten 
und unterhalb des Kopfes am Sargboden 
liegen geblieben. Je nach dem Wohlstande 
und der Anhänglichkeit der Hinterbliebenen 
fügte man auch silberne Löffel, Fibulae, 
Nadeln, Ringe, Spiegel, Lampen aus Ton 
und Bronze und andere Gegenstände des 
Hausrates und der Toilette hinzu. Manch- 
mal wurde der Leichnam, besonders der 
von Frauen, mit allem irdischen Schmucke 
verbrannt, der dann teilweise geschmolzen 
und unkenntlich geworden ist. Auffallend ist, daß sich am 
Rheine die Legionäre niemals in militärischer Ausrüstung, son- 
dern in bürgerlicher Tracht bestatten und häufig auch auf den 
Grabsteinen in der Toga abbilden lassen. Unter diesen Dar- 
stellungen trifft man das sogeimnnte Toten m al häufig, wo der Ver- 
storbene in der Toga auf dem Triclinium liegend und den wein- 
gefüllten Becher schwingend erscheint, während seine Gattin auf 
einem Sessel neben ihm sitzt und ein Sklave aus der großen Lagona, 
einer jener zylindrischen Kannen aus bläulichgrünem Glase, den 
Becher auf dem mit Speisen besetzten Tische füllt. Eine zweite 
Lagona steht manchmal in Reserve auf dem Boden. (Vgl. Abb. 14). 




Abb. 118. Oenochoe mit 
farbigen Schlangenfäden. 
Köln, Museum Wallraf- 

Richartz. p 3 S 7, ** 4 6 



238 



Dagegen wurden die germanischen Hilfstruppen, die namentlich in 
der Reiterei dienten, nach nationalem Brauche im vollen Schmucke 
der Waffen bestattet. Während Gläser in Grabstätten vom I. und 
vom größeren Teile des IL Jahrhunderts ziemlich selten sind, 
mehren sie sich zu Ende des letzteren auffallend und bilden in 
manchen Gräbern des III. Jahrhunderts sogar die Mehrzahl 
der Beigaben. Größere Glasflaschen findet man gewöhnlich zu 
dreien, für Milch, Honig und Wein, die drei üblichen Toten- 
spenden. Vielleicht sind jene merkwürdigen Kannen aus farb- 
losem Glase, die eigentlich aus drei fest zusammengepreßten 
Flaschen bestehen, so daß sich im Inneren Scheidewände für 
drei Abteilungen bilden, griechisch tqUsxv^cc genannt, für diese 
drei Sorten von Totenspenden bestimmt gewesen, ebenso die 
dreifachen Balsamarien in Röhrenform (vgl. S. 98). Man findet 
jene in den Museen von Köln, Bonn, Trier u. a. Sobald die hölzerne 
Kiste mit allem nötigen gefüllt war, wurde sie vernagelt, an den 
Ecken mit Winkeleisen verstärkt und so der Erde übergeben. 
Leider hat man es mitunter für nützlich gehalten, sie durch Ziegel- 
steine zu beschweren, welche im Laufe der Zeit, wenn das Holz 
vermoderte, hinabsanken und die darunter befindlichen gebrech- 
lichen Gegenstände zerdrückten. 

Unter den Grabsteinen, welche am Kopfende des Grabes 
aufgestellt, Namen, Alter und Stand des Verstorbenen, sowie mit 
einer frommen Formel verbunden, den des Stifters, eines Ver- 
wandten oder Erben enthielten, möchte ich hier einige hervor- 
heben, die einst, dicht neben einander gesetzt, die Grabstätte 
einer Familie an der Aachener Straße in Köln bezeichneten und 
sich jetzt im Museum Wallraf-Richartz befinden. Durch die gleich- 
artige, sehr sorgfältige Ausstattung sind sie als Arbeiten einer 
und derselben Werkstatt gekennzeichnet. Die rechteckige Platte 
aus Jurakalkstein, dem am Niederrheine für Grabsteine üblichem 
Material, ist am Kopfende zu einem friesartigen Reliefstreifen 
ausgearbeitet, der bei dem ersten einen Widderkopf zwischen 
zwei Löwen, bei dem zweiten eine Amphora zwischen Greifen, 
bei den übrigen eine dem ersten gleiche Darstellung enthält. Es 
ist ein Motiv, das auf Grabsteinen oft variiert wird, z. B. in der 
Form eines Ebers oder Rehes, die von einem Löwen überwältigt 
werden, Sinnbilder des wehrlos der unerbittlichen Macht des Todes 



2 39 

ausgesetzten Daseins. Auch der Greifenschmuck ist auf Grab- 
steinen häufig. 1 ) Unter dem Relief befindet sich in schönen, 
schwungvollen Buchstaben ausgeführt, an welchen noch stellen- 
weise rote Farbe haftet, die Inschrift. Sie lautet beim ersten: 

Gato, Cabiri f(ilio), civi Viromanduo, Demioncae coniugi eius, 
Athamae et Atrecto, Gati filis, Bienus, Gati f(ilius) pie de suo 
f (aciendum) c(uravit). Zu deutsch : 
„Dem Gatus, Sohne des Cabirus, 
Bürger von Viromanduum, der 
Demionca, seiner Gattin, dem 
Athamas und Atrectus, Söhnen 
des Gatus, ließ Bienus, des Gatus 
Sohn, liebevoll aus eigenen Mit- 
teln diesen Grabstein errichten". 

Die Familie, welche nach 
den Namen Cabirus und Athamas 
zu schließen, von syrischer Ab- 
stammung war, hatte sich in Viro- 
manduum in Gallia Belgica, süd- 
lich von den Nerviern gelegen 
und mit dem heutigen Vermand 
identisch, niedergelassen. Bienus 
hatte dort das Bürgerrecht, war 
aber dann mit seiner Familie 
nach Köln gezogen. Vermand 
war neben Amiens einer der 
bedeutendsten Sitze der Glas- 
industrie und beteiligte sich be- 
sonders vom Pmde des IL Jahrhunderts ab sehr eifrig an der 
Herstellung geformter Gläser. Es ist bei den regen Verbin- 
dungen zwischen den belgischen Industrieorten und der auf- 
blühenden I lauptstadt des Niederrheines recht wohl denkbar, 
daß die Familie des Gatus eine der syrischen Glasmacherfamilien 
war, die ihren alten Wohnsitz mit der wohlhabenden Stadt an 
der Reichsgrenze vertauschten und zu deren großem Auf- 
schwünge beitrugen. Wir wissen, daß in Syrien die Glas- 




Abb. 119. Carchesium, smaragdgrün, 
mit Fadenverzierung in Weiß und Gold. 

Köln, Museum Wallraf-Richartz. p 34Z ; 3S7, 

44 & , 4ff0 



Furtwängler in Roschers Lexikon unter ,,Gryps". 



240 



industrie eine bedeutende Pflegestätte gefunden hatte und daß 
syrische Kaufleute und Handwerker seit dem I. Jahrhundert in 
Gallien ansässig waren. (Vgl. S. 199). 

Der mit dem Greifenrelief geschmückte Grabstein trägt die 
Widmung - : 

Ocellioni, Illanuonis f(ilio), Exomnae coniug(i) eius, Optatae 
f(iliae), Annae neptiae, Bienus, G£iti f(ilius) pie de suo f(aciendum) 
c(uravit). Zu deutsch: „Dem Ocellio, Sohne des Illanuo, seiner 
Gattin Exomna, seiner Tochter Optata, seiner Enkelin Anna hat 
diesen Grabstein Bienus, des Gatus Sohn, liebevoll aus eigenen 
Mitteln gesetzt". 

Bienus, der Stifter beider Grabsteine, war, wie ein anderer 
lehrt, der Schwiegersohn des Ocellio. Die Familie hat sich mit 
Einheimischen verbunden, denn Illanuo ist ein keltischer Name. 1 ) 

Dem Bienus selbst und seiner Gattin ist ein dritter Grabstein 
gewidmet, mit der Inschrift: 

Bieno, Gati f(ilio), civi Viromanduo, Ingenuae, Ocellionis 
f(iliae), coniugi eius. Zu deutsch: „Dem Bienus, Sohne des Gatus, 
Bürger von Viromanduum, seiner Gattin Ingenua, Tochter des 
Ocellio". 

Darunter ist noch Raum für drei Zeilen ausgespart, in 
welchen der Name des Erben und Stifters genannt werden sollte. 
Vermutlich hat Bienus selbst den Stein schon bei Lebzeiten für 
sich bestellt und seinem Erben hinterlassen, der aber aus irgend 
welchen Gründen die Hinzufügung seines Namens und der 
Stiftungsformel unterließ. Vielleicht war er schon vor Bienus 
selbst gestorben, so daß die Aufrichtung des Titulus fremden 
Händen überlassen blieb. 

Ein vierter zu der Gruppe gehörender Grabstein ist ganz 
ohne Inschrift geblieben, ein fünfter enthält Namen, die von den 
früher geimnnten abweichen, vielleicht aber derselben Familie 
angehören. Jedenfalls weisen auch sie auf syrische Einwanderung' 
hin. Außer neuen urkundlichen Belegen für die Tatsache, daß 
dieses rührige Volk bis an den Rhein vorgedrungen war, bieten 
die Grabsteine vielleicht auch solche für die Beziehungen Kölns 
mit den belgischen Werkstätten. Köln, das mit den .Städten 



Neptia für Neptis kommt auch sonst vor. Vgl. CiL III 3582, V 2208, 8273. 



241 






Belgicas durch vortreffliche I landelsstraßen verbunden war, 
bildete ja mit dem angrenzenden Nordosten Galliens eine ge- 
meinsame Kunstprovinz. 1 ) 

Bemerkenswert ist 
auch ein 1905 in Köln 
gefundener Grabstein, 
welchen der Alexandri- 
ner Asklepiades dem 
Griechen Ruphus stiftete. 
Seine Inschrift lautet: 

Memoriae Ruphi, 
natione Greco, Mylasei, 
Choraul(a)e, qui vixit an- 
nos XVI, Dionysius As- 
clepiades, natione Alexan- 
drinus, parens, item Athe- 
n(ii)eus, bene merenti 
de suo (faciendum cura- 
verunt.) ') 

Der Stil der In- 
schrift sowie die Form 
der Buchstaben verraten 
bereits späte Zeit, wohl 
die Mitte des IV. Jahr- 
hunderts. Aus ihr geht 
hervor, daß sich zwischen 
Köln, Alexandrien und 
Kleinasien direkte Ver- 
bindungen entwickelt 
hatten und weit über 
die eigentliche kolonisa- 




Abb. 120. 



Kanne mit Rosettenschmuck. Köln, 

Museum, u ~Z3Z-3 33/^^7/44 7, 4-S 3 



x ) Im Gegensatze zu der früher mitgeteilten Ansicht von Merkens macht sich im 
Kunstgewerbe des Niederrheines und der nordlichen Relgica in römischer Zeit eine 
auffallende Übereinstimmung selbst in Einzelheiten geltend, besonders in der Glas- 
industrie. Poppelreuter macht darauf aufmerksam, dati ein Rück auf die Tafeln von Cochets 
„Normandie souterraine" die allernächste Verwandschaft der kölnisch-rheinischen Arbeit 
mit jener der westlich gelegenen Teile Gallien dartue. Denselben Eindruck bekommt man 
beim Studium der Publikationen Pilloys, Roulangers u.a. nordfranzösischer Lokalforscher. 

2 ) Veröffentlicht von J. Poppelreuter im Ronner Jahrb. 114/ 115 S. 371. 

Kisa, Das Glas im Altertume. jg 



242 

torische Periode hinaus dauernd erhielten. Andererseits reichen 
die Verbindungen Kölns mit dem hellenistischen Orient bis in die 
Zeit zurück, da die Alteburg als Station der römischen Rhein- 
flotte diente, in welcher viele griechische und syrische Elemente 
vertreten waren. *) Nach Poppelreuters Vermutung, welche mir 
sehr wohlbegründet erscheint, wurde der griechische Einfluß auf 
die Rheingegenden nicht nur auf dem Landwege von Marseille 
aus, die Rhone und Mosel entlang vermittelt, sondern schlug 
direkt den Seeweg nach dem Rheindelta ein.' 2 ) Schon das Zinn, 
Kupfer und der Bernstein hatten ja griechischen Seefahrern den 
Weg nach dem Norden gewiesen. Die Einwanderung von Kauf- 
leuten und Handwerkern aus dem hellenistischen Südosten hatten 
eine Zeitlang die unsicheren politischen Verhältnisse, besonders 
der Aufstand der Bataver gehemmt. Als aber unter Hadrian 
nach Vollendung der mächtigen Schutzmauer gegen die Germanen, 
des Limes, größere Ruhe eingetreten war, erwachte wieder die 
Unternehmungslust und ein neuer Strom von Einwanderern 
ergoß sich über die Rheinlande. So ist das Wiederaufleben 
griechischer Formen, der mächtige Aufschwung zu erklären, der 
sich vom Ende des IL Jahrhunderts ab und namentlich im III. 
bemerkbar macht. Die Kolonisten fanden aber diesmal nicht 
mehr wie im I. Jahrhundert eine bescheidene Hausindustrie, 
sondern bereits eine durch hinge Übung gesicherte Provinzial- 
kunst vor, deren Formen sich die Fremden bald anbequemen 
mußten. In späterer Zeit zog der Kaiserhof zahlreiche syrische 
Einwanderer nach Trier, während die Sagen von der thebaischen 
Legion andererseits auf die große Rolle hindeuten, welche 
christlich-ägyptische Elemente in Köln spielten. 

Die Beisetzung erfolgte in dem Grabfelde der Luxemburger 
Straße teils in umfriedeten Grabstätten, teils im freien Boden. 
Einigemal fanden wir um die Urne Plattengräber aus mächtigen 
Dachziegeln, die sie wie Kartenhäuser umgaben; die einen ein- 
fach giebelförmig zusammengestellt (Abb. 51), die andern recht- 
winkelig aus vier aufrechten Platten gebildet und mit einer 



x ) Vgl. die Inschrift der kleinasiatischen Griechen auf einem Grabsteine der 
Alteburg bei Köln, Bonner Jahrb. 66, S. 78, 86 S. 129. 
2 ) Bonner Jahrb. 114/115 S. 369. 



243 



quer darüberg'elegten bedeckt. Da die Erdoberfläche nur an der 
Südseite eine Anschüttung erfahren hat, liegen die meisten 
dieser Grabstätten nur etwa i m tief, ebenso die Brandgräber einer 
anderen Klasse, die durch kleine längliche Steinkisten gekenn- 
zeichnet wird. Diese sind zum Unterschiede von den früher ge- 
nannten einfachen Urnenbehältern im Inneren mannigfach aus- 
gearbeitet. An den Schmalseiten be- 
finden sich zumeist Stufen mit Imlb- 
rundem oder viereckigem Ausschnitte, 
jene als Standort für kleinere Kannen, 
Gläser und andere Geräte, diese zur 
Aufnahme größerer Gefäße berechnet. 
Der große Mittelraum enthält haupt- 
sächlich die verbrannten Knochenreste, 
Holzkohlen, die eisernen Nägel und 
Winkelbänder der Holzkiste. Die Be- 
zeichnung als „Kindersärge", welche 
für diese Steinkisten in Sarkophagform 
noch üblich ist, hat keine Berechtigung; 
in vielen von ihnen würde kaum die 
Leiche eines neugeborenen Kindes 
untergebracht werden können, da der 
Raum viel zu eng ist. Sie bilden viel- 
mehr einen Übergang von den Urnen- 
gräbern zu den Sarkophag"gräbern, von 
der älteren Sitte zur neueren. Die 
Leichenverbrennung wurde von Fami- 
lien, die am Alten hingen, manchmal 
bis in das III. Jahrhundert hinein bei- 
behalten, dabei aber durch die längliche, sarkophagartige Form 
der Steinkisten ein Zugeständnis an die neuauflebende Form 
der Bestattung unverbrannter Leichen gemacht. In solchen ließen 
sich auch die Beigaben sicherer unterbringen und in der Tat haben 
sich in ihnen sehr viele wertvolle Gläser und Sigillaten erhalten. 
Im allgemeinen ließ sich feststellen, daß die zahlreicheren 
und älteren Brandgräber in erster Reihe dicht an der Straße 
angelegt waren, die Steinkisten parallel hinter ihnen, obwohl von 
beiden Arten auch zwischendurch Lagerungen in senkrechter 

16* 




Abb. 12 1. Stamnium mit Schlan- 
genfäden. Köln, Museum, p 2 3<2, 3S~7 ; -4^7 
^*t9 C- Abb 4*0 



244 

Linie auf die Straßenfiucht vorkamen. Die Skelettgräber, in 
welchen noch ca. 16 wohlerhaltene Skelette mit im Schöße ge- 
kreuzten Armen und nach Norden oder Nordwesten gerichtetem 
Antlitze lagen, enthielten zumeist Holzsärge, die bis auf geringe 
Reste vermodert waren; doch sind auch solche aus Tuff, dann aus 
gelbem und rotem Sandsteine gefunden worden, aus Steinarten, 
die man in Köln erst im IV. Jahrhundert zu bearbeiten begann. 
Die Beigabe einer Münze Constantins des Großen beweist gleich- 
falls, daß das Leichenfeld noch in dieser späten Zeit benutzt wurde. 
Die Skelettgräber nahmen die letzten, von der Straße entferntesten 
Reihen ein und waren zum Teil sehr tief eingebettet. Manchmal 
lagen jüngere über den älteren. Viele zeigten Spuren alter 
Plünderungen. Schon die Franken ließen bei ihren Einfällen 
und noch mehr nach dem Sturze der Römerherrschaft die Gräber- 
straßen nicht ungeschoren, wobei ihnen die Tituli und Grabmäler 
ja deutlich den Weg zu den Schätzen der Tiefe wiesen. Vor- 
nehmlich auf Gold, Silber und Edelgestein lüstern, teilten sie 
mit allen Barbaren auch die Freude an den leuchtenden, zierlichen 
Schöpfungen der Glasindustrie und schöne, mimentlich farbige 
antike Gläser durften in der Kriegsbeute, dem Schatze eines vor- 
nehmen Germanen nicht fehlen. Das Grabfeld an der Luxem- 
burger Straße blieb iiber auch nach den Frankenkriegen nicht 
verschont. Abgesehen davon, daß die Bischöfe der romanischen 
Zeit zu ihren prachtvollen Kirchenbauten viel antikes Material 
verwendeten — St. Pantaleon ist größtenteils aus den Überresten 
der Rheinbrücke Constantins errichtet — kam ein großer Teil 
des Grundstückes der alten Gräberstraße an die Klöster Weyer 
und St. Brigitten, die darauf Wirtschaftsgebäude errichteten. 

Die Holzsärge, deren sich zumeist die Ärmeren vom An- 
fange des III. Jahrhunderts ab bedienten, müssen sehr dickwandig 
g-ewesen sein, denn die von ihnen herrührenden Nägel haben 
oft eine Länge von 10 — 15 cm. Die Särge sind von rechteckiger 
Form und bedeutend länger als der Körper des Bestatteten, 
damit zu dessen Füßen Gefäße untergebracht werden konnten. 1 ) 
Auch in dieser Zeit bestand die Wegzehrung gewöhnlich aus 
Milch, Honig und Wein in drei größeren Glasnaschen, von 



x ) Boulanger a. a. O. 



245 



welchen zwei zu Füßen, eine neben dem Kopfe aufgestellt wurde. 
Dazu kamen die schon erwähnten sogenannten Tränenfläschchen, 
kleinere Glasfläschchen der verschiedensten Arten für wohl- 
riechende Öle und Parfüme, irdene Schüs- 
seln, Krüge aus weißem und schwarzem - — ..» 
Ton, aus Terra sigillata, aus Bronze, Trink- 
becher mit aufgemalten Sinnsprüchen usw. 
Manchmal findet man mehr oder weniger 
ansehnliche Reste des Totenmales, Kno- 
chen von Hühnern, Kaninchen, Schweinen, 
Ochsen und Hammeln, Eier und Nußscha- 
len und sehr viele Austernschalen, da 
Austern damals ein sehr beliebtes und 
wohlfeiles Volksnahrungsmittel waren. Wie 
in den Brandgräbern gibt es auch hier 
Löffel, Parfümdosen, Toilettegerät, Schreib- 
zeug und sehr viele Schmuckperlen in 
Frauengräbern. War der Sarg zu klein, 
um alle die Beweise der Pietät aufzu- 
nehmen, so legte man einen Teil in eine 
kleine viereckige Kiste aus Holz, mitunter 
aus Bronze oder Blei, und stellte diese 
neben den Sarg zu Füßen des Toten. Zu 
Ende des IV. Jahrhunderts wird die Sitte 
der Totenbeigaben seltener, bei Christen 
beschränkt sie sich auf Gefäße, die viel- 
leicht mit Weihwasser gefüllt wurden, und 
wenige Schmuck- und Gebrauchsgegen- 
stände, die dem Verstorbenen wert waren. 
Trotzdem haben in Köln ausnahmeweise 

gerade christliche Gräber von den Begräbnisplätzen an St. Ursula 
und St. Severin die kostbaren gravierten, bemalten und ver- 
goldeten Gläser ergeben, von welchen in einem anderen Zu- 
sammenhange die Rede sein wird. In den fränkischen Gräbern 
tauchen wiederum tmtike Schmuckperlen aus farbigem Glas und 
Ton in einer vorher unbekannten Fülle und Mannigfaltigkeit auf- 
Jene liegen nicht mehr, wie die heidnischen Gräber, außerhalb 
der Stadt, sondern rings um die Gotteshäuser. 




Abb. 122. Flasche mit Schlan- 
genfäden. Köln, Museum. 



44^ «4-V<Ü 



246 



Von der großartigen Wirkung der Via Appia und selbst 
von jener der Gräberstraße bei Pompeji waren die gallischen und 
auch die kölnischen wohl weit entfernt. Immerhin muß der 
Anblick der ununterbrochenen Reihe von Tituli und Grabbauten 
aller Art in ihrem Schmucke schattiger Bäume, grüner Sträucher 
und bunter Blumen für den Wanderer, der sich einer Stadt 
näherte, ein eigentümlich ergreifender gewesen sein. Ehe er die 
Gassen und Plätze mit ihrem lebendigen Treiben betrat, empfingen 
ihn die Manen der Abgeschiedenen. Auf dem Lande bildeten die 
Grabstätten zumeist Gruppen am Rande von I leinen und unter 
Alleen von Bäumen, die nach den Landhäusern und Gehöften 
führten. Im Umkreise von Köln befindet sich als Überrest einer 
solchen ländlichen Totenstätte das berühmte Grabmal von Weiden 
und in der Nähe von Trier die durch ihren prächtigen Skulpturen- 
schmuck ausgezeichnete Igler Säule. 

Die Brandgräber der Luxemburger Straße haben außer den 
erwähnten Beigaben noch viele andere von großem Kunstwerte 
enthüllt. Besonders reich waren jene sarkophagartigen Stein- 
kisten mit Abteilungen im Inneren an Gläsern feinerer Sorte- 
Line von ihnen hatte beinahe die Größe eines wirklichen Sarko- 
phages und stand in einer Erdhöhlung, die durch vorkrag-ende 
Schieferplatten geschützt war. Sie war vollkommen unberührt 
und enthielt außer verbrannten Knochen im mittleren Räume 
auf den Stufen und in den kleineren Abteilungen nicht weniger 
als dreizehn wohlerhaltene Glasgefäße verschiedener Art in den 
Formen und Dekorationsweisen vom Ende des IL Jahrhunderts, 
außerdem bronzenes Schreibgerät, die Reste eines ledernen Leib- 
riemens und daran ein Olfiäsehchen nebst zwei Strigiles aus 
Bronze. Die Verbrennung der Leiche hcitte, wie deutlich zu 
sehen war, in der Grube selbst stattgefunden. Noch luxuriöser 
war eine kleinere, durch eine Querwand geteilte Steinkiste aus- 
gestattet, die in einem Abteil die Knochenreste, in dem anderen 
achtzehn Glasgeiäße von vorzüglicher Erhaltung aufwies, unter 
diesen eine Reihe jener hochgeschätzten Arbeiten mit Schlangen- 
fadendekor, phantastischen Wellenornamenten aus opakweißen, 
gelben, azurblauen und vergoldeten Glasfäden auf farblos durch- 
sichtigem Grunde. Auch in anderen Steinkisten wurden derartige 
kostbare Gläser gefunden, so namentlich ein Olfiäsehchen in 



247 



Gestalt eines Gladiatorenhelmes mit geschlossenem Visier, ein 
Seitenstück zu dem ehemals in der Sammlung - Disch in Köln be- 
findlichen Helmglase. (Abb. 116.) Gravierte und geschliffene Glä- 
ser, die aus dem spätrömischen Gräberfelde an der Severinstraße 
und anderen Orten Kölns so zahlreich hervorgegangen sind, fehlen 
hier, dagegen sind frei und in Hohlformen geblasene Gläser, 
solche mit Fadenumwickelung', mit Eindrücken, Falten, Rippen 
und Stacheln, kurz die meisten der vom IL bis 
IV. Jahrhundert üblichen Arten reichlich vertreten. 
Unter den Bronzen mögen eine Schüssel in Ge- 
stalt einer Pilgermuschel, einige Spiegel, Tinten- 
fässer, Bestecke mit Schreibgriffeln genannt sein, 
unter den Emailarbeiten ein zierliches Räucher- 
g-efäß in Gestalt eines Dreifußes, eine kleine 
Schmuckdose, mehrere Fibeln in Gestalt von 
Rundscheiben und Pferdchen, sowie Scharnier- 
Übeln gewöhnlicher Art. Unter den Schmuck- 
sachen aus Bronze, Armring-en und Fingerringen, 
Haarnadeln und Schnallen ragt eine zierliche 
Halskette mit kleinen Perlen aus azurblauem Glase, 
unterbrochen durch goldene Zwischenglieder her- 
vor. Aus Bernstein, dessen Bearbeitung" man in 
Köln vortrefflich verstand, 1 ) besteht ein dicker 
Fingerring sowie ein kleines Relief mit Amo- 
retten in einem Schiffe und andere Figiirchen, 
die ebenso wie der schöne schlafende Amor des 
Museums Wallraf-Richartz, den Belag - eines Zier- 
kästchens bildeten. Gleichem Zwecke dienten zahl- 
reiche Amoren, Tierfigürchen und Ornamente aus Bein, die dafür 
Zeugnis gaben, daß auch die Beinschnitzerei in Köln nach 
alexandrinischem Muster arbeitete und eine hohe technische 
Vollendung - erreicht hatte. Unter den Tongefäßen, die natürlich 
der Zahl nach überwiegen, finden sich gleichfalls schöne und seltene 




Abb. 123. Stengel- 
becher mit Schlan- 
genfäden. Köln, 
Sammlung Xielien. 



x ) Die schönsten antiken Arbeiten aus Bernstein sind in der Sammlung Toppo 
im Museum von Udine vereinigt, welche aus Funden von Aquileia besteht. Auch die 
öffentlichen und privaten Sammlungen von Aquileia selbst zeichnen sich durch viele 
vortreffliche Bernsteinschnitzereien aus. Nach diesen sind wohl die von Köln die zahl- 
reichsten und ansehnlichsten. Vgl. Majonica, Führer d. d. Staatsmuseum von Aquileia S.45. 



344 .44* 



2 4 8 



Stücke. Die wichtigsten sind zwei malachitgrün glasierte Am- 
phorisken, ganz mit feinem Weinlaub in Relief bedeckt, aus 
welchem die Gestalten des Bacchus und der Ariadne heraus- 
kommen. Sie sind tadellos erhalten, in Hohlformen gepreßt und 
Arbeiten etwa vom Ende des des I. Jahrhunders. Früher Zeit gehört 
auch eine große Gesichtsurne an, dann halbkugelige Sigillata- 
schüsseln mit Rankenreliefs und Gefäße aus Terra nigra mit papier- 
dünnen Wandungen und scharfen Profilen. Den Kugelbechern mit 
Schuppen, Warzen und Kerbschnittverzierung, die in Mengen 
gefunden wurden, reihen sich die späteren Barbotinebecher mit 
Jagd- und Gladiatorenszenen an. Tonlampen sind aus vier Jahr- 
hunderten vorhanden, am häufigsten die frühen Formen, darunter 
eine große Sigillatalampe in Gestalt einer Weintraube, andere 
mit Reliefs im Diskus. 

Außer Köln haben die Gräberfelder von Andernach, von 
Xanten, Gelsdorf bei Meckenheim, Remagen, Mayen, Flammers- 
heim, das Lager von Neuß und andere am Niederrhein eine 
reiche Ausbeute an Gläsern ergeben, die zum größten Teile im 
Provinzialmuseum von Bonn aufgestellt ist. 1 ) Die Funde von 
der Mosel und aus der südlichen Eifel verwahrt das Provinzial- 
museum in Trier. 2 ) Die Gläser des Trierer Stadtgebietes stammen 
der Mehrzahl nach von zwei Begräbnisstätten: Einer nördlich von 
der Porta Nigra gelegenen, welche die Vorstädte Paulin und 
Maar umfaßt und der anderen am linken Ufer der Mosel bei 
dem Dorfe Pallien, die zumeist christliche Gräber enthält. Hier 
wurde der schöne Becher mit aufgelegten Fischen gefunden, 
dem als Untersatz ein Pinax aus Milchglas diente. (Abb. 309, 
310.) Das schöne Fragment eines Bechers aus Krystallglas mit 
einem geschliffenen Wagenrennen stammt aus den Thermen. 
Die Gläser von Worms und Umgebung sind in dem reichhaltigen 



1 ) Vgl. C. Konen, Das Grabfeld von Andernach, Bonner Jahrb. 86, S. 160 f. 
Lehner, Führer durch das Provinzial-Museum in Bonn. 

2 ) Vgl, Hettner, illustr. Führer d. d. Provinzial-Museum in Bonn und die Be- 
richte in der Museographie der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst, in 
welcher überhaupt die Funde des Rheinlandes, Württembergs, Hessens, Nassaus, der 
Pfalz, von Luxemburg und auch von Holland regelmäßig verzeichnet, zum Teile auch 
abgebildet werden. Kleinere Funde sind im Korrespondenzblatte dieser Zeitschrift 
veröffentlicht. 



249 



Paulus -Museum 3 ), die nassauischen im Museum nassauischer 
Altertümer in Wiesbaden 1 ), die hessischen im großherzoglichen 
Museum zu Darmstadt sowie im Museum von Mainz vereinigt, das 
jedoch auch die anderen rheinischen Gebiete umfaßt, während 
die Sammlungen von Speier, Luxemburg, Mannheim, Regensburg, 
Frankfurt, Neuwied, Düsseldorf u. a. zumeist Lokalfunde enthalten. 
Die Hauptfundorte von antiken Gläsern sind in den Rhein- 
landen a ) : 

Germania Inferior. 

Nymwegen (Noviomagus). Sehr 
zahlreiche Funde, über 400 Perlen und 
Spielsteine. 

Xanten (Qistra Vetera). Sehr viele 
Funde waren früher in 1 loubens Anti- 
quarium, das in die Kollektion Slade und 
mit dieser in das Britische Museum über- 
ging. Vgl. Fiedler, Das Antiquarium 
Houbens in X. und Nesbitt a. a. (). — 
Darin befanden sich u. a. ein saphirblauer 
Pokal mit zwei opakweißen Henkeln 
(Slade S. 33), zwei Trinkbecher aus farb- 
losem Glase mit Haarrissen (Craquele), eine schöne Oenochoe mit 
farbigen Zickzackmustern ägyptischen Stiles, eine Taube aus 
blauem Glase (Slade S. 48). 

Krefeld. Zwei Alabastra ägyptischen Stiles, jetzt im Britischen 
Museum. 

Neuß (Novaesium). Bemaltes Kästchen aus farblosem Glase, 
jetzt spurlos verschwunden. Zahlreiche Bruchstücke von Millefiori 
und farbigen Gläsern der frühen Kaiserzeit. Blaue Amphoriske 




Abb. 124. Xapf mit Schlan- 
genfäden. Köln, Sammlung 
Nießen. P "7 24 



:l l Vgl. Weckerling, Das Paulusmuseum in Worms. 

') ^ gl- v - Cohausen, Führer d. d. Altertumsmuseum von Wiesbaden. 

J ) Die hervorragendsten der in diesem Verzeichnisse genannten Stücke werden 
in den folgenden Abschnitten näher beschrieben und teilweise abgebildet. Die Auf- 
zählung der Fundorte macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie gründet sich 
im allgemeinen auf die beiden Registerbände der Bonner Jahrbücher, in welchen die 
Funde von Germania Superior und dem Moselgebiete wenig berücksichtigt sind. Zur 
Ergänzung ist namentlich die Museographie der Westdeutschen Zeitschrift für Ge- 
schichte und Kunst, sowie das hierzu gehörige Korrespondenzblatt heranzuziehen. 



250 



gef. 1 844 mit einer Münze des Septimius Severus, vgl. Bonner 
Jahrb. 5/6, S. 410. — vSämtliche Funde von Neuß sind neuerdings 
in dem Neuß gewidmeten Bande 111/112 dieser Zeitschrift zu- 
sammengestellt. 

Weiden. Die Funde der römischen Grabkammer im Bonner 
Jahrb. 3, S. 148 f. 

Gelsdorf. Vgl. Bonner Jahrb. 33/34, S. 228 f. 

Flammersheim. Ibd. S. 236. 
Vellerhof (Eifel). Ibd. 19, S. 74. 
Zülpich. Flasche mit aufgemalter 
Quadriga im Provinzialmuseum in Bonn, 
gef. 1904. 

Beckum. Vgl. Bonner Jahrb. 32,8.1 32. 
Ückesdorf. Ibd. 36, S. 72. 
Rondorf b. Sechtem. Ibd. 63, S. 6 f.; 
58, S. 219. 

Vechten (Holland). Ibd. 46, S. 115 f. 
Godesberg. Schmuckperlen ibd. 25, 
S. 207 f. 

Rheindorf b. Opladen. Geschliffene 
und gravierte Gläser ibd. 74, S. 63 f. 
Lommersum. Ibd. 83, S. 138 f. 
Raversbeuren. Fensterscheiben ibd. 
61, 134. 

Stolberg. Dgl. Bonner Jahrb. 72, 
S. 185; 75, S. 178 f. 

Buschdorf. Ibd. //, S. 220. 
Groß-ßußlar. Ibd. 90, S. 117. 
Remagen (Rigomagus). Ibd. 90, S. 18 f. 

Pier b. Jülich. Kanne in Gestalt eines Januskopfes, Bonner 
Jahrb. 84, S. 79. 

Andernach. Zahlreiche Funde aus römischer und fränkischer 
Zeit. Vgl. C. Konen, Das Grabfeld von Andernach, Bonner 
Jahrb. 86, S. 144 f.; außerdem B. J. 81, S. 57; 76, S. 66; 81, S. 56 f.; 
90, S. 1 8 ; 69, S. 51. 

Bonn (Castra Bonnensis). Vgl. Lehner, Führer d. d. Pro- 
vinzialmuseum in Bonn. Zahlreiche Gläser, namentlich mit 
gravierten und geschliffenen Verzierungen. 




p ?-47, <4-"4S / Abb _ I25 _ Helmglas mit 
4r5l,~7 7(= Schlangenfäden. Köln. 
Ehem. Sammlung Disch. 



Germania Superior (und Belgica). 

Wiesbaden (Aquae Mattiacae). Aschenurne bei Dorow, Opfer- 
stätten I, S. 36, T. 13, 1. Im Museum zahlreiche Funde, besonders 
v. J. 1828. Drei Trinkhörner aus fränkischen Gräbern, mehrere 
Rüsselbecher. 

Heddernheim. Zahlreiche Funde, jetzt im Museum von Wies- 
baden, auch im Historischen Museum zu Frankfurt. 

Bing-erbrück. Großes Trinkhorn der Sammlung Slade (S. 80). 
Zahlreiche Glasflaschen und Kannen mit Spiralfäden, jetzt in den 
Museen von Mainz und Wiesbaden (1862). 




Fadenverzierung an dem Helmglase Abb. 125. 



Kreuznach. Kimnen mit Kettenhenkel. Cantharus mit 
blauen und braunen Zickzackfäden, abgeb. bei Lindenschmit, A. 
h. V. I, Heft XI, T. VII, 7. 

Mainz. Zahlreiche Funde im dortigen Museum. Einzelnes 
bei Charvet, vgl. Froehner, T. 9, 53, 54 und S. 71. 

Castel. Zahlreiche Funde, u. a. eine Traubenkanne, abgeb. 
bei Emele, T. VI, 17. Saugheber ibd., T. V, 6. Anderes ibd., T. VI, 
13, T. V, 3, bei Minutoli Katalog- 467, 469, 471. 

Bingen (Bingium). Zahlreiche Kannen mit Kettenhenkel. 
Braunes geripptes Fläschchen im Museum von Karlsruhe. 

Heimersheim. Siegesbecher mit Gladiatorenkämpfen in 
Relief abgeb. bei Froehner, S. 68. Sechseckiges geformtes Fläsch- 
chen aus goldbraunem Glase mit Medusenmasken ibd. 



2 c 2 

Worms (Borbetomagus). Zahlreiche Funde, zumeist im 
Paulus-Museum, einzelne in dem von Wiesbaden. 

I [ohensülzen. Berühmtes sogenanntes Diatretum (Abb. 2 1 7) 
sowie andere geschliffene und gravierte Gläser, die später ein- 
gehend behandelt werden. Vgl. Bonner Jahrbuch 59, S. 64, T. 2 — 5. 

Bertrich. Gläser mit Fadenverzierung. 

Cordel i. d. Hochmark. Reste eines Glasofens. 

Cobern. Gravierte Gläser. Gläser mit Spiralfaden und 
andere sehr reiche Funde. 

Kirn. Gravierte und Fadengläser. 

Wies-Oppenheim. Gläser mit Fadenverzierung. 

Gondorf. Vgl. Bonner Jahrb. 81, S. 63 u.a. Zahlreiche Funde, 
darunter ein Schlangenfadenglas, fränkische Tümmler u. a. 

Speier (Noviomagus). Gläser in der Altertumssammlung 
daselbst. 

Rheinzabern. Baden-Baden. 

Straßburg. Reiche Funde. Darunter viele gravierte und 
geschliffene Gläser, Kanne mit farbiger Fadenverzierung in Form 
einer Pilgernasche wie die Kölner. (Abb. 1 20.) — Das geschliffene 
Netzglas (Oberlin, Mus. Schöpflini, T. 8) ist bei der Belagerung 
1870 verschwunden. (Abb. 220). 

Heidenhübel. Birnförmige Ampulla aus grünlichem Glase, 
umschlungen von einem weißen Faden, der mit kleinen Glas- 
perlen bedeckt ist. 

Luxemburg. 

In dem ans Triersche angrenzenden, ehemals zum Gebiete 
der Treverer gehörigen Großherzogtum e Luxemburg sind Glas- 
funde gemacht worden: In der Stadt Luxemburg selbst, in Bigon, 
Dalheim, Hellange — hier zwei violette Kugelbecher, eine kleine 
blaue Amphoriske mit weißen Tröpfchen und eine prachtvolle 
Millefiori schale. 1 ) (Abb. 204). 



Lothringen. 

Metz. Thionville, St. Mansy bei Toul 
ein Januskopfglas der Sammlung Charvet,. 



— von hier stammt 
(Abb. 298). 



1 ) Vgl. Publications de Ia societe archeol. de Luxembourg IX, S. 2, 20, T. II. 
Näheres in Abschnitt VIII. 



^53 



Helvetia (Schweiz). 

Martigny au Maurasses. Avenches (Aventicum). Windisch 
(Vindonissa). Affoltern (s.S. 158). 

Rhaetia. 

Regensburg. Flasche mit Schlang'enfäden. Gläserne Spiegel 
und anderes in der Altertümersammlung - daselbst. — Belleremise 
b. Pflugfelden, Bayern. Bruchstück eines 
gebänderten Fläschchens (s. S. 158). — 
Bregenz. 

Noricum. 

Salzburg (Iuvavium). Mehrere Funde 
im Museum, darunter ein geformtes Känn- 
chen mit Reliefornamenten aus Birgelstein. 
— Innsbruck. Zeihlreiche Funde im Ferdi- 
nandeum. — Wels (Ovila). Funde aus Steier- 
mark, siehe Pratobevera, die keltischen und 
römischen Antiken inSteiermark, Graz 1856, 
S. 22 f. 

Pannonien. 

Steinamanger (Savaria). Glas des 
Placcius Alcimus. — Daruvar (Jasi). Ge- 
schliffener Netzbecher (Abb. 218.) — Szek- 
szard (Alisca). Dgl. (Abb. 224). — Oedenburg-, 
Becher mit Gladiatorenkämpfen in Relief. 1 ) 




\bb. 126. Pilgerflasche mit 
Schlangenfäden. Köln, 

Museum. p447 



Germania Magna (Das freie Germanien). 

Merseburg. Becher aus Krystallglas 
mit geschliffener und gravierter Szene. 

Diana und Actäon, gefunden in Merseburg in unbekannter Zeit 
neben verbrannten Knochen mit einem unverzierten Becher 
derselben Form, Bronzefibeln und anderen römischen Gegen- 
ständen. Kam mit der Sammlung- Slade in das Britische 
Museum.' 2 ) 



l ) Vgl. Abschnitt VIII. 

*) Vgl. Bohn C. J. L. XIII 80. E. aus'm Werth, Bonner Jahrb. 64, S. 127. 
Coli. Slade, Xo. 320, S. 58, 59, Fig. 15. 



254 

Vietkow (bei Schmolsin, Pommern) 1906. Ein sogenanntes 
Steinkistengrab mit Urnen usw. und zwei geschliffenen römischen 
Gläsern. 

Lüstebahr in Pommern. Eine große Schmuckperle, besetzt 
mit Schachbrettmustern und Masken, s. S. 131. — Glasperlen sind 
in Gräbern des östlichen und besonders des nordöstlichen Deutsch- 
lands sehr häufig. 

Sackrau (Schlesien, 8 km von Breslau). Hier wurden 1886 
und 1888 drei Grabfunde gemacht, welche für die Kenntnis der 
Beziehungen dieser Gegenden zu den Römern von großer Be- 
deutung sind. 1 ) Sie lassen sich in die pannonischen, dänischen 
und schwedischen Funde einreihen, welche antike Arbeiten mit 
einheimischen vereinigen. Das erste Grab enthielt eine Schale 
aus Mosaikglas mit schräg ausladendem Rande und Fußring, 
von braunvioletter Grundfarbe mit achatähnlichem Muster in 
braun, gelb, fleischrot usw., bis auf eine Randlücke gut erhalten, 
4,7 cm hoch, j,'/ cm breit, außen ziemlich rauh, innen glatt poliert. 
(Abb. 195.) Dann zahlreiche Scherben eines Glasgefäßes von grün- 
licher Grundfarbe mit kleinen gelben und dunkelgrünen Flecken, 
wahrscheinlich gleichfalls einer Schale. Außerdem mehrere 
kleinere Scherben mit verschiedenen Millefiorimustern, eine licht- 
blaue Glasperle und flachrunde, weiße und schwarze Spielsteine. 
Die Leichen, von deren Skeletten sich zahlreiche Überreste vor- 
fanden, waren wie die dänischen ohne Sarg bestattet, mit einer 
Einfassung von Steinen umg-eben und mit einer Lage von Steinen 
bedeckt. Wahrscheinlich gehörte der erste Grabfund, welcher 
die eben beschriebenen Gläser enthielt, einer Frau an. Nach 
den Zweirollenfibeln, welche beigegeben waren, läßt sich die Zeit 
ziemlich genau bestimmen. Diese Fibeln treten in Ungarn am 
Ende des III. Jahrhunderts als Ausfluß eines römisch-barbari- 
schen Geschmackes auf und beherrschen im IV. und V. Jahr- 
hundert den ganzen Norden bis Norwegen. Andere Fund- 
umstände lassen das Alter des Fundes auf das Ende des 
III. oder den Anfang des IV. Jahrhunderts einschränken. Die 



*) Vgl. Grempler, Der erste Fund von Sackrau. Breslau 1888. Ders. Der 
zweite und dritte Fund. Die aufgezählten Gegenstände sind hier in Licht- und Farben- 
drucken abgebildet. 



255 

beiden anderen Gräber enthielten eine Trinkschale aus wein- 
rotem, dickwandigem Glase mit ausgeschliffenen Ovalen, 12 cm 
hoch, 9,2 cm breit, von unten abgeplatteter kugeliger Form, 
dann eine Millefiorischale, wie der Becher vortrefflich erhalten, 
von dunkelvioletter Grundfarbe, bedeckt mit kleinen sechsblätt- 
rigen Blüten, die von kleinen Punkten umgeben sind; jedes 
Blümchen hat einen ziegelroten Kern mit gelbem Rande, sechs 
grüne, gleichfalls gelbgeränderte Blätter und 
einen äußeren Kranz von zehn blaßrosa 
Blättchen. Außer den Blümchen durchziehen 
achatartige Streifen den Grund (Abb. 50). 
Wahrscheinlich war hier die Grabstätte eines 
vornehmen vandalischen Geschlechtes. Es 
steht ja fest, daß nicht Slaven die ältesten 
Bewohner Schlesiens gewesen sind; vor ihnen 
gehörte das Land Germanen vandalischen 
Stammes, von welchen einzelne Teile nach 
Pannonien zogen, um hier gegen Aurelian 
und Probus zu kämpfen. Nach ihrem Ab- 
züge erst folgten die von Osten andrängen- 
den Slaven. Die vom Pontus im Osten, so 
wie die von Aquileia über Pannonien nach 
Norden führenden Handelsstraßen erklären 
das Vorkommen dieser antiken Glasarbeiten 
im Vandalenlande, wenn man nicht etwa in 

Rücksicht auf die Kostbarkeit der Funde anstelle des Handels 
lieber ein Ehrengeschenk an einen der Führer des Stammes £in- 
nehmen will. Nach Felix Dahn „schickten und empfingen die 
Gotenkönige, wie Cassiodor und Prokop zeigen, in großer Häufig- 
keit Gesandte, welche nach alter Sitte Ehrengeschenke zwischen 
den Königen auszutauschen pflegten". 1 ) Es konnten demnach 
auch durch eine derartige Verbindung der Ausgewanderten mit 
den Zurückgebliebenen Erzeugnisse südlichen Kunstfleißes nach 
dem Norden gelangen. 




Abb. 127. Becher mit 

Schlangenfäden. 
Bonn, Provinzialmuseum. p ' 



: ) Felix Dahn, I)ie Könige der Germanen. Würzburg 1866. III. S. 251. 



■ — *a s^ 



V. 



Farbiges und farbloses Glas. 
Die Erfindung der Qlaspfeife. 



Kisa, Das Glas im Altertum«. 



17 




Abb. 128. Gläser mit Schlangenfäden, a, b, d im Museum von Namur, 
C im Antiquarium von Regensburg. 



4 <oO 



46o 



^f--S"v 



Farbiges und farbloses Glas. Die Erfindung der Glaspfeife. 

Semper unterscheidet dreierlei Zustände des Glases. 1. Als 
sehr harter, spröder und fester Körper, dem durch Abnehmen 
von Teilen mit Hilfe schneidender Instrumente eine beliebige 
Form erteilt werden kann. 2. Als flüssige Substanz, in welchem 
Zustande es wie Metall in Formen gegossen wird und beim 
Abkühlen mit Beibehaltung seiner Form und Farbe in den 
Aggregatzustand einer festen, spröden, krystallinischen Masse 
übertritt. 3. Als weiche, sehr plastische, zähe und dehnbare 
Substanz, welche nach der Frkaltung die im weichen Zustande 
erhaltenen Formen und Farben unverändert beibehält. 1 ) 

Im allgemeinen entspricht diese Reihenfolge technischer 
Prozesse der Geschichte der Industrie. Im ersten Zustande wird 
das Glas, nachdem es geschmolzen und erstarrt, wie ein Edel- 
stein bearbeitet, im zweiten wird es teils frei aufgegossen und 
gepreßt, teils in Ilohlformen getan. Durch das Rad und 



x ) Semper, Der Stil II 178 f. 



17* 



!ÖO 



stählerne Werkzeuge kann es weiter bearbeitet werden. In 
beiden Zuständen wird vorwiegend opakfarbiges Glas zu gem- 
menartigen Wirkungen ausgenützt. Ihnen folgt mit der Erfindung 
der Glaspfeife der dritte Zustand, in welchem die Industrie in 
eine neue große Epoche eintritt. 

Die überwiegende Anzahl der antiken Gebrauchsgläser zeigt 
eine grünliche, bläulichgrüne oder bräunlich-olivgrüne Färbung. 
Bläulichgrün ist das sogenannte Glas des Pharao in Ägypten, 
von hellerer grünlicher oder gelblicher Farbe das Glas von 
Syrien, die langhalsigen Flaschen von Sidon, grünlich die Gläser 
Italiens und Galliens. Die Färbung rührt, wie erwähnt, von den 
im Kiessande enthaltenen Eisenoxyden her. An Schönheit steht 
dieses ordinäre Material weitaus dem künstlich gefärbten nach, 
das im Oriente bis in das IL Jahrhundert hinein und selbst später 
auch bei Gebrauchsgläsern besserer Sorte bevorzugt wurde. 
Die Gläser hellenistischer und römischer Zeit, welche in den 
Gräbern von Idalium (Cypern) zu Tausenden] gefunden wurden, 
sind der Mehrzahl nach gefärbt. Die farblosen und grünlichen 
Stücke aber, die hier vorkommen, sind nach Cesnola sehr 
dickwandig und wenig durchscheinend, offenbar noch aus freier 
Hand modelliert. In Ägypten findet man schon sehr früh farb- 
loses Gkis, das ursprünglich wohl auch ganz durchsichtig war, 
jetzt aber mehr oder [weniger trüb ist. Dieses Material 
wurde wie das farbige als bildsame Paste mit freier Hand 
um einen Tonkern modelliert und an der Außenseite geglättet, 
die Perlen, Amulette, kleinen Beseitzstücke und Schmuck- 
sachen in Hohlformen gegossen und aufgetropft oder durch 
Pressung [verziert. An den Bruchflächen zeigt es sich, daß 
die Trübung nicht durch die ganze Dicke des Glases hin- 
durchgeht, sondern hauptsächlich an der Innenseite vorhanden 
ist und von da nur wenig nach dem Inneren vorschreitet. Sie 
ist demnach nicht, wie Semper meint, künstlich hervorgerufen, 
sondern das Ergebnis eines natürlichen Verwitterungsvorganges, 
welcher durch eine mangelhafte Abkühlung des fertiggemachten 
Glases befördert wurde. Namentlich die dickwandigen Gefäße 
und Pasten erkalteten in den unvollkommenen Kühlöfen der 
Alten nicht rasch und gleichmäßig genug. Die Abkühlung trat 
an der Außenfläche früher als im Inneren ein, wodurch eine 






2ÖI 

Verschiebung der Masse, eine Spannung entstand, die kleine 
Risse hervorrief. Anfangs kaum bemerkbar, gewährten diese 
Risse und Rauheiten im Laufe der Zeit der Einwirkung von 
Wasser und organischen Säuren freieren Spielraum als glatte 
und gleichmäßig gekühlte Gläser; die Kali- und Natronsilikate 
der Glasmasse wurden aufgelöst und dadurch die Trübung und 
Mattierung hervorgerufen. Diese Sorte farblosen Glases wurde 
bis in das III. Jahrhundert hinein zur Herstellung jener, oft 1 / 2 m 
langen, in der Mitte 
verdickten Phiolen, die 
manchmal als Saugheber 
erklärt werden, der vier- 
eckigen, langhalsigen, in 
Formen geblasenen soge- 
nannten Merkurfkischen 
und anderer Gebrauchs- 
ware angewendet. Die 
chemische Untersuchung 
lehrt, daß ihr Material 
von Eisen- und Mangan- 
oxyden vollkommen frei, 
d. h., daß es natürliches 
farbloses Glas ist, ge- 




Abb. 129. Gläser mit Schlangenfäden. 
Aus der Picardie. 



33 1 S^^^SS 



447, 44^ ,461, 
4 62 , 4<?2. 

wonnen aus reinem Kiessande. Man fand ihn an den Ufern des 
Niles, des Belus, an der Küste von Puteoli und an anderen Orten. 
Der Wüstensand Ägyptens war von verschiedenen Sorten. 
An manchen Stellen gab er ganz weißes, eisenfreies Glas, das sich 
auch vorzüglich zur Färbung eignete, weil die zugesetzten Farb- 
stoffe frei wirken konnten; an anderen dagegen das bekannte, 
stark blaugrün gefärbte, das sehr viel Eisen enthält. Schon wenig 
Eisen reichte hin, um die Farbe sehr zu beeinflussen. Wenn der 
gewöhnliche rote Wüstensand gebraucht wurde, erzielte man 
immer das Glas des Pharao, die blaug'rüne Sorte. Braunen Wüsten- 
sand verwendete man wahrscheinlich in der Regel zur Herstellung 
blau oder grün gefärbten Glases, indem man 3 — io u / Kupfer und 
etwas Kalk zusetzte. 1 ) Die alexandrinischen Arbeiter behaupteten 



*) Russell in Petries Medüm, S. 447. 



2Ö2 

nach Strabo, daß sich ihr Sand besonders gut für farbige Gläser 
eigne. Daneben verstand man es, wie Petrie in Teil el Amarna 
nachgewiesen hat, schon um 1500 v. Chr. reines und farbloses Glas 
aus pulverisierten Quarzkieseln herzustellen, ein Verfahren, das 
nach Plinius später allgemein bekannt war und die Herstellung 
farblosen Glases auch dort möglich machte, wo man nicht über 
reinen Kiessand verfügte. Funde von reinen, farblosen Gläsern 
sind denn auch im alten Ägypten nichts ungewöhnliches, eben- 
sowenig unter dem orientalischen Import diesseits der Alpen. 

Eine andere Sorte farbloser Gläser erweist sich bei der 
chemischen Untersuchung als künstlich entfärbtes Produkt. Es 
enthält Manganoxyd (Braunstein), welches in geringen Mengen 
zugesetzt die Eigenschaft hat, die Metalloxyde unreinen Kies- 
sandes zu paralysieren und die Schmelze zu klären. Manchmal 
vergriff man sich bei der Entfärbung und gab all zu reichliche 
Dosen von Braunstein zu. Dies geschah besonders zu Ende der 
Römerzeit sowohl in Gallien, am Rhein wie im Orient, zu einer 
Zeit, als die Hütten die alten Rezepte leichtfertig behandelten, 
noch mehr in der fränkischen Periode und im Mittelalter. Bei 
den farbigen Gläsern des V. Jahrhunderts und der fränkischen 
Zeit kann man alle die Fehler beobachten, die durch zu geringe, 
meist aber durch zu starke Erhitzung" sowie durch unrichtige 
Mischungsverhältnisse verursacht werden. Gelb wird zu stumpfem 
Rotbraun, Rot zu Violett, Grün zu schmutzigem Oliv usw. Die 
Folge war, daß die Fritte nicht krystallhell wurde, wie man be- 
absichtigte, sondern eine trübe Komplementärfarbe von Blaugrün, 
schmutziges Braungelb annahm. 

Schon Ilg hat wahrscheinlich auf Anregung Lobmeyrs die 
Ursache der unreinen und mangelhaften Entfärbung zahlreicher 
antiker Gläser darin gesucht, daß den Alten kein Mittel bekannt 
war, den Sand zur Schmelze von Eisenoxyden zu befreien. 1 ) Da- 
gegen wandte Blümner ein, daß die chemische Analyse häufig 
bei antiken Gläsern Zusätze von Manganoxyden ergeben habe. 
Beides ist richtig. In entlegenen Glashütten und bei der Her- 
stellung ordinärer Gläser wandte man den gewöhnlichen unreinen 
Kiessand an, während in anderen Fällen das Material entfärbt 



l ) 11g, Anmerkung zu Heraclius, S. 392. Blümner a. a. O. IV, S. 392. 



263 



wurde. Wann man diese Eigenschaft der Manganoxyde erkannte, 
geht aus den literarischen Quellen nicht hervor. Jedenfalls hängt 
diese Erfindung aufs engste mit jener der Glaspfeife zusammen, 
da namentlich bei geblasenen Gläsern die Verunreinigung des 
Materiales auffallen mußte. Als Eärbemittel war das Manganoxyd 
längst bekannt, man verwendete es, um braune Gläser herzu- 
stellen. Dabei nmg der Zufall, indem 
man einmal durch ein zu geringes Quan- 
tum anstatt der gewünschten Farbe eine 
Neutralisierung des bereits ursprünglich 
vorhandenen blaugrünen Tones zu Farb- 
losigkeit erzielte, die Aufmerksamkeit auf 
dieses Entfärbungsmittel gelenkt haben. 
Das künstlich entfärbte Glas ist im 
Gegensatze zu dem natürlich farblosen 
der ersten Periode der Glastechnik, der 
Periode der aus freier Hand modellierten 
Glaspaste, meist zu dünnwandigen Ge- 
fäßen ausgebalsen, also Hohlglas in mo- 
dernem Sinne. Dickwandiger ist eine 
dritte, sowohl durch Guß und Pressung, 
wie mit der Glaspfeife verarbeitete Sorte 
farblosen Glases, welche gleich dem 
Krystallglase von heute und den opti- 
schen Gläsern, Zusätze von Bleioxyden 
enthält. Sie eignete sich besonders zur 
Gravierung und zum Schliff und fand in 
der Kaiserzeit bis ans Ende weitverbrei- 
tete und vielseitige Anwendung. Sie repräsentiert das berühmte 
Krystallglas, dem Plinius unter allen Sorten die erste und her- 
vorragendste Stelle anweist, das in der Kaiserzeit die höchsten 
Preise erzielte. 1 ) Es ist ein schönes, glänzendes, trotz seiner 
Weichheit doch widerstandsfähiges Material, das durch Iri- 
sierung weniger als die durch Manganoxyde entfärbten Sorten 
gelitten hat. 




Abb. 130. Kanne mit Schlangen- 
fäden. Boulogne, Museum. I - 



3 cf4-, -44^^-62 



x ) ,, Maximus tarnen honos in candido tralucentibus, quam proxima crystalli 
similitudine". Plinius 36, 198. 



2 64 

Die noch von Ilg vertretene Ansicht, daß die Antike den 
Hauptwert auf die Nachahmung" edler Steinarten durch farbige 
Glaspasten gelegt habe, ist in dieser Form nicht mehr aufrecht 
zu halten. Dieser meint, daß die Naclmhmung des Obsidians und 
anderer Steine anfangs Hauptsache gewesen sei und das antike Glas 
auch später, als man bereits krystallreines erzeugen konnte, vor 
allem bunt, nichts anderes als ein Rivale des Edelsteines und 
nicht des Krystalles sein wollte. Die Produktion farbloser Gläser 
trete mehr wie ein Nebenzweig in der Industrie auf. Das ist 
ganz unrichtig. Plinius selbst sagt, daß die römischen Glasmacher 
ihre größte Ehre drein setzten, krystallreines Glas zu erzeugen. 
Lobmeyr bemerkt, daß diese Krystallgläser den modernen sehr 
nachstünden; Ilg stimmt bei und behauptet, das habe seinen 
Grund darin, daß die durchsichtig-farblosen Gläser bloß Erzeug- 
nisse der wechselnden Mode gewesen seien, welcher der antike 
Charakter, der immerdar den Edelstein als Vorbild betrachtet habe, 
widerstrebte. Wenn man die Leistungen der antiken Glasindustrie 
im ganzen Gebiete des Römerreiches, im Osten und im Westen, 
in den Ländern des Mittelmeeres wie in denen der Nord- und 
Ostsee überblickt, erkennt man, daß wenigstens vom IL Jahr- 
hundert nach Chr. ab, damals wie heute, das ungefärbte, durch- 
sichtige Glas überwog und zwar nicht nur im Massenbedarf, 
sondern auch in der Luxusindustrie. Während die antiken Schrift- 
steller die Farblosigkeit, die Durchsichtigkeit, den Glanz, die 
graziöse Leichtigkeit der Krystallgläser in allen Tonarten preisen, 
finden die Nachahmungen von Edelsteinen durch Glas bei ihnen 
keine andere Beurteilung als wir heutzutage derartigen Imi- 
tationen angedeihen lassen. Seneca warnt vor einem Fälscher 
von Smaragden, Plinius spricht vom „lügnerischem Glase" "-) und 
erwähnt Bücher, welche die zweideutige Kunst der Nachahmung* 
von Edelsteinen lehren, verschweigt aber absichtlich deren Titel 
und Autoren, damit nicht andere auf diese Kniffe aufmerksam 
werden und sie nachahmen. Getäuscht werde aber selbst durch 
die geschicktesten Nachahmungen bloß das Auge, während der 
Probierstein erkennen lasse, daß bei den falschen Gemmen der 
Stoff weicher und gebrechlicher sei. Auch durch das geringere 



1 ) ,,Non est smaragdo alia imitabili materia mendaci vitro 1 '. 



26^ 



Gewicht und eine größere Wärme beim Anfühlen verrieten 
diese sich. J ) 

Daß die Fälscher trotzdem mit Erfolg arbeiteten, beweist 
die Nachricht, daß selbst die Kaiserin Salonina, die Gattin des 
Galienus, durch eine gläserne Perlen- 
schnur betrogen wurde. Ein Fälscher 
von Edelsteinen hatte sich anheischig 
gemacht, sie hinters Licht zu führen. 
Die Fälschung wurde jedoch nach- 
träglich entdeckt und der Übeltäter 
vor Galienus zitiert, wo er seiner 
Strafe entgegensah. Der Kaiser be- 
fahl, ihn zu ergreifen und den Löwen 
vorzuwerfen. Gleichzeitig wurde ein 
fetter Kapaun in den Zwinger ein- 
gelassen, auf welchen sich die Bestien 
alsbald stürzten. Alle Zuschauer 
brachen in Gelächter aus, indes der 
arme Sünder zitternd und bebend 
wartete, bis ihn selbst die Reihe träfe. 
Da ließ der Kaiser durch den Curio 
ausrufen: „Er ist auf dem Betrüge 
ertappt, nun hat er sein Teil".' 2 ) 
Hierauf gab er Befehl den Händler 
freizukissen. — Tatsächlich ist es nur 
ein kleiner Nebenzweig der Industrie, 
welcher absichtlich in der Nachah- 
mung von Edelsteinen durch Glas bis 
zur Täuschung ging. Bei der weitaus 
überwiegenden Zahl farbiger Gläser 
sind die Farben und Muster von Edel- 
und Halbedelsteinen nur als Motive 
benutzt, die mit voller künstlerischer 




Abb. 131. Flasche mit Barbotine- 

schmuck. Köln, Museum. P / ' y 



J ) Plinius 36, 98. „Adulterantur vitro simillime, sed cote deprehenduntur, sicut 
aliae gemmae; fictis enim mollior materia fragilisque est. Centrosas cote deprehendunt 
et pondere, quod minus est in vitreis." Ders. 37, 128. „Vitro adulterantur, ut visu 
discerni non possint. Tactus deprehendit, tepidior in vitreis." 

-) „Imposturam fecit et passus est 1 '. 



»66 



Freiheit behandelt werden, so daß von einer Kopie gar nicht 
die Rede sein kann. 

Farbig-es Glas wurde bis in das V. Jahrhundert hinein her- 
gestellt, obwohl, wie bemerkt, seit Beginn des I. Jahrhunderts 
das Krystallglas sich den Vorrang erkämpft hatte. Bei einfarbigen 
Gläsern begann man größeren Wert auf vollkommene Durch- 
sichtigkeit, edle Form und eleganten Schmuck zu legen als etwa 
auf ein edelsteinartiges Aussehen. Durchsichtig sind, oder waren 
ursprünglich vor der Verwitterung wenigstens, die zahlreichen 
einfarbigen Ol- und Parfumfläschchen, die man noch in den 
Gräbern der spätesten Kaiserzeit findet, die Balsamarien in Röhren-, 
Kugel- und Kegelformen, die kleinen Oenochoen und Ampho- 
risken, im Gegensatze zu den opaken oder nur wenig durch- 
scheinenden Kännchen vom Anfange unserer Zeitrechnung und 
den alten Arbeiten, die aus freier Hand modelliert sind. Jene ge- 
hören mit ihren griechischen Profilen zu den schönsten und edelsten 
Erzeugnissen der antiken Glasindustrie. Die Farbe ist türkisblau, 
dunkelblau, lackrot, dunkelrot, purpurn, smaragdgrün, schwarz, 
g'oldbraun, gelb u. a. Der Körper zeigt oben eine starke Wölbung 
und verjüngt sich allmählich nach der Fußplatte. Der Hals ist 
kurz und eng, mit kleinem runden Randwulst oder gelippter 
Kleeblattmündung versehen und sitzt gewöhnlich scharf auf. 
Um den Rand und die Fußplatte ziehen sich Ringe aus opak- 
weißen Fäden, aus welchen auch die Henkel gebildet werden, 
mit dem charakteristischen Schlingenansatze neben der Mündung. 
Doch kommen auch Fäden anderer Farbe vor, gelb auf blau, 
schwarz und rot , blau auf schwarz usw. Es sind durchweg 
feine, der griechischen Keramik und Bronzetechnik entlehnte 
Bildungen, die uns in diesen von Alexandria ausgehenden, dann 
besonders von den campanischen Werkstätten übernommenen 
Typen entgegentreten und leuchtende, von der Verwitterung 
kaum berührte Farben. Im Oriente, auf den griechischen Inseln, 
in Italien sind sie nicht selten, aber auch über die Alpen sind 
viele importiert worden, namentlich ins terraconensische Gallien. 
Im Anfange der gallischen Fabrikation mögen alexandrinische 
Werkleute sie auch dort erzeugt haben. Zwei der schönsten 
türkisblauen Kannen dieser Art sind in Trier mit einer Münze 
Neros gefunden worden (Abb. 36 d), die größte, vielleicht 



267 



aus Pompeji eingeführte, bewahrt die Altertümersammlung- von 
Stuttgart als Geschenk Joachim Murats (Abb. 36b). Sie ist etwa 
30 cm hoch, von dunklem Kobaltblau, durchscheinend, mit schön 
geschwungenem, oben leicht eingedrücktem Henkel und einem 
Schnabelausguß. Der Körper hat schlanke eiförmige Rundung 
und ist vom Fuße durch einen Fadenring abgegrenzt. 
Auch im Museum Poldi Pezzoli in Mailand befindet sich eine 
schöne Kanne dieser Art (Abb. 36a). Ein azurblaues Kännchen mit 
breitem Henkel ist ne- 
ben zwei spätrömischen 
Fläschchen aus grün- 
lichem Glase in einem 
Grabe zu Remagen am 
Rhein gefunden worden 
und beweist, daß sich 
diese edlen Typen lange 
erhalten haben. Im II. und 
III. Jiihrhundert hat die 
gallische Glasindustrie 
solche zierliche Kannen 
und Kännchen auch 
aus farblosem und grün- 
lichem Glase hergestellt. 
Daneben gab es 
schon in den ersten Jahr- 
zehnten weniger elegante Bildungen von Kannen und Flaschen. 
Anstatt den Hals durch das Anhalten einer hölzernen Schiene 
während des Blasens am Ansätze abzugrenzen und die größte 
Weite der Rundung in den oberen Teil des Körpers zu verlegen, 
ließ man die Glasblase von der Pfeife herabhängen und setzte' das 
Gefäß auf eine Platte. So gingen Hals und Körper ineinander über 
und die größte Weite wurde nach unten verlegt. Oft erzielte man 
nachträglich dadurch eine Abgliederung, daß man den Hals unten 
einzwickte, wie es die meisten syrischen Flaschen zeigen. Zur 
Datierung sind diese Merkmale nicht zu verwenden, weil sie sich 
von selbst durch die Technik ergeben. Neben Gläser, deren 
Formen der Gefäßbildnerei in Ton und Metall entlehnt sind, treten 
gleichzeitig solche, die eine möglichst bequeme Ausnutzung der 




Abb. 



132. Becher mit Fadeninschrift. 
Rouen, Museum. 



4-1 2. 









268 




Eigentümlichkeiten des Stoffes erkennen lassen. Nur der leichte 
schräge Rand, der gewissen dünnwandigen Fläschchen anstatt 
des Wulstes eigen ist, kann als Merkmal früher Entstehungszeit, 
der ersten Hälfte des I.Jahrhunderts gelten. Kugelfläschchen mit 
solchem Rande und eingezwicktem Haisansatze sind in Andernach 
mit Münzen des Augustus und Tiberius gefunden worden und 
kommen auch in Pompeji vor. Andererseits gab es dort schon 
kegelförmige Fläschchen mit rundlichem Randwulste; ein schlauch- 
förmiges Fläschchen, dessen Körper allmählich in den Hals über- 
geht, fand man in Andernach mit einer Münze des Tiberius. 

Sehr häufig sind in den ersten 
Jahrzehnten nach Chr. die bereits er- 
wähnten halbkugeligen Schalen mit Rip- 
pen, die gewöhnlich dickwandig aus 
leuchtendem tiefblauem, purpurrotem, 
dunkelgrünem und goldbraunem Glase 
hergestellt, sorgfältig abgeschliffen und 
poliert sind. Prachtstücke dieser Art 
bestehen aus Marmorglas und Millefiori, 
einfache Nachbildungen aus grünlichem 
Glase findet man noch im IL Jahrhundert. 
Die Form findet sich überall, in Ägypten, Pompeji, Neapel, Rom, 
und ist fast in edle größeren Altertumssammlungen diesseits der 
Alpen übergegangen. Noch häufiger sind bis in die späteste Zeit 
hinein Kugelbecher und Schalen, deren Ränder und Profile ebenso 
große Mannigfaltigkeit zeigen wie die Dekoration, die allen Wand- 
lungen des Geschmackes folgt und tille Techniken in Anspruch 
nimmt. Auch die klassische Form des Cantharus, des doppel- 
henkeligen Bechers, erhielt sich bis in die letzte Zeit und wurde 
sogar zum Meßkelche. Papst Zephirinus] (202 — 219), welchem die 
Einführung gläserner Meßkelche zugeschrieben wird, bestimmte, 
daß die Meßdiener vor dem zelebrierenden Bischöfe gläserne Teller 
tragen sollen, auf welchen die für die amtierenden Priester be- 
stimmte Corona consecrata, das Abendmahlsbrod in Gestidt eines 
rinfgörmigen Bretzels zu liegen kam. Außer mehreren Kelchen 
haben sich auch solche Teller, teils aus einfarbigem Glase, teils 
mit Gold- und Emailmalerei verziert, erhalten. Zu diesen oder 
ähnlichen Geräten gehört der sagenumwobene Becher des 



Abb. 133. Bruchstück eines 
Bechers mit Fadeninschrift. 
4 "7 ' Köln, Museum. 



269 




Cr r als, der jetzt im Domschatze von Genua als kostbare Reliquie 
gehütet wird (Abb. 33). Nach der Lebende soll er dem Heilande 
als Abendmahlsbecher gedient haben und von Josef von Arimathia 
bei der Kreuzigung - dazu benutzt worden sein, das aus der Seiten- 
wunde Christi strömende Blut aufzufangen. Durch ein Wunder 
nach dem Monsalvat versetzt, diente er den Rittern des Grals 
beim heiligen Abendmahle und füllte sich bei der Wandlung von 
selbst in Purpur strahlend mit Christi Blut. Wie er in die Hände 
der Sarazenen gelangte, ist unbekannt. Genuesische Kreuzfahrer 
fanden ihn 1102 in der Moschee von Cae- 
sarea und brachten ihn in ihre heimische 
Kathedrale. Dort hielt man ihn für ein 
großes Stück geschnittenen Smaragdes, bis 
die Franzosen ihm 1806 die Ehre erwiesen, 
ihn nach Paris zu „übertragen", bei welcher 
Gelegenheit er zerbrach und sich als Glas 
entpuppte. Er wurde notdürftig geflickt und 
mit einer geschmacklosen Bronzefassung 
im Empirestil versehen, mußte aber beim 
Friedensschlüsse wieder zurückgestellt wer- 
den. Der angebliche Gralsbecher ist eine 

Schale aus dunkelsmaragdgrünem, dickwandigem Glase von 
etwa 35 cm Durchmesser und 10 cm Höhe, flachrund, acht- 
eckig geschliffen, mit zwei wagerechten starken Henkeln und 
kurzem schräge zugeschnittenem Fußringe. Innen ist ein Doppel- 
kreis graviert, der mit kleinen Ringen, gleich Würfelaugen, gefüllt 
und mit einem iichtspitzigen Stern umgeben ist, dessen Strahlen 
die Kirnten der Schale markieren und wieder in kleine Ringe 
auslaufen. Die Form ist durchaus antik, ebenso die Gravierung, 
wenn auch vor dem III. Jahrhundert kaum möglich. Die Gravie- 
rung verwertet das Motiv der Corona consecrata in ornamen- 
taler Weise und deutet damit die Bestimmung des Gefäßes an. 
Nach dem ursprünglichen Aufbewahrungsorte Caesarea ist die 
Entstehung im Oriente, in Alexandrien, Sidon oder einer syrischen 
Werkstatt wahrscheinlich. Die Glashütten Alexandriens blühten 
unter sarazenischem Schutze bis tief in das Mittelalter weiter und 
lieferten u. a. die kostbaren farbigen und dickwandigen, teilweise 
mit Gold- und Emailmalerei verzierten Gläser des Schatzes von 



Abb. 134. Boden eines 
Goldglases mit Fadenin- 
schrift. Britisches Museum. 



-37/ .S*>3 



270 



vS. Marco in Venedig-, die Nesbitt mit Unrecht den Byzantinern zu- 
schreibt. Auch dem Gralsbecher ist die Ehre widerfahren, für 
byzantinisch gehalten zu werden. Es ist aber nichts davon bekannt, 
daß in Byzanz, vom Glasmosaik natürlich abgesehen, die Kunst 
des Hohlglases, des Glasschleifens, Emaillierens, Vergoldens, jemals 
in nennenswerter Weise betrieben worden wäre. Freilich spricht 
Theophilus und nach ihm andere mittelalterliche Schriftsteller 
oft von griechischem Glase und griechischen Glaskünstlern, aber 
dies geschieht in keinem anderen Sinne und mit eben derselben 
Berechtigung, mit welcher die Nordländer einst den Glasschmuck 
phönizisch nannten, der ihnen von phönizischen Händlern zu- 
gebracht wurde. Griechische, d. h. byzantinische Kaufleute waren 
es, welche im Mittelalter den Norden mit Glaswaren versorgten, 
die im Orient an den alten Stätten der Industrie entstanden 
waren. Bei dem Gralsbecher ist aber die Bezeichnung als byzan- 
tinisch auch zeitlich verfehlt, da die Schale besonders nach der 
Form der Henkel und des Fußringes entschieden antik ist. Die 
Gesamtform, die der Henkel inbegriffen, wiederholt sich bei 
einigen Glasschalen der frühen Kaiserzeit im Museum von Neapel 
(Formentafel F 392). Manche Kugelbecher haben die Bronze- 
gefäßen entlehnte Form des kleinen Rundhenkels mit Daumen- 
platte, wie der gleichfalls der frühen Kaiserzeit angehörige azur- 
blaue Becher im Schatze von S. Marco, der im Piilazzo Bianco 
in Genua (Abb. 35 a, c) von derselben Farbe, einer aus Pompeji 
im Museum von Neapel u. a. 1 ) 

Kugelbecher von einfacher Form, aber in leuchtenden 
prachtvollen Farben, sind sehr häufig. Besonders beliebt scheinen 
sie bei Barbaren gewesen zu sein, die farbiges Glas sehr hoch 
schätzten und gern sammelten. So enthält der Longobarden- 
schatz von Castel Trosino z. B., der im VI. Jahrhundert angelegt 
wurde, neben zwei Gläsern mit imitiertem Fadenschmuck, auf- 
gemaltem Farnkrautmuster und anderen Arbeiten auch Kugel- 



*) Der Becher kam wahrscheinlich als Geschenk des Papstes Gregor d. Gr. 
aus Rom zur Königin Theodelinde. Der Abt Johannes brachte außer ihm auch 
zahlreiche Reliquien mit, darunter Öle aus den Lampen, welche vor den Altären der 
Märtyrer in den Grabkammern brannten. Sie befinden sich in kleinen Phiolen aus 
Glas und aus Blei noch heute im Schatze von Monza. Gregor d. Gr. pflegte gleich- 
falls solche Öle in Glasphiolen zu versenden. 



271 



becher, deren schöne Wirkung - ausschließlich auf der satten, 
tiefen Farbe beruht. Ein Kugelbecher dieser Art ist auch der 
berühmte Becher Theodelindens im Domschatze von Monza. 
Auf einen gotischen Metallfuß hat man als Cuppa einen Kugel- 
becher aus der Kaiserzeit gesetzt, der nicht aus Saphir be- 
steht, wie man lange annahm, sondern aus durchsichtigem azur- 
blauem Glase. Er ist ganz schmucklos, trägt nur am Rande einen 
schmalen hohlgeschliffenen Reif und 
darunter eine leichte gravierte Kreis- 
linie (Abb. 34). Vielleicht ist er schon 
im Altertume in anderer Fassung als 
Kelch benutzt worden. *) Ein ähn- 
licher Kugelbecher, ein Teller und 
ein Kännchen, auffallend durch ihr 
prachtvolles Smaragdgrün, befinden 
sich im Provinzialmuseum von Trier, 
ein Kugelbecher von derselben Farbe 
im Museo Borbonico, wo auch ein 
konischer Becher aus azurblauem 
durchsichtigem Glase zu sehen ist. 
(Abb. 35 c). Diese langlebige Becher- 
form , die wir schon im alten 
Ägypten angetroffen haben, kommt 
auch in smaragdgrüner Farbe vor, 
manchmal mit einem kleinen Seiten- 
henkel, so daß sie einem Mörser 
gleicht." 2 ) Becher mit geschweiften 
(konkaven) Wandungen, in der Form des Carchesiums, stellte 
man auch in schwarzem Glase her, das durch das Licht 
gesehen, einen rötlichen Schimmer hat. Es ist eine Nach- 
ahmung des Obsidians, von welcher Froehner behauptet, daß 
sie bei größeren Gefäßen nicht anzutreffen wäre. Ihm sind nur 
einige Armbänder und Nachahmungen von Cameen unter- 
gekommen. Armbänder aus schwarzem Glase sind freilich sehr 
häufig, doch gibt es aus diesem Material, in welchem nach den 

1 ) Das Vorbild dieser Henkelbildung zeigen auch Silberbecher aus dem Funde 
von Bosco Reale. Vgl. Abb. 161. 

~) Gleichfalls im Museum von Neapel. 




Abb. 135. Gallischer Trinkbecher 
mit Barbotine. Köln, Museum. /' 



^.-7^ 



2 7- 



Berichten von Schriftstellern, auf welche wir später noch zurück- 
kommen werden, Tafelgerät, Büsten und Figuren hergestellt 
wurden, auch größere Gefäße. Von Bechern sind mir zwei 
Exemplare bekannt, das eine im Kölner Museum, das andere 
in Namur, beide Lokalfunde, welche aber so sehr miteinander 
übereinstimmen, daß man auf dieselbe Werkstatt raten möchte. 
Einen Kugelbecher von wundervollem Türkisblau, wohl ägypti- 
scher Herkunft, verwahrt das Museum Kircherianum in Rom 
aus dem Schatze von Praeneste; einen außen vollkommen mit 
Blattgold überzogenen erwarb Konimerzienrat Zettler-München 
in Kleinasien. Unter den prächtigen farbigen Gläser des Museums 
von Neapel sei wegen seiner originellen Form noch der mit 
Canelluren gegliederte Askos hervorgehoben, der in mehreren 
Exemplaren, einem opak-dunkelblauen, einem hell-azurblauen mit 
weißen Flecken und mehreren farblosen vertreten ist. (Abb. 69). 
Wie die Edelsteine so kamen auch die Nachbildungen solcher 
in Glas aus dem Oriente nach Rom. 1 ) Zu Plinius' Zeiten ahmte 
man den Saphir, Opal, Smaragd, Hyazinth, Jaspis, Karneol nach, 
außerdem aber auch den Rubin, Topas, Türkis, syrischen Granat, 
Beryll, Amethyst, Praser, Achat, Sardonyx, Onyx, Lapislazuli u. a. 
Die über die Nachahmung von Edelsteinen handelnde Stelle des 
Plinius 36, 198 lautet wörtlich: „Fit et tincturae genere obsidianum 
ad escaria vasa et totum rubens ^ttque non tralucens, haematinum 
appellatur. Fit et album et murrina (also als Gegensatz zu weiß, 
bunt) aut hyacinthos sapphirosque imitatum et omnibus aliis 
coloribus — maximus tarnen honos in candido tralucentibus quam 
proxima crystalli similitudine". Aber die Nachahmungen sind 
durchaus nicht naturgetreu, weil der Glasmacher bei der Her- 
stellung der Farben sehr vom Zufall abhängig war, so daß er 
niemals mit Sicherheit vorhersagen konnte, ob es ihm gelingen 
werde, ein Stück ein zweites Mal genau"] farbentreu zu wieder- 
holen. Dabei waren allerdings die Fälle ausgenommen, in welchen 
er ein größeres Quantum vorher zurechtgemachter Glaspaste ver- 
arbeitete, namentlich blaue und rote Gläser, deren Material in 
ägyptischen und campanischen Werkstätten fabriksmäßig her- 
gestellt und in Form von Ziegeln (Kuchen, Stangen) exportiert 



x ) Frochner a. a. O. S. 45. 



73 



wurde. Aber auch solches bereits vorgerichtete Material könnt« - 
sich im erneuten Brande leicht verändern und durch unvorher- 
gesehene Beimengungen einen anderen Ton erhalten. Besonders 
bei den gemusterten Gläsern, den Marmor-, Bandachat-, Onyxgläsern 
kann von genauer Naturnachahmung nur selten die Rede sein, der 
Künstler ändert oft willkürlich oder der Not gehorchend Farben 
und Muster. Jaspis und Porphyr wurden weniger häufig nachge- 
bildet als man glauben sollte. In Rom stößt man zwar auf Bruch- 
stücke derartiger Glasgefäße, 
erhalten scheint aber keines 
zu sein. 

Nach Plinius befindet sich 
unter den nachgeahmten Stein- 
sorten auch der Opal. Auch von 
derartigen Gläsern ist nichts auf 
uns gekommen, was aber nicht 
Wunder zu nehmen braucht, 
denn der Effekt des Opalisie- 
rens wird, wie bereits erwähnt, 
durch einen Zusatz von Kno- 
chenasche und anderen Mitteln 
erreicht, welche der Verwitte- 
rung nicht Stand halten. Selbst 
die modernen Opalgläser ver- 
lieren bald ihr Farbenspiel. 

Wahrscheinlich waren die obengenannten Calices allassontes des 
1 ladrian Opalgläser.^ Semper hält sie allerdings für Millefiori, 
für welche ich den so lange rätselhaften Namen der Vasa murrina 
gerettet zu haben glaube. Er wendet sich besonders scharf gegen 
die Ansicht, daß die antike Glasindustrie vor allem auf die Imitation 
von Edelsteinen ausgegangen sei. In der Tat kann von den 
antiken Gläsern, die altägyptischen inbegriffen, bei welchen man 
sich in Farbe und Muster gewisse bunte Steinarten als Vorbild 
nahm, selbst das unbewaffnete Auge kaum irregeführt werden. 
Freilich haben, wie wir früher sahen, große Säulen, Fliesplatten, 
Stelen, vielleicht sogar Statuen aus glasiertem Ton, naive Be- 




Abb. 136. Jagdbecher mit BarboUnc. 
Köln. Museum. fC 4 7-i 



!) Vgl. S. 180. 
Kisa, Das Glas im Altertume. 



18 



^im^f^W^^^^^'^-'^W^^^^Wy 



W*ß 






tödfe* 



274 

wunderer über ihre wahre Natur getäuscht. Kleine Gefäße aus 
glasiertem Ton sind in Ägypten manchmal Gläsern zum Ver- 
wechseln ähnlich. Es war den Alten aber nicht möglich, Mar- 
more und Edelsteine, selbst den einfarbigen Lapislazuli, so 
täuschend in Glas zu imitieren, wie dies die modernen Stuck- 
marmore einerseits, die falschen Brillanten, Saphire, Opale anderer- 
seits vermögen. Wenn man meint, daß die Antike in der Blüte- 
zeit der Industrie die hervorragendsten Eigenschaften des Stoffes, 
seine Durchsichtigkeit und Farblosigkeit, absichtlich unbenutzt 
gelassen habe, um ihn gerade in den kunstvollsten Stücken nur 
als Surrogat eines edleren zu verwenden, so drückt man ihr 
damit unbewußt den Makel der Trucage auf. Dies geschieht 
unter dem Einflüsse der fixen Idee, daß die Farblosigkeit und 
Durchsichtigkeit dem auf plastische Wirkung gerichteten Sinne 
der Alten widerstrebt habe. *) 

Am schärfsten kommt diese Befcmgenheit aber gerade 
bei Semper zum Ausdruck, welcher glaubt, daß die zahlreichen 
Scherben von Prachtgefäßen aus schönstem, farblos durchsichtigem 
Glase innerlich fast alle mit dem Rade nachg-eschliffen, wo nicht gar 
mit einem Anfluge undurchsichtigen Milchglases überfangen seien. 
Er hält die durch Iris, durch Verwitterung, hervorgerufene Trü- 
bung für ein künstlerisches Produkt, da die Alten an der vollkom- 
menen Durchsichtigkeit der Gläser kein Gefallen gefunden hätten. 
Dieses uns nur halb verständliche Stilgefühl führte sie nach seiner 
Ansicht vielleicht auch dahin, die echten Krystallvasen in ähn- 
licher Weise zu blenden. Die Tatsache, daß das absolut Durch- 
sichtige eigentlich formlos erscheint, mochte der Grund dazu 
gewesen sein. (Vollkommene Berechtigung" hat ja das antike 
Stilgefühl auch für uns, wenn es sich um erhabene Arbeit oder 
gar um Bildhauerwerk aus durchsichtigem Stoffe handelt, der eine 
naturwahre Wirkung der vorspringenden und zurücktretenden 
Teile gar nicht zuläßt, vielmehr alle Wirkung zerstört, weil durch 
die Verdünnung der Masse hervorgebrachte Tiefen, die im .Schatten 
liegen sollen, am hellsten erscheinen müssen und umgekehrt.) Melle 
durchsichtige Plastik aus Glasmasse finde sich daher auf alten 
Gefäßen nur selten und nur als Neben werk, (auf durchsichtigem 



x ) Semper a. a. ü. II, S. 183 f. 



vs 



Grunde auch nur bei ordinärer Glasware) als gemmenartiges 
Emblem, Tropfen usw., als Besatz an Henkeln und anderen 
passenden Stellen aufgelegt. Sonst sei es gewöhnlich erhabene 
Arbeit aus heller opaker Kruste über dunklem durchsichtigem 
Grunde, ein Verfahren, das die schönsten und berühmtesten an- 
tiken Glasgefäße zeigen. 1 ) 

Es ist richtig, daß die Überfanggläser, welche Semper zum 
Schlüsse andeutet, zu den schönsten Leistungen der antiken Glas- 
industrie gehören und auch dem antiken Stilgefühle vollkommen 





Abb. 137. Besatzstücke a, b Rom, ehem. Sammlung Sarti, c Köln, Sammlung 



M. vom Rath. 



o 4.3 o 



entsprechen; vielleicht sagt man aber besser: dem griechischen 
Stilgefühle. Diesem war, wie wir sahen, die Glasindustrie 
unsympathisch und mußte sich, wo sie zur Geltung kam, der 
Kunst der Edelsteinschneider anpassen. Das war zu Zeiten, 
als man die hervorragendsten Eigenschaften des Glases, seine 
Durchsichtigkeit und Dehnbarkeit an der Glaspfeife, noch 
gar nicht kannte. Diese begründeten eine Revolution in der 
Technik und in den ästhetischen Anschauungen, wie sie in dem 
Märchen vom hämmerbaren Gkise des Tiberius angedeutet und 
in den verschiedenartigen, in Ilohlformen geblasenen Gläsern 
verwirklicht ist. Nicht nur in einzelnen Nebensachen und in 
ordinärer Gebrauchsware tritt diese Geschmacksänderung hervor, 
sie bestimmt vielmehr den ganzen Chamkter der antiken Glas- 
industrie im EL und III. Jahrhundert. Davon bleibt freilich 



l ) Semper a. a. O. II, S. 1S6. 



18* 






IraPsfeSil 



■H 



276 

die Tatsache unberührt, daß ein Relief in durchsichtigem 
Glase falsch wirkt, daß die Tiefen aufgehoben erscheinen, die 
Glanzlichter stören usw. Diesen Mangel hat die Antike ebenso 
empfunden wie wir, gleichzeitig aber auch den Vorteil erkannt, 
den kein anderer Stoff bietet, daß nämlich ein Glasrelief auf 
beiden .Seiten wirkt, auf der einen Seite positiv, auf der anderen 
negativ. In der Regel betrachtete man bei Schalen mit Reliefs 
die Außenseite als Schauseite, bei gravierten die Innenseite und 
richtete danach die Romposition ein. 

Die Farbe beherrschte das Stilgefühl in der antiken Glas- 
industrie solange, als man farbloses Glas nur in geringen Mengen 
und an wenigen Orten herzustellen vermochte und solang-e das 
Formen von Gefäßen eine Arbeit der freien 1 [and war. Näher 
als die Entdeckung von Entfärbungsmitteln des durch Eisenoxvde 
verunreinigten Sandes, der Rieselerde, lag" die. durch eine Ver- 
stärkung des ursprünglichen Gehaltes an Metallen die Masse 
intensiver zu färben, durch die Quantität der Zusätze, durch die 
Art des Brennens, durch Entwicklung größerer oder g-eringerer 
Mengen von Sauerstoff bei Führung der Flamme zu variieren. 
Zufällige Beimengungen metallischer Bestandteile haben zuerst 
die Aufmerksamkeit auf die dadurch hervorgerufenen Ver- 
änderungen gelenkt und zur Entdeckung der Färbemittel ge- 
führt. Die Alten waren keine Chemiker, sie verfuhren empirisch 
und lernten, daß dieser und jener Sand, diese Erdart, jener Stein- 
klumpen, in gewissen Gegenden gewonnen, besondere farbige 
Wirkungen hervorrufe. 

Vor allem waren die Ägypter durch ihre farbigen Gläser 
berühmt, in der Kaiserzeit die Alexandriner. Nach Strabo eignete 
sich kein Sand so gut zur I Erstellung" farbigen Glases, wie der 
vom Nil, den noch die Venezianer auf ihre Schiffe luden, um 
ihn in den AVerkstätten Muranos zu verarbeiten. Am belieb- 
testen war Blau in verschiedenen Schattierungen, Türkisblau, 
Smaragdgrün, Goldbraun und mehrere Sorten von Rot. Nero 
soll die Gladiatorenspiele durch einen geschliffenen Smaragd in 
Goldfassung betrachtet haben, ohne Zweifel eine Einse aus grün- 
gefärbtem Glase. Enter den roten Farben hebt Plinius vor allem 
das Haematinum hervor, zu deutsch Blutglas, von dunkler 
Purpurfarbe, opak und angeblich kaum von rotem Marmor zu 



77 



unterscheiden. 1 ) Froehner g*laubt nur in einem gläsernen Serapis- 
kopf der Sammlung Hoffmann in Paris") und zwei mit dem Rade 
geschliffenen Schalen aus Algier, jetzt im Louvre, diese hochge- 
schätzte Farbe wiederzufinden, andere Forscher sind weniger exklu- 
siv. Nach Tischler gibt es zwei wesentlich verschiedene Erschein- 
ungen des opakroten Glases, die man bei einiger Übung schon mit 
freiem Auge unterscheiden kann, die aber unfehlbar durch das Mi- 
kroskop nachzuweisen sind. Blutglas 
zeigt in farblosem Grunde dendriten- 
artige Krystallisationen von Kupfer- 
oxydul; dieses allein ist mit dem 
I laematinum des Plinius zu identifizie- 
ren. Scherben davon gibt es in zahl- 
reichen Museen, auch an mehreren 
ägyptischen Alabastren bildet es die 
Grundfarbe. In neuerer Zeit ist das 
Blutglas durch Pettenkofer wieder dar- 
gestellt worden, war jedoch wahrschein- 
lich schon vorher in der Mosaikfabrik 
des Vatikans bekannt. Wesentlich 
verschieden von diesem dunkelroten 
Glase ist das, was Tischler 1884 als 
Lackrot bezeichnet hatte und später 
Ziegelglas oder Ziegelemail be- 
nannte, weil es sich in seiner bräun- 
lichen Schattierung mehr oder weniger der Farbe feiner 
Ziegel nähert. Das Ziegelglas zeigt bei sehr dünnem Schliff 
auf blaulich-transparentem Grunde äußerst feine und absolut 
opake Körperchen, die bei auffeilendem Lichte metallisch rot 
erglänzen. In den älteren Gläsern und Emails erkennt man 
darunter nur bei allerstärkster Vergrößerung kleine regelmäßige 
Dreiecke, ebenso bei den besseren neueren, während die 
schmutzigen, mehr bräunlichen Schmelz versuche diese Dreiecke 
größer und deutlicher zeigen und so in Übergängen allmählich 
zum Aventuringlase führen, welches mit größeren, drei- oder 




Abb. 138. Amphoriske mit Lotus- 
knospen. Köln, Museum. \'- 



£ 3<7 



'i Plinius, 36, 197. 

2 ) Jetzt bei Pierpont Morgan. 






278 

sechsseitigen Kupfertäfelchen durchsetzt ist. Das Ziegelglas ent- 
hält demnach metallische, äußerst feine Kupferkörnchen, die in 
einer durch Kupferoxyd bläulich gefärbten Grundmasse verteilt 
sind. Alan darf es nicht mit dem 1 Iaematin verwechseln, zumal 
die Gefäße aus reinem Ziegelglase sehr selten sind und wohl 
auch ziemlich spät auftreten. Die gallischen Emailfibeln der 
Kaiserzeit enthalten nach Tischler immer Ziegelglas, während 
das Rot des etruskischen Furchenschmelzes und kleiner Band- 
streifen von Fibeln mit geometrisch gemustertem Emailschmuck 
Blutemail, 1 laematinum ist. 1 ) Durch Mercanton in Lausanne ließ 
Minutoli eine Goldplatte untersuchen, welche in den Trümmern 
des alten Canopus gefunden worden war und nach ihrer Inschrift 
aus der Ptolemäerzeit stammte. Die Inschrift enthielt die Wid- 
mung eines Tempels an Osiris und war durch einen Überzug 
von dunkelrotem Schmelz geschützt. Die Farbe, wahrscheinlich 
mit I laematinum identisch, war auch hier durch Kupferprotoxyd 
hervorgerufen. 

Während das Ziegelglas der Kaiserzeit lebhaft rot und rein 
ist, wird es zur Zeit der Völkerwanderung schmutzig und stumpf 
bräunlich, mit farblosen Krystallen durchsetzt. So zeigt es sich 
auf einem Spätlinge der alexandrinischen Werkstätten, einem 
Alabastron des V. oder VI. Jahrhunderts im Museum von Kolmar. 
Dieses ist auf rotem Grunde mit gelben und blauen Zickzack- 
linien gemustert, ein Beweis für die Unverwüstlichkeit dieses Typs, 
und das einzige Glasgefäß mit dieser Grundfarbe, das Tischler 
sah. Die Farbe ist nicht mit dem dunkleren, aber durchsichtigen 
Amethystrot zu verwechseln. Bei Perlen dagegen ist das Ziegel- 
glas in der Kaiserzeit häufig, so z. B. bei solchen der Sammlung 
M. vom Rath in Köln. (Einige der auf Seite 53 abgebildeten 
Kugelperlen mit Zickzack- und Wellenbändern haben ziegelrote 
Grundfarbe: No. 12, 13, 15 — 17). In der altägyptischen Glas- 
industrie überwiegt jedoch das Uaematinum, ohne in der Kaiser- 
zeit ganz aufzuhören. Daneben gibt es auch ein schönes undurch- 
sichtiges Dunkelrot, das sich dem Rubin und syrischen Granate 
nähert; gewöhnlich wird es aber durchsichtig gemacht und 



*) Tischler, Abriß der Geschichte des Emails. Schriften der Physik. -ökon. Ge- 
sellschaft in Königsberg 1887. 



2/9 



so zu Kugelbechern und flachkugeligen Schalen verwendet. Ein 
besonders schönes Exemplar dieser Art ist eine in der Magnus- 
straße in Köln mit dem Glasgefäße in Eorm eines hockenden 
Affen gefundene Schale, die innen glatt, außen am Rande gerieft 
und darunter in der ganzen Eläche mit einem feinen, kassetten- 
artigen Rosettenmuster bedeckt ist. Am Rande befindet sich 
ein zierlicher Henkel. (Abb. 45). Das Stück ist in einer Hohl- 
form gepreßt und mit dem Rade be- 
arbeitet. ] ) 

Auch nach Klapproths Analysen, 
welche Minutoli veröffentlicht, ist das 
lebhafte Kupferrot der antiken Gläser, 
das völlig undurchsichtig ist und für 
das I Iaematinum des Plinius gehalten 
wird, durch Kupferoxyd hergestellt. 
Man nahm hierzu wahrscheinlich natür- 
liche Kupferschlacke, die eine lebhaft 
braunrote Farbe hat. Die übrigen Be- 
standteile sind Kieselerde, Bleioxyd, 
Kupferoxyd, Alaunerde, Kalkerde u. a. 
Mit Klapproth stimmte Quicheret über- 
ein.' 2 ) Das ähnliche Aventuringlas wollen 
manche Ausleger schon in der oben 
zitierten Stelle des Buches Hiob finden, 
doch beruht diese Ansicht jedenfalls auf ungenauer Über- 
setzung. Dagegen hält Beckmann für das Hauptfärbemittel der 
Alten besonders für Rot, die Eisenerde. 8 ) Mit ihr wurden alle 
Arten von Rot, Violett und Gelb, aber auch Blau erzeugt, 
indem man die Art und Menge der Zusätze, den Grad und 
die Dauer der Erhitzung entsprechend variierte. Auch 
W. J. Russell hat in ägyptischem Rot als Earbstoff Eisen- 
oxyd festgestellt. Seine Analysen gründen sich auf die 
neueren Ausgrabungen von Elinders Petrie in Medüm, Gurob 
und Kahün, welche Gläser von der 12. bis zur 19. Dynastie 




Abb. 139. Hecher mit Netzwerk 
und Lotusknospen. Nach Deville. 



*) Urlichs im Bonner Jahrb. V, S. 377, Abbildung T. IV. 
-) Vgl. Revue archeol. N. S. 28 (1874) S. 75 f. 

3 ) Über Rubinglas vgl. Beckmann, Beiträge zur Gesch. d. Erfindungen I, S. 378 f. 
Über Haematinum u. a. Abels, Aus der Natur, unter „Glas". 



? 4^7/^^ 



2<So 

lieferten. 1 ) Das Mineral, aus welchem das Eisenoxyd gewonnen 
wurde, kommt am häufigsten in Kahün vor und heißt oolithischer 
Haematit. Die Stücke dieses Minerales wurden manchmal fein ge- 
pulvert und in diesem Zustande der Schmelze beigefügt, manchmal 
aber in einer Schale mit Wasser abgerieben — etwa wie wir chinesi- 
sche Tusche anreiben — und so kleine Teilchen abgelöst. Man fand 
solche abgeschliffene Stücke und wiederholte den Prozeß mit Erfolg. 
Ein Stück Haematit enthielt 79,11, ein anderes 81,34 °/ Eisen- 
oxyd. Die Earbe des Rot variiert sehr wenig. Die Nachahmung 
des ägyptischen Purpurs dagegen wurde durch Kupferoxyd er- 
zielt. Russell setzte der Schmelze etwa 2O°/ Kupfersalze zu. 
wobei die Farbe durch die Dauer und Stärke der Erhitzung 
sehr beeinflußt wurde. Auch Beimengungen von Kalk und Eisen 
brachten Änderungen hervor. Außerdem konnte Purpur dadurch 
hergestellt werden, daß dem roten Wüstensande Kupferkarbonate 
in der ] Iöhe von mehr als 20 "/„ zugemischt wurden. Russell 
bezweifelt aber, daß die alten Ägypter diesen mühsamen Prozeß 
mit Bewußtsein und Absicht vornahmen und hält vielmehr das 
einzige Stück dieser Art, das er fand, für ein Ergebnis des Zu- 
falles. Es erreicht kaum die Größe eines Gliedes des kleinen 
Fingers, während andere Stücke gleicher Purpurfarbe sich in 
Dunkelblau und Grünlichblau eingesprenkelt fanden, also offenbar 
unbeabsichtigt entstanden waren. 

Kupferoxyd verwendet auch Heraclius zum Rotfärben des 
Glases. Sein Rezept lautet: „Nimm Kupferfeile und brenne sie 
zu Pulver, gib sie in den Mörser und es entsteht das rote Glas, 
das wir Galienum nennen."-) Purpur und Fleischfarbe wird bei 
ihm aus der Asche der faüia (Buche) gewonnen. „Wenn es 
beim Kochen in Purpur übergeht, so nimm davon soviel du 
willst, während das übrige in eine andere Farbe übergeht, die 
man Membrum nennt." Ahnlich heißt es bei Theophilus cap. 7: 
„Wenn das Glas ins rötliche spielt, ähnlich der Fleischfarbe, so 
nimm davon weg, wieviel du für nackte Teile gebrauchst. Das 
übrige koche zwei Stunden lang und du hast eine leichte Purpur- 
farbe. Koche es dann bis zur sechsten Stunde und das Purpur 



J ) Flinders Petrie, Medüm S. 44. 
-) Heraclius III 7. 



2S I 



wird rot und vollkommen." r ) Zur Erklärung" ist das voran- 
gehende cap. 5 nötig - , welches lautet: „Vom Schmelzen des 
weißen Glases. Nimm Töpfe aus weißem Ton, oben breit, unten 
eng, mit nach innen gebogenem Rande und stelle sie in die 
Offnungen des glühenden Ofens, welche dazu eingerichtet sind. 
Dann schöpfe mit dem Löffel die gekochte sandige Asche hinein 
am Abend und feuere die ganze Nacht, damit das aus dem Sande 
und der Asche flüssig hervorgegangene 
Glas gänzlich geschmolzen werde." 
Offenbar ist die Angabe, daß Purpur 
aus Buchenasche gewonnen werde, ein 
Flüchtigkeitsfehler, denn dieses Mate- 
rial wurde zwar beigemischt, bildet 
aber durchaus nur ein unwesentliches 
Ingrediens gegen die Kupferfeile. 
Membrum bedeutet Glied, mensch- 
liches Fleisch, also Fleischfarbe; 
Galienum ist ein tiefrotes, durch ein 
Prototyp des Kupfers erzeugtes Glas, 
das nach seiner Heimat Gallien be- 
nannt wurde; Theophrast schreibt 
es der Francia zu.") Die Rezepte 
zeig*en wieviel bei den Prozessen dem 
Zufall überlassen blieb. Die Her- 
stellung von Rot durch Kupferfeile 

ist im Mittelalter allgemein üblich. Kupferoxydul oder Eisen- 
oxydul, das aber leicht zu dunkel färbte, waren die gewöhn- 
lichen Mittel. Fs wurde nicht viel herumexperimentiert, Theo- 
philus will es ganz darauf ankommen lassen, ob sich infolge der 
verschiedenen Zusammensetzung der Materie von selbst eine rote 
oder gelbe Farbe zeige; diese solle man auf alle Fälle sogleich 
benutzen.") Mehrere Kapitel seiner Schedula, die vom Färben 
des durchsichtigen Glases handeln, sind verloren gegangen und 
nur noch im Index angedeutet. 




Abb. 140. Becher mit Netzwerk und 
Rosetten. Bonn, Provinzialmuseum. 



^3 & 



') Theophilus cap. 7. 

'-') 11g in den Anmerkungen zu Heraclius S. 1^4 f. 

:1 j Theophilus II 8. 



282 

Auf meine Veranlassung' unterzog 1898 Dr. Ililburg" sämt- 
liche im Museum Wallraf-Richartz in Köln vertretenen Sorten 
antiker Gläser der chemischen Analyse namentlich in Rücksicht 
auf die Färbemittel. 1 ) Er stellte fest, daß den Alkalien, um den 
Fluß des Glases zu fördern, Magmeteisenstein, sowie der 
Schmelze vielfach gepulverte Kieselsteine, zu Gläsern von far- 
bigem Glänze auch gepulverte Muscheln und fossiler Sand 
zugesetzt wurden. Man erzielte so eine dunkle, schmutzige 
Fritte, welche aufs neue zu wiederholten Malen solange ge- 
schmolzen wurde, bis sie rein und zur Aufnahme der färbenden 
Bestandteile geeignet war. Das Hauptfärbemittel bestand in einer 
Erhöhung des Gehaltes von Eisenoxyden durch Zusatz von Eisen- 
erde. Je nach ihrer Quantität, nach der Dauer des Schmelz- 
prozesses, der Dicke der Wandungen erzielte man verschiedene 
Arten von Rot, Violett und Gelb, auch Blau, in durchsichtigem 
oder undurchsichtig'em Zustande. Unter den übrig-en Färbe- 
mitteln sind am häufigsten Kupferoxyde angewendet. I Iilburgs 
Untersuchungen bestätigen die Richtigkeit der Tischlerschen 
Beobachtungen hinsichtlich des Blutrotes und Ziegelrotes, sowie 
die Anwendung von Kupferoxyden bei den lackroten alexan- 
drinischen Schmuckperlen. Neben Kupferfeile kannte das Alter- 
tum für die Darstellung- des Purpurs auch die Anwendung- des 
Goldpurpurs, der leichter als Kupferprotoxyd darzustellen war 
und aus einer Lösung von Gold in Königswasser und Versetzung 
mit einer anderen Lösung - aus Zinn und Königswasser besteht. 
Das Kunkelsehe Rubinglas (vielmehr das von Cassius) bedeutet 
eine Wiederentdeckung - dieses Färbemittels im XVII. Jahrhundert 
und die erneute Ausbeutung der glänzenden Farbe für die 
böhmische Glasindustrie. 

Das mehr oder weniger stark ins Violette spielende Wein- 
rot, Amethystrot, das nur durchsichtig" vorkommt, wurde von 
John an Bruchstücken aus Memphis analysiert.") Die Farbe war 
durch Manganoxyde oder Braunstein gewonnen. Eine Probe 
mit einem römischen Glase hatte dasselbe P>gebnis. Andere 
italische und die von Hilburg' analysierten kölnischen Gläser 



l ) Zuerst veröffentlicht in meiner Beschreibung der Sammlung M. vom Rath. 
-) John, Die Malerei der Alten, S. 34 f. 



28 3 

waren dagegen mit Kupferoxyden gefärbt. Besonders in den 
beiden letzten Jahrhunderten wurde diese Farbe oft gebraucht, 
vielfach zeigt sie sich tief und satt, nicht selten aber geht sie 
in mattes blauviolett oder rötlichgelb über. Diese Farben sind 
nicht immer beabsichtigt, sondern wie das „Membrum" des 
Heraclius und Theophilus das Ergebnis des Zufalles. Ungenauig- 
keit in der Befolgung der ererbten Vorschriften, Fehler in den 
Mischungsverhältnissen, Unacht- 
samkeit beim Schmelzen ver- 
ursachten jene unbestimmten 
Halbtöne zwischen violettrot 
und gelb, welche wir bei 
späten Erzeugnissen oft be- 
merken. Trotzdem erschienen 
gerade solche Fehlfarben Koep- 
ping und anderen modernen 
Glaskünstlern nachahmenswert, 
als sie der üblichen fabriksmäßi- 
gen Korrektheit die künstleri- 
sche Ungebundenheit der freien 
I landarbeit entgegensetzten. 

Die Lieblingsfarbe der an- 
tiken Glasindustrie, besonders 
der ägyptischen, ist blau. Es 
ahmt nicht, wie Froehner meint, 

den Saphir nach, sondern zeigt alle Schattierungen vom tiefsten 
Schwarzblau bis zu Himmelblau, abgesehen von dem herrlichen 
Türkisblau, welches diesem Halbedelstein nachgebildet ist. 
Die meisten Schattierungen tieferen Blaus nähern sich dem 
Lapislazuli, dem Lasursteine, der in Ägypten sehr viel zu 
Schmucksachen, Amuletten, Skarabäen, Einlagen, zu Statuetten 
usw. verarbeitet wurde. Die Vorliebe für das Lapislazuli-Blau 
beherrscht nicht nur die Glasindustrie, sondern auch die Kera- 
mik Ägyptens und erbt sich im Oriente bis auf den heutigen Tag 
fort, namentlich in der Glasur von Fayencefliesen. Beckmann 
hat außer Kupferlasur auch Kobalt als Färbemittel finden wollen 1 ), 




Ab 



141. Becher mit Herzauflagen. 
Rouen, Museum. 



6 3Cf 



x ) Beckmann a. a. O. I S. 37S. Quicheret, Revue archeol. N. S. 28. 



2 8 4 

was von anderen bestritten wird. So weist Klapproth in den 
von ihm untersuchten saphirblauen Gläsern aus Capri Kiesel- 
erde, Eisenoxyd, Alaunerde, Kupferoxyd, Kalkerde, aber 
weder Bleioxyd noch Kobalt nach. In welcher Weise das 
Eisenoxyd, das seiner Ansicht nach das Färbemittel in dieser 
Mischung" bildet, dargestellt wurde, läßt sich nicht bestimmen, 
das Verfahren ist seit seiner Verdrängung" durch die bequemere 
Kobaltmethode verloren gegangen. Vielleicht wurde das Eisen 
durch Arsenik zementiert. Nach den Analysen von John ent- 
hielten blaue Gläser aus Memphis, sowohl altägyptische wie 
solche aus römischer Zeit, ihre Earbe durch Kupferoxyd. 1 ) Es 
war reines Himmelblau und etwas dunkleres Lapislazuli-Blau, 
teils durchsichtig, teils opak. Einige enthielten zugleich Spuren 
von Eisenoxyd. Bei einer Sorte, die hell-lasurblau und stark durch- 
scheinend war, blieb es ungewiß ob sie ganz frei von Kobalt war, 
dagegen war blaues Glas von Theben, dunkel-azurblau und durch- 
sichtig, sicher mit Kobalt gefärbt. Das durch Kupferoxyd ge- 
wonnene Blau ist mehr oder weniger reines Berg- oder Türkisblau. 
Während saphirblaues durchsichtiges Glas aus Italien nach 
Minutoli mit Kobalt gefärbt ist und Brogniart auch in dunkel- 
blauem ägyptischen Glase außer Kiesel und Alkali Kobalt und 
ein wenig Kalk fand, letzteren wohl zu dem Zwecke die Earbe 
heller zu machen, entdeckte Russell in altägyptischen Gläsern 
keine Spur von Kobalt. Die blaue Earbe von Gurob ist die 
beste, weniger gut die in Kahün gefundene. .Sie variiert sehr 
stark und geht einerseits in violette, andererseits in grünliche 
Töne über. Zur Herstellung sind Kupfersilikate verwendet, 
ebenso für grüne und andere Farben, wobei die Stücke gleich- 
falls entweder gepulvert oder mit Wasser in einer Schale ab- 
gerieben wurden. Von Kobalt fand sich keine Spur, auch nicht bei 
dem sogenannten alexandrinischen Purpur an einem kleinen 
Stücke Glas, dessen tiefes Blau ins rote spielte. Im allgemeinen 
beansprucht bei der Mischung die Kieselerde 60 — 80 °/ , das 
Alkali sehr wenig, etwa IO°/ , in Form von Pottasche und Soda- 
karbonaten. Dazu kommt das Kupfer zur Färbung, sowie Kalk 
und geringe Mengen anderer Bestandteile. 



v ) John a. a. O. S. 36 f. 



28 



Geheimniskrämerei, 



Bei klassischen Schriftstellern haben sich keine Vorschriften 
zur Färbung" des Glases erhalten. Nur eine späu>'ri echische Ab- 
handlung" unter dem Titel noirjötg xovCtu/Mmv enthält einige 
recht sonderbare, an Alchy misten Weisheit erinnernde Geheim- 
mittel, unter welchen Ei und Ilühnerblut die 1 lauptrolle spielen. 
Mit Eiweis mache man gelbes Glas, mit Eigelb weißes; die 
Schale und ihre 1 läutchen ergeben Wassergrün (Prasinos); Blau 
bekäme man aus dem Blute eines schwarzen Hahnes, und aus 
der Vereinigung von alledem entstünde Zinnoberrot. Diese 
Anweisungen sind bezeichnend für die 
welche die Glasmacher mit ihrer Kunst 
trieben. Kann man sich dann wundern, 
wenn über sie Märchen, wie das vom häm- 
merbaren Glase in die Welt gesetzt und 
geglaubt wurden? 

Der gewöhnliche blaue Farbstoff der 
Alten heißt xvuvog, lat. Caeruleum. Theo- 
phrast 51 unterscheidet davon drei Sorten, 
ägyptischen, skythischen und kyprischen 
Kyanos. Den griechischen nennt er ge- 
gossen und künstlich hergestellt; beim Rei- 
ben ergeben sich vier Schattierungen. Dios- 

korides kennt nur den kyprischen, durch Brennen aus dem Ufer- 
sande gewonnenen, Vitruv nur künstliches Caeruleum, das in Alexan- 
dria erfunden worden war und auch nach Puteoli eingeführt 
wurde. 1 ) Die 1 [erstellungsart ist nach ihm folgende: Der Sand (nach 
Plinius gleichfalls aus Ägypten herübergebracht) wird zusammen 
mit Mos nitri (zerfallenes oder verwittertes kohlensaures Natron?) 
zu Mehl gemahlen und dann mit kyprischen Kupferfeilspänen 
gemengt, so daß eine feste knetbare Masse entsteht. Die daraus 
mit der I [and geformten Kugeln werden getrocknet und in 
einen glühenden Ofen gelegt. Im Feuer verbinden sich Kupfer 
und Sand und geben eine schöne blaue Farbe, welche neben 
dem Namen Caeruleum Puteolanum auch den Namen Cylon 
führt. Plinius, der aus Yitruv und Dioskorides schöpft, nennt 




Abb 

ecku 



142. Becher mit drei- 
:n Auflagen. Rom, 
Kircherianum. 



■^ ^-4 



l ) Hlümner a. a. O. IV. S. 499 f. Heibig, Das homerische Epos, S. So. 
Lepsius, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften, S. 129 f. 



ife ^| f«Öää 



^H 



noch ein spanisches Caeruleum und eine Sorte namens Lomentum, 
die durch Zerreiben des eigentlichen Caeruleum hergestellt wurde, 
heller und teurer war. 

Die Alten erwähnen auch einen P2del- oder Halbedelstein 
unter dem Namen xvavog von blauer Farbe. Plinius bezeichnet 
als dessen Fundorte eben die drei Gegenden, in welchen nach 
Theophrast die Farbe gleichen Namens gewonnen wurde. Es 
liegt nahe, anzunehmen, daß wenigstens einige Arten des blauen 
Farbstoffes aus diesem Material hergestellt sind. So vermutet 
John, wie früher Gilbert, daß das skythische Caeruleum ein aus 
Lasurstein gewonnenes Ultramarin sei, da sich Lasurstein noch 
heute am Baikalsee wie früher im ;üten Skythien finde; das 
kyprische Caeruleum erklärt er als ein aus Kupferlasur her- 
gestelltes Kupfer- oder Bergblau, da in Cypern kein Lasurstein, 
wohl aber Kupfer gewonnen werde. Las ägyptische Caeruleum 
aber sei ein Kunstprodukt, blaues Kupferglas von doppelter 
Art: Das eine künstliches Berg-blau, entstanden infolge Zersetzung 
des kyprischen Vitriols, welches sich aus verwittertem Kupferkies 
bildet: das andere eine blaue Glasfritte aus Sand, Kupfer und 
Alkali. Las puteolanische sei im allgemeinen von gleicher 
Eigenschaft, das Lomentum aber sowohl Kupferblau wie Ultra- 
marin. Diese Vermutung wird durch die Untersuchungen von 
Lepsius bestätigt. Danach war das ägyptische Chesbet sowohl 
ein Stein, und zwar Lasurstein, Lapislazuli, wie gleichzeitig ein 
Farbstoff. 1 ) Die blauen Glasflüsse der Ägypter haben bei der 
chemischen Untersuchung als färbende Basis Kupfer ergeben, 
ebenso die Untersuchungen der Farben für Gläser, und zwar 
bei allen Arten von Blau. Sonst hat sich darin auch Kobalt 
nachweisen lassen, was Beckmann bestreiten wollte. 8 ) Da die 
mikroskopische Betrachtung aller blauen Farbstoffe bewies, daß 
sie aus Glassplittern, also aus g-epulvertem Glase bestehen, so 
scheint es, daß man das unechte Chesbet oder xvccrog aus einem 
mit Kupfererz gefärbten Glase bereitet habe. Diese Farbe mußte 
ungleich dauerhafter sein als die direkt aus gestoßenen Kupfer- 
erzen gewonnene und gerade durch die Dauerhaftigkeit zeichnen 



*) John a. a. O. Gilbert, Annalen der Physik 52, 22 f. Lepsius a. a. O. S. 55 ff. 
2 ) Beckmann a. a. O. S. 204. 



287 



sich die blauen Farben der Ägypter aus. Diese blaue Glasmasse 
kam in Ziegelform in den Handel. Das stimmt zum Berichte 
Theophrasts. Dieser kennt echten Lapislazuli und unechten, 
als yj'Ti] bezeichneten. Von diesen wird aber noch als dritte 
Art der unbekannte und unechte xvavog unterschieden, d. h. 
rohe blaue Kupferlasur, die in Pulverform gleichfalls schöne 
blaue Farbe gibt, aber von geringer Haltbarkeit. Die Solidität 
hängt auch sehr von der Menge 
des Zusatzes von Kreide ab. Es 
gibt nicht nur blaue Glasperlen, 
sondern auch Gefäße, welche 
durch Verwitterung völlig die 
Farbe eingebüßt haben und wie 
ein roher Gipsabguß aussehen. 
Selbst die Fadenverzierung ist 
verschwunden und von dem 
Wellen- und Zickzackmuster 
nichts als vertiefte Streifen übrig 
geblieben. Diese dritte Art, die 
Dioskorides allein nennt, ist 
das kyprische Caeruleum. Das 
skythische des Theophrast ist 
echter Lapislazuli, bzw. Ultra- 
marin, das Spanische wohl gleich- 
falls Kupferlasur. 

Bei der Ausbreitung der Glasindustrie spielten die leicht 
transportablen Pasten in Form kleiner Ziegel, Blöcke, Kuchen 
und Stangen eine große Rolle. So konnte das schöne ägyp- 
tische Blau ebenso gut in Gallien und Britannien, wie in 
Alexandria, Memphis und Campanien zu Gefäßen, namentlich 
aber zu Schmuckperlen, Armringen, Fmails, zu farbigem 
Fadenschmucke und Mosaikwürfeln verarbeitet werden, selbst 
in Werkstätten, die sich sonst nicht auf die Färbung des Glases 
verlegten. Das war für die Industrie von außerordentlichem 
Vorteile, zumal sich der Export nicht auf lasur- und türkis- 
blaue Glaspasten beschränkte, sondern auch blut- und lack- 
rote, smaragdgrüne, ferner Stabbündel von Mosaik- und 
Millefioriglas, mit Blattgold belegte Pasten umfaßte und da- 




Abb. 143. Hecher mit langgezogenen 
Tränen. Rouen, .Museum. 



4Sfc 












288 



durch namentlich die Entfaltung der gallischen Emailindustrie 

begünstigte. 

Smaragdgrün, das besonders im II. Jahrhundert beinahe 
ebenso beliebt war wie vorher Türkisblau, konnte in Ägypten 
am einfachsten dadurch hergestellt werden, daß man dem roten 
Wüstensande Eisen hinzufügte, doch auch mittels Kupfers. Nur 
mußte in diesem Falle der Zusatz stärker sein und die Tempe- 
ratur sehr erhöht werden. Die grüne Farbe erscheint im Brande 
ehe die Fritte ihre gewöhnliche blaugrüne, von diesem Augen- 
blicke an ständige Farbe erreicht, verschwindet aber wieder, 
wenn die Erhitzung um ein geringes gesteigert wird. Die 
Schattierungen entstehen bei einem Zusätze von 10 und mehr 
Prozenten der Kupferkarbonate rein zufällig und gehen bei 
einer Erhöhung bis 2O°/ in Lila über. Helles, undurchsichtiges 
Spangrün von glänzendem Bruche hat dieselben Bestandteile 
wie Kupferrot, nur in anderen Verhältnissen und mehr Kupfer- 
oxyd als Bleioxyd; jenes gibt Grün, wenn es vollständig mit 
Sauerstoff gesättigt ist. Als Komplementärfarbe von Purpur 
konnte Smaragdgrün auch durch Goldpurpur hergestellt werden. 
Heraclius schreibt hierfür Kupferfeile wie für Galienum , für 
Purpurrot vor. : ) Nahm man davon ein wenig in Pulverform, 
so entstand das gelbe, Cerasin (Wachsgelb) genannte Glas. 
Bleiglas färbt I leraclius mit Messing-feile grün. Nach Russells 
Analyse wurde Gelb in Gurob durch Eisen und Oker hervor- 
gerufen. Gelbes altägyptisches Glas enthält Eisenoxyde in 
hydratischem Zustande, mit Zusätzen von Kieselerde, Alaun und 
Spuren anderer Substanzen. Die Farbe ist sehr dauerhaft und 
kommt in allen Varianten von warmem Orange bis zu kaltem 
Schwefelgelb vor. Safrangelb erhielt man durch Zusätze von 
Chlorsilber, opakes Weil) durch Zinnoxyd. Schwarzes Glas. 
das Rüssel einer Mumie entnahm, war dem Obsidian, dem 
natürlichen vulkanischen Glasflusse, ähnlich, aber leichter 
schmelzbar und von geringerer Ilärte. Es war durch Eisen 
gefärbt. Völlig undurchsichtiges Schwarz enthält größere, leicht 
grünlich durchscheinendes geringere Zusätze von Magneteisen- 
stein. 2 ) Das schwarze Glas, das gegen das Eicht gehalten einen 



1 ) Heraclius 7, 
-) Hilburg a. ; 



O. Blümner a. a. O. IV. S. 392 f. 



289 

Stich ins rötliche oder bräunliche zeigt, wie die beiden Becher 
in Köln und Namur, erhielt seine Farbe nach Plinius angeblich 
durch den sehr eisenhaltigen Marmorstaub des Lapis Alabandicus 
aus Karien, den man aber wohl durch andere eisenhaltige Sub- 
stanzen ähnlicher Art ersetzen konnte. 

In Teil el Amarna fand Russell bei Gelegenheit der Petrie- 
schen Ausgrabungen zahlreiche Bruchstücke von flachen Pfannen, 
c 




a b d e g i ^3^6,3*53^^ 

Abb. 144. Gruppe von Xuppengläsern. Köln, Sammlung M. vom Rath. 4 7 t< , -^r-S 1 *{■ 



in welchen die Glasmasse gemischt und geschmolzen wurde. 
Die hier verwendeten Färbemittel waren dieselben, wie in den 
älteren Funden von Mcdüm, Gurob und Kahün. Einzelne 
Scherben stammen von Pfannen her, deren Inhalt nicht völlig 
geschmolzen war, so daß sich die Bestandteile noch nicht gehörig 
vermischt hatten. Die Pfannen waren aus grobem Töpferton ge- 
formt, hatten ungefähr 4 Zoll Durchmesser und waren ursprünglich 
wahrscheinlich mit einigen Ziegeln bedeckt, um die zehrenden 
Flammen von dem Inneren abzuhalten, da die Kanten ge- 
schwärzt sind. Sie ruhten im Ofen auf den Bodenrändern 
umgekehrter zylindrischer Töpfe. Die Fritte, die in der 
einen hergerichtet wurde, ist lichtviolett, fliederfarben, die un- 
verbrauchte Kieselerde steckt darin in großen, durchsichtigen 



Kisa, Das Glas im Altertume. 



'9 



290 



Splittern von Quarzkieseln. Daraus geht hervor, daß gepulverter 
Quarz nicht bloß zur Herstellung farblosen, sondern auch 
farbigen Glases benutzt wurde, da manche Farben sich in ganz 
reinem, möglichst eisenfreiem Materiale leichter herausbringen 
ließen als in gefärbtem. Es wurden auch zerbrochene Pfannen 
mit blauen Glasfritten gefunden, wobei Spuren darauf deuteten, 
daß der Haematit zu diesem Zwecke in Töpfen mit Wasser 
angerieben worden war. 

In Hawara wurden interessante Proben von Glaspigmenten 
der griechisch-römischen Periode gefunden, welche mit Wachs 
gemischt, zur Herstellung der berühmten Mumienbildnisse ge- 
dient hatten, wie sie namentlich im Fayün in so großer Zahl 
und vortrefflicher Erhaltung zutage getreten sind. 1 ) Wahr- 
scheinlich bedienten sich die griechischen Maler derselben Farben 
zu ihren sogenannten enkaustischen Malereien. Russell fand in 
Hawara an einer Stelle sechs Töpfe nebeneinander, die wohl 
den Überrest einer Werkstatt bilden und durch einen 
glücklichen Zufall unberührt geblieben waren. Am Rande der 
Töpfe zeigten sich deutliche Spuren des Pinsels, mit welchem der 
Maler die Farben entnahm und am Rande leicht abstreifte. 
Jeder Topf enthielt ein bestimmtes Farbenpigment, im ganzen 
sechs verschiedene: 

Dunkelrotes Pigment, genau unserer gebrannten Siena 
in der Farbe entsprechend und mit ihr identisch, da es gleich- 
falls aus Eisenoxyd besteht. Es löst sich wie die Terra di Siena 
nicht völlig" in Salzsäure, sondern hinterläßt eine flockige Masse 
und etwas Kieselsäure. Es ist durch Erhitzen und Pulverung 
von Eisenocker gewonnen. 

Hellrotes Pigment ist ein Bleioxyd, bekannt als rotes 
Blei oder Minium, Mennige. Es wird aus Blei, Bleioxyd oder 
kohlensaurem Blei durch Erhitzung bis zur Glut hergestellt, ist 
von blasserer Farbe als das heute sogenannte Mennig und mit 
etwas Sand und Staub gemischt. 

Gelbes Pigment ist ein Eisenocker von hellgelber Farbe. 
Durch Erhitzung wird es dunkler und bekommt eine stumpfrote 
Farbe. Wahrscheinlich diente dasselbe Material zur Herstellung 



1 ) Flinders Petrie, Hawara S. 67 f. 



291 



des dunkel-braunroten Pigmentes. Es war in dem Topfe bereits 
mit Öl oder AVachs gemischt, also zum Malen hergerichtet, 
denn bei der Erhitzung bis zur Weißglut entwickelten sich 
Dämpfe wie von organischen Stoffen. 

Weißes Pigment besteht aus Kalksulphat oder Gips, haftet 
sehr fest, läßt sich aber mit einem Messer leicht schneiden und 
kratzen. Jedenfalls ist es sorgfältig gemahlen und fertig zum Ge- 
brauche hergerichtet, so daß es noch heute verwendet werden 
könnte. Mit bloßem Wasser gemischt 
würde es eine vortreffliche Farbe für 
verschiedene Zwecke abgeben. 

Rosa Pigment ist von allen 
anderen verschieden. Während diese 
mineralisch sind, ist zu Rosa eine orga- 
nische Substanz verwendet. Es ist er- 
staunlich, daß eine solche sich durch 
viele Jahrhunderte anscheinend mit nur 
geringen Änderungen erhalten hat. So- 
bald man das Pigment erhitzt, wird 
die Farbe sofort zerstört, wobei sich 
ein leicht brenzlicher Geruch entwickelt 
und eine weiße Substanz übrig bleibt, 
die an Menge der ursprünglichen gleich 
ist. Dieser Überrest ist Kalksulphat 
(Gips) und stimmt mit dem weißen 
Pigment überein. Das Färbemittel muß 

daher in einer organischen Substanz von so geringer Menge 
gesucht werden, daß sie sich durch die chemische Analyse gar 
nicht nachweisen läßt. Russell versuchte es durch Synthese zu 
finden und kam auf Krapp, das als Färbemittel schon in den 
frühesten Zeiten bekannt war. Mit der Krappwurzel erzielte er 
eine mit dem ägyptischen Rosapigmente vollkommen über- 
einstimmende .Substanz. Diese wurde mit Wasser gekocht, 
abgekühlt und durchgeseiht, hierauf mit Gips gemischt, mit 
welchem sie sich aufs innigste verbindet, und schließlich gepulvert. 
Die Menge des Krappzusatzes bestimmt die Tiefe der Färbung. 

Blaues Pigment. Dieses ist eine Fritte, d. h. nicht zu- 
sammengeschmolzenes Glas, das fein zermahlen ist. Die Farbe 

19* 




Abb. 145. Polypenbecher. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



«7-7 «O 




292 

rührt wie bei den früher beschriebenen Pigmenten von Kupfer 
her, ist ungemein haltbar und wird weder von starken Säuren 
noch durch das Licht angegriffen. 

Mit dem farbigen Glase konnte sich das farblose nicht 
messen, solange man es noch nicht an der Pfeife zu blasen 
verstand, sondern wie das farbige mit freier Hand modellierte, 
goß und durch Pressung und Schnitt bearbeitete. Wann die 
für die Glasindustrie epochemachende Erfindung der Pfeife ge- 
macht wurde, wird ebenso wenig berichtet, wie durch wen. 
Froehner macht allerdings den Versuch, auf Grund der bekannten 
Legende von der Erfindung des Glases durch phönizische Schiffer 
diesem Volke das Verdienst der ersten Erzeugung farblosen 
Glases beizumessen, aber auch dieses gebührt den Ägyptern. 
Schon in der 18. Dynastie war, nach den Funden in Teil el 
Amarna zu schließen, farbloses Glas bekannt, das man aus ge- 
pulverten Quarzkieseln herstellte. Doch macht Russell darauf 
aufmerksam, daß es dieses Mittels nicht bedurfte, da der weiße 
Wüstensand mancher Gegenden gleichfalls eisenfreies, dem- 
nach farbloses Glas ergab. Zuerst wurde es zu Schmucksachen, 
Perlen u. a. benutzt, die mitunter aus zwei Hälften bestehen, 
zwischen welche eine Schicht von Blattgold eingelegt ist. Auch 
Armringe, wie die in Gräbern aus der späten Hallstadtzeit in Mergel- 
stätten in Württemberg, aus der Latenezeit in Dühren im Badischen 
und an anderen Orten (s. S. 68) gefundenen, enthalten im Inneren, 
bezw. an ihrer inneren flachen Seite, eine Lage von Blattgold. 
Außerdem gibt es farblose und farbige Perlen, die außen teils 
mit Goldornamenten verziert, teils vollständig mit Blattgold be- 
legt sind. Solche Perlen sind namentlich in der saitischen 
Periode nicht selten; auch in den Ruinen von Kujundschik wurde 
ein farbloser Glaswürfel mit Überzug von Blattgold gefunden. 
Aber daneben wurden selbst Gefäße aus farblosem Glase modelliert. 
Das berühmte Fläschchen Sargons (VIII. Jahrhundert vor Chr.) be- 
steht aus grünlich durchscheinendem Glase (vgl. S. 102 und Abb. 22). 
Aus ähnlichem, mehr trüb-grauem, ist ein Napf im Antiquarium 
zu München hergestellt. Er hat gedrückte Kugelform, ist sehr 
dickwandig und außen mit sechs runden Nuppen — Ringen mit 
einem Punkt in der Mitte — verziert. Auch er scheint aus freier 
Hand modelliert und nachträglich durch Schliff bearbeitet zu 



293 



sein. 1 ) (Abb. 52). Seine Entstehungszeit ist unbestimmt, dürfte 
jedoch in die saitische Periode fallen. Dieser gehören auch 
die Schälchen aus farblosem, trüb durchscheinendem Glase an, 
die man in Gräbern der späten Hallstadtzeit gefunden hat 
(s. S. 185), sowie die Kugelflaschen aus farblosem Glase, im 
Britischen Museum aus Gräbern der 
26. Dynastie (666 — 525). Im Louvre be- 
findet sich ein großes Gefäß aus farb- 
losem Glase mit dem Korbe, in welchem 
es eingeschlossen war, angeblich aus 
einem thebanischen Grabe. Eine andere 
Vase im Louvre, spitzbauchig und sorg- 
fältig abgeschliffen (Abb. 53), wird mit 
König Amenret in Verbindung gebracht, 
dessen Name auf ihr eingraviert ist.' 2 ) 
Vielleicht ist er mit dem Amyrtes der 
Griechen identisch, der im IV. Jahrhundert 
vor Chr. herrschte. Das Material ist feines 
Krystallglas, die Bearbeitung- vorzüglich. 
Auf Reliefs von Theben und, wie es heißt, 
selbst auf solchen des alten Reiches, will 
man durchsichtige, mit rotem Weine ge- 
füllte Gläser bemerkt haben, doch ist diese 
Beobachtung bisher nicht genauer unter- 
sucht worden. 3 ) Etwas ähnliches wird 

aus der Zeit Alexanders d. Gr. aus Griechenland berichtet. 
Der Maler Pausias von Sikyon, ein Zeitgenosse des Apelles, 
soll in seinem Gemälde der „Trunkenheit" eine Frau dar- 
gestellt haben, welche eine Schale an die Lippen setzt, doch 
so, daß die Gesichtszüge durch sie sichtbar waren. Dasselbe 
Motiv ist auf einem Wandgemälde des Museo Borbonico in 
Neapel, das aus Ilerculanum stammt, zu einem niedlichen Stil- 
leben ausgenutzt.*) Es zeigt einen Vogel, daneben eine Glas- 




Abb. T46. Flasche mit 
Fadenverzierung. Köln, 

Sammlung M. vom Ratb. 



J ) Christ, Führer S. 117, No. 635. 

2 ) Nach der Lesung von M. de Rouge. Die Vase ist auch bei Deville T. IVB 
abgebildet. Vgl. die Bemerkung über die saitischen Grabreliefs S. 75. 

3 ) Ilg bei Lobmeyr S. 7 f. 

4 ) Pistolesi, Museo Borbonico Bd. V. T. 93. 



^^H 



294 

kanne, über welche ein fußloser Kugfeibecher gestülpt ist. 
Dieser ist farblos durchsichtig, mit gravierten Reifen verziert 
und läßt den Flaschenhals vollkommen durchleuchten. Letztere 
Darstellung kann nicht zweifelhaft sein, da sie aus einer Zeit 
stammt, in der man bereits farbloses Glas nicht nur zu formen, 
sondern auch zu blasen verstand, sie läßt aber erkennen, daß 
ein solcher Grad von Durchsichtigkeit immerhin noch als eine 
Merkwürdigkeit betrachtet wurde und bildlicher Darstellung 
wert erschien. Aber auch die Nachricht von der Schale des 
Pausias hat nichts bedenkliches, dii farblose Gläser in der Zeit 
Alexanders aus Ägypten und dem übrigen Oriente leicht nach 
Griechenland gelangen konnten; übrigens kann es sich auch um 
einen Becher aus Bergkrystall handeln, das damals sehr hoch 
geschätzt und beliebt war. In die Ptolemäerzeit oder in die der 
ersten Kaiser wird der schöne Torso einer Statuette der Aphro- 
dite versetzt, die aus durchsichtigem Krystallglase, wahrscheinlich 
nach einer Bronzefigur hergestellt ist. Sie befand sich in der 
Collection Hoffmann in Paris. 1 ) 

Daß man farbloses Glas aus Quarzkieseln bereiten könne, 
wußte, wie ich schon früher bemerkt habe, auch Plinius. Seine 
Mitteilung, daß die Inder den Bergkrystcül gepulvert haben, um 
daraus reines Krystallglas zu erzeugen, dürfte gleichfalls so zu ver- 
stehen sein, daß sie eine besonders feine Sorte von krystallinischem 
Quarz Krystall benannt und diese anstatt des Sandes zur Gfas- 
schmelze verwendet haben. Man kann unmöglich annehmen, daß 
sie einen kostbaren Stoff zerstört haben sollten, um daraus ein 
bloßes Surrogat zu gestalten, zumal der natürliche Krystall im 
Werte stieg, je täuschender man ihn in Glas nachzubilden ver- 
stand. C. Friedrich macht zur Erklärung jener Nachricht auf 
die merkwürdige Tatsache aufmerksam, daß die heutigen Gfas- 
macher von Zwiesel im bayrischen Walde den reinen Quarz, 
welchen sie zur Bereitung des Glases verwenden, gleichfalls 
als Krystall bezeichnen (s. S. 106). 2 ) 

Vollkommen farblos und wasserhell war übrigens das durch 
Quarz gewonnene Glas ebensowenig, wie das aus eisenfreiem 



1 ) Abgebildet in le Musee III (1906) No. 12, Fig. 42. 
' 2 j C. Friedrich im Bonner Jahrb. 74, S. 164 f. 



'V 



295 



Sande hergestellte. Nach Flinders Petrie hat jenes in Ägypten 
einen Stich ins violette. Die daraus modellierten oder gegossenen 
Gefäße und Geräte waren dickwandig, schwerfällig und bei der 
plastischen Bearbeitung keineswegs den schönen farbigen Gläsern 
ebenbürtig, so daß das Material recht wohl dem nach Sempers 
Ausdruck „aufs Plastische gerichteten Sinne der Alten" wider- 
streben mochte. Das änderte sich aber mit der Erfindung der 
Glaspfeife. Erst das geblasene Glas enthüllte die Mängel des 
bisherigen, erst an der Pfeife entwickelte 
diis Krystallglas so recht seine Vorzüge 
vollkommener Farblosigkeit, Durchsichtig- 
keit und Dünnwandigkeit. Bei farbigen 
Gefäßen kam es ja weniger auf Durch- 
sichtigkeit an, welche oft schon dadurch 
beeinträchtigt wurde, daß der Formsand 
im Inneren teilweise haften blieb. So 
hängen Farblosig"keit und Durchsichtigkeit 
aufs engste mit dem Prozesse des Blasens 
an der Pfeife zusammen. Erst seit man 
das Glas durch Blasen zu formen verstand, 
bemühte man sich es völlig rein, durch- 
sichtig und farblos, gleichsam körperlos 
darzustellen. 

Manche Forscher nehmen an, daß 
diese Erfindung, von welcher eine neue 
Epoche der Industrie datiert, in die Ptole- 

mäerzeit fallen müsse. Aber die Gläser des Grabfeldes von 
Idalium in Cypern, welches angeblich die ältesten geblasenen 
Gefäße enthält, gehören nicht durchweg jener Zeit an, sondern 
rücken teilweise bis in die Kaiserzeit hinein und nach Nyres 
fallen gerade die angeblichen Beweisstücke für jene Ansicht 
sämtlich in letztere hinein. 1 ) Ebenso enthalten die ptolemäischen 
Grabstätten Ägyptens noch keine geblasenen Gläser. Weder 
die vom Fayün, noch die von Alexandria und die des Begräbnis- 
platzes von Chatby haben bisher ein einziges geblasenes Glas 
ergeben, das sich mit Sicherheit der ptolemäischen Epoche 




Abb. 147. Kugelflasche 
mit farbigen Nuppen. 

Köln, Nießen. p 3 31 3<H, ^H 



*) Vgl. Edgar, Graeco-egyptian Glass. Katalog desMuseums vonKairo. Einleitung. 



zuweisen ließe. Ferner erklärt Dr. Breccia ausdrücklich, daß sich 
im Museum von Alexandria geblasenes Glas vor der Kaiserzeit 
nicht finde. Kciiserrömisch sind auch die geblasenen Gläser 
des Museums von Kairo, welche von den Ausgrabungen her- 
rühren, die Flinders Petrie 1888 auf dem Friedhofe von Havara 
anstellte. Dieser war ungefähr von 250 vor Chr. bis ins 
VI. Jahrhundert nach Chr. in Benutzung, enthält aber, soweit 
eine Datierung der Funde möglich ist, gleichfalls keine vor- 
römischen geblasenen Gläser. 

Das Datum der Erfindung des Glasbkisens ist somit durch 
den Ausschluß der Ptolemäerzeit nach oben ungefähr mit dem 
Jahre 20 vor Chr. begrenzt. Der Termin nach unten ergibt 
sich, wenigstens annähernd, durch mehrere literarische Zeug"- 
nisse und einzelne für die Entwicklungsgeschichte der Industrie 
wichtige Momente, deren Datum gesichert ist. 

Bei Beginn der christlichen Aera gilt das farblose Krystall- 
glas für so kostbar, daß die Dichter keinen poetischeren Vergleich 
für klares Wasser, die Quelle, den Morgentau kennen, als das Glas, 
während wir umgekehrt die Reinheit des Glases, des Edelsteines, 
mit dem Wasser vergleichen, von wasserhellem Glase sprechen 
und das Wasser des Diamanten rühmen (s. S. 173). Daß das ge- 
blasene Glas von Seneca als eine ganz moderne Erfindung 
betrachtet wurde, geht aus folgender Stelle seiner Briefe hervor: 
„Cuperem Posidonio vitrarium ostendere, qui spiritu vitrum in 
plurimos habitus format, qui vix diligenti manu effmgerentur. 
Haec inventa sunt postquam sapientem invenire desivimus". 
Der Philosoph bekämpft dabei die Ansicht des Posidonius, daß 
die mechanischen Künste von den Gelehrten (sapientes) erfunden 
worden seien. Gleichzeitig hält es der für Luxus unempfindliche 
Stoiker im Grunde für „gleichgültig ob ein anständiger Mensch 
aus einem durchsichtigen Glase trinke oder einem geringeren." 
Andere Bemerkungen antiker .Schriftsteller lassen nicht daran 
zweifeln, daß unter den ersten Kaisern die allgemeine Aufmerk- 
samkeit durch verschiedene sensationelle Erfindungen auf dem 
Gebiete der Glasindustrie erregt wurde. Plinius kennt bereits 
das Glasblasen und teilt die Erzeugnisse aus Glas in drei Gruppen, 
die geblasenen, die mit dem Rade geschliffenen und die wie 
Silber ziselierten. Er bewundert auch das farblos-durchsichtige 



SÖNi? ■:.'••■ •:••;:•:: 



297 

Glas in jener auf S. 173 angeführten Stelle, wo er die verschie- 
denen, den Edelsteinen nachgeahmten Farben der Gläser aufzählt 
und dem Krystallglase den Vorrang vor allen anderen einräumt. 
Das ordinäre grünliche Glas konnte man damals in Rom 
bereits billig haben, ein Trinkbecher kostete nicht mehr als eine 
mittlere Kupfermünze. Dagegen bezahlte Nero für zwei kleine 
Becher aus Krystallglas 6000 Sesterzien, etwa 900 Mark. Petro- 
nius, sein Zeremonienmeister und Vertrauter, der Autor des „Gast- 
males des Trimalchio", 
bezeichnet diese Becher 
als Wunderwerke, Plinius 
nennt sie angeblich „calices 
petrosi", ein i\usdruck, der 
wahrscheinlich entstellt ist 
und durch „pteroti" zu er- 
setzen ist (s. S. 176). Wir 
hätten damit nur eine 
griechische Übersetzung 
des Ausdruckes „calices 
alati" gewonnen, der sonst 
üblich ist. Diese geflügel- 
ten Gläser, die „leicht wie 
Vögelchen" gewesen sein 
sollen, können hohe luftige 
Henkel, etwa in der Art der venezianischen Flügelgläser gehabt 
haben, oder, was mir wahrscheinlicher dünkt, körperlose, leichte, 
durchsichtige Gläser gewesen sein, wie jene, welche Martial als 
„nimbus vitreus" charakterisiert. Solche poetisch schwungvolle Be- 
zeichnungen sind ja neuen, überraschenden Erfindungen gegen- 
über, welche die Phantasie erregten, leicht erklärlich. Noch mehr 
Phantasie ließ derselbe Petronius in seiner bekannten Erzählung 
von dem hämmerbaren Glase des Tiberius walten, die aus seinen 
Schriften in die des lleraclius und anderer übergegangen ist und 
selbst bei modernen Archäologen große Verwirrung ang-erichtet 
hat. Ich habe bereits dargetan, daß die außerordentliche Vielseitig- 
keit, in welcher das fremde Produkt auftrat, besonders bei Laien 
ganz abenteuerliche Vorstellungen über seine Natur erregen 
mußte. Früher hielt man das farbige und das farblose Glas, 




Abb. 148. Becher mit farbigen Xuppen und 

Zickzackband. Köln, Museum. p ^\ S 4 



lllälill Ägi #^ $$m p§| 






den gegossenen Stein und den Hyalos, für verschiedene Produkte 
und erfuhr nun, daß durchsichtige Gefäße mit Reliefschmuck 
aus demselben Stoffe bestanden, wie die von Toreuten bear- 
beiteten Überfanggläser im Stile der Portlandvase. Wer diese 
zur Zeit des Pompeius und Augustus aus Alexandrien herüber- 
gekommenen Kostbarkeiten kannte, und nun durchsichtige Gläser 
zu Gesichte bekam, deren Reliefs nicht mit dem Rade heraus- 
geschliffen waren, sondern aus einem gefügigen Stoffe wie ge- 
triebene Arbeit hervortraten, mußte leicht geneigt sein, dem 
Glase eine schier unbegrenzte Bildsamkeit zuzumuten, eine Bild- 
samkeit, die der des Edelmetalles gleich kam, diese aber durch 
eine an Körperlosigkeit grenzende Durchsichtigkeit und Leichtig- 
keit übertraf. Es war ja noch nicht allzulange her, daß man 
die ersten Gläser ägyptischer Herkunft kennen gelernt hatte, 
farbig und undurchsichtig, wie aus kostbaren Steinarten ge- 
schnitten. Dann waren Platten und Vasen mit farbigen Reliefs 
gefolgt, mit Mosaikmustern, solche mit Marmor- und Onyxäderung, 
mit bunten Flecken, andere wieder, die dem Krystalle zum Ver- 
wechseln glichen, gepreßt, gegossen, ziseliert, mit dem Rade 
bearbeitet, mit bunten aufgelegten Fäden und anderem Besätze 
geschmückt. In wenigen Jahrzehnten machten die Römer mit 
den verschiedenartigen Gestaltungen einer tausendjährigen In- 
dustrie Bekanntschaft. Und gerade damals, ehe sie noch Zeit 
gefunden, all das fremdartige in sich aufzunehmen, tauchten die 
neuen Erfindungen auf, die das Wesen dieser Industrie von grund- 
auf umgestalteten und sich natürlich mit dem Schleier des Fabriks- 
geheimnisses umgaben. Wen sollte es Wunder nehmen, daß da 
der Legendenbildung Tür und Tor geöffnet war? Man denke 
nur an die Märchen, die sich im Zeitalter der Naturwissen- 
schaften an die Entdeckung der Dampfkraft, der Elektrizität, des 
Telephons, der Röntgenstrahlen knüpften, die sich vorher der 
Erfindung der Buchdruckerkunst, des Schießpulvers, bemächtigt 
hatten ! 

Daß farbloses Krystallglas noch in Pompeji als etwas Seltenes,. 
Fremdartiges und offenbar ganz Neues galt, geht aus dem kleinen 
Stilleben des Museo Borbonico hervor. Kaum hatte sich die Neu- 
gier etwas gelegt, wurden in Rom, zur Zeit des Augustus etwa, 
die Reliefgläser Sidons bekannt und regten allerlei Nachbildungen 






!99 




an. Diese Reliefgläser waren es wahrscheinlich, welche die Volks- 
phantasie zu Erzeugnissen aus hämmerbarem Glase machte und 
die erwähnte Legende verursachten. Ihre Nachahmer behielten 
anfangs die feine griechische Formensprache bei. Dann folgten 
naturalistische Bildungen, zu welchen die Keramik die Muster 
lieferte, die Fläschchen mit Medusenmasken, die Gläser in Form 
von Menschenköpfen, Tieren, Früchten, die Karikaturen, wie 
Neros Schuhflickergläser und andere Erzeugnisse, in welchen 
sich die neue Technik des geblasenen durchsichtigen Glases die 
Gunst des großen Publikums er- 
oberte. Es kann demnach wohl 
keinem Zweifel unterliegen, daß wir 
die Zeit des Tiberius, etwa die Jahre 
um 20 nach Chr., als diejenigen be- 
zeichnen müssen, in welcher sich 
das geblasene Glas in Rom ein- 
bürgerte und daß die Reliefgläser 
Sidons als die ersten und ältesten 
Erzeugnisse dieser Art in der Ge- 
schichte der Industrie dastehen. Da- 
mit wäre das Datum der Erfin- 
dung des Glasblasens auf einen Zeitraum von 40 Jahren, 
das Ende der römischen Republik und den Anfang der 
Kaiserzeit begrenzt. 

Daß die Glasmacher Sidons sich dessen wohl bewußt waren, 
etwas Außerordentliches geleistet zu haben, geht daraus hervor, 
daß sie gegen die bisherige Gepflogenheit die in Formen ge- 
blasenen Gläser mit ihrem vollen Namen, häufig sogar in beiden 
Sprachen des Reiches, griechisch und lateinisch, an auffälliger Stelle, 
zumeist am Daumenansatze des Henkels, manchmal auch an der 
Seitenwandung bezeichneten. Sie waren offenbar auf diese 
Leistungen, die etwas eigenartiges waren und welche sie denen 
der Toreuten als ebenbürtig an die Seite stellen zu können 
glaubten, sehr stolz und fühlten sich wie diese ganz als Künstler, 
im Gegensatze zu früheren (mit Ausnahme der Diatretarii, der 
Glasschneider) und späteren Glasmachern. Denn wenn auch 
vom IL Jahrhundert ab und schon früher auch andere Glas- 
stempel zahlreich auftreten, so haben diese doch nicht mehr 



Abb. 149. Cantharus mit farbigen 
Nuppen. Köln, Museum. \p 



3oo 



den Charakter einer Künstlersignatur, sondern den einer Fabriks- 
marke zur Kontrolle und zum Schutze des geschäftlichen Eigen- 
tums. Es werden mit ihnen keine künstlerisch hervoragenden 
Leistungen bezeichnet — solche sind vielmehr fast niemals mehr 
gestempelt — sondern gewöhnliche Gebrauchs wäre, fabriksmäßige 
Massenerzeugnisse. 

Aber ein Umstand bleibt dabei noch in Betracht zu ziehen. 
Die sidonischen Reliefgläser sind zwar gewöhnlich aus durchsich- 
tigem Glase geblasen, aber fast immer farbig, während unter ihren 
italischen und wohl auch alexandrinischen Nachbildungen die farb- 
losen überwiegen. Es scheint demnach, daß der weitere, an den 
Gebrauch der Glaspfeife gebundene Fortschritt, die Herstellung des 
völlig farblos-durchsichtigen Glases, im Anschluß an die sidonische 
Entdeckung in anderen Werkstätten gemacht wurde und da kommen 
in erster Linie die alexandrinischen Wettbewerber in Betracht. 
Diese bemächtigten sich ^dsbald der neuen Erfindung und vervoll- 
ständigten sie durch Herstellung eines absolut färb- und flecken- 
losen Materiales. Plinius rühmt gerade die alexandrinischen 
Gläser ob ihrer krystallenen Reinheit und noch Martial bezeichnet 
an der Wende des I. und IL Jahrhunderts die „crystalla" als 
Sendung vom Nil. Die vornehmste und reichste Flandels- und 
Industriestadt der alten Welt, der Vorort der Glasindustrie und 
Erbe der ägyptischen Traditionen, wußte also mit dem Ruhme, 
die besten farbigen Gläser zu liefern, von nun an den der Er- 
zeugung der besten Krystallgläser zu vereinigen. Freilich standen 
im Anfange des IL Jahrhunderts auch die Erzeugnisse Sidons 
noch sehr hoch. Lucian sagt einem jungen Mädchen als Schmei- 
chelei nach, daß seine Haut durchsichtiger sei, als das Glas von 
Sidon. 1 ) Dieser Ausspruch, der sich offenbar auf farbloses Glas 
bezieht und nicht etwa, wie C. Friedrich meint, auf gefärbtes, 
stammt aus der Zeit der Antonine. Der Sänger der Liebe 
mußte schon als Asiate in .Sidon Bescheid wissen, denn er war 
Sachwalter in Antiochia gewesen und kannte auch die ägyptische 
Industrie als Prokurator der Provinz Ägypten. Zu seiner Zeit war 
das farblos-durchsichtige Gkis allgemein bekannt und auch beim 
gewöhnlichen Hausgerät überwiegend. Offenbar war Sidon neben 



Lucian, araores cap. 25, 



30i 



Alexandria noch im II. Jahrhundert tätig - , worauf sich die In- 
dustrie von der Küste mehr nach dem Binnenlande zu, nach Syrien 
und seiner Hauptstadt Antiochia, der Nebenbuhlerin Alexandrias, 
zurückzog". Aber noch aus dem III. Jahrhundert haben wir ein 
Zeugnis des Athenaeus, der mitteilt, daß man in Sidon geschliffene 
Gläser, d. h. Kr y Stallgläser, sowie Becher mit Eindrücken und 
Rippen, hergestellt habe. 1 ) Plinius freilich sagt nicht einmal etwas 
von den Arbeiten des Ennion, Artas und ihrer 
Schule. Er hebt nur die schönen schwarzen, 
dem Obsidian ähnlichen Glasspiegel der Sido- 
nier hervor und betrachtet ihre Glanzzeit als 
eine vorübergegang-ene. „Ouondam his officina 
nobilis", sagt er von der Werkstatt Sidons, 
vielleicht weil er, wie alle Welt, gewohnt war 
die alten Gläser Ägyptens als phönizische Er- 
zeugnisse zu betrachten.' 2 ) Aber wenn auch 
trotz Plinius die Glasindustrie Sidons noch 
lange achtungsgebietend dastand, kann es 
keinem Zweifel unterlieg-en, daß Alexandrien 
die ältere Nebenbuhlerin überflügelte und die 
Erüchte jener Entdeckung sich zu Nutzen zu 
machen verstand, indem es das Glasblasen vor 
allem auf farbloses, tadellos durchsichtiges Abb. 150. Rüsselbecher. 
Material übertrug. Daß uns die Schriftsteller Fränkisch. Wiesbaden, 
der Alten nichts darüber berichten, braucht Museum. ^344 ; 48fc 

nicht Wunder zu nehmen. Das Glas blieb 
ihnen bei der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen immer 
etwas geheimnisvolles, und die Hütten beeilten sich schon in 
Rücksicht auf ihre Wettbewerber nicht ihre Geheimnisse zu 
lüften. Über die technischen Vorgänge bei der Glaserzeugung 
wissen Plinius und die Anderen überhaupt nicht viel. Auch 
sonst hat das Verschweigen einer so epochemachenden Erfin- 
dung, wenn sie vom Orient ausging, nichts auffallendes. 
Man war in Rom daran gewöhnt, aus den Zentren des Luxus 




*) Athenäus, Gastmal der Sophisten, XI., S. 468. 

2 ) „Sidone quondam iis officinis (vitri) nobili, si quidem etiam specula ex- 
cogitaverit." Plinius 36, 26. 






302 



allerlei Verbesserungen und Verschönerungen der Lebensführung, 
eine Mode nach der anderen, hervorgehen zu sehen, die dann 
die Runde um das Mittelmeerbecken machte. Namentlich 
in der Glasindustrie drängten sich die neuen, Aufsehen er- 
regenden Erscheinungen in einer verhältnismäßig kurzen Spanne 
Zeit zusammen, so daß das Ausbleiben einer bestimmt datier- 
baren Nachricht über einen hier gemachten Fortschritt um so 
weniger zu überraschen braucht, als es den Schriftstellern so- 
wohl wie ihren Lesern an dem nötigen Interesse für technische 
Vorgänge gebrach. 

Von den ursprünglich farblos-durchsichtigen, teils krystall- 
klaren, teils leicht getönten Gläsern der Antike haben sehr viele 
gegen die Absicht ihrer Erzeuger doch im Laufe der Zeit eine 
mehr oder weniger lebhafte Färbung angenommen. Einige 
schimmern und strahlen in allen Farben des Regenbogens, andere 
sehen aus wie blankpoliertes Metall, die dritten zeigen ein ge- 
wässertes Muster, meist weiß in weiß oder gelblich, wie die 
Struktur des Alabasters, auch farbig manchmal. Gottfried Semper, 
der geschworene Feind der Farblosigkeit, glaubt, wie oben be- 
merkt, feststellen zu können, daß sowohl die Arbeiten aus natür- 
lichem Krystall, wie deren Nachbildungen in krystallartigem Glase 
vielfach von außen mattiert, oft auch im Inneren mit einem un- 
durchsichtigen, milchglasartigen Überfange versehen worden seien, 
um die plastische Wirksamkeit farbloser Gegenstände zu ver- 
stärken. In den antiken Gläsern, die jetzt ein gewässertes oder 
alabasterartiges Muster zeigen, erblickt er eine eigene Sorte, 
welche er die damaszinierten Bandgläser nennt. Nach seiner 
Darstellung ist ihre Oberfläche künstlich in Wellen mit einem 
gewässerten Muster verziert, das sich durch die ganze Dicke des 
Glases fortsetzt. Die angeblich sehr seltenen .Stücke dieser Art 
— er nennt nur einige Scherben aus Vindonissa im Züricher 
Museum — denkt er sich ganz in der Art des damaszener Stahles 
gearbeitet, indem man feine Glasfäden oder Bänder nach ryth- 
mischer Gesetzlichkeit zu einer Fläche zusammenschweißte und 
so zum Formen oder Blasen eines Gefäßes verwendete. 1 ) In 
Wirklichkeit sind derartige Gläser gar nicht so selten, ihre 



*) Scmpcr a. a. O. II. 178 f. 



303 



Musterung ist aber kein Ergebnis der Kunstfertigkeit, sondern 
eines natürlichen Verwitterungsprozesses, den man Irisierung 
nennt. Durch das Blasen mit der Pfeife gerät die anschwellende 
Glasmasse in eine drehende Bewegung, die einzelnen Teile 
gleicher Konsistenz schließen sich in kreis- oder wellenförmigen 
Zügen aneinander, etwa so wie 
die Streifen einer Seifenblase. 
Im erstarrten und abgekühlten 
Zustand unsichtbar, tritt die durch 
Rotation hervorgerufene Bewe- 
gung der Masse im Laufe der Zeit 
und unter besonderen Umständen 
in Form von Wellenmustern wie- 
der hervor. Die kleinen Verschie- 
denheiten in der Konsistenz der 
Masse äußern sich in verschie- 
denen Graden der Widerstands- 
fähigkeit gegen Verwitterung, in 
einer Trübung und Färbung der 
schwächeren und weicheren Teile, 
welche sich in Ton und Durch- 
sichtigkeit leicht von den stärkeren 
Stellen abheben. Das so ent- 
standene gewässerte Muster geht 
selten durch die ganze Wandung 
hindurch, sondern beschränkt sich 
zumeist auf die äußeren Schichten. 
Die Iris erfreut sich bei 
Sammlern als Kennzeichen hohen 
Alters und damit der Echtheit, 
derselben Wertschätzung wie die Patina der Bronze, obwohl sie 
ein Danaergeschenk der Natur ist und nichts weniger als zur Kon- 
servierung der mit ihr geschmückten Gläser beiträgt. Sie wird 
hervorgerufen durch den Zutritt einer Säure aus dem Erdreiche 
des Grabes, in welchem die Gläser ruhen, wahrscheinlich der 
Kohlensäure. Unter Mitwirkung der Erd- bzw. der Sonnen- 
wärme verbindet sich diese in Gasform mit dem Alkali des Glases, 
zerstört dessen Oberfläche und dringt allmählich immer tiefer 




Abb. 151. Rüsselbecher. Fränkisch. 

Köln, Museum. p 3^.^ , "^ 9 6 



IÄpii$iÄ*? &&$m 



304 

ein. 1 ) Manche antike Gläser haben dadurch heute etwa die Hälfte 
ihrer ursprünglichen Stärke, an manchen Stellen auch mehr, ein- 
gebüßt. An der freien Luft, in den Schränken der Sammlungen, 
wird dieser Prozeß verzögert, aber nicht aufgehalten, da schon die 
Sonnenstrahlen eine Verwitterung hervorrufen, wie man es an 
den modernen Fensterscheiben beobachten kann. Nur gänzlicher 
Abschluß der Luft durch einen farblosen und durchsichtigen 
Überzug könnte eine weitere Zerstörung hindern, doch würde ein 
solcher den Gläsern nicht gerade zur Zierde gereichen, da er alle 
Feinheiten der Form, der Verzierung- und Farbe aufhebt. Am 
leichtesten sind jene Gläser der Verwitterung ausgesetzt, welche 
durch Braunstein künstlich entfärbt und dadurch zugleich weich 
geworden sind, am widerstandsfähigsten die metallhaltigen, in 
erster Linie die durch Eisen- und Kupferoxyde gefärbten, dann 
aber auch gewöhnliche Sorten, eben wegen ihrer Zusätze von 
Eisen. In Ägypten, Italien und überhaupt in Gegenden von 
warmem Klima ist die Verwitterung im Verhältnis zu unserem 
feuchten Klima gering.' 2 ) Alabastra aus Pharaonengräbern, Mille- 
fiori- und Bandgläser haben oft nicht die geringste Spur von 
Iris und sehen, von dem anhaftenden Sand oder Lehm gereinigt, 
spiegelblank aus, als wären sie gestern aus der Hütte gekommen. 
Dasselbe kann man bei Gläsern von tiefer und starker Färbung 
beobachten, besonders bei den türkisblauen, rubinroten, smaragd- 
grünen und lasurblauen. Die von Natur aus farblosen Krystall- 



J ) Nach Razumowski bei Minutoli a. a. O. S. 29. 

2 ) Minutoli a. a. O. Doch liegt die Irisierung nicht an der Feuchtigkeit des 
Bodens, sondern an dem der Luft. Wasser konserviert vielmehr die in ihm liegenden 
Gläser ebenso ohne Iris, wie es Metallgegenstände vor Rost und Fatina schützt. 
Boulanger hat beobachtet, daß das Glas in der Picardie und im Artois nur in Kalk- 
boden und trockenem Sande irisiere, daß es sich aber in Lehm und feuchtem Boden 
nicht verändere. Manchmal zeigte sich Iris nur im Inneren oder nur im Äußeren, 
d. h. einseitig. Die Farben der Iris verändern sich unter dem Einflüsse des Lichtes. 
Boulanger besitzt ein Glas, das aus der Frde mit einer vollkommen schwarzen Iri- 
sierung des Inneren herauskam. Nachdem es zwei Monate lang sehr hellem Lichte 
ausgesetzt war, ging die schwarze Iris in eine perlmutterweiße über. Seitdem scheint 
aber die schwarze Färbung von neuem sich entwickeln zu wollen; sie blättert in 
Teilchen von äußerster Dünnheit ab, während die Zersetzung fortschreitet und die 
Regenbogen-Reflexe immer sichtbar bleiben. Die fränkischen Gläser irisieren weniger 
leicht als die römischen. 



dHHHBUttat 



305 

gläser erscheinen oft durch die Verwitterung wie künstlich mat- 
tiert. Sie sind trotz ihres Bleizusatzes härter als die durch 
Braunstein entfärbten und die Verwitterung, wie früher hervor- 
gehoben wurde, oft durch ungenügende Vorsicht bei der Ab- 
kühlung mit verschuldet. 

Bei den künstlich entfärbten Gläsern zaubert die Iris manch- 
mal die seltsamsten und schönsten Farben- und Linienspiele her- 
vor. Um es soweit zu bringen, bedurfte es der Zerstörung 
mehrerer Schichten der Wandung. 
Die äußerste von diesen ist zu 
einem schmutzig braunen und 
rauhen Überzug aufgelöst, welcher 
schon bei bloßer Berührung in 
Staub zerfällt oder mit Leichtig- 
keit abblättert. Unter ihr kommt 
eine zweite Schicht zum Vorschein, 
kreidigweiß und rauh, welche 
etwas fester sitzt, schließlich eine 
dritte, in blankem Metallglanze 
oder in schimmernden, wechseln- 
den Regenbogenfarben erpran- 
gende. Auch sie fällt bei stärkerer 
Erschütterung ab und legt den 

trüben Rest der Wandung bloß. Unter Umständen kann die 
dritte .Schicht größere Festigkeit bewahren und das Aussehen von 
blank poliertem Silber mit bläulichen, grünlichen, violetten, bräun- 
lichen Bronzetönen annehmen. Im allgemeinen ist die Iris mit 
größter Vorsicht zu behandeln, namentlich wenn sie den dritten 
und letzten Grad erreicht hat. Durch trockene oder gar feuchte 
Reinigung ist sie unwiderbringlich dahin; nur der leichte 
Schimmer, wie er sich namentlich auf eisenhaltigen bläulich- 
grünen und auf Rrystallgläsern zeigt, verschwindet zwar beim 
Anfeuchten des Glases, kehrt ;iber an der Sonne in kurzer Zeit 
wieder. 

Bei farbigen Abbildungen antiker Gläser ist es Sitte, sie 
mit der Tris möglichst treu wiederzugeben, meiner Ansicht nach 
mit wenig Berechtigung. Abgesehen davon, daß sich die metal- 
lischen Reflexe durch Aquarell- und selbst durch Ölfarben mit 

Kisa, Das Glas im Altertume. 20 




Abb. 152. Kugelbecher mit Stacheln. 

Köln, Museum. & "^ ~7 & 






306 



metallischer Unterlage nur ungenau nachahmen lassen, wird 
hierbei das Hauptgewicht auf etwas gelegt, was dem Schöpfer 
des Glases ganz fremd ist, mit der Industrie selbst nichts zu tun 
hat und deshalb oft irreführend wirkt. Sammlern gilt allerdings, 
wie bemerkt, die Iris für ein Merkmal der Echtheit, Museen 
aber brauchten auf diesen Umstand durchaus kein übertriebenes 
Gewicht zu legen. Künstlerisch gewinnen durch die Iris auch 
solche Gläser nicht, die sonst weder in der Form, noch in der 
Farbe, in der Verzierung oder im Material irgend etwas Be- 
sonderes aufzuweisen haben. Aber in den Sammlungen sind 
es gerade simple Stücke ohne jedweden anderen Vorzug, die 
durch farbenprächtige Iris auffallen. So befinden sich z. B. in 
der Sammlung M. vom Rath in Köln zwei ganz gleiche Kugel- 
becher, auf welchen die Verwitterung ein wundervolles Spiel 
von konzentrischen Ringen und Wellenlinien hervorgerufen hat, 
freilich viel zu gleichmäßig, als daß man jede nachträgliche 
Nachhilfe von menschlicher Hand ausschließen könnte (Abb. 44). 
Manche Antiquitätenhändler sind um solche Nachhilfen nicht 
verlegen; ätzende Säuren, das Eingraben in feuchte Erde, 
namentlich in der Nähe von Abfallgruben, zaubern in kurzer 
Zeit die schönsten Farbenspiele hervor. Aber im allgemeinen 
ist die künstlich zum Zwecke der Täuschung hervorgerufene 
Iris bei einiger Übung von der natürlichen leicht zu unter- 
scheiden. Sie sitzt gewöhnlich fest, da sie nicht tief geht, 
blättert nicht ab, die Regenbogenfarben sind matt und der 
Grund aufgerauht. 

Ohne Zweifel hat man im Altertume ebenso wie heute, 
die Iris mit Absicht künstlich hervorzurufen gesucht, indem 
man der Masse Knochenasche zusetzte. Auch die Beigaben 
von Seemuscheln, Schnecken mit Perlmutterglanz, von welchen 
antike Schriftsteller sprechen, hatten den Zweck, metallische 
und opalisierende Reflexe, Schiller und Regenbogenfarben 
zu erzeugen. Die Calices allassontes versicolores des Hadrian, 
deren Farbenspiel wechselte, haben wahrscheinlich, wie die 
heutigen Irisgläser, Zusätze von Goldpurpur und chlorsaurem 
Kali erhalten. Das so legierte Glas duldet jedoch kein starkes 
Feuer, es bleibt weich und zieht die Feuchtigkeit sehr an, so 
daß man sich nicht zu verwundern braucht, wenn von diesen 



IHHÜM IM 



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künstlich irisierten Gläsern keines erhalten blieb und vielleicht 
der ursprüngliche, bald zerstörte Farbenschimmer im Laufe der 
Zeit durch einen unbeabsichtigten, natürlichen ersetzt wurde. 
Außer den Regenbogengläsern kannte man auch schon den 
Schmuck der Oberfläche durch Haarrisse, die Krachgläser 
oder craquelierten Gläser, wie zwei Becher aus dem ehe- 
maligen Iloubenschen Antiquarium zu Xanten zeigen, die später 
von Slade erworben wurden und mit dessen Sammlung in das 
Britische Museum übergingen. 1 ) Die feinen Risse und Sprünge 
des sonst undekorierten, durchsichtigen und farblosen Krystall- 
glases sind durch Besprengen des noch heißen Gefäßes mit 
kalten Wassertropfen ganz in derselben Weise hervorgerufen, 
wie sie noch jetzt in venezianischen und böhmischen Glashütten, 
sowie bei den Chinesen befolgt wird. 



*) ^ gl- Fiedler, Iloubens Antiquarium zu Xanten. Nesbitt, catalogue of the 
collection of Glass formed by Felix Slade. 187 1. Peligot, le verre, 1876. 




a b c d p32&,3>3Z.^Sz. / 4 3 7 / 

Abb. 153. Gruppe von Gläsern. a Ringlläschchcn. -f«? / *f-<f7 

Mainz, Museum, b Ringkanne. Frankfurt, Historisches 
Museum. c Baisamarium. Worms, Paulusmuseum. 
d Becher. Worms, Paulusmuscum. 





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